1919: 2 Fantasybücher, die man lieber lesen sollte als „Jürgen“

Wie bin ich da nur reingeraten? Als ich meine Leseliste erstellt habe, wollte ich auch Genres lesen, die ich bisher aus verschiedenen Gründen vernachlässigt habe. Eines davon ist Fantasyliteratur. Ich bin eigentlich gar nicht grundsätzlich dagegen, habe mich eben bisher meistens trotzdem für eine „realere“ Geschichte entschieden. Nachdem ich in den Untiefen meines literarischen Gedächtnisses gekramt habe, fielen mir nur 2 bisher gelesene Bücher ein, die ich ins Regal „Fantasy“ stellen würde. Und die gar nicht so übel waren.

buchcover

1. Die Unendliche Geschichte von Michael Ende: Da geht mir auch jetzt noch das Herz auf. Die Geschichte ist einfach zu toll: der junge Bastian Balthasar Bux rennt eines Tages, weil er von den anderen Jungs gehänselt und verfolgt wird in ein Antiquariat und kommt so zu einem außergewöhnlichen Buch. Weil er nicht weiß, wohin er soll, schließt er sich auf dem Dachboden seiner Schule ein und entflieht nach Fantasien. Dort wimmelt es vor lauter tollen Typen: dem Steinbeißer, dem Indianer Atreju, der Glücksdrache Fuchur. Die kindliche Kaiserin erfüllt all seine Wünsche, bis er schließlich darum kämpft wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Selbst wenn man eine Taschenbuchausgabe kauft, findet man die Geschichte zweifarbig gedruckt: rot für Realität, grün für Fantasien.

2. Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien: Die Geschichte dieses Ziegelsteins von einem Buch ist 9783608938289seit Peter Jacksons Verfilmung sicherlich allgemein bekannt: Ein Hobbit muss die Welt retten, indem er einen Ring in ein Feuer wirft. Trotzdem ist das Buch seine Lesezeit wert. Ich erinnere mich noch an meine Fassungslosigkeit, als ich nach und nach bemerkte, dass sich Tolkien, da nicht nur ein Land en detail, sondern gleich noch dessen Jahrtausende dauernde Geschichte ausgedacht hatte und dazu noch ein Sprachennerd war. Nicht nur erfand er die elbischen Sprachen Quenya und Sindarin, sondern arbeitete auch in der wirklichen Welt am Oxford English Dictionary. Abgesehen von vielleicht 50 Seiten am Ende des 3. Bandes, als der Ring schon in den Schicksalsberg geworfen ist, ist nahezu jede Seite lesenswert.

An diese beiden Erzähltalente musste ich immerfort denken, als ich mich durch die 353 nicht cover_juergen_cabell_james_branchenden wollenden Seiten von Jürgen gequält habe. James B. Cabell führt wirklich sehr beispielhaft vor, wie man keinen guten Roman schreibt. Der Protagonist, Jürgen, ein Pfandleiher, der eigentlich mal Dichter war, jetzt aber ein Geschäft und eine zickige Frau hat, geht ein Pakt mit einer dunklen Gestalt ein und bekommt die Gelegenheit, wieder jung zu sein. Diese Gelegenheit nutzt er für zahlreiche Liebesgeschichten. Wegen diesen Liebesgeschichten hatte die New Yorker Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters versucht, das Buch verbieten zu lassen. Das ist zwar nicht geglückt, aber wahrscheinlich der Grund, warum das Buch bekannt genug ist, um angezeigt zu werden, wenn man im Internet nach Romanen sucht, die 1919 erschienen sind. Der Erzählstil ist grässlich. Geht es nicht bei Fantasy darum, mit Worten eine andere Welt entstehen zu lassen? Cabell verliert gerade mal genug Worte, um klar zu machen, dass Jürgen hierhin ging, den und den traf, dann dorthin ging und diesen und jenen traf. Alle Orte und Personen werden also lediglich genannt und dem Leser wird absolut zu wenig Material geliefert, um sich irgendwas selbst auszumalen. Dazu kommt noch die unmögliche Übersetzung mit meist unlesbaren Sätzen von Jürgen Blasius:

Nun, wie Jürgen freimütig zugab, hatte sich sein Benehmen gegenüber Stella, jener vom Unglück verfolgten Yogini von Indawadi, wenn man es unter einem besonderen und ganz unzumutbaren Gesichtspunkt betrachtete, in der Tat einen Aspekt gezeigt, der, wenn er von übereilt urteilenden Personen isoliert betrachtet wurde, möglicherweise in deiner oder zweierlei Hinsicht den entfernten Anschein vorübergehender Vernachlässigung seiner Gemahlin erwecken mochte, wenn es überhaupt irgendwo Menschen von solch einer geistigen Unzulänglichkeit gab, daß sie eine derartige Vernachlässigung vorstellbar fanden.“ (Seiten 161 der Ausgabe aus der Reihe Fantasy Classics, Heyne 1981)

Ich habe mich durch das derzeit schlechteste Buch im 20. Jahrhundert gequält und bin froh, dass es vorbei ist. Und freue mich auf Zeit der Unschuld von Edith Wharton. Es erwarten mich feinste Verwicklungen der New Yorker High Society im 19. Jahrhundert. Ich habe vor jede Zeile der wohlformulierten Sätze in dieser sorgfältig ausgebreiteten Geschichte zu genießen.

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