1907: Annäherungen an Joseph K.

Auf dem Rückweg von Wolfsblut in San Francisco habe ich mich glatt verloren. Verloren in der weiten Welt der Bücher, die ich lesen könnte/ müsste und der Platten, die mir schon lange fehlen. Das Projekt hängt. So groß das 20. Jahrhundert auch sein mag, es scheint nicht groß genug zu sein für alle Träume, Projektionen, für alles, was ich wissen will.

Als ich noch studiert habe, hatte ich einen Professor in englischer Literatur. Der hatte den richtige Drive. Er gab überblickartige Vorlesungen, in denen ich selten etwas aufgeschrieben habe, aber an die ich mich immer wieder in erinnere, wenn ich überlege, was Bücher mit anderen Büchern zu tun haben oder wie Literatur mit dem echten Leben zusammenhängt. Elmar Schenkel ist eine Ausnahmeerscheinung. Und wenn ich mir nur ein bisschen was von seinem Blick auf das Lesen mitnehmen kann, dann habe ich was fürs Leben gelernt, mehr als in jedem Theorie-Seminar.

Fahrt_ins_geheimnisAlso bin ich in den letzten Wochen mit Schenkel gereist, mit ihm uns Joseph Conrad über die Weltmeere, nach Polen und in das Herz der Finsternis. Mit Fahrt ins Geheimnis: Joseph Conrad. Eine Biografie  hat Schenkel ein Buch geschrieben, das sich grundsätzlich von anderen Biografien und literaturwissenschaftlichen Abhandlungen unterscheidet. Es geht dem Anglisten nicht um eine chronologische Zusammenfassung eines Lebens von Anfang bis Ende, sondern darum Conrad durch „Annährerungen und Umkreisungen“ (Seite 7) sichtbar zu machen.

Natürlich erfahren wir von der traumatischen Kindheit des Waisenkindes Jósef Theodor Konrad Korzeniowski und von dessen späterer Seefahrerkarriere. Wir lesen von Conrads Krankheiten, von seinen Büchern und Geschichten. Aber das ist nicht das Zentrum des Buches.  Es handelt sich nie um Wiedergabe von Fakten und Daten, sondern um Stimmungen, um Eindrücke, wie, wenn es um Conrads Schriftsprache geht:

Wir müssen uns vorstellen: Ein Mann, der seit mehr als zehn Jahren zur See fährt, beginnt im Alter von 32 Jahren einen Roman in einer Sprache zu schreiben, die nicht seine Muttersprache, auch nicht seine zweite, sondern seine dritte Sprache ist, und er tut das auf den verschiedensten Schiffen, Meeren und Kontinenten, in Seemannsheimen und Pensionen, auf Inseln und in Städten. (Seite 60)

Am Spannendsten finde ich Schenkels Art der Erzählung. Seine Stimme mischt sich atmosphärisch mit der von Jessie Conrad, Joseph Conrad selbst oder auch der, einer seiner Figuren. Selten habe ich mich einem Autor dermaßen spannend uns unkonventionell genähert. Jetzt finde ich es schon fast schade, dass ich nur Der Geheimagent lesen werde und nicht alles andere auch noch gleich mit.

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