1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

WoolfDas hat lange gedauert. Wirklich lange. Als ich Die Fahrt hinaus aufschlug, war ich mir fast sicher, ein Buch in den Händen zu halten, das mich, wenn nicht auf jeder, so doch auf jeder zweiten Seite begeistern würde. Dann ist es aber ganz anders gekommen.

Bei meiner letzten Lektüre hat mir Virginia Woolf fast vom Hocker gehauen. Mrs Dalloway gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Ich war fasziniert, wie dort verschiedene Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie der Leser innerhalb eines Abschnitts, nahezu unbemerkt von den Gedanken einer Person in die einer anderen hinübergleitet. Die Charaktere sind so stark und ich habe mir noch wochenlang Gedanken darüber gemacht, wie dieses oder jenes in ihrem Leben so gekommen ist. Nicht umsonst ist Mrs Dalloway wohl ihr bedeutendster Roman. Da ich gerne schaue, wo die Dinge angefangen haben, nun also der erste Roman. Woolf hat den Roman viele Male umgeschrieben und hat sich wohl etwas verstrickt.

Auf dem Schiff „Euphrosyne“ fährt ein ganzer Haufen Engländer nach Südamerika, um dort den Winter zu verbringen. Im Mittelpunkt steht Rachel Vinrace, Anfang 20, von ihrem Vater und ihren verstockten viktorianischen Tanten aufgezogen. Es stellt sich schnell heraus, dass sie den Bezug zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft nicht herstellen kann. Sie versteht die Welt nicht so recht.

Anscheinend sagte niemand je irgend etwas, das er auch meinte, oder sprach niemand je von einem Gefühl, das er wirklich empfand, doch dafür war ja die Musik da. (Seite 39 im Fischer Taschenbuch von 1991)

Sie flüchtet sich in die Musik und spielt außergewöhnlich gut Klavier. Über die mysteriösen Vorgänge, sie zwischen Männern und Frauen ablaufen, wurde sie vollkommen im Dunkeln gelassen. Als sie sich schließlich verliebt, ist sie sprachlos. Sie wundert sich, was das wohl für ein Gefühl ist, das da neuerdings durch ihren Körper strömt. Abgesehen von Rachel sind auf dem Schiff noch ihr Vater Willoughby, ihre Tante Helen, ihr Onkel Ambrose und ein Gelehrter, Mr. Pepper. Mr. und Mrs. Dalloway statten der Schiffsgesellschaft auch einen kurzen Besuch ab. In Südamerika kommt noch eine ganze Horde urlaubender Engländer aus dem Hotel im Dorf dazu. Und diese ganzen Menschen zerpflücken die Geschichte ganz entsetzlich. Ständig wechselt der Fokus zu dieser oder jener Person und ich als Leser frage mich unablässig, ob ich zwischen diesen ganzen Beschreibungen und Nebengeschichten vielleicht etwas Essenzielles achtlos übergehe. Und mir deswegen die meisten Seiten irgendwie belanglos erscheinen und ich nicht weiß, weshalb das Buch so dick ist. Jedenfalls liest es sich ungeheuer langsam.

Ein wenig Fahrt nimmt das Buch im hinteren Teil auf. Rachel verliebt sich in Hewet, der Schriftsteller werden will. Er interessiert sich sehr für die Lebenswelt von Frauen, die Kinder erziehen, Läden haben oder unverheiratet geblieben sind. Sie kommen zu der Zeit kaum mit Männern in Kontakt und sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar (heute in weiten Teilen auch noch!), werden nicht gehört. Rachel beginnt nachzudenken, auch über das Verhältnis zu ihrem Vater, von dem sie und ihre beiden unverheirateten Tanten abhängig sind.

Sie hatte es immer für selbstverständlich gehalten, daß diese Einstellung gerechtfertigt war und auf einer idealen Wertskala beruhte, nach der das Leben des einen Menschen als fraglos wichtiger eingestuft wurde als das Leben eines anderen, und daß sie nach diesem Wertmaßstab weit weniger Bedeutung hatten als er (der Vater). Doch glaubte sie das wirklich? (Seite 251)

Ein echter Höhepunkt ist die Beschreibung von Rachels Fieberdelirium. Abgesehen davon, würde ich das Buch nicht wieder in die Hand nehmen. Wahrscheinlich war Virginia Woolf einfach noch nicht ganz so weit. Wer sinnvoll Zeit mir ihr verbringen möchte, dem sei Mrs Dalloway ans Herz gelegt oder das wunderbare Buch Die Stunden von Michael Cunningham, das auch ganz exzellent verfilmt wurde.

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4 Kommentare zu „1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

  1. Vielen Dank für dein gut begründetes Abraten. Mit Virginia Woolf tue ich mich schwer. Ich habe mal mit „Orlando“ begonnen und auch mit „Ein Zimmer für sich allein“, aber sie liegt mir einfach nicht. Deiner Empfehlung von Cunninghams „Die Stunden“ kann ich mich aus ganzem Herzen anschließen – ein wunderbares Buch!
    Liebe Grüße, Petra

  2. Mir ging es ganz genauso wie dir. Auch ich liebe „Mrs. Dalloway“ und habe genauso unter der Lektüre von „Die Fahrt hinaus“ gelitten. Ich weiß nicht, wieviele Wochen ich für das Buch gebraucht habe, wollte es aber als angehender Woolf-Gesamtleser unbedingt bezwingen. Interessant am Buch finde ich die ziemlich versteckten Hinweise zu all den Repressalien, unter denen Rachel ihr Leben lang zu leiden hat (u.a. durch ihren Vater). Sehr gekonnt finde ich auch die verborgene Verarbeitung von sexuellem Missbrauch (Mr. Dalloway weiß ja sehr genau, was er sich von Rachel nehmen will).
    Aber das sind nur kurze Sequenzen, die das Gehirn rattern lassen. Das Buch als Ganzes zu lesen war auch für mich eine Qual.
    Liebe Grüße
    Frank

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