1905 – Alles Unrat!

UnratNachdem ich Hesse  1904 ausgelesen hatte, war ich ganz eingestellt auf Freiheit, Wildnis und die große Weite. Es stellte sich nur kurzfristig heraus, dass Jack Londons Wolfsblut erst 1906 erschienen ist. Also musste ich kurzfristig umdisponieren. Zwangsläufig folgte ein gelangweiltes Durchstöbern der Schwarten in meinem Regal. Und tatsächlich fand ich eine Oberschwarte, von der ich eigentlich geglaubt hatte, dass ich sie nicht lesen würde. Aufgehoben hatte ich sie aus Erinnerungsgründen und wegen des schönen Einbands.

Nun also doch erst noch Professor Unrat von Heinrich Mann. Ich weiß noch, dass ich im Studium einen unwahrscheinlich charismatischen Kommilitonen hatte, der Zwischen den Rassen las und davon schwärmte. Da versuchte ich mich auch daran, aber schnell stellte sich heraus, dass ich das Buch nicht ansatzweise so interessant fand wie seinen Leser.  Den zweiten Versuch startete ich noch etwas später mit Der Untertan. Auch wieder daneben. Die Lektüre entpuppte sich als anstrengend und knorrig. Es gab mindestens Tausend Gründe das Buch nicht zu Ende zu lesen.

Ich schlage also den Buchdeckel auf und fange an zu lesen. Da ist nun dieser Gymnasiallehrer Raat, der seine Schüler als Widersacher betrachtet und seine Tage damit verbringt, sie zu „fassen“. Er wird seines Namens wegen seit Jahrzehnten als Professor Unrat gehänselt und gemobbt.  Der Gag ist ja auch total naheliegend und er ist ein gefundenes Fressen. Heutzutage wäre für Ihn eine Namensänderung aufgrund unzumutbarer Härte denkbar.  Unrat ist gefangen in seiner Welt, schließlich hat er sein ganzes Leben in Schulen zugebracht und ist nicht wirklich in der Lage, das Verhalten seiner Schüler mit einer erwachsenen Distanz zu beurteilen. Was für ein unglücklicher Mann das ist. Und dermaßen unsympathisch. Das ist auf jeden Fall etwas, das er mit Diederich Heßling aus Der Untertan gemein hat.

Professor Unrat ist geradezu besessen davon, seine Schüler „dranzukriegen“. Da kommt es ihm gelegen, dass er in dem Aufsatzheft des Schülers Lohmann eine schlüpferige Huldigung an die Barfußtänzerin Rosa Fröhlich entdeckt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, um seinen Schüler zu „fassen“, dabei tut sich bei ihm so einiges.

Die Rosa gefällt ihm. Natürlich will er das nicht wahrhaben, schließlich lebt er in einer Gesellschaft Selbstbeherrschung und Anstand alles gelten und Sexualität und Körperlichkeit tabuisiert sind. Der arme Mann. Da sitzt er nun bei der Künstlerin in der Garderobe und ist völlig handlungsunfähig:

Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst, so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand.  (Seite 61)

Für ihn ist es natürlich auch schwer wegzustecken, dass das Fräulein auch von seinen Schülern umgarnt wird. In der Schule entspannt sich zunächst so etwas wie ein Wettlauf, wer wen zuerst verpfeift. Die Schüler zittern mäßig vor dem Anpfiff, den sie bekommen, wenn der Lehrer sie beim Direx anschwärzt. Unrat befürchtet, die Revolution könnte ausbrechen und man könnte ihn wiederum verpfeifen. Schließlich gibt es ja auch Zeugen für seine Anwesenheit in der Spelunke mit zwielichtigem Ambiente.

Nach nunmehr 100 Seiten ist das Buch richtig lesbar. Es ist spannend, denn der Skandal ist vorprogrammiert. Es wäre aber schön zu sehen, dass der Professor in der Gegenwart der Künstlerin etwas von seiner Steifheit verliert und das Leben etwas mehr genießen kann. 

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3 Kommentare zu „1905 – Alles Unrat!

  1. Das Buch hat seit dem Erscheinen des Films „Der Blaue Engel“ einen schweren Stand und wird vielen durch die Schullektüre verleidet.
    Für sich betrachtet und freiwillig gelesen vermochte es mich, vor einiger Zeit spontan an einem Wochenende gelesen, zu überzeugen.
    Es nimmt Fahrt auf und erzählt – traun fürwahr! – eine aberwitzige Geschichte. Es ist mehr als ein Sittenbild aus der Kaiserzeit, geschildert werden eben auch zeitlose menschliche Probleme wie Einsamkeit.
    Ich würde das Buch jetzt auch nicht jedes Jahr wiederlesen wollen, aber alle zehn Jahre vielleicht.

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