1913: Liebe, Lust und Frust in Nottinghamshire

Als ich vor ungefähr zehn Jahren Lady Chatterley’s Lover gelesen habe, wollte ich vor allem wissen, wieso das Buch so lange auf dem Index stand. Ich habe es auch rausgefunden. Was aber meine Erinnerung an das Buch bis heute überschattet, sind die seitenlangen Ergüsse über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute in den East Midlands. Das hatte ich gerade in diesem Buch nicht erwartet. Was ich damals nicht wusste, war, dass D.H. Lawrence selbst Sohn eines Bergarbeiters war. Ich hielt es auch nicht für sonderlich relevant für den bahnbrechenden Roman, den er da geschrieben hatte. Söhne und Liebhaber faulte jedenfalls seitdem in meinem Regal vor sich hin, denn einen zweiten Lawrence konnte ich auf keinen Fall so schnell wieder lesen.

DSCF4137

Jetzt aber schon: Es gibt doch diese Mütter, die so sehr an ihren Söhnen hängen, die ihre Söhne auch dann noch verhätscheln, wenn sie schon längst aus dem Haus sind. Die Mütter , die kein gutes Haar an ihren Schwiegertöchtern lassen können, die keine andere Frau an der Seite ihres Sohnes dulden können als sie selbst. Und genau so eine ist Gertrude Morel. Nach der Lektüre des Klappentextes denkt man noch „Wie kann sie nur? Kann sie sich nicht normal verhalten und ihren Sohn gehen lassen?“ und man schüttelt den Kopf über die Konstellation. Aber bevor man nun weiter mit dem Finger auf sie zeigen kann, macht Lawrence verständlich, wie alles so kommen konnte. Frau Morel stammt aus einer alten Bürgerfamilie aus Nottingham, die einiges Geld verloren hat. Deswegen heiratet sie unter ihrem Stand einen einfachen Bergmann.

Das aber war der ganze Jammer. Sie war so ganz anders als er. Sie konnte mit dem bißchen, daß er sein konnte, nicht zufrieden sein, sie wollte ihn so groß, wie er hätte sein müssen. Und im Bemühen, ihn edler zu machen, als er von sich aus sein konnte, vernichtete sie ihn.“ (Seite 24 meiner Bertelsmann Lesering-Ausgabe)

Ihr Mann entpuppt sich als Säufer und harte, lieblose Jahre stehen ihr bevor. Mein Herz wurde mir ganz schwer, so sehr strahlten die Bitterkeit und Ungerechtigkeit dieses Lebens, das Frau Morel in dieser trostlosen Bergmannssiedlung führt. Alles was sie hat, sind ihre Kinder. Und auch hier hält Lawrence voll drauf. Es ist furchtbar mit anzusehen, durch was für eine Hölle Kinder gehen, deren Familien von Armut, Alkohol, Gewalt und Ausweglosigkeit zerrüttet sind. Kinder und Mutter leben am Vater vorbei und je älter ihr Sohn Paul wird, desto klarer nimmt er stärker nimmt er den Platz an der Seite seiner Mutter ein. Als Paul älter wird und sich in die Bauerstochter Miriam verliebt, wird es kompliziert. Er ist zerrissen zwischen Hingabe an die Mutter und Fleischeslust. Seine Gefühle sind so stark, dass auch dem Leser manchmal schwindelig wird: was ist Liebe, Seelenverwandtschaft, sexuelle Begierde? Wie hängt das alles zusammen, kann man alles haben oder führt der Weg am Ende in die Einsamkeit? Was mich begeistert, ist, dass diese tiefen Gefühle, die für den Leser so offen da liegen, dass er sie selbst zu spüren beginnt.

Bei der Lektüre der ausgezeichneten Internetseite der University of Nottingham stellte ich fest, dass Söhne und Liebhaber viele autobiografische Züge enthält. Auch Lawrence hatte eine ähnlich enge Beziehung zu seiner Mutter. Man soll ja nicht Romane nach biografischen Elementen zerpflücken. An vielen Stellen denke ich aber trotzdem, dass gerade die echten Lebensgeschichten in der Literatur besonders an Fahrt aufnehmen, wenn der Autor es wie Lawrence vermag, sein Innerstes nach außen zu kehren (und dann möchte das Innerste natürlich auch noch interessant sein).

Zum Schluss noch ein Wort der Kritik: Wie auch bei Lady Chatterley’s Lover muss unbedingt über die Übersetzung des Titels gemeckert werden. Paul und seine Mutter sind lovers, aber im deutschen Sinne keine Liebhaber, schließlich sind sie Mutter und Sohn. Auch Paul und Miriam sind lovers, aber ihre Beziehung bleibt dem Grunde nach platonisch. Dann dürften die also auch keine Liebhaber sein. Paul und und seine spätere Freundin Clara sind ebenso lovers, aber sie zumindest ist eine Frau und kann demnach auch kein Liebhaber sein. Mir ist in den letzten zehn Jahren auch keine besseres Wort eingefallen, aber so kann es nicht weitergehen!

Im 20. Jahrhundert geht es aber trotzdem weiter mit Tarzan bei den Affen von Edgar Rice Burroughs.

Advertisements

9 Kommentare zu „1913: Liebe, Lust und Frust in Nottinghamshire

  1. Das hört sich nach einem wirklich lesenswerten Roman an – Danke für’s Vorstellen :-). Ja, das ist wohl nicht leicht mit der Übersetzung des Titels – man hätte vielleicht einen vollkommen anderen Titel nehmen sollen. Da hatte der Verlag keine leichte Aufgabe ;-). LG

  2. Vielen Dank für die Rezension, ich wollte schon länger mal etwas anderes außer „Lady Chatterley“ von Lawrence lesen, vieleicht ja dieses Buch. Eine Anmerkung zu deiner Kritik am deutschen Titel: Wie wäre es, „Lovers“ mit „Liebende“ zu übersetzen? Das ist auf jeden Fall allgemeiner als „Liebhaber“.

      1. Ach ja, bei Übersetzungen geht es eben leider immer was verloren, entweder inhaltlich oder stilistisch … „Söhne und Liebhaber“ hat sich wahrscheinlich eingebürgert, aber als Leser wird man eventuell am Ende enttäuscht, weil man sich vom Titel etwas anderes erhofft (du schreibst ja, dass die Beziehung zwischen Paul und Miriam platonisch bleibt).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s