1906: Wolf im Wolfspelz

Ich hatte große Erwartungen an das Buch. Ein Buch, in dem es nur um das Leben eines Wolfes geht, muss einfach großartig sein. Ich fragte mich aber auch, ob so ein Buch überhaupt spannend sein kann, wenn doch nichts drin vorkommt, außer ein Wolf. Was könnte nur so spannend sein, dass ein Mann damit 234 Seiten vollzuschreiben hat.

Der Mann war Jack London und hatte, als er den Roman schrieb, schon dermaßen viel erlebt! Die Lektüre seiner Biografie war selbst schon enorm fesselnd. Gelesen habe ich das Buch von Martin Sulzer-Reichel, die zwar nicht sehr umfangreich ist, dafür aber umso besser erzählt.

Als Jack London 1876 in San Francisco geboren wird ist die Stadt voller Pioniere und Goldgräber. Es ist der große amerikanische Motor, der sie antreibt. Sie möchten alle ihren Teil vom Glück. Jack London soll jedoch lange nichts davon bekommen. Seine Eltern sind beide etwas heruntergekommen und chronisch pleite. Schon als Zehnjähriger arbeitet er als Zeitungsjunge von morgens 4 bis Schulbeginn, um die Familienkasse aufzubessern und am Wochenende dann fürs Taschengeld. Als Dreizehnjähriger wird er dann zum alleinigen Familienernährer und muss unter unmenschlichen Bedingungen in einer Fabrik schuften. Er fühlt sich ausgebeutet, nicht zuletzt von der eigenen Familie und haut ab. Mit 15 wird er Austernpirat in der San Francisco Bay, mit 16 Patrouillenführer der Fischereipolizei, mit 17 Seemann und Robbenfänger. Anschließend fällt er in die Arbeitslosigkeit und setzt seine Säuferkarriere fort. Er sucht sein Glück on the road und fährt als Landstreicher durch die Vereinigten Staaten. Ein Studium in Berkeley muss er nach einem Jahr abbrechen, weil ihm wieder das Geld ausgeht und auch die Familie braucht nach wie vor was zu essen. Als 1897 in Alaska Gold gefunden wird, springt Jack London auf den ersten Dampfer und versucht sein Glück. Nach seiner Rückkehr ist er zwar um keinen Cent reicher, aber er hat im Kopf den Stoff für sein Lebenswerk. Jahrelang kämpft er darum, veröffentlich zu werden, während er weiter am Hungertuch nagt. Als er es schließlich schafft, verdient er mehr als jeder andere amerikanische Autor vor ihm.

Foto am 21.09.13 um 17.30Die Geschichte beginnt in der Wildnis:

Die unerbittliche, unerforschte Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens.“ (Seite 5, gelesen in einer deutschsprachigen Ausgabe des Kriterien Verlag Bukarest 1970)

In  diesem lebensfeindlichen Land begegnen zwei Weiße, die einen Leichnam von A nach B transportieren, erstmals einer Wölfin, die sich bei der Fütterung unter ihre Schlittenhunde mischt. Das ist Kische, ein Hunde-Wolfs-Mischling. Sie war in einer Hungersnot von den Indianern, die sie gezähmt hatten, in den Wald gelaufen. Sie paart sich mit einem Wolf und das Ergebnis ist Wolfsblut.

Wir begleiten ihn von Kleinauf und sehen die Welt durch seine Augen, erfahren, was ihn antreibt.

Vor ihm auf der Erde saßen fünf lebende Wesen, wie es ähnliche nie im Leben gesehen hatte. Es waren die ersten Menschen, die es erblickte. Die fünf sprachen jedoch bei seiner Annäherung nicht auf, auch wiesen sie nicht knurrend die Zähne; unbeweglich, schweigend, unheimlich saßen sie da.“ (Seite 85)

Von diesen Indianern, unter ihm sein neuer Herr Grauer Biber, bekommt er den Namen Wolfsblut. Er bleibt bei den Menschen und lernt Pflicht und Gehorsam und später auch Zuneigung kennen.  Er zieht mit dem Stamm umher und als sein Herr nach Fort Yukon fährt, um dort für ein Vermögen Handschuhe an die weißen Goldgräber zu verkaufen, wird Wolfsblut gegen ein paar Flachen Branntwein an einen ganz fiesen Kerl verschachert. Der schöne Schmitt missbraucht das kräftige, ungezähmte Tier als Kampfhund und Geldmaschine. Wolfsblut scheint unbesiegbar, wird immer wilder und unnahbarer. Schließlich verliert er beinah seinen Wolfsverstand vor lauter Hass. Während seines letzten Kampfes wird er von Weedon Scott aus dieser schrecklichen Lage befreit. Mr. Scott streichelt Wolfblut und so lernt das Tier echte Hingabe und schließlich Liebe kennen.

Dies war für Wolfsblut wirklich ein Gott, liebevoll, warm und strahlend, und im Lichte seiner Liebe entfaltete sich Wolfsbluts Wesen wie die Blume im Strahl der Sonne.“ (Seite 197)

Sein neuer Herr nimmt ihn mit nach Kalifornien, wo er glücklich seinen Lebensabend verbringt.

Die Lebensgeschichte des Wolfs erweckt über lange Strecken die Illusion, eine Dokumentation über Wölfe in Alaska zu sein. Eine Dokumentation aus einer Zeit vor Fernsehen und Internet – und es ist eine Kunst, dass sie so spannend ist. Jack London muss neben seinen persönlichen Erfahrungen im Nordland unglaublich viel über Wölfe und ihr Verhalten gelesen haben.  Aber das Buch ist noch viel mehr: ein genau beobachtetes Gesellschaftsportrait nämlich. Die Metaphorik der Wildnis und der Beziehungen des Wolfes ist wahnsinnig kraftvoll. Es geht um die Starken und Schwachen, um das Gesetz der Vererbung und das der Prägung durch die Umwelt. Es geht um Ausbeutung, Unterwerfung und Liebe. Ich muss immer wieder an Jack Londons Biografie denken. Schließlich hat er wie ein Tier unter den ausbeuterischen Bedingungen in den Fabriken und Armenvierteln gelitten und sich als Starker unter den Schwachen hervorgetan und aufgerappelt.

Wenn ich mal wieder Zeit habe, lese ich mindestens noch: Der Ruf der Wildnis (Roman) und König Alkohol (Memoiren)

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4 Kommentare zu „1906: Wolf im Wolfspelz

  1. „Wolfsblut“ las ich als Jugendliche. Auch wenn ich es zu der Zeit sicher nicht in seiner ganzen Tiefe erfasst habe, so ist die stärkste Erinnerung daran, wie sehr einem die Hauptfigur eines Romans ans Herz wachsen kann. Egal ob Mensch oder Tier. Als Lebewesen mit einem Schicksal, das einen berührt.

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