1901: Es is halt a Kreiz! A Kreiz is‘! O mei! Thomas Buddenbrook arbeitet zu viel

Je mehr Seiten ich hinter mir habe, desto mehr verschiebt sich mein Fokus von Tonys Seelenleben zu ihrem Bruder Thomas. Bei Tony habe ich viel mitgemacht: ihre Liebelei mit einem jungen Mann außerhalb der Gesellschaft, ihre Ehe mit Bendix Grünlich, die scheitert, aber aus der eine Tochter hervorgeht. Ihre Rückkehr ins Elternhaus und der Versuch in ihrer Position als geschiedene Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Würde und ihre gesellschaftliche Stellung zu verteidigen. Schließlich heiratet Sie noch ein zweites Mal in der Hoffnung „alles wieder gut“ zu machen, aber auch der zweite Versuch scheitert kläglich. „Es is halt a Kreiz! A Kreiz is‘! O mei!„, wie ihr zweiter Mann, Herr Permaneder, es nennt (Seite 369). Am Ende scheitert sogar noch die Ehe der Tochter, deren Mann sich nach einem Gefängnisaufenthalt verdünnisiert. Aber Tony Buddenbrook kann einem schon ans Herz wachsen mit ihrer kindischen, liebenswerten Art. Bei Thomas ist das nicht ganz so einfach.

„Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger, regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs Köstlichste amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger Begabung  aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick die Lehrer nachahmte“ (Seite 65)

Er wird dem Bruder schon früh vorgezogen, denn schließlich soll er ja die Firma übernehmen. Dieser Verpflichtung nimmt er sich an und wird eine sehr ernsthafte Erscheinung. Irgendwo steht, seine Figur mache einen militärischen Eindruck und überhaupt wirkt er immer sehr würdevoll, aber ungesund und irgendwie entfernt von seinen Gefühlen. Zum Beispiel als sein Vater gestorben war:

„Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu sinken, hatte sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten Grade peinlich die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein zurückhaltendes Kopfnicken … und gerade dann, wenn Niemand des Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen.“ (Seite 259)

Ich möchte ihm immer zurufen: DU ARMER MANN, hör doch mal auf damit, deinen Schnurrbart mit dem Brenneisen zu zwirbeln, geh mal raus, leg dich auf eine Wiese und lass dir die Sonne auf den Bauch scheinen! Aber sowas macht er natürlich nie. Er ist so apicht darauf, die Firma Buddenbrook zu historischen Erfolgen zu führen. Obwohl alles sogar ziemlich gut läuft und er das Kapital auf dem Papier durchaus vermehrt hat, fühlt er sich doch immer im Rückstand. Dann kann er seinen Bruder nicht mehr ertragen. Christian hat sich nie wirklich ins Business eingefügt, ist ein Lebemann. Er hat zwar auch seine Wehwehchen, aber er hat auch keine Verantwortung zu tragen. Für Thomas ist das natürlich schwer auszuhalten. Er selber reißt sich jeden Tag zusammen und geht bis ans Ende seiner Kräfte, damit die Gesellschaft und seine Geschäftspartner nicht merken, wie sehr ihn alles schlaucht, und Christian bringt eigentlich nichts zu Stande und sieht auch nicht ein, sich zu verstellen und ist trotzdem akzeptiert und angesehen. Zu allem Überfluss macht er sich auch noch über den Kaufmannsstand lustig und das entzweit Thomas nun völlig von seinem Bruder. Immer aufwändiger werden Thomas Körperpflege und seine Kleidung. Er verbrauch Unmengen an Energie, um die würdevolle Fassade aufrechtzuerhalten. Um auch mal Dampf abzulassen, raucht er Unmengen russischer Zigaretten. In Gegenwart anderer Menschen verändert sich sein Gesicht zu einer Maske.

„Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen, daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.“ (Seite 558)

Er fühlt sich „unaussprechlich müde und verdrossen“ (Seite 610) und er sieht in seinem Leben keine Beschäftigung mehr, die ihn reizen könnte, nichts, was ihm Spaß macht. Die Bagatellen des Alltags verbrauchen ihn bis zum Anschlag. Wenn es heute um Burnout geht, ist häufig die schnelllebige Gesellschaft Schuld, das Internet und die viele Arbeit auf dem Schreibtisch. Die Gesellschaft im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch schnell. Thomas Buddenbrook bekam nicht rund um die Uhr E-Mails, aber er macht eigentlich nie Pause, er hat keinen Ausgleich zur Verantwortung und noch dazu kommt es ihm nie in des Sinn, dass er möglicherweise ein anderes Leben hätte wählen können.  Die Geschichte führt für ihn geradewegs zum Ende. Der arme Mann!

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