1910: Eine dumpfe Öde im Herzen

Bunin1910Nach den diffusen Ergüssen des pubertären Jakob, habe ich mir vom Jahr 1910 etwas mehr erhofft. Ich wollte eine Geschichte lesen, der ich mit Spannung folgen kann oder wenigstens einen Charakter entdecken, der mich fühlen lässt.

Den Urgroßvater der Krasows, der von dem Gesinde den Spitznamen Zigeuner erhalten hatte, hatte der Gutsherr von Durnowo mit Windhunden zu Tode hetzen lassen. (Seite 5 in der sehr schönen Ausgabe bei Serie Piper von 1988)

Mit Das Dorf öffnet sich für mich, fast wie bei Tolstoi, das weite Russland. Iwan Bunins kurzer Roman dreht sich um die zwei Brüder Tichon und Kusma Iljitsch, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen. Beide sind recht unterschiedlich geraten. Tichon versteht die Wirtschaft und mausert sich zum Gutsbesitzer und bleibt kinderlos, was ihn arg beschäftigt. Er hat Angst, dass der liebe Gott ihn dafür straft, dass er im Drang der Geschäfte nicht dazu kommt, in die Kirche zu gehen. Mehr und mehr empfindet er sein Leben als Mater. Er befürchtet außerdem, dass sich die Bauern gegen ihn erheben, denn sie werden schon laut.

Als der Abend dämmerte, saß Tichon Iljitsch, zitternd vor Zorn, Kränkung und Angst, auf seinem Wagen im Felde. Sein Herz pochte, die Hände bebten, das Gesicht brannte, das Gehör war scharf wie das eines Tieres. (Seite 27)

Man munkelt, die Bauern sollen jetzt einen Rubel täglich bekommen und Tichon geht der Arsch auf Grundeis. Das Gesinde verliert die Angst und den Respekt vor seinem Gutsherren. Tichon will sich nun beweisen, dass er es noch drauf hat und versucht mit einer jungen Frau, die auf seinem Gut arbeitet noch einmal Vater zu werden, was misslingt. Er kann ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen und wirft sie und ihren Mann vom Hof. Da Tichon aber einen Verwalter braucht, stellt er seinen Bruder Kusma ein.

Kusma ist finanziell nicht so erfolgreich geworden wie sein Bruder. Er widmete sich früh schon den Büchern und der Schriftstellerei und gibt seinen Spargroschen für die Veröffentlichung seiner Gedichte. Er treibt erfolglos durchs Leben, probiert sich als Händler, wird Tolstoianer, möchte einen Obstgarten pachten und am Ende würde er jede Arbeit annehmen „, wenn er nur ein Stück Brot hätte“ (Seite 105). Da kommt ihm sein Bruder natürlich wie gerufen. Kusma ist ein genauer Beobachter des Lebens um ihn herum:

In den Eisenbahnwagen redete man früher über Regen und Dürre und daß „Gott die Getreidepreise bestimmt“. Jetzt raschelten in vielen Händen Zeitungsblätter, man sprac von der Duma, von Freiheiten, Enteignen.“ (Seite 87)

Die Bauern im ganzen Landbezirk stehen schlecht da, überall herrscht mehr oder minder Not. Ohne Schnörkel beschreibt Bunin das Leben auf dem russischen Dorf. Er schreibt von herrschsüchtigen Gutsbesitzern, von Bauern, die sich um ihre Besinnung saufen und für Geld auch schon mal ihre Frau verkaufen. Überhaupt ist das Leben im Land der Brüder Iljitsch roh. Kusma sagt:

Jetzt überleg dir mal – gibt es ein grausameres Volk als unseres? In der Stadt läuft der ganze Markt hinter einem Jungen her, der von einem Stand einen halbfaulen Apfel geklaut hat, und haben sie ihn gefangen, dann stopfen sie ihm Seife ins Maul. Zu einem Brand, zu einer Keilerei rennt die ganze Stadt und wie traurig sind sie alle, wenn der Brand oder die Keilerei schnell zu Ende sind. (Seite 38)

Bunin zeigt ein schwer fassbares Russland. Ein Land vor den großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, noch  unberührt von den Kommunisten und beiden Weltkriegen. Es ist kein idealisiertes Bild, kein geschöntes. Es ist der russische Winter ohne Funktionskleidung, in Schafspelzen und Bastschuhen. Der Literaturwissenschaftler Dimitrij Mirskij bezeichnet das Dorf als „eines der düstersten, niederdrückendsten und traurigsten Bücher in der russischen Literatur“. Ich fühle mich auf jeden Fall bedrückt. Mindestens am Ende, als die junge Frau, die Tichon Iljitsch ins Unglück gestürzt hat, gegen ihren Willen eine Ehe eingehen muss, die sie vielleicht oberflächlich gesehen, wieder zu einer ehrbaren Frau macht, von der aber abzusehen ist, dass ihr Elend nicht im mindesten gelindert wird. Auch Kuzma hatte am Ende „nur noch das Gefühl einer dumpfen Öde im Herzen“ (Seite 150).

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2 Kommentare zu „1910: Eine dumpfe Öde im Herzen

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