1921-1930: Gar nicht so Roaring Twenties (T0p 10)

Die Zwanziger haben mich enttäuscht. Ich hatte mir mehr Esprit versprochen. Ein paar Perlen waren aber auch hier dabei.

  1. Wirklich mitgenommen hat mich Therese von Arthur Schnitzler (1928). Schnitzler find ich insgesamt super.
  2. Immernoch überzeugt hat mich Babbitt von Sinclair Lewis (1922).
  3. Ich bin richtig froh, dass ich Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque (1929) gesehen habe. Es gibt zwei Verfilmungen: von 1930 und von 1979.
  4. Positiv überrascht war ich von Fiesta von Ernest Hemingway (1926). Es gibt einen Film von 1957.
  5. Im Rückblick noch blasser erscheint mir Die Brücke von San Luis Rey von Thornton Wilder (1927). Der Film von 2004 reißt das Ruder auch nicht rum.
  6. Kaum im Gedächtnis geblieben ist mir Eine Gesellschaft auf dem Lande von Aldous Huxley (1921). Das hätte ich nicht erwartet, denn „Schöne neue Welt“ hatte mich jahrelang beschäftigt.
  7. Enttäuscht war ich von Auf der Suche nach Indien von E.M. Forster (1924). Vielleicht sind Bücher aus Kolonialherrenperspektive aber generell mit Abstand zu betrachten. Es gibt einen Film von 1984, der auch nichts anderes verspricht.
  8. Bestätigt in meiner früheren Abneigung gegen Joseph Roth hat mich die Lektüre von Hiob (1930).
  9. Obwohl Theordore Dreiser vielversprechend gestartet ist, habe ich Eine amerikanische Tragödie (1925) nicht bis zum Ende durchgestanden. Ein paar Hundert Seiten weniger würden der Geschichte gut tun.
  10. Das langweiligste Buch des Jahrzehnts war schließlich Zenos Gewissen (1923) von Italo Svevo.

Auf jeden Fall freue mich mich jetzt auf das nächste Jahrzehnt. Ich reise nach China mit Pearl S. Buck und habe neben Erskine Childers von „Das Rätsel der Sandbank“ (1903) den wahrscheinlich einzig anderen Autoren mit dem Vornamen Erskine auf meiner Liste: Erskine Caldwell. Ich freue mich auf Klaus Manns Tschaikowski-Roman und lasse mich vom Winde verwehen. Ich lese endlich „Der Hobbit und schaue mir dann auch die Filme an. Das werden tolle Jahre!

1926: ‚Fiesta‘ in Pamplona mit Hemingway

Fiesta steht schon lange auf meinem Wunschzettel. Ich habe schon vor zehn Jahren einen Versuch gestartet, damals aber mit einem DDR-Taschenbuch, das ich nach 30 Seiten mit dem Fazit „Hemingway geht echt gar nicht!“ in die Ecke pfefferte. Naja, in der Zwischenzeit habe ich dann doch noch mal einen probiert. Der Garten Eden war gar nicht so übel. Also auch noch ein neuer Versuch mit Fiesta.

Fiesta ist 2014 bei rohwohlt in einer vom Deutschen Übersetzerfond geförderten Neuübersetzung erschienen. Die Leseprobe liest sich sehr gut an. Ich habe allerdings eine alte Ausgabe von 1963 aus der Büchergilde Gutenberg gelesen. 41Z1wwKnQgL._AA160_A propos Übersetzung: Ich habe mich immer gefragt, warum das Buch im Original The Sun Also Rises heißt und auf Deutsch Fiesta. Lange war mir erst gar nicht klar, dass es sich um das gleiche Buch handelt. In der Zwischenzeit habe ich herausgefunden, dass Fiesta der Arbeitstitel war. Leuchtet mir auch absolut ein, schließlich erstreckt sich die Handlung des Großteils des Romans Geschehnisse während einer Fiesta in Pamplona.  und sich der finale amerikanische Titel auf eines der vorangestellten Zitate bezieht. In meiner Ausgabe steht da:

Die Erde bleibet aber ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder dasebst aufgehe …

Das klingt für mich etwas nach dem Kreis des ewigen Lebens, was ich irgendwie nicht so richtig mit dem Inhalt des Romans in Verbindung bringen kann. Der setzt nämlich im Paris der 20er Jahre ein: Erzähler Jake und andere Amerikaner und Engländer leben ein Leben voller Partys, Alkohol und Zigaretten, in dem alte Umgangsformen nicht mehr so eine große Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht Lady Ashley, genannt Brett, die sich von der traditionellen Frauenrolle emanzipiert. Hemingway beschreibt sie folgendermaßen:

Sie hatte Wölbungen wie eine Rennjacht, und es entging einem nichts unter dem wollenen Jersey. (S. 29)

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Hemingway (ganz links) mit Gesellschaft 1925 in Pamplona, im Hintergrund: Lady Duff Twysden, das Vorbild von Lady Ashley

Natürlich sind alle in sie verliebt, inklusive Jake. Sie folgt ihren Neigungen, mal mit diesem, mal mit jenem Mann. Eine illustre Gesellschaft aus einigen Herren und Brett macht sich auf nach Pamplona zur dortigen Fiesta. Sieben Tage lang sitzen sie in Cafés, trinken massenhaft Wein und Schnaps, besuchen Stierkämpfe. Großes Thema zwischen ihnen bleiben Bretts Amouren. Robert Cohn, mit dem sie sich zuletzt in San Sebastian ein paar nette Tage gemacht hatte, kann nicht mehr von ihr lassen und wird so aufdringlich, dass er für alle Beteiligten zum Spaßverderber wird. Bemerkenswert ist, dass als der Hauptgrund für Cohns Fehlverhalten immer wieder genannt wird, dass er Jude ist!
Abgesehen davon gibt es reichlich Stierkampfszenen. Jake ist ein Stierkampfaficionado, also leidenschaftlich interessiert. Naja, mich hat das nicht so mitgerissen. Für mich fällt Stierkampf in die Kategorie ‚unerklärliches lebensmüdes Verhalten‘, auch noch mit Tierverletzung (ich bin Vegetarierin). Beispielsweise wird, während die Stiere durch die Straßen zur Arena laufen, ein Mann von einem Stier in die Luft geworfen und lebensgefährlich verletzt.

Vor den Stiere liefen so viele Leute her, daß die Masse sich staute und nur langsam durch das Tor in den Toril gelangen konnte, und als die Stiere alle zusammen schwer galoppierend, die Flanken mit Kot bespritzt, mit geschwungenen Hörnern vorbeikamen, schoß einer vor, faßte einen Mann aus der laufenden Menge im Rücken und hob ihn in die Luft. Beide Arme des Mannes hingen seitwärts herunter, sein Kopf fiel nach hinten, als das Horn sich in ihn bohrte und der Stier ihn hochhob und dann fallen ließ. (S. 232f. in der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1993, übersetzt von Annemarie Horschitz -Horst)

Auf der Seite der Fiesta San Fermin kann man sich ein Video des Stierlaufs von 2015 anschauen und schnell wird klar: solche Vorfälle waren keine Seltenheit.

Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit. Die Lektüre hat sich gelohnt. Die Eindrücke aus Paris sind genau das, was ich mir von ‚Hemingway live aus Paris‘ vorgestellt hatte und die Geschichte in Pamplona hat mich so angesprochen, dass ich am liebsten auch gleich hinfahren möchte (wenn auch nicht zum Stierkampf).

 

Fremdgelesen: das 20. Jahrhundert ist nicht genug

Nachdem ich nun 23 Bücher von 1901 bis 1923 gelesen habe, muss ich eine gewisse Ermüdung feststellen. Immer öfter möchte ich Impulsen, einfach das nächstbeste aktuelle Buch zu verschlingen nachgeben. Und immer öfter möchte ich dann auch darüber schreiben. Oder auch mal über eine Reise oder einen Film, eine Platte. Und genau das mache ich jetzt auch auf meinem kultur.blog. Bildschirmfoto 2015-03-10 um 18.27.05

Akutell blogge ich über ein Fahrradwochenende am Elberadweg und über „Besserland“ von Alexandra Friedmann, die am Donnerstag auch in Leipzig liest. Als nächstes freue ich mich schon auf die Leipziger Buchmesse und auf „Alle Nähe fern“ von André Herzberg. Ach ja, „Auf der Suche nach Indien“ von E. M. Forster (1924) habe ich natürlich nicht vergessen.

1911-1920: Reisen in eine andere Welt (Top10)

Foto 1Es scheint ein Jahrzehnt des Reisens zu sein. Das war mir vor meiner Lektüre gar nicht klar. Vor allem sind es weite Reisen: von England nach Afrika, von Afrika nach Nordamerika, von Europa nach Südamerika, nach Bengalen, vom Land in die Stadt auch in ganz andere Sphären. Es geht um das Loslassen des Altbekannten und das sich Einlassen auf das Neue. Oft stellt sich heraus, dass das Neue nicht immer das Richtige für jeden ist und manch einer kehrt zurück oder stirbt.

Hier nun meine persönliche Rangfolge des zweiten Jahrzehnts und alle diejenigen, die sich zum Lesen nicht aufraffen können, weil sie keine Zeit haben oder durch meine Leseerfahrungen nun total abgeschreckt sich, finden hier auch entsprechende Verfilmungen.

1. ageZeit der Unschuld (Edith Wharthon): absoluter Spitzenreiter der zweiten Lesedekade.  Das Buch hat alles, was ich brauche um literarisch glücklich zu sein: eine mitreißende Geschichte in toller Kulisse und zwei Liebende, die kämpfen, um zueinander zu kommen. Das alles wurde 1993 mitreißend verfilmt von Martin Scorsese.

2. Segen der Erde (Knut Hamsun): auch hier wieder eine facettenreiche Geschichte rund um die Frage, wie viel Ambitionen sind eigentlich wohltuend für Mensch und Natur + spannende, vielschichtige Figuren. Es gibt einen Stummfilm von 1921.

3. Zu Hause und Draußen (Rabindanath Tagore): Eine Frau zwischen Emanzipation, Versuchung und Altbewährtem – und die Frage, ob es noch einen Weg zurück gibt, wenn man sich total verrannt hat. Es gibt einen bengalischen Film von 1984.

4. sonsSöhne und Liebhaber (D.H. Lawrence): Das Thema ist eigentlich ein Dauerbrenner. Was geben uns unsere Eltern mit auf den Weg und was machen wir daraus. Sind wir überhaupt unseres eigenen Glückes Schmied oder haben am Ende gar keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Der Roman wurde 1960 verfilmt. Der Film ist mehrfach preisgekrönt. Könnte sich wirklich lohnen.

5. Die Fahrt nach draußen (Virginia Woolf): leider eines dieser Bücher, in dem wahnsinnig viele Wörter vorkommen, ohne dass es die Geschichte tatsächlich vorwärts bringt. Das Thema ist eigentlich ganz interessant. Da ist diese junge Frau, die zur Welt nicht so recht eine Beziehung herstellen kann. Da aber der Plot nicht wirklich stark ist, kam wohl eine Verfilmung für niemanden in Frage.

6. Atlantis (Gerhart Hauptmann): Mann in der Mitte seines Lebens lässt alles stehen und liegen und fährt auf einem Ozeandampfer einer jungen Artistin hinterher. Am Ende verliert er den Verstand. Es gibt eine dänische Verfilmung von 1913, dabei ist ja auch das Buch erst 1912 erschienen. Es wurden eine halbe Millionen dänischer Kronen verballert. Damit gilt der Film als teuerster seiner Zeit.

7. tarzanTarzan bei den Affen (E. R. Burroughs) Ist zwar einerseits ganz kultig, aber im Großen und Ganzen kann man seine Lesezeit auch gewinnbringender rumkriegen. Man könnte in der Zeit auch mehrere Tarzan-Filme kucken, zum Beispiel einen Disney-Film von 1999 oder die Neuauflage in 3D. Legendär sind die Filme „Tarzan – Der Affenmensch“ mit Johnny Weissmuller und auch die mit Lex Barker. Die Internet Movie Database listet über 100 Tarzan-Filme auf, was unter anderem daran liegt, dass es schon fast eine unüberschaubare Anzahl an Tarzan-Büchern gibt, die Burroughs und andere namenlose Groschenheft-Autoren verfasst haben.

8. Tarr (Wyndham Lewis): Buch über einen Künstler in Paris und die Schwierigkeit, die Grenzen konventioneller Beziehungen dahingehend auszuweiten, dass sie einem tatsächlich passen. Schon das Buch ist insgesamt eher unbekannt. Von Verfilmung kein Wort. Nirgends.

9. devilSanders vom Strom (Edgar Wallace): Paradebeispiel kolonialen Chauvinismus, ist aber wahrscheinlich ein gutes Bild des Zeitgeistes. Es gibt einen deutsch-spanischen Abenteuerfilm von 1971, der auf Teilen des Buches basiert und einen Film von 1935.

10. Jürgen (James B. Cabell): Obwohl dieses Buch angeblich ein Klassiker des komischen Fantasyromans ist, kann ich einfach gar nichts daran finden. Und ich finde es gar nicht so schlecht, dass es offenbar auch nicht verfilmt worden ist. Wäre auch zu abstrus.

In dieser Dekade sind einige Punkte in verschiedenen Erdteilen hinzugekommen auf meiner literarischen Landkarte. Auffällig sind nach wie vor Häufungen in Paris, London und nun auch in New York. Ich hatte schon seit Jahren so eine Ahnung, dass sich meine Lektüre immer wieder an den gleichen Plätzen abspielt. Aber das 20. Jahrhundert ist noch lang. Ich habe noch genug Zeit, um entlegenere Orte auf meiner Karte hinzuzufügen.

Fremdgelesen: Man müsste mal (Neulich in der Bibliothek)

Seitdem ich mein Projekt Ein Jahrhundert lesen verfolge, kaufe ich mir keine Bücher mehr. Es ist erstaunlich, aber wirklich!!! Also natürlich meine ich nicht gar keine Bücher, sondern nur keine Bücher, die nicht für mein Leseprojekt bestimmt sind. Was ich außerdem brauche, hole ich mir aus der örtlichen Stadtbibliothek. Um mich auf 1917 und Knut Hamsun vorzubereiten, ging ich ganz zielstrebig zur Abteilung Literaturwissenschaft, und wurde auch prompt fündig. Ich lese gern Autorenbiografien, bis zur Entstehungszeit meines aktuell zu lesenden Buches. Normalerweise muss ich dabei mit einer der trockenen rororo Monographien Vorlieb nehmen. Die sind zwar ungemein handlich, aber meistens nicht besonders gut lesbar.

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Dieses Mal überraschte mich meine Bücherei mit einem wunderbaren „Leben in Bildern“ vom Deutschen Kunstverlag. Wolfgang Schneider gibt einen kurzen Überblick über das Leben von Knut Hamsun, der zudem großzügig bebildert ist. Glücklich über meinen Fund war ich schon fast wieder draußen, da war mir, als hörte ich von oben aus dem zweiten Stock noch Bücher rufen. Dazu muss man wissen, dass für mich Besuche in der Bibliothek das sind, was für andere Frauen vielleicht Shoppingtouren. Die Bibliothek ist mein Konsumtempel und ich nutze ihn regelmäßig bis zum Exzess, seit ich 1992 meine Lesekarte in der Bertolt-Brecht-Bibliothek in Berlin-Mitte (unten drin im Kino International) bekam. Woche um Woche schleppte ich seither rucksäckevoll Bücher uns sonstige Medien nach Hause und heute kann ich voller Stolz behaupten einen Großteil der 14,9 Millionen Euro Sanierungskosten der Leipziger Stadtbibliotheken durch meine Mahngebühren getragen zu haben.

Gut, dachte ich, ich gehe nur mal schnell kucken, ob es oben vielleicht gerade zufällig „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe oder „Der letzte Mohikaner“  von James Fenimore Cooper gibt. Was soll ich sagen, es gab beide Bücher. Seit ich letztens eine wunderbare Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gelesen habe (Cowboys, Gott und Coca Cola von Sylvia Englert), standen beide Bücher auf der Liste „Müsste man mal…“. Zufällig stehen gegenüber von den Belletristik-Regalen der Buchstaben S, T und so weiter die englischsprachigen Bücher. Mal wieder was auf Englisch lesen steht auch ganz oben auf der „Müsste man mal…“-Liste. Also wenigstens mal kurz kucken… „The Woman who Went to Bed for A Year“ von Sue Townsend ist spontan in meinen Korb gesprungen. Und dann auf dem Weg nach draußen habe ich nur noch ganz kurz meinen Blick zum Ständer mit den Preisgekrönten schweifen lassen. Noch Mal konnte ich Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wirklich nicht in der Bibliothek zurücklassen.DSCF4188

Schließlich kam ich also wieder mit einem beachtlichen Stapel Lesestoff zu Hause an und statt, wie geplant, über Knut Hamsun, fiel ich wie ausgehungert über Sue Townsend her. Sue Townsend, die am 10.04.2014 gestorben ist, war übrigens seit 2001 blind. Was sie nicht daran hinderte, weiterhin zahlreiche witzige Bücher zu schreiben. „The Woman who Went to Bed for A Year“ (deutsch: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb bei Haffmans & Tolkemitt) war nun ihr letztes. Und es war großartig. Eva Beaver, Frau um die 50, geht an dem Tag, an dem ihre Zwillinge zum Studium das elterliche Haus verlassen, ins Bett und bleibt dort. Sie denkt über ihr Leben nach und verweigert sich Dingen wie dem Einkauf, dem Kochen und den Weihnachtsvorbereitungen. Zuerst denken alle, sie ist verrückt geworden, doch spätestens als auf dem Chapatti einer indischen Hausfrau ein Abbild von Eva erscheint, wird sie zu einer Berühmtheit in der Nachbarschaft und im Web 2.0. Außerdem verliebt sich Eva neu (das ist auch gut so, schließlich offenbart sich, dass ihr Mann sie seit 8 Jahren betrügt). Aber einfach die Tatsache, dass die Dame im Bett geht und konsequent drin bleibt, weil sie über ihr Leben nachdenkt, ist die Lektüre wert. Müssten wir nicht alle mal ein bisschen in Ruhe über unser Leben nachdenken und sehen, ob es uns noch passt? Townsends Buch ist nicht nur total einleuchtend, sondern auch herrlich abstrus, zum Totlachen.

Nun habe ich immer noch einen Riesenstapel auf dem Nachtisch. Alles in der Kategorie „Müsste man mal…“

1901 – 1910: Nichts bleibt wie es war (Top 10)

1901 - 1910Die erste Dekade des 20. Jahrhunderts ist vorüber. Zeit für einen kleinen Rückblick. Mein Projekt hat einen guten und lehrreichen Anfang genommen mit den Buddenbrooks. Ich bin froh, diesen Roman ausgewählt zu haben. Wer weiß, wie viel Jahre ich sonst noch ohne die Erkenntnis zugebracht hätte, dass das ein richtig gutes Buch ist. Die Flügel der Taube hätte ich mir klemmen können. Aber, wer nicht wagt der nicht gewinnt. Auch Das Rätsel der Sandbank ist, rückblickend betrachtet, seine Zeit nicht unbedingt wert gewesen. Die Neuentdeckung des Jahrzehnts ist auf jeden Fall Hermann Hesse mit Peter Camenzind. Und wer hätte gedacht, dass der so oft verunglimpften Professor Unrat so lesbar ist. Wolfsblut war zwar nicht überraschend, aber hat genau ins Schwarze getroffen. Jede Menge Jack London wartet darauf in der Zukunft von mir gelesen zu werden. Bei Der Geheimagent bin ich etwas weniger überschwänglich. Hat mich nicht wirklich überzeugt. Arnold Bennetts Geschichte von Constance und Sophia ist mir ans Herz gewachsen. Auf dem letzen Platz der Hitliste liegt weit abgeschlagen Jakob von Gunten. Selten so ein langweiliges Buch gelesen. Vielleicht findet der ein oder andere angestaubte Germanist etwas daran. Ganz anders und ganz aufregend: Das Dorf von Iwan Bunin.

Hier meine persönlichen TOP 10 für die erste Dekade des 20. Jahrhunderts:

1. Buddenbrooks von Thomas Mann

2. Peter Camenzind von Hermann Hesse

3. Das Dorf von Iwan Bunin

4. Constance und Sophia von Arnold Bennett

5. Wolfsblut von Jack London

6. Professor Unrat von Heinrich Mann

7. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

8. Der Geheimagent von Joseph Conrad

9. Flügel der Taube von Henry James

10. Jakob von Gunten von Robert Walser

Die großen Themen sind mehr oder weniger rasante Umwälzungen in Gesellschaft und Umwelt. Immer wieder taucht die Ablehnung von Neuem auf, die Buddenbrooks, Constance Povey und Mr. Verloc halten lieber an altbewährtem fest. Dennoch ist eines klar: alles verändert sich und es gibt Figuren wie Constances Schwester Sophia, die die sich auftuenden Gelegenheiten nutzen und der Zukunft aufgeschlossen gegenüberstehen.

So auch ich. In der nächsten Dekade erwarten mich zuerst Edgar Wallage, Gerhard Hauptmann, D.H. Lawrence und Virginia Woolf. Ich bin gespannt!

Fremdgelesen: Aesops Fabeln

Listen üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Obwohl ich meine Liste natürlich für das Nonplusultra halte, kann ich meine Augen nicht von anderen lassen. Dieses Mal habe ich mich ablenken lassen von juneautumns Blog über die 1001 Bücher, die sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Für mich ist es meistens am Schönsten der Reihe nach zu gehen. Das heißt in diesem Fall: ganz früher anfangen, bei Äsop.

Ich erinnere mich dunkel an eine Zeit irgendwann im Deutschunterricht, ich glaube, es war noch in der Grundschule. Da war mal was mit Fabeln. Aber was? Zuerst kommt für mich auch noch die Frage: Wer war eigentlich dieser Äsop und warum sind seine Fabeln heute noch so bekannt? Kann ich dem was abgewinnen?

Da mein Buchbudget durch das Jahrhundertprojekt schon ausgeschöpft ist und die Bücherregale bald zusammenkrachen, mache ich auch mal was, was ich noch nie gemacht habe. Ich lese online bei Projekt Gutenberg.

Doch zuerst zurück zu Äsop. Aus der Wikipedia erfahren wir, dass es ein griechischer Dichter und ungefähr 600 v.Chr. gelebt hat und als Begründer der Fabeldichtung gilt. Ganz ehrlich: das wusste ich schon. Ansonsten gibt es allerlei Mythen über sein Leben. Er soll zum Beispiel ein Sklave gewesen sein, der von einem seiner Herren in die Freiheit entlassen wurde und anschließend an einen Königshof kam. Im Mittelalter gab es einen recht populären Roman über sein Leben. Für mich ist Äsop entsetzlich weit weg, lange lange her.

Seine Form hingegen, finde ich schon spannend: die Fabel. Die kurzen Geschichten funktionieren als Gleichnis. Reizvoll ist, dass sie so kurz sind. Wir finden kaum überflüssige Wörter, schmückendes Beiwerk. Die Geschichten bleiben beim Kern und verraten kurz und knackig, was sie und geben wollen. So mag ich das.

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt der Fabeln in ihrer belehrenden Funktion nach dem Motto

Was du nicht willst, daß man dir tu‘,
Das füg‘ auch keinem anderen zu.

das kann ganz schön ermüdend sein. Natürlich stecken da zeitlose Wahrheiten drin. Es geht um Hochmut, um Gier, Eitelkeit. Der Mensch wird nicht direkt für seine Fehler angeklagt, aber der erhobene Zeigefinger begleitet die Lektüre unaufhörlich. Das muss man schon wollen.

Spinnerei auf der Weltkarte (Atempause)

Das dritte Buch ist durch. Das Rätsel der Sandbank ist ausgesprochen kurzweilige Lektüre. Je mehr mir ein Buch gefällt, desto weniger habe ich offenbar darüber zu sagen. Die Geschichte ist einfach und charmant, ganz wie Davies in der Geschichte. Nicht worüber man noch nachdenken würde, wenn der Buchdeckel zu ist. Vielleicht ist es auch das, vielleicht zu einfach. Und es gibt, außer der Warnung vor einer möglichen Invasion Englands durch die deutsche Armee, keinen Hintersinn wie in Buddenbrooks. Vielleicht ist es aber auch nicht fair Erskine Childers, der nur diesen einen Roman geschrieben hat und ansonsten eigentlich Politiker war, an Thomas Mann zu messen.

Als nächstes habe ich Hermann Hesse auf dem Programm. Mit Hesse geht es mir wie es mit Thomas Mann auch war. Alle sagen, der ist irgendwie toll, aber es ist noch nicht zu mir durchgedrungen. Ich habe mich herzhaft gelangweilt mit zwei Bänden Kurzgeschichten, war aber auch ganz angetan von Siddhartha. Nun also Peter Camenzind. Wieder ein Romanerstling von einem Großen. Mal sehen, wer dieser Peter ist.

In der Zwischenzeit habe ich ein bisschen rumgesponnen und mir überlegt, wie es wohl aussähe, die Schauplätze aller Bücher meines Projekts auf einer Karte darzustellen. Das Ergebnis könnt ihr euch schon mal anschauen, auch wenn das Jahrhundert gerade erst begonnen hat.

Wasser, Seefahrt, Abenteuer – 9 Lesetipps für den heißen Sommer

von Marion KörnerDie Sommer erreicht seinen Zenit. Freunde und Nachbarn sind im Urlaub, waren schon im Urlaub oder fahren gleich in den Urlaub. Für alle, die wie ich in Gedanken verreisen oder den Sommer noch etwas verlängern wollen, gibt es hier 9 lesenswerte Romane und Geschichten rund um Schiffe, Boote und das Meer.

1. Überfahrt. Eine Liebesgeschichte von Anna Seghers:

„Mit einer Abfahrt ist nichts zu vergleichen. Keine Ankunft, kein Wiedersehen. Man läßt den Erdteil endgültig hinter sich zurück. Und was man dort auch erlebt hat an Leiden und Freuden, wenn die Schiffsbrücke hochgezogen wird, dann liegen vor einem drei reine Wochen Meer.“

Die „Norwid“ schippert von Bahia nach Europa. Der Arzt Ernst Triebel erzählt von Maria Luise, seiner Jugendliebe. Es wird die Erzählung seines Lebens.

2. Homo Faber von Max Frisch

Wie man eine Woche auf einem solchen Schiff verbringt, konnte ich mit nicht vorstellen, ich ging hin und her, Hände in den Hosentaschen, einmal geschoben vom Wind, dann mühsam, so daß man sich nach vorn lehnen musste mit flatternden Hosen, ich wunderte mich, woher die anderen Passagiere ihre Sessel hatten.

Der Ingenieur Walter Faber trifft auf einer Schiffspassage von Manhattan nach Europa die junge Sabeth, die ihn stark an seine Jugendliebe Hannah erinnert. Sie machen sich gemeinsam auf zu Sabeths Mutter nach Griechenland. Eine Reise, die verhängnisvoll enden soll.

3. Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Der halbwüchsige Inder Pi Patel ist einziger menschlicher Überlebender eines Schiffsunglücks. Mit ihm im Rettungsboot sitzen ein Zebra, ein Orang Utan, eine Hyäne und, wie könnte es anders sein, ein Tiger. Nach 227 Tagen auf See landet das Boot in Mexiko und Pi kann die Geschichte einer außergewöhnlichen Seefahrt erzählen. Unbedingt lesenswert. Letztes Jahr ist das Buch mindestens ebenso sehenswert von Ang Lee verfilmt und mit vier Oscars ausgezeichnet worden.

4. Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway

Ist das Buch schlechthin von Hemingway. Der kubanische Fischer Santiago ringt mit einem riesigen Fisch, dem Fang seines Lebens. Es ist der große Kampf des Menschen mit der Natur.

5. Moby Dick von Herman Melville 

Wenn schon von gigantischen Fischen die Rede ist, darf Moby Dick natürlich nicht unterschlagen werden. Melville erzählt auf über 1000 Seiten die Geschichte der Jagd auf den legendären weißen Wal. Im Mittelpunkt steht der von Hass zerfressene Kapitän Ahab, der Wal selbst bleibt hauptsächlich Phantom. Da sich die Lektüre etwas hinzieht, sei sie hier nur für Schnellleser oder Leute mit langen Ferien empfohlen. Alle anderen kommen vielleicht hier auf ihre Kosten.

6. Schachnovelle von Stefan Zweig

Die Rahmenhandlung von Stefan Zweigs bakanntestem Werk spielt auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires.  An Bord ist auch der Schachweltmeister Mirko Czentovic, der Schachpartien gegen alle Anwesenden spielt. Das erregt die Aufmerksamkeit von Dr. B. Dieser war von den Nationalsozialisten inhaftiert und isoliert worden. Um in der Einsamkeit nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen, begann Dr. B in Gedanken Schachpartien gegen sich selbst und brachte es zu erstaunlicher Meisterschaft.

7. Robinson Crusoe von Daniel Defoe

Die Geschichte von Robinson Crusoe und Freitag ist so bekannt, dass man meinen könnte, jeder hätte das Buch, das als der erste englische Roman gilt, gelesen. Das ist aber (nach einer aktuellem, nicht repräsentativen Umfrage)  keineswegs der Fall. Trotzdem ist der Klassiker jede Seite seiner Lektüre wert.  Im Originaltitel erfahren wir gleich alles, was wir wissen müssen: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself. („Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“). Wem das jetzt zu angestaubt ist, dem sei das Buch Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe (engl. Originaltitel Foe) des südafrikanischen Schriftstellers J. M. Coetzee ans Herz gelegt. Coetzee erzählt die Geschichte neu. Zu Robinson und Freitag gesellt sich eine Frau, die nun die Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählen möchte.

8. Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne

Der Roman von 1873 ist ein Klassiker der Reiseromane. Wie bekannt sein dürfte, wettet Phileas Fogg in London mit den Mitgliedern des Reform Clubs darum, dass es ihm gelingen werde, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Da das Flugzeug als Transportmittel noch nicht in Frage kam, legten Fogg und sein Diener Passepartout weite Teile der Reise mit dem Schiff zurück. Immer verfolgt vom übereifrigen Detektiv Fix, der in Fogg den Räuber eines Vermögens aus der Bank of England zu erkennen glaubt.

9. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

Der leidenschaftliche Segler „Davies“ und der britische Diplomat „Caruthers“ segeln, vorgeblich auf Entenjagd, durch friesische Wattenmeer. Dabei entdecken sie Invasionspläne des deutschen Militärs. Der Roman hinterließ in seiner Zeit (also vor dem ersten Weltkrieg) einen nachhaltigen Eindruck. Die Invasionspläne waren so glaubhaft geschildert, dass die Engländer in der Folge tatsächlich ihre Seeabwehr verstärkten. Erskine Childers errang mit diesem Buch seinen Ruf als Vater des modernen Spionageromans. Das Rätsel der Sandbank wurde 1903 veröffentlicht und ist das aktuelle Buch meiner Lesereihe.

Startschwierigkeiten

Listen machen ist ja eigentlich mein Hobby. Ich könnte Listen für alles haben, was ich tun soll, wohin ich gehen soll, welche Dinge ich besitze, welche Filme ich gesehen habe …

Ein Buch zu finden, dass 1901 veröffentlicht wurde und das mich auf Anhieb interessiert, war gar nicht so leicht. Nach reichlicher Überlegung habe ich beschlossen, Thomas Mann eine Chance zu geben und zuerst die Buddenbrooks zu lesen. Ein Grund für meine Wahl ist nicht zu letzt der, dass der Schmöker schon seit ca. 10 Jahren unangetastet in meinem Bücherregal vor sich hinstaubt. Aber das hat bald ein Ende: noch 6 Mal schlafen, dann geht es los.