1902: 4 Gründe, warum es sich doch lohnt „Die Flügel der Taube“ zu lesen

English: Photograph of Henry James.

In den letzten Wochen habe ich mich gequält und unendlich bei der Lektüre von „Die Flügel der Taube von Henry James gelangweilt. Da Aufgeben keine Option war, konnte ich ebenso gut versuchen, dem Buch etwas Positives abzugewinnen und zu erforschen welche Gründe man haben könnte, um das Buch zu lesen.

Grund 1: Henry James gelingt es ausgezeichnet, das, was wir Anglisten wohl Britishness nennen würden, einzufangen. Als Amerikaner lebte er selbst lange Jahre in England und genoss gewissermaßen immer eine Fremdperspektive auf seine Wahlheimat. Er beschreibt Dinge, die einem Engländer wahrscheinlich völlig abgegangen wären. Ein Beispiel findet sich in Merton Denshers ersten Eindrücken von Maud Lowders Haus:

Sie stellten eine Ordnung für sich dar und strotzten vor wertvollen Materialien – kostbaren Hölzern, Metallen, Stoffen, Steinen. Nie hatte er sich etwas so Befranstes und Gekerbtes, mit Knöpfen und Schnüren Besetztes, überall so straff Angezogenes und überall so dick Gerolltes träumen lassen. Nie hatte er sich so viel Vergoldung und Glas, so viel Atlas und Plüsch, so viel Rosenholz und Marmor und Malachit träumen lassen. (Seite 60, Aufbau-Ausgabe)

Grund 2: Im Kern birgt der Roman doch das, was ein Mädchen sich von einem Roman wünscht: eine Liebesgeschichte. Kate wird angebetet von Densher. Er sagt Sätze wie:

Alle Frauen außer dir sind beschränkt. Wie kann ich da eine andere ansehen? Du bist immer wieder anders – und dann bist du noch einmal anders.

und

„Die Frauen, die man so kennenlernt – was sind sie anderes als Bücher, die man schon gelesen hat? Du stellst eine ganze Bibliothek unbekannter, unaufgeschnittener Bücher dar.“ (Seite 262)

Wegen solcher Sätze lohnt sich die Lektüre allemal.

Grund 3: Die Liebesgeschichte ist tragisch, denn sie beiden können sich nicht wirklich kriegen. Der arme Densher ist Kate verfallen und kämpft sich ab im Umgang mit Mrs. Lowders. Die hat ihn zwar im Grunde ganz gern, aber für alle Beteiligten ist offensichtlich, dass er nicht gut genug für die feine Gesellschaft ist, dass Kate eine bessere Partie machen könnte.

Es lag im Wesen seiner Position, daß in einem Hause wie diesem der Spieß jederzeit gegen ihn gekehrt werden konnte. „Was hast du zu bieten?“ – so summte das Haus ihm, wie auch immer  von Behaglichkeit und Anstand gedämpft, mit solch lastender Ironie unaufhörlich zu. (Seite 240)

Grund 4: Nun kommt in „Die Flügel der Taube“ tatsächlich eine Geschichte ins Rollen, die mein Leseinteresse enorm steigert. Die Figur Kate ist für mich nach wie vor schwer zu fassen. Ist sie ernsthaft Millies Freundin oder ist sie durchtrieben und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, an dem, wie wir wissen, ja auch das Wohl ihres Vaters und ihrer Schwester hängt. Sie heckt einen Plan aus. Densher soll sich an die reiche Erbin Millie ranmachen und sich ihre Kohle unter den Nagel reißen. Wie Kate dann von der Situation profitieren soll, wird nicht gesagt (war ja klar). Densher macht bei der Sache mit, ohne allzu viele Fragen zu stellen und fühlt sich schon von Beginn an zu Millie hingezogen. Damit ist eine Situation geboren, die richtigen Seifenoperncharakter hat. Densher ertappt sich dabei, wie er Millie mehr hofiert, als er ursprünglich beabsichtigt hatte und ist sich auf einmal unsicher, ob Kate das wirklich so gewollt haben kann. Er kann schlecht die Reißleine ziehen, weil er ja eine echte Beziehung zu Millie aufgebaut hat und, weil er sich dann Kates Anweisungen widersetzen würde, die Millie die Intrige offenbaren könnte. Er sitzt also in der Klemme.

Auf jeder Seite ist nun alles möglich. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Wird er sich in Millie verlieben und wird Kate das mit ansehen können? Wird sie vielleicht eine weitere Intrige spinnen? Bleibt Densher insgeheim bei Kate und wird Millie den Schwindel aufdecken können? Ich bleibe gespannt auf den letzten 230 Seiten.

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2 Kommentare zu „1902: 4 Gründe, warum es sich doch lohnt „Die Flügel der Taube“ zu lesen

  1. Hast Du ziemlich gut geschrieben, deinen Artikel, der sogar zum Lesen anregt.
    Ich selber steh nicht so auf Engländer, alles arrogante Schnösel. 😉

    Liebe Grüße
    Gregor

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