1902: Der Anfang der Taube

James - Cover - 1902

Henry James gehört bei uns nicht zu den meistgelesenen Autoren und ich ahne, warum. Aber fangen wir beim Anfang an: Henry James war ein amerikanischer Schriftsteller aus intellektuellem Umfeld. Irgendwann ging er nach Europa, schrieb hauptsächlich über  Amerikaner in Europa. Im Zuge des ersten Weltkriegs nahm er die britische Staatsbürgerschaft an, auch aus Protest gegen die Politik seines Heimatlandes. Bücher, von denen ich vorher schonmal gehört habe sind The Portrait of a Lady und The Turn of the Screw. Nun also Die Flügel der Taube.

Ich quäle mich, habe aber mangels Alternativen beschlossen durchzuhalten. Für 1902 wären auch in Frage gekommen: Der Hund der Baskervilles von Arthur Conan Doyle, aber den habe ich in der Uni schon gelesen (den würde ich auch uneingeschränkt weiterempfehlen) und Typhoon von Joseph Conrad. Von Conrad habe ich aber noch den Geheimagenten auf meiner Wunschliste. Bleiben also noch die Flügel. Es geht mir ja schließlich auch darum mal unter den Staub des Jahrhunderts zu schauen. Das das Jahrhundert aber gleich zu Beginn schon so lang werden würde, hätte ich nicht erwartet. Ich bin entmutigt. Das Erzähltempo ist ungemein langsam. Ich hatte ja schon bei Thomas Mann den Eindruck, er würde viele Worte machen, aber im Vergleich zu Henry James waren die Buddenbrooks noch gar nichts. Das Buch ist extrem sperrig. Es geht schon mit dem ersten Satz los (ich lese im Moment noch in der Kiepenheuer & Witsch-Ausgabe von 1981):

Sie, Kate Croy, wartete, daß ihr Vater hereinkäme, aber er ließ sie, vielleicht mit Absicht, unbillig lange warten, und es gab Augenblicke, in denen sich ihr im Spiegel über dem Kamin ein Gesicht zeigte, das wirklich bleich war von jener Erregung, die sie schon zu dem Entschluß gebracht hatte, zu gehen, ohne ihn gesehen zu haben. (Seite 7)

Ich habe jetzt fast hundert Seiten gelesen. Wenn es nicht darum ginge, auch mal was zu lesen, was ich sonst nicht lesen würde, hätte ich das Buch vor spätestens 50 Seiten abgebrochen. Vielleicht könnte ich eine andere Übersetzung probieren. Im Moment lese ich die von Herta Haas von 1962. Es gibt noch eine eine Ost-Übersetzung von Ana Maria Brock. Ist käuflich fast nicht zu kriegen, aber es findet sich ein Exemplar in der hiesigen Universitätsbibliothek. Ich werde es mir morgen holen gehen. Denn so kann ich nicht weiterlesen. Hier noch eine Kostprobe:

Es gab sehr viele Frauen, die alles mögliche waren, das sie nicht war, die aber andererseits das nicht waren und die nicht wußten, daß sie es war (das hatte sie gern – es vergrößerte den Abstand zu ihnen noch mehr), und die auch nicht wußten, wie sehr es sie befähigte, sie zu beurteilen. (Seite 93)

Maahaann. Es ist wirklich mühselig, dem Plot überhaupt zu folgen, denn es werden ständig so unglaublich viele Worte gemacht. Ich weiß, dass dass für Henry James typisch ist und dass gerade diese indirekte Erzählweise richtungsweisend für seine Zeit war, aber manchmal verstehe ich seitenweise nicht, wer gerade was sagt und über wen. Vielleicht ist das auf Englisch irgendwie charmant, aber so geht es jedenfalls gar nicht. Eine andere Ausgabe muss her, dringend!

 

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