1924: Interkulturelle Freundschaft – Nicht jetzt und nicht hier

IMG_8581Wenn zwei, die unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, miteinander kommunizieren, kann es manchmal ganz schöne Missverständnisse geben. Mitunter kommen sie auch gar nicht zusammen, aus Angst vor der Fremden oder aus einer Erhabenheitsdenke heraus. Das Thema kommt immer wieder: man denke nur an die Multi-Kulti-Debatte oder an Seminare zu Interkultureller Kommunikation, die an keiner Volkshochschule fehlen. Um zwischenkulturelle Schwierigkeiten ging es aber früher auch schon. Ich denke an die Zeit des Imperialismus. Und genau hier entdecke ich „Auf der Suche nach Indien“ von E.M. Forster. Dass Großbritannien ein großes Kolonialreich hatte, ist bekannt. Indien war das Flagschiff, das Juwel der Britischen Krone. 1876 ließ sich Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien krönen. Unzählige Britische Staatsbeamte nahmen die lange Seereise auf sich, um eine europäische Ordnung im Orient zu installieren. Vor Ort hatten sie dann mehr oder weniger intensiven Kontakt zur indischen Bevölkerung.

Einer der Protagonisten von „Auf der Suche nach Indien“ ist Aziz, ein muslimischer Mediziner. Er diskutiert mit seinen Freunden Hamidullah und Mahmoud Ali, ob es überhaupt möglich ist, mit einem Engländer befreundet zu sein. Sie sind sich schnell einig, dass das unmöglich ist. Selbst die Engländerinnen seien hochnäsig und bestechlich. Die Freunde empören sich über die herablassende Art der Briten, die die Inder im Klub von Tschandrapur noch nicht mal als Gäste zulassen wollen. Forster baut einen starken Gegensatz auf. Bei der Beschreibung Indiens bedient er sich einer fast märchenhaften Sprache:

Das weite Indien – Hunderte von Ländern, die Indien hießen – flüsterte draußen unter der Nacht unter einem gleichmütigen Mond vor sich hin.“ (Seite 18 in meinem Fischer-Taschenbuch)

Auf der anderen Seite steht die Heimat des anglo-indischen Beamtentums:

Die Straßen, auf die Namen siegreicher Generäle getauft und im rechten Winkel sich kreuzend, waren symbolisch für das Netz, das Großbritannien über Indien geworfen hatte und in dessen Machen er (Aziz) sich jetzt verfing.“ (Seite 20)

Es kommt aber doch so, dass Aziz sich mit einem Briten anfreundet. Fielding ist Leiter des Beamtenseminars und ein unkonventioneller Mensch. Er fungiert als Schnittstelle für Bekanntschaften mit weiteren Briten, unter anderem auch für die mit Adela Quested, die nach Indien gekommen ist, um einen Regierungsbeamten zu heiraten. Als die junge Frau auf einem gemeinsamen Ausflug in den stockdusteren Marabar-Grotten angegriffen wird und daraufhin Aziz anzeigt, wird offenbar, dass die Verbindung zwischen Europäern und Indern doch nicht so fest war, wie gehofft. Adela Quested bezichtigt Aziz eines Angriffs und sie muss gar nichts weiter erklären. Letztenendes kommt er ins Gefängnis, weil er ein Inder ist und die Justiz eine englische. Das ist natürlich furchtbar ungerecht, das ist offensichtlich. Und als sie ihren Fehler einsieht, ist Aziz so eingeschnappt, dass er sich von den Briten insgesamt abwendet und der ganze interkulturelle Kontakt ist im Dutt.

Am Ende des Romans beantwortet Forster, die Frage nach einer möglichen Freundschaft zwischen Fielding und Aziz:

Das alles rief mit hundertfach verschiedener Stimme: „Nein, noch nicht“, und der Himmel bestätigte: „Nein, nicht jetzt und nicht hier.“ (Seite 389)

Mein erster Impuls ist, mir einzureden, dass das eben damals so war. Aber mal ehrlich: wie viel weiter sind wir heute gekommen? Könnten heute Unterdrücker und unterdrückte Kultur echte Freunde werden? Diskriminierung ist auch heute ein allgegenwärtiges Problem, in Indien und auch in Europa. Natürlich hat sich viel getan. Kolonien sind unabhängig geworden, es gibt Antidiskriminierungspolitik, der moderne Europäer hält sich für interessiert an der Fremde. Aber weit trägt das noch nicht. Ich schließe mich nun gute 90 Jahre später E. M. Forster an: Fielding und Aziz wären auch heute noch keine Freunde, nicht jetzt und nicht hier.

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4 Kommentare zu „1924: Interkulturelle Freundschaft – Nicht jetzt und nicht hier

  1. Schön , daß duwieder einen Beitrag verfasst hast. Ich kenne das Buch nicht , kann mich aber aus den grauen Tagen meiner Jugend an einen Film erinnern ,der damals neu im Kino lief ,und der mich damals faszinierte.Da muss ich jetzt gleich mal nachschauen. Und ich muss mich wohl auch deinem Fazit anschließen : nein eine wirkliche gleichberechtigte Freundschaft ist (noch ) nicht möglich.

  2. Update:Der Film hieß Die Reise nach Indien , und ist die Verfilmung des Buches von David Lean von 1983 /4. Anscheinend hat er mich damals sehr beeindruckt , er war für 11 Oscars nominiert , und ich konnte mich tatsächlich noch jetzt daran erinnern.:)

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