1921-1930: Gar nicht so Roaring Twenties (T0p 10)

Die Zwanziger haben mich enttäuscht. Ich hatte mir mehr Esprit versprochen. Ein paar Perlen waren aber auch hier dabei.

  1. Wirklich mitgenommen hat mich Therese von Arthur Schnitzler (1928). Schnitzler find ich insgesamt super.
  2. Immernoch überzeugt hat mich Babbitt von Sinclair Lewis (1922).
  3. Ich bin richtig froh, dass ich Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque (1929) gesehen habe. Es gibt zwei Verfilmungen: von 1930 und von 1979.
  4. Positiv überrascht war ich von Fiesta von Ernest Hemingway (1926). Es gibt einen Film von 1957.
  5. Im Rückblick noch blasser erscheint mir Die Brücke von San Luis Rey von Thornton Wilder (1927). Der Film von 2004 reißt das Ruder auch nicht rum.
  6. Kaum im Gedächtnis geblieben ist mir Eine Gesellschaft auf dem Lande von Aldous Huxley (1921). Das hätte ich nicht erwartet, denn „Schöne neue Welt“ hatte mich jahrelang beschäftigt.
  7. Enttäuscht war ich von Auf der Suche nach Indien von E.M. Forster (1924). Vielleicht sind Bücher aus Kolonialherrenperspektive aber generell mit Abstand zu betrachten. Es gibt einen Film von 1984, der auch nichts anderes verspricht.
  8. Bestätigt in meiner früheren Abneigung gegen Joseph Roth hat mich die Lektüre von Hiob (1930).
  9. Obwohl Theordore Dreiser vielversprechend gestartet ist, habe ich Eine amerikanische Tragödie (1925) nicht bis zum Ende durchgestanden. Ein paar Hundert Seiten weniger würden der Geschichte gut tun.
  10. Das langweiligste Buch des Jahrzehnts war schließlich Zenos Gewissen (1923) von Italo Svevo.

Auf jeden Fall freue mich mich jetzt auf das nächste Jahrzehnt. Ich reise nach China mit Pearl S. Buck und habe neben Erskine Childers von „Das Rätsel der Sandbank“ (1903) den wahrscheinlich einzig anderen Autoren mit dem Vornamen Erskine auf meiner Liste: Erskine Caldwell. Ich freue mich auf Klaus Manns Tschaikowski-Roman und lasse mich vom Winde verwehen. Ich lese endlich „Der Hobbit und schaue mir dann auch die Filme an. Das werden tolle Jahre!

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1926: ‚Fiesta‘ in Pamplona mit Hemingway

Fiesta steht schon lange auf meinem Wunschzettel. Ich habe schon vor zehn Jahren einen Versuch gestartet, damals aber mit einem DDR-Taschenbuch, das ich nach 30 Seiten mit dem Fazit „Hemingway geht echt gar nicht!“ in die Ecke pfefferte. Naja, in der Zwischenzeit habe ich dann doch noch mal einen probiert. Der Garten Eden war gar nicht so übel. Also auch noch ein neuer Versuch mit Fiesta.

Fiesta ist 2014 bei rohwohlt in einer vom Deutschen Übersetzerfond geförderten Neuübersetzung erschienen. Die Leseprobe liest sich sehr gut an. Ich habe allerdings eine alte Ausgabe von 1963 aus der Büchergilde Gutenberg gelesen. 41Z1wwKnQgL._AA160_A propos Übersetzung: Ich habe mich immer gefragt, warum das Buch im Original The Sun Also Rises heißt und auf Deutsch Fiesta. Lange war mir erst gar nicht klar, dass es sich um das gleiche Buch handelt. In der Zwischenzeit habe ich herausgefunden, dass Fiesta der Arbeitstitel war. Leuchtet mir auch absolut ein, schließlich erstreckt sich die Handlung des Großteils des Romans Geschehnisse während einer Fiesta in Pamplona.  und sich der finale amerikanische Titel auf eines der vorangestellten Zitate bezieht. In meiner Ausgabe steht da:

Die Erde bleibet aber ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder dasebst aufgehe …

Das klingt für mich etwas nach dem Kreis des ewigen Lebens, was ich irgendwie nicht so richtig mit dem Inhalt des Romans in Verbindung bringen kann. Der setzt nämlich im Paris der 20er Jahre ein: Erzähler Jake und andere Amerikaner und Engländer leben ein Leben voller Partys, Alkohol und Zigaretten, in dem alte Umgangsformen nicht mehr so eine große Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht Lady Ashley, genannt Brett, die sich von der traditionellen Frauenrolle emanzipiert. Hemingway beschreibt sie folgendermaßen:

Sie hatte Wölbungen wie eine Rennjacht, und es entging einem nichts unter dem wollenen Jersey. (S. 29)

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Hemingway (ganz links) mit Gesellschaft 1925 in Pamplona, im Hintergrund: Lady Duff Twysden, das Vorbild von Lady Ashley

Natürlich sind alle in sie verliebt, inklusive Jake. Sie folgt ihren Neigungen, mal mit diesem, mal mit jenem Mann. Eine illustre Gesellschaft aus einigen Herren und Brett macht sich auf nach Pamplona zur dortigen Fiesta. Sieben Tage lang sitzen sie in Cafés, trinken massenhaft Wein und Schnaps, besuchen Stierkämpfe. Großes Thema zwischen ihnen bleiben Bretts Amouren. Robert Cohn, mit dem sie sich zuletzt in San Sebastian ein paar nette Tage gemacht hatte, kann nicht mehr von ihr lassen und wird so aufdringlich, dass er für alle Beteiligten zum Spaßverderber wird. Bemerkenswert ist, dass als der Hauptgrund für Cohns Fehlverhalten immer wieder genannt wird, dass er Jude ist!
Abgesehen davon gibt es reichlich Stierkampfszenen. Jake ist ein Stierkampfaficionado, also leidenschaftlich interessiert. Naja, mich hat das nicht so mitgerissen. Für mich fällt Stierkampf in die Kategorie ‚unerklärliches lebensmüdes Verhalten‘, auch noch mit Tierverletzung (ich bin Vegetarierin). Beispielsweise wird, während die Stiere durch die Straßen zur Arena laufen, ein Mann von einem Stier in die Luft geworfen und lebensgefährlich verletzt.

Vor den Stiere liefen so viele Leute her, daß die Masse sich staute und nur langsam durch das Tor in den Toril gelangen konnte, und als die Stiere alle zusammen schwer galoppierend, die Flanken mit Kot bespritzt, mit geschwungenen Hörnern vorbeikamen, schoß einer vor, faßte einen Mann aus der laufenden Menge im Rücken und hob ihn in die Luft. Beide Arme des Mannes hingen seitwärts herunter, sein Kopf fiel nach hinten, als das Horn sich in ihn bohrte und der Stier ihn hochhob und dann fallen ließ. (S. 232f. in der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1993, übersetzt von Annemarie Horschitz -Horst)

Auf der Seite der Fiesta San Fermin kann man sich ein Video des Stierlaufs von 2015 anschauen und schnell wird klar: solche Vorfälle waren keine Seltenheit.

Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit. Die Lektüre hat sich gelohnt. Die Eindrücke aus Paris sind genau das, was ich mir von ‚Hemingway live aus Paris‘ vorgestellt hatte und die Geschichte in Pamplona hat mich so angesprochen, dass ich am liebsten auch gleich hinfahren möchte (wenn auch nicht zum Stierkampf).

 

Fremdgelesen: das 20. Jahrhundert ist nicht genug

Nachdem ich nun 23 Bücher von 1901 bis 1923 gelesen habe, muss ich eine gewisse Ermüdung feststellen. Immer öfter möchte ich Impulsen, einfach das nächstbeste aktuelle Buch zu verschlingen nachgeben. Und immer öfter möchte ich dann auch darüber schreiben. Oder auch mal über eine Reise oder einen Film, eine Platte. Und genau das mache ich jetzt auch auf meinem kultur.blog. Bildschirmfoto 2015-03-10 um 18.27.05

Akutell blogge ich über ein Fahrradwochenende am Elberadweg und über „Besserland“ von Alexandra Friedmann, die am Donnerstag auch in Leipzig liest. Als nächstes freue ich mich schon auf die Leipziger Buchmesse und auf „Alle Nähe fern“ von André Herzberg. Ach ja, „Auf der Suche nach Indien“ von E. M. Forster (1924) habe ich natürlich nicht vergessen.

1911-1920: Reisen in eine andere Welt (Top10)

Foto 1Es scheint ein Jahrzehnt des Reisens zu sein. Das war mir vor meiner Lektüre gar nicht klar. Vor allem sind es weite Reisen: von England nach Afrika, von Afrika nach Nordamerika, von Europa nach Südamerika, nach Bengalen, vom Land in die Stadt auch in ganz andere Sphären. Es geht um das Loslassen des Altbekannten und das sich Einlassen auf das Neue. Oft stellt sich heraus, dass das Neue nicht immer das Richtige für jeden ist und manch einer kehrt zurück oder stirbt.

Hier nun meine persönliche Rangfolge des zweiten Jahrzehnts und alle diejenigen, die sich zum Lesen nicht aufraffen können, weil sie keine Zeit haben oder durch meine Leseerfahrungen nun total abgeschreckt sich, finden hier auch entsprechende Verfilmungen.

1. ageZeit der Unschuld (Edith Wharthon): absoluter Spitzenreiter der zweiten Lesedekade.  Das Buch hat alles, was ich brauche um literarisch glücklich zu sein: eine mitreißende Geschichte in toller Kulisse und zwei Liebende, die kämpfen, um zueinander zu kommen. Das alles wurde 1993 mitreißend verfilmt von Martin Scorsese.

2. Segen der Erde (Knut Hamsun): auch hier wieder eine facettenreiche Geschichte rund um die Frage, wie viel Ambitionen sind eigentlich wohltuend für Mensch und Natur + spannende, vielschichtige Figuren. Es gibt einen Stummfilm von 1921.

3. Zu Hause und Draußen (Rabindanath Tagore): Eine Frau zwischen Emanzipation, Versuchung und Altbewährtem – und die Frage, ob es noch einen Weg zurück gibt, wenn man sich total verrannt hat. Es gibt einen bengalischen Film von 1984.

4. sonsSöhne und Liebhaber (D.H. Lawrence): Das Thema ist eigentlich ein Dauerbrenner. Was geben uns unsere Eltern mit auf den Weg und was machen wir daraus. Sind wir überhaupt unseres eigenen Glückes Schmied oder haben am Ende gar keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Der Roman wurde 1960 verfilmt. Der Film ist mehrfach preisgekrönt. Könnte sich wirklich lohnen.

5. Die Fahrt nach draußen (Virginia Woolf): leider eines dieser Bücher, in dem wahnsinnig viele Wörter vorkommen, ohne dass es die Geschichte tatsächlich vorwärts bringt. Das Thema ist eigentlich ganz interessant. Da ist diese junge Frau, die zur Welt nicht so recht eine Beziehung herstellen kann. Da aber der Plot nicht wirklich stark ist, kam wohl eine Verfilmung für niemanden in Frage.

6. Atlantis (Gerhart Hauptmann): Mann in der Mitte seines Lebens lässt alles stehen und liegen und fährt auf einem Ozeandampfer einer jungen Artistin hinterher. Am Ende verliert er den Verstand. Es gibt eine dänische Verfilmung von 1913, dabei ist ja auch das Buch erst 1912 erschienen. Es wurden eine halbe Millionen dänischer Kronen verballert. Damit gilt der Film als teuerster seiner Zeit.

7. tarzanTarzan bei den Affen (E. R. Burroughs) Ist zwar einerseits ganz kultig, aber im Großen und Ganzen kann man seine Lesezeit auch gewinnbringender rumkriegen. Man könnte in der Zeit auch mehrere Tarzan-Filme kucken, zum Beispiel einen Disney-Film von 1999 oder die Neuauflage in 3D. Legendär sind die Filme „Tarzan – Der Affenmensch“ mit Johnny Weissmuller und auch die mit Lex Barker. Die Internet Movie Database listet über 100 Tarzan-Filme auf, was unter anderem daran liegt, dass es schon fast eine unüberschaubare Anzahl an Tarzan-Büchern gibt, die Burroughs und andere namenlose Groschenheft-Autoren verfasst haben.

8. Tarr (Wyndham Lewis): Buch über einen Künstler in Paris und die Schwierigkeit, die Grenzen konventioneller Beziehungen dahingehend auszuweiten, dass sie einem tatsächlich passen. Schon das Buch ist insgesamt eher unbekannt. Von Verfilmung kein Wort. Nirgends.

9. devilSanders vom Strom (Edgar Wallace): Paradebeispiel kolonialen Chauvinismus, ist aber wahrscheinlich ein gutes Bild des Zeitgeistes. Es gibt einen deutsch-spanischen Abenteuerfilm von 1971, der auf Teilen des Buches basiert und einen Film von 1935.

10. Jürgen (James B. Cabell): Obwohl dieses Buch angeblich ein Klassiker des komischen Fantasyromans ist, kann ich einfach gar nichts daran finden. Und ich finde es gar nicht so schlecht, dass es offenbar auch nicht verfilmt worden ist. Wäre auch zu abstrus.

In dieser Dekade sind einige Punkte in verschiedenen Erdteilen hinzugekommen auf meiner literarischen Landkarte. Auffällig sind nach wie vor Häufungen in Paris, London und nun auch in New York. Ich hatte schon seit Jahren so eine Ahnung, dass sich meine Lektüre immer wieder an den gleichen Plätzen abspielt. Aber das 20. Jahrhundert ist noch lang. Ich habe noch genug Zeit, um entlegenere Orte auf meiner Karte hinzuzufügen.

Fremdgelesen: Man müsste mal (Neulich in der Bibliothek)

Seitdem ich mein Projekt Ein Jahrhundert lesen verfolge, kaufe ich mir keine Bücher mehr. Es ist erstaunlich, aber wirklich!!! Also natürlich meine ich nicht gar keine Bücher, sondern nur keine Bücher, die nicht für mein Leseprojekt bestimmt sind. Was ich außerdem brauche, hole ich mir aus der örtlichen Stadtbibliothek. Um mich auf 1917 und Knut Hamsun vorzubereiten, ging ich ganz zielstrebig zur Abteilung Literaturwissenschaft, und wurde auch prompt fündig. Ich lese gern Autorenbiografien, bis zur Entstehungszeit meines aktuell zu lesenden Buches. Normalerweise muss ich dabei mit einer der trockenen rororo Monographien Vorlieb nehmen. Die sind zwar ungemein handlich, aber meistens nicht besonders gut lesbar.

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Dieses Mal überraschte mich meine Bücherei mit einem wunderbaren „Leben in Bildern“ vom Deutschen Kunstverlag. Wolfgang Schneider gibt einen kurzen Überblick über das Leben von Knut Hamsun, der zudem großzügig bebildert ist. Glücklich über meinen Fund war ich schon fast wieder draußen, da war mir, als hörte ich von oben aus dem zweiten Stock noch Bücher rufen. Dazu muss man wissen, dass für mich Besuche in der Bibliothek das sind, was für andere Frauen vielleicht Shoppingtouren. Die Bibliothek ist mein Konsumtempel und ich nutze ihn regelmäßig bis zum Exzess, seit ich 1992 meine Lesekarte in der Bertolt-Brecht-Bibliothek in Berlin-Mitte (unten drin im Kino International) bekam. Woche um Woche schleppte ich seither rucksäckevoll Bücher uns sonstige Medien nach Hause und heute kann ich voller Stolz behaupten einen Großteil der 14,9 Millionen Euro Sanierungskosten der Leipziger Stadtbibliotheken durch meine Mahngebühren getragen zu haben.

Gut, dachte ich, ich gehe nur mal schnell kucken, ob es oben vielleicht gerade zufällig „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe oder „Der letzte Mohikaner“  von James Fenimore Cooper gibt. Was soll ich sagen, es gab beide Bücher. Seit ich letztens eine wunderbare Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gelesen habe (Cowboys, Gott und Coca Cola von Sylvia Englert), standen beide Bücher auf der Liste „Müsste man mal…“. Zufällig stehen gegenüber von den Belletristik-Regalen der Buchstaben S, T und so weiter die englischsprachigen Bücher. Mal wieder was auf Englisch lesen steht auch ganz oben auf der „Müsste man mal…“-Liste. Also wenigstens mal kurz kucken… „The Woman who Went to Bed for A Year“ von Sue Townsend ist spontan in meinen Korb gesprungen. Und dann auf dem Weg nach draußen habe ich nur noch ganz kurz meinen Blick zum Ständer mit den Preisgekrönten schweifen lassen. Noch Mal konnte ich Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wirklich nicht in der Bibliothek zurücklassen.DSCF4188

Schließlich kam ich also wieder mit einem beachtlichen Stapel Lesestoff zu Hause an und statt, wie geplant, über Knut Hamsun, fiel ich wie ausgehungert über Sue Townsend her. Sue Townsend, die am 10.04.2014 gestorben ist, war übrigens seit 2001 blind. Was sie nicht daran hinderte, weiterhin zahlreiche witzige Bücher zu schreiben. „The Woman who Went to Bed for A Year“ (deutsch: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb bei Haffmans & Tolkemitt) war nun ihr letztes. Und es war großartig. Eva Beaver, Frau um die 50, geht an dem Tag, an dem ihre Zwillinge zum Studium das elterliche Haus verlassen, ins Bett und bleibt dort. Sie denkt über ihr Leben nach und verweigert sich Dingen wie dem Einkauf, dem Kochen und den Weihnachtsvorbereitungen. Zuerst denken alle, sie ist verrückt geworden, doch spätestens als auf dem Chapatti einer indischen Hausfrau ein Abbild von Eva erscheint, wird sie zu einer Berühmtheit in der Nachbarschaft und im Web 2.0. Außerdem verliebt sich Eva neu (das ist auch gut so, schließlich offenbart sich, dass ihr Mann sie seit 8 Jahren betrügt). Aber einfach die Tatsache, dass die Dame im Bett geht und konsequent drin bleibt, weil sie über ihr Leben nachdenkt, ist die Lektüre wert. Müssten wir nicht alle mal ein bisschen in Ruhe über unser Leben nachdenken und sehen, ob es uns noch passt? Townsends Buch ist nicht nur total einleuchtend, sondern auch herrlich abstrus, zum Totlachen.

Nun habe ich immer noch einen Riesenstapel auf dem Nachtisch. Alles in der Kategorie „Müsste man mal…“

1901 – 1910: Nichts bleibt wie es war (Top 10)

1901 - 1910Die erste Dekade des 20. Jahrhunderts ist vorüber. Zeit für einen kleinen Rückblick. Mein Projekt hat einen guten und lehrreichen Anfang genommen mit den Buddenbrooks. Ich bin froh, diesen Roman ausgewählt zu haben. Wer weiß, wie viel Jahre ich sonst noch ohne die Erkenntnis zugebracht hätte, dass das ein richtig gutes Buch ist. Die Flügel der Taube hätte ich mir klemmen können. Aber, wer nicht wagt der nicht gewinnt. Auch Das Rätsel der Sandbank ist, rückblickend betrachtet, seine Zeit nicht unbedingt wert gewesen. Die Neuentdeckung des Jahrzehnts ist auf jeden Fall Hermann Hesse mit Peter Camenzind. Und wer hätte gedacht, dass der so oft verunglimpften Professor Unrat so lesbar ist. Wolfsblut war zwar nicht überraschend, aber hat genau ins Schwarze getroffen. Jede Menge Jack London wartet darauf in der Zukunft von mir gelesen zu werden. Bei Der Geheimagent bin ich etwas weniger überschwänglich. Hat mich nicht wirklich überzeugt. Arnold Bennetts Geschichte von Constance und Sophia ist mir ans Herz gewachsen. Auf dem letzen Platz der Hitliste liegt weit abgeschlagen Jakob von Gunten. Selten so ein langweiliges Buch gelesen. Vielleicht findet der ein oder andere angestaubte Germanist etwas daran. Ganz anders und ganz aufregend: Das Dorf von Iwan Bunin.

Hier meine persönlichen TOP 10 für die erste Dekade des 20. Jahrhunderts:

1. Buddenbrooks von Thomas Mann

2. Peter Camenzind von Hermann Hesse

3. Das Dorf von Iwan Bunin

4. Constance und Sophia von Arnold Bennett

5. Wolfsblut von Jack London

6. Professor Unrat von Heinrich Mann

7. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

8. Der Geheimagent von Joseph Conrad

9. Flügel der Taube von Henry James

10. Jakob von Gunten von Robert Walser

Die großen Themen sind mehr oder weniger rasante Umwälzungen in Gesellschaft und Umwelt. Immer wieder taucht die Ablehnung von Neuem auf, die Buddenbrooks, Constance Povey und Mr. Verloc halten lieber an altbewährtem fest. Dennoch ist eines klar: alles verändert sich und es gibt Figuren wie Constances Schwester Sophia, die die sich auftuenden Gelegenheiten nutzen und der Zukunft aufgeschlossen gegenüberstehen.

So auch ich. In der nächsten Dekade erwarten mich zuerst Edgar Wallage, Gerhard Hauptmann, D.H. Lawrence und Virginia Woolf. Ich bin gespannt!

Fremdgelesen: Aesops Fabeln

Listen üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Obwohl ich meine Liste natürlich für das Nonplusultra halte, kann ich meine Augen nicht von anderen lassen. Dieses Mal habe ich mich ablenken lassen von juneautumns Blog über die 1001 Bücher, die sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Für mich ist es meistens am Schönsten der Reihe nach zu gehen. Das heißt in diesem Fall: ganz früher anfangen, bei Äsop.

Ich erinnere mich dunkel an eine Zeit irgendwann im Deutschunterricht, ich glaube, es war noch in der Grundschule. Da war mal was mit Fabeln. Aber was? Zuerst kommt für mich auch noch die Frage: Wer war eigentlich dieser Äsop und warum sind seine Fabeln heute noch so bekannt? Kann ich dem was abgewinnen?

Da mein Buchbudget durch das Jahrhundertprojekt schon ausgeschöpft ist und die Bücherregale bald zusammenkrachen, mache ich auch mal was, was ich noch nie gemacht habe. Ich lese online bei Projekt Gutenberg.

Doch zuerst zurück zu Äsop. Aus der Wikipedia erfahren wir, dass es ein griechischer Dichter und ungefähr 600 v.Chr. gelebt hat und als Begründer der Fabeldichtung gilt. Ganz ehrlich: das wusste ich schon. Ansonsten gibt es allerlei Mythen über sein Leben. Er soll zum Beispiel ein Sklave gewesen sein, der von einem seiner Herren in die Freiheit entlassen wurde und anschließend an einen Königshof kam. Im Mittelalter gab es einen recht populären Roman über sein Leben. Für mich ist Äsop entsetzlich weit weg, lange lange her.

Seine Form hingegen, finde ich schon spannend: die Fabel. Die kurzen Geschichten funktionieren als Gleichnis. Reizvoll ist, dass sie so kurz sind. Wir finden kaum überflüssige Wörter, schmückendes Beiwerk. Die Geschichten bleiben beim Kern und verraten kurz und knackig, was sie und geben wollen. So mag ich das.

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt der Fabeln in ihrer belehrenden Funktion nach dem Motto

Was du nicht willst, daß man dir tu‘,
Das füg‘ auch keinem anderen zu.

das kann ganz schön ermüdend sein. Natürlich stecken da zeitlose Wahrheiten drin. Es geht um Hochmut, um Gier, Eitelkeit. Der Mensch wird nicht direkt für seine Fehler angeklagt, aber der erhobene Zeigefinger begleitet die Lektüre unaufhörlich. Das muss man schon wollen.