1928: Arthur Schnitzlers „Therese. Chronik eines Frauenlebens“

Während sich die Lesewelt auf der Buchmesse tummelt, bin ich keine 10 Kilometer entfernt mit meinem Infekt in meiner Wohnung gefangen. An Messebesuch ist nicht zu denken. Mein Geist ist nach einem ausführlichen Mittagsschläfchen jetzt aber wieder fit, also mache ich statt Lesefest jetzt meine eigene kleine Blog-Party und schreibe, längst fällig, über „Therese“. Dazu gibt es, ganz österreichisch The Best of Mozart bei youtube.

Eigentlich war Arthur Schnitzler für 1928 nur eine Notlösung. Andre Breton stand ewig auf meiner Liste und ich hatte, obwohl ich 1927 schon ausgelesen hatte, immernoch kein Exemplar von „Nadja“ besorgt. Ich hatte Angst, es könnte wieder kompliziert werden. Mit Schnitzler habe ich vor vielen Jahren aber schon einmal gute Erfahrungen gemacht. „Leutnant Gustl“ hat mich regelrecht vom Hocker gehauen und das Stück „Reigen“ kann ich auch jedem empfehlen, der sich für die Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende interessiert. „Therese“ ist zwar über 20 Jahre jünger und stammt also von einem wesentlich älteren Schnitzler, ist aber nicht weniger lesenswert.

ThereseIm Mittelpunkt des Romans steht, wie der Titel es erahnen lässt, Therese. Sie wächst als Offizierstochter in Salzburg auf (deswegen auch der Mozart). In ihrer Rolle als brave Tochter langweilt sie sich zu Tode. Es ist von Anfang an klar, dass sie mehr vom Leben will, als einen braven Ehemann. Sie will Herzklopfen, Liebe und Leidenschaft und sie empfindet das gute Kleinbürgertum als heuchlerisch. Erst recht, als Ihre Mutter von Therese verlangt, sich zur Mätresse eines Grafen zu machen, um für das Auskommen der Familie zu sorgen, während der Vater seine Tage in einer Irrenanstalt zubringt. Dazu kann sich Therese aber nicht herablassen. Sie beginnt indes eine Liebschaft mit dem Unteroffizier Max, der sie zwar in Wallungen bringt, ihr aber auch untreu ist. Nachdem es aus ist, schafft Therese den Abschied von der Mutter und geht nach Wien, um sich dort als Kindermädchen zu verdingen. Sie wechselt häufig die Anstellungen. Nie ist sie richtig zufrieden und ohne Zeugnisse kann sie auch keine richtig gute Stellung finden.

Die Stunden des ruhigen, allmählichen Erwachens, wie sie ihr noch vor kurzer Zeit in der Heimat vergönnt gewesen waren, kamen ihr in wehmütiger Erinnerung, zum erstenmal faßte sie mit Schrecken die Tiefe ihres Abstiegs und die Geschwindigkeit mit der er sich vollzog. (Seite 58)

Am Rande des gesellschaftlichen Abgrundes balanciert Therese fortan ihr ganzes Leben. Sie bekommt ein uneheliches Kind, denn auf leidenschaftliche Vergnügungen kann und will sie als Frau nicht verzichten. Aber eine glückliche Ehe einzugehen oder mit ihrem Sohn in Frieden zu leben, dieses Glück bleibt ihr verwehrt. Schließlich ist sie auch neidisch auf ihre Herrschaften, von denen sie abhängig ist.

… immer wieder erbitterte es Therese, daß Frau Direktor sich bei jeder Gelegenheit nach Herzenslust schonen und ins Bett legen konnte, während man auf sie, die am Ende doch auch eine Frau war, nie und nimmer Rücksicht nahm und niemals Rücksicht genommen hatte. (Seite 180)

Die Ungerechtigkeiten, die Therese im Laufe ihres Lebens wiederfahren, schockieren mich enorm. Es ist unglaublich, wie unmöglich es für ein Mädchen aus der Unterschicht war, im Laufe eines Lebens in trockene Tücher zu kommen, geschweige denn auch noch auf persönliche Erfüllung im Leben zu hoffen. Schnitzler zeigt hier eine Situation, die von der bürgerlichen Gesellschaft wahrscheinlich lieber nicht wahrgenommen worden ist. Auch heute denkt man ja oft, dass sich in den 20er Jahren schon einiges an Frauenselbstbestimmung getan hat, aber die Frauenbewegung war wohl lange lange Zeit eine Oberschichtenvergnügung!

1924: Interkulturelle Freundschaft – Nicht jetzt und nicht hier

IMG_8581Wenn zwei, die unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, miteinander kommunizieren, kann es manchmal ganz schöne Missverständnisse geben. Mitunter kommen sie auch gar nicht zusammen, aus Angst vor der Fremden oder aus einer Erhabenheitsdenke heraus. Das Thema kommt immer wieder: man denke nur an die Multi-Kulti-Debatte oder an Seminare zu Interkultureller Kommunikation, die an keiner Volkshochschule fehlen. Um zwischenkulturelle Schwierigkeiten ging es aber früher auch schon. Ich denke an die Zeit des Imperialismus. Und genau hier entdecke ich „Auf der Suche nach Indien“ von E.M. Forster. Dass Großbritannien ein großes Kolonialreich hatte, ist bekannt. Indien war das Flagschiff, das Juwel der Britischen Krone. 1876 ließ sich Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien krönen. Unzählige Britische Staatsbeamte nahmen die lange Seereise auf sich, um eine europäische Ordnung im Orient zu installieren. Vor Ort hatten sie dann mehr oder weniger intensiven Kontakt zur indischen Bevölkerung.

Einer der Protagonisten von „Auf der Suche nach Indien“ ist Aziz, ein muslimischer Mediziner. Er diskutiert mit seinen Freunden Hamidullah und Mahmoud Ali, ob es überhaupt möglich ist, mit einem Engländer befreundet zu sein. Sie sind sich schnell einig, dass das unmöglich ist. Selbst die Engländerinnen seien hochnäsig und bestechlich. Die Freunde empören sich über die herablassende Art der Briten, die die Inder im Klub von Tschandrapur noch nicht mal als Gäste zulassen wollen. Forster baut einen starken Gegensatz auf. Bei der Beschreibung Indiens bedient er sich einer fast märchenhaften Sprache:

Das weite Indien – Hunderte von Ländern, die Indien hießen – flüsterte draußen unter der Nacht unter einem gleichmütigen Mond vor sich hin.“ (Seite 18 in meinem Fischer-Taschenbuch)

Auf der anderen Seite steht die Heimat des anglo-indischen Beamtentums:

Die Straßen, auf die Namen siegreicher Generäle getauft und im rechten Winkel sich kreuzend, waren symbolisch für das Netz, das Großbritannien über Indien geworfen hatte und in dessen Machen er (Aziz) sich jetzt verfing.“ (Seite 20)

Es kommt aber doch so, dass Aziz sich mit einem Briten anfreundet. Fielding ist Leiter des Beamtenseminars und ein unkonventioneller Mensch. Er fungiert als Schnittstelle für Bekanntschaften mit weiteren Briten, unter anderem auch für die mit Adela Quested, die nach Indien gekommen ist, um einen Regierungsbeamten zu heiraten. Als die junge Frau auf einem gemeinsamen Ausflug in den stockdusteren Marabar-Grotten angegriffen wird und daraufhin Aziz anzeigt, wird offenbar, dass die Verbindung zwischen Europäern und Indern doch nicht so fest war, wie gehofft. Adela Quested bezichtigt Aziz eines Angriffs und sie muss gar nichts weiter erklären. Letztenendes kommt er ins Gefängnis, weil er ein Inder ist und die Justiz eine englische. Das ist natürlich furchtbar ungerecht, das ist offensichtlich. Und als sie ihren Fehler einsieht, ist Aziz so eingeschnappt, dass er sich von den Briten insgesamt abwendet und der ganze interkulturelle Kontakt ist im Dutt.

Am Ende des Romans beantwortet Forster, die Frage nach einer möglichen Freundschaft zwischen Fielding und Aziz:

Das alles rief mit hundertfach verschiedener Stimme: „Nein, noch nicht“, und der Himmel bestätigte: „Nein, nicht jetzt und nicht hier.“ (Seite 389)

Mein erster Impuls ist, mir einzureden, dass das eben damals so war. Aber mal ehrlich: wie viel weiter sind wir heute gekommen? Könnten heute Unterdrücker und unterdrückte Kultur echte Freunde werden? Diskriminierung ist auch heute ein allgegenwärtiges Problem, in Indien und auch in Europa. Natürlich hat sich viel getan. Kolonien sind unabhängig geworden, es gibt Antidiskriminierungspolitik, der moderne Europäer hält sich für interessiert an der Fremde. Aber weit trägt das noch nicht. Ich schließe mich nun gute 90 Jahre später E. M. Forster an: Fielding und Aziz wären auch heute noch keine Freunde, nicht jetzt und nicht hier.

1922: Midlife-Crisis in the Midwest

IMG_8241Heutzutage ist es schon ein Klischee: Männer stürzen in der Mitte des Lebens in der Identitätskrise. Jahrzehnte des Arbeitens zahlen sich irgendwie nicht richtig aus, die Kinder sind fast aus dem Haus, die Frau ist auch nicht mehr so schön, wie sie mal war. Manchen hilft ein rotes Cabrio und manche suchen nach einer jüngeren Frau. Man denke nur an Kevin Spacey in American Beauty. Obwohl der Begriff Midlife-Crisis erst 1974 von der amerikanischen Autorin Gail Sheehy geprägt wurde geht es auch schon im „Babbitt“ um genau dieses Phänomen. Sinclair Lewis (das ist der, der auch „Hauptstraße“ geschrieben hat) entwirft die gesichtslose Stadt Zenith im Mittleren Westen. Wir begleiten den Fortschrittsenthusiasten George Babbitt bei seiner Morgendhygiene, seinen Immobiliengeschäften und dabei, wie er einen neuen Zigarrenanzünder für seinen schicken Wagen ersteht. Die Geschichte könnte auch heute spielen: wie eine Aufziehpuppe geht er täglich ins Büro, seine Frau hat er seit Wochen nicht angesehen. Sie erwartet, wie die übrige Gesellschaft, dass er sich in seine Rolle fügt. Langsam dämmert in ihm eine unbestimmt Unzfriedenheit.

Es beginnt damit, dass er seine Frau langweilig findet:

Sie hatte sich so sehr an die Eintönigkeit ihres ehelichen Lebens gewöhnt, daß sie jetzt in ihrer vollen Reife ebenso geschlechtslos war wie eine blutarme Nonne.“ (Seite 11 der tollen Ausgabe der Hamburger Hausbücherei v0n 1954)

Nach und nach scheint er an der Drögheit des Alltags zu ersticken. Als er sich seiner Situation bewußt geworden ist, teilt er sich seinem engen Freund Paul Riesling mit und kommt seinem Unglück langsam auf die Schliche. Schon nach der Schule hatte er eigentlich Anwalt werden, noch ein paar Jahre lernen und schaffen wollen. Er fühlte sich zu Großem berufen. Damals hatte er allerdings schon die Bekanntschaft seiner Frau gemacht. Eine juristische Lehrzeit hätte bedeutet, noch viele Jahre nicht heiraten zu können. Flugs war er verlobt gewesen und seine Träume begraben. Er sehnt sich nach Freiheit und gegen deren erbitterten Widerstand ringt er seiner Frau ein paar Tage nur für sich in Maine ab.

Während langer Minuten, während vieler Stunden, während unendlicher Eweigkeiten lag er zitternd wach, von primitiver Angst gequält, mit dem klaren Bewußtsein, daß er sich seine Freiheiten erkämpft hatte, und wunderte sich dabei im stillen, was man mit etwas so Fremdartigem, etwas so Verwirrendem wie Freiheit wohl anfangen konnte.“ (Seite 136)

Statt sich nun zu überlegen, was er mit der Freiheit anfängt, was er im Leben wirklich braucht, jagt er nach einem Beruhigungsmittel. Er sucht die Gesellschaft von anderen Karrieretypen, die von ihren Frauen gelangweilt sind und die gern, an den Prohibitionsgesetzen vorbei, über die Stränge schlagen. Er sucht Anerkennung in der Politik, einer geheimen Bruderschaft, in der Sonntagsschule und bei Frauen. Er schießt sich ins gesellschaftliche Aus, weil er öffentlich zu seinem Freund Paul hält, der sich gegen den gesellschaftlichen Druck gewehrt und seine Frau über den Haufen geschossen hat. Er träumt vom Ausbruch, vom Leben als Trapper. Bei alldem erweckt dieser egoistische Trottel noch genug Mitgefühl, dass man ihm einen Neubeginn wirklich gönnen würde.

Stattdessen aber wird seine Frau krank und wie ein junger Hund kehrt er reuhmütig nach Hause zurück. An dieser Stelle befällt den Leser etwas wie ein Kater nach der durchzechten Nacht. Wie kann der Mann zurück in die Mühle gehen? Nach dieser Geschichte! Unfassbar! Vielleicht ist aber gerade das Teil des amerikanischen (Alp-)Traums. Vielleicht sind das aber auch nur die Zwanziger Jahre. Hätte man damals ein Buch enden lassen können mit der Botschaft: Lass deine Familie sitzen! Schmeiß den Job! Ohne kannst du viel glücklicher sein, denn du kannst dich selbst verwirklichen! Auch heute wäre das schwierig, obwohl so viel mehr Varianten des Lebens geschellschaftlich akzeptiert sind (Umsteigen ist das neue Aufsteigen). Verstehen kann ich Babbitt auf jeden Fall. Er ist uneingeschränkt lesenswert!

1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1920: Die Blume des Lebens

FotoUnd es gibt sie doch: die einzig wahre, allumfassende Liebe auf den ersten Blick. Es ist nur blöd, wenn Sie ausgerechnet dann auftaucht, wenn man schon anderweitig verwickelt ist. Das Setting dieses Mal: die feine New Yorker Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – New York City – das klingt für uns wenig gereiste Kleinstadteuropäer mindestens nach ‚Meeting Pot‘, vielleicht sogar ein bisschen nach ‚Rumble in the Bronx‚. Wir finden uns aber in Opern, auf Bällen, bei feinen Landpartien. Die Männer tragen weiße Glacéhandschuhe und die Damen ihre großen Toiletten. Die Kulisse erinnert an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Die feine Gesellschaft ist dieselbe, egal ob Petersburg, Paris oder eben New York. Und dort finden wir uns in einer Zeit, bevor die Freiheitsstatue gebaut wurde und als die Gegend um den Central Park noch als Wildnis galt.NYbirdseye

In „Zeit der Unschuld“ befindet sich die feine New Yorker Gesellschaft gerade in der Oper, als Newland Archer einen Blick auf die schöne Gräfin Olenska wirft. Es ist die Cousine seiner fast Verlobten May. Gräfin Olenska wirft mit Skandalen nur so um sich. Dieses Mal ist sie ihrem Mann davongelaufen. Das kommt natürlich gar nicht so gut an. Um von der Skandalgeschichte abzulenken geben Newland und May ihre Verlobung vorschnell bekannt. Es wird aber relativ schnell klar, dass sich Newland eine leidenschaftliche, kameradschaftliche Beziehung in der Ehe wünscht und dass May aber, aufgrund ihrer Erziehung, dazu niemals in der Lage wäre. Mit der Gräfin Olenska wäre das schon anders, die ist Newland nicht nur intellektuell ebenbürtig, sondern ist insgesamt eher unkonventionell (und daher extrem aufregend). Newland heiratet aber trotzdem May. Fieberhaft hoffte ich während der Lektüre, Newland Archer und die Gräfin Olenska mögen sich doch bitte über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen.  Es war zum Haareraufen, zum Fingernägelabkauen, zum Ausderhautfahren! Und das, obwohl ich schon wusste, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe vor Jahren die meisterhafte Verfilmung von Martin Scorsese gesehen. Archer aber fährt einfach nicht aus der Haut. Und genau das ist der springende Punkt.

Die Gesellschaft weiß, dass Archer der Olenska zugetan ist, auch seine Frau weiß es. Doch niemand sagt etwas. Das wäre ja unfein. Archer, der sich ausmalt, wie sein Leben außerhalb der erlesenen Kreise aussehen könnte, beschleicht das Gefühl, wie ein gebändigtes Raubtier vorgeführt zu werden. Für die Gesellschaft ist der Fall klar. Da spielt es keine Rolle, dass Archer und Olenska ihren Neigungen nie nachgeben, um ja nur die Gesellschaft nicht zu erschüttern. Gräfin Olenska, die ja ihren Mann verlassen hat, ist ohnehin eine gefallene Frau, bei der man ehrenhafte Absichten gar nicht erst vermutet.

Für Archer bleibt immer die Frage, ob es sinnvoll ist, die eigenen Bedürfnisse aus Rücksicht auf andere zurückzustellen. In seinem Fall tritt ja sogar der außergewöhnliche Fall ein, dass ihm dieser edle Zug von seiner Frau nachhaltig gedankt wird.

Etwas, das wußte er, hatte er nicht gefunden: die Blume des Lebens (Seite 460, Serie Piper)

1917: Irgendwie ökomäßig

20140622-140052-50452706.jpg„Wieso liest du denn ein Buch von Knut Hamsun? Ist das nicht so ein Nazi?“ fragt mein Vater, als ich ihm vom Fortschritt meines Projekts erzähle. Und ich frage mich, was da dran ist. Immerhin hat man Hamsun 1920 für „Segen der Erde“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er galt vielen als der bedeutendste lebende Schriftsteller der Welt. James Joyce nannte ihn „Old King Knut“.

Hamsuns Lebensgeschichte liest sich selbst schon wie ein guter Roman und ich mag sie erst gar nicht weglegen, um „Segen der Erde“ anzufangen. Schriftsteller haben ja oft die unglaublichsten Hintergründe, aber Hamsun trifft mich besonders. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und zieht als 9jähriger zu  seinem Parkinson-kranken Onkel. Er hat extreme Sehnsucht nach zu Hause und wird von seinem Onkel schlecht behandelt. Es folgen zahlreiche Fluchtversuche. Er schießt den Vogel ab, als er sich mit der Axt in den  Fuß hackt, damit er für den Onkel als Pflegekraft unbrauchbar wird. Wie schlecht kann es einem Menschen gehen?

Es folgen viele weitere arme Jahre, Jahre in Amerika, Jahre der Krankheit, dann sein Durchbruch mit „Hunger„. Davon konnte er sich aber leider noch Knut_hamsun_1871gar nichts kaufen. Er heiratet, baut sich ein Haus, säuft. Dann Zusammenbruch, Scheidung. Wieder Heirat und so weiter. Unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schreibt er „Segen der Erde“. Nach dem Krieg wird er zum Fan der Deutschen und als die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg Norwegen besetzt, schreibt er pro-deutsche Artikel für die Zeitung und ruft die Norweger dazu auf, die Deutschen nicht zu bekämpfen. Nach  Kriegsende wird er wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“ verurteilt.

In seinem Nobelpreiswerk geht es aber nicht um derlei Dinge, sondern um Isak, einen einfachen Mann, der sich in der Einöde Norwegens ein Stück Land sucht, eine Hütte baut und Inger als Frau findet. Sie leisten verdammt harte Arbeit und machen nicht viel Gewese drum, aber sie verlieben sich echt ineinander. Der gestandene Bauer gerät fast außer sich vor Angst, seine Frau könnte einfach nicht wiederkommen, als sie einmal in ihr Heimatdorf geht, um ein paar Sachen zu holen.

So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles was er von ihr wollte, uns sie war zufrieden damit. (Seite 24, Ausgabe  von Rütten & Loening, Berlin 1979)

Ich bin betört von der Sprache: fast meditativ, repetetiv. Das harte Leben im Ödland beschreibt Hamsun in einer so feinen, nuancenreichen Sprache. Jede einzelne Seite ist ein Vergnügen. Übersetzt wurde von Julius Sandmeier und Sophie Angermann. Ich kann gut verstehen, warum ihn viele so großartig fanden.

Themen von „Segen der Erde“ sind Diskriminierung gegenüber Andersgestaltigen und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für Frauen verantwortliche Entscheidungen für ihre Leben zu treffen. Inger hat eine Hasenscharte, also eine Lippen-Gaumenspalte, und wird schon ihr ganzes Leben lang gehänselt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Isak ist anders. Er nimmt zwar Notiz davon, aber es spielt für ihn keine Rolle. Zwei Mal bringt Inger in Isaks Abwesenheit und ohne Ihre häuslichen Pflichten auch nur für eine Stunde zu vernachlässigen, ein Kind zur Welt. Beim dritten Mal erschrickt sie heftig und ihre größten Ängste bestätigen sich, denn auch ihre Tochter hat eine Nasen-Gaumenspalte. Nun wird auch offenbar, warum sie Isak, jedes Mal, wenn die Wehen kamen, unter Vorwänden ins Dorf hinunter schickte.

In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht. (Seite 54)

Hier stockt mir der Atem und ich muss weinen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie hart das Leben in der Einöde früher gewesen sein muss, dazu noch unter solchen Bedingungen. Später wird Inger ein Prozess gemacht und sie verbringt acht Jahre in Trondheim im Gefängnis, wo sie operiert wird und einiges an Bildung erfährt. Als sie zurückkommt ist sie die Gebildetete, Weitgereiste und hat in vielerlei Hinsicht von der Geschichte profitiert.

Später gibt es im Dorf noch eine zweite Geschichte einer Kindsmörderin. Barbro war als Magd auf den Hof von Axel gekommen und hatte sich mit ihm eingelassen. Obwohl er sie beständig heiraten wollte. Barbro hat aber immer das Gefühl, dass im Leben noch mehr für sie rausspringen könnte. Auch nachdem sie ihr Kind getötet hat und enttarnt worden ist, geht sie ganz unbekümmert damit um. Sie weiß aus der Stadt, dass die Strafen, die Kindsmörderinnen erwarten, nicht mehr so unmenschlich sind, wie es früher war. Auch Barbro steht schließlich vor Gericht. Eine Amtsfrau aus dem Dorf hält ein mitreißendes Plädoyer über die Gesellschaft, die erst unverheiratete Mütter anklagt und sie so dazu treibt, ihre Kinder zu töten und sie hinterher noch dafür anklagt. Sie fragt auch, warum die Männer dabei straffrei ausgehen.

Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken. (Seite 321)

Im Buch wird mehr als deutlich, wie sehr ein Mann auf einem Hof eine Magd braucht. Weil er nämlich alleine nicht weit kommt mit seinem Gewirtschafte (und weil er sonst echt alleine ist). Er braucht die Magd so sehr, dass er sie oft auch zur Frau nimmt (auch wenn die Kirche das erst später erfährt). Die Frauen müssen natürlich auch schauen, wo sie bleiben. Sie bekommen zwar einiges an Wohlstand geboten, aber extrem harte Arbeit wird von ihnen gefordert. Die Entscheidungen, die Hamsuns Frauen hier über ihre Geburten treffen, sind oft sehr selbstbewusst und voller Kalkül. Sie wissen auch, dass so ein Hof ein fragiles betriebswirtschaftliches Unterfangen ist und dass extrem gute Planung und Voraussicht vonnöten ist.

Das Hauptthema bleibt offenbar, dass die einfache Landarbeit edel, ehrlich und gut ist, während Arbeit und Streben aus Profitgier, wie sie in Gestalt zahlreicher Personen im Roman auftauchen, falsch ist und nicht belohnt wird. Das könnte als nazimäßig durchgehen. Vom Gefühl her ist dieses Lob des einfachen Lebens und der einfachen Werte vor allem irgendwie ökomäßig.

 

1916: Freiheit oder Liebe?

DSCF4185Bengalen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die britische  Kolonialregierung spaltet das Land in zwei Hälften, um es besser regierbar zu machen. Dadurch ausgelöst wird die Swadeshi-Bewegung, die den Boykott britischer und die Nutzung einheimischer Produkte propagiert. Mittendrin im politischen Aufruhr finden sich Nikhil, ein Maharadscha, Bimala, seine Frau und Sandip, ein Swadeshi-Wortführer. Ihre Geschichte wird in der Form ihrer ineinander verwobenen Tagebücher erzählt.

Bimala erzählt von ihrer Ergebenheit in ihre Ehe. Sie hat in eine gute Familie geheiratet. Ihr Mann hat eine westliche Ausbildung genossen und möchte sie aus der Abgeschiedenheit ihres Frauengemaches hinaus in die Welt führen. Ich bin überrascht: Nikhils Gedanken passen für mich nicht nach 1916, schon gar nicht nach Indien – Er ist der Meinung, dass Bimala ihn nur liebt, weil sie niemanden sonst kennt und weil die Traditionen sie in ihre Ehe fügen. Er möchte nun, dass sie die Möglichkeiten des Lebens kennenlernt und sich dann bewusst für ihn entscheidet. Also stellt er sie seinem Bekannten Sandip vor. Bimala und er entbrennen in heißer Lieben füreinander. Haarscharf schrammen die beiden über Hunderte von Seiten an der Grenzübertretung und völligen Entehrung vorbei. Die Luft knistert vor Spannung und zerstörerischer Kraft ihrer Begierde. Sandip schreibt:

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen, ich möchte mich vom Kopf bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz damit anfüllen. (Seite 47 meiner schönen Ausgaben von Verlag Volk und Welt Berlin 1961, die eine wunderbar lesbare Übersetzung Helene Meyer-Franck aus dem Jahr 1920 enthält)

Sandip und Bimala pflegen ungehörige Vertrautheiten miteinander, aber Nikhil schreitet nicht ein. Seine Leidensfähigkeit nagt an mir während des Lesens. Ich möchte immer rufen „Sag doch was!“. Er aber möchte, dass Bimala sich als freie Frau für ihn entscheidet. Das ist ganz schön weise.

Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Streiten kann etwas daran ändern. (Seite 76)

Obwohl „Das Heim und die Welt“ Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist die zeitliche Dimension für mich so gar nicht spürbar. Indien ist auch ohne zeitlichen Unterschied für mich unglaublich weit weg. So weit, dass mir auch 100 Jahre gar nicht weiter auffallen. Mein ganzes Wissen habe ich aus halbgaren Kenntnissen über Buddhismus, aus dem Gandhi-Film mit Ben Kingsley und Überblicksvorlesungen über britischen Imperialismus. Bis in die Moderne bin ich niemals vorgedrungen (außer vielleicht vor ein paar Jahren durch Slumdog Millionaire).

Am Ende stiehlt Bimala ihrem Mann eine ganze Stange Geld, um Sandip und seiner Revolutionsbewegung zu gefallen, aber dann passiert etwas

Von dem Augenblick an, als ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. (Seite 213)

Am Ende erkennt Nikhil, dass er Bimala hätte lassen sollen ,wie sie war. Mit seinem Drang, sie zu erleuchten, hat er ihre Liebe riskiert.

Weil ich für gute kitschfreie Liebesgeschichten immer zu haben bin, hat Tagore bei mir ins Schwarze getroffen. Aber nicht nur deshalb ist der Literaturnobelpreisträger von 1913 eine Lesereise wert. Er war selbst Sohn eines wohlhabenden Brahmanen und wurde zum Jurastudium nach England geschickt. Darauf hatte er aber gar keine Lust und so studierte er heimlich englische Literatur. Später zurück in seiner bengalischen Heimat schrieb er Gedichte, Dramen und Romane, die er auch selbst meisterhaft ins Englische übertrug. Tagore war es, von dem Gandhi den Beinamen ‚Mahatma‘ (große Seele) bekam. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesh. Er ist der Urheber lauter Weisheiten wie dieser hier:

Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. (Seite 11)