1904 – „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Camenzindder uns beschützt und uns hilft zu leben.“ (Hermann Hesse „Stufen“)

Ob ich mich doch noch zu Hesse bekehren lasse, darüber war ich mir lange im Unklaren. Immerhin war Siddhartha doch ganz inspirierend gewesen, aber mit Kurzgeschichten von Hesse habe ich mich extrem gelangweilt. Mein Vater sagt, ich sei für Hesse noch zu jung. Immerhin war er ja auch viel älter als er seine großen Roman geschrieben hat (50 bei Der Steppenwolf, 66 bei Das Glasperlenspiel). Also habe ich mir nun seinen Romanerstling Peter Camenzind gegriffen. Bei seinem Erscheinen 1904 war Hesse 27, also ein bisschen jünger als ich jetzt. Das müsste doch passen. Und in der Tat!

Bauernsohn Peter Camenzind aus dem Schweizer Bergdorf Nimikon bekommt die Möglichkeit auf eine höhere Schule zu gehen und in der Großstadt zu studieren. Er nimmt die Gelegenheit wahr. Schließlich hatte er schon als junger Bursche die sein Heimatdorf abschirmenden Berger erklommen und dabei entdeckt, wie unglaublich groß die Welt ist. Er mag die Stadt, aber er wird nie zu den Stadtmenschen gehören, das spürt er von Anfang an ganz klar. Er schließt in jungen Jahren Freundschaft mit Richard, der ihn mit der Gesellschaft in seiner Studienstadt Zürich bekannt macht, durch seine Studien fasst er ein leidenschaftliches Interesse für Franz von Assisi, er wird Schriftsteller und verliebt sich drei Mal. Unglücklich. Er hadert:

Und warum hatte er unbegreifliche Gott mir das brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte? (Seite 140)

Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Natur. Er macht weite Fußreisen, wird Weinsäufer wie sein Vater. Sein Anderssein und seine Nichtzugehörigkeit bleiben mit den Jahren und wird auch Triebfeder seines Schreibens:

Ich wollt erreichen, dass ihr euch schämet, von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges Treiben entfaltet, und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt, und von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt.“ (Seite 156)

Schließlich kehrt Peter Camenzind nach vielen Jahren wieder entgültig nach Nimikon zurück als es seinem Vater nicht gut geht.

Da draußen hatte ich die Heimat vergessen und war nahe dran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige Pflanze vorzukommen, nun sehe ich wieder , daß es nur der Nimikoner Geist war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen konnte. Hier fällt es nimand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor.“ (Seite 210)

Camenzind findet am Ende zu sich und zu seinem Platz in der Welt und erzählt im Rückblick seine Geschichte. Was für ein kluges Buch, was für eine Aura! Hesse schreibt einfach und öffnet so gleich zu Beginn die Dorfwelt, den Berg- und den Seeblick für den Leser. Als der Held am Ende nach Hause zurückkehrt, kann man die Befreiung förmlich spüren: die Befreiung von der Welt und das glückliche Bewusstsein, genau am richtigen Platz zu sein und genau das zu tun, was einem vom Leben bestimmt ist.

Gelesen habe ich einer herrlichen Ausgabe aus der Buchreihe „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“ herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich gelesen habe. Es fühlt sich gut ungemein gut an, lässt sich bequem aufschlagen und das Papier ist angenehm glatt. Richtig erholsam!

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2 Kommentare zu „1904 – „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

  1. Ich konnte auch nie alles von Hesse lesen, obwohl er wunderbar schreibt. Richtig gefesselt hat mich aber das Glasperlenspiel und Klingsors letzter Sommer. Peter Camenzind habe ich leider noch nicht gelesen. Eine schöne Rezension. Vielen Dank!LG Xeniana

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