1933: Staubfänger auf dem Nachttisch – „Miss Lonelyhearts“ von Nathanael West

miss_lonleyhearts1933 – ein Jahr, eine Wegmarke im 20. Jahrhundert. Bei dieser Zahl klingelt es ganz groß im Karussel der Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht. Das Jahr der Machtergreifung der Nazionalsozialisten, der großen Bücherverbrennung – Deutschland, Europa und die ganze Welt wurden von den Folgen für immer verändert. Und irgendwie hatte ich mir vorgestellt, dass in solch wichtigen Jahren auch besonders beeindruckende Bücher erscheinenen würden. Schon die Recherche nach bedeutenden und beeindruckenden Werken von 1933 war nicht leicht. Klar, „Das fliegende Klassenzimmer“ von Erich Kästner fällt in diese Kategorie, ist aber für mich nicht neu genug, um hier verwurstet zu werden. Vielleicht hätte ich mich für H.G. Wells „The Shape of Things to Come“ entscheiden sollen, aber ich habe „Die Zeitmaschine“ und „Der Krieg der Welten“ gelesen und die fand ich zwar prinzipiell super, aber Wells neigt zur Langatmigkeit in der zweiten Buchhälfte und wurde deshalb disqualifiziert. Naja, irgendwie dachte ich, dass „Miss Lonelyherarts“ von Nathanael West schon was hermachen würde.

Das tat es aber nicht. Stattdessen habe ich das Buch über 2 Jahre auf dem Nachttisch verstauben lassen. Dreimal angefangen und doch wieder aufgehört. Ich habe einfach nichts daran finden können. Zur Geschichte: Miss Lonelyhearts arbeitet als Dr. Sommer für eine Zeitung, gibt zwar Beziehungstipps und Anleitung zu mehr Selbstbewusstsein, ist aber selbst beziehungsunfähig und hat eine Zwangsstörung. Sein Herausgeber zieht ihn damit auf, dass er eine religionsartige Gefolgschaft unter seinen LeserInnen aufgebaut hat. Weil Religion eben Antworten parat hat, wie Miss Lonelyhearts. Und das ganze ist so langweilig erzählt, dass mich nicht die Bohne interessiert, was als nächstes passiert.

Ein dankbarer Flohmarkt-Kunde hat das Buch schon vor Wochen in seinen Besitz aufgenommen. Möge er sich damit weniger langweilen als ich. Vielleicht findet er ja sogar etwas daran.

Ich freue mich derweil auf den nächsten Titel. F. Scott Fitzgeralds „Zärtlich ist die Nacht“ war von Anfang an gesetzt. Für 1934 musste ich also nicht lange suchen

1931: Wofür genau wird eigentlich der Literaturnobelpreis verliehen? – „Die gute Erde“ von Pearl S. Buck

Seit ich einen Freund habe, der vor langer Zeit einmal Sinologie studiert hat, fliegen mir Bücher über China vor die Füße. In dem Zusammenhang landete auch Pearl S. Buck in meinem Bücherregal. „Die gute Erde“ liest sich superschnell durch und gibt einen spannenden Eindruck in die Lebenswelt chinesischer Bauern vor 90 Jahren.

Im Zentrum des Romans steht Wang Lung, ein einfacher Reisbauer, der sehr arbeitssam ist und so am Ende einigen Wohlstand erreichen kann. Die Moral von der Geschicht ist vielleicht etwas platt. Ich sehe aber die Stärke des Buches nicht in seiner literarischen Hochwertigkeit. Was mich gepackt hat, waren die Schilderungen der Lebensumstände im ländlichen China. Alles fängt damit an, dass Wang Lung sich eine Sklavin als Frau holt als wäre es das normalste der Welt. Er tut das, weil es für ihn viele Vorteile hat. So eine Frau ist zwar nicht sehr gesprächig, aber sie kann gut arbeiten und haushalten. Später folgen schlimmste Hungersnöte. Immer wieder tauchen Gerüchte auf, andere Leute im Dorf äßen ihre Kinder. Das tun Wang Lung und O-Lan zwar nicht, aber nach einer ausgebliebenen Ernte erwürgt O-Lan ihre zweite Tochter nach der Geburt, weil es einfach keine Perspektive für ihr Überleben gibt. Wang Lung macht derweil irgendetwas anderes und stellt keine Fragen. Schließlich sind sie so arm, dass die Familie ihr Land verlassen muss, um in der Stadt nach Arbeit zu suchen. Aber das Geld, dass sie dort erarbeiten und erbetteln können ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. So spielt Wang Lung mit dem Gedanken, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen.

Hunger und allgegenwärtige Not konnteich mir in meinem bequemen Leben so gar nicht ausmalen, bis ich Pearl S. Bucks „Die gute Erde“ auf dem Tisch hatte. Im Anschluss habe ich übrigens gleich noch ein Sachbuch von Felix Wemheuer gelesen. In „Der große Hunger“ vergleicht er Hungersnöte unter Stalin und Mao. (Rezension hier).

Pearl S. Buck bekam für „Die gute Erde“ 1938 den Nobelpreis für Literatur. Es hagelte massive Kritik aus dem literarischen Establishment, weil Bucks Werke nur wenig literarischen Wert hätten. Meiner bescheidenen Meinung nach, ist das Werk wirklich nicht unbedingt preisverdächtig, aber als Grund für die Preisvergabe finde ich bei Wikipedia auch nicht besonders hohes Niveau genannt, sondern sie erhielt den Preis für „für ihre reichen und echten epischen Schilderungen aus dem chinesischen Bauernleben und für ihre biographischen Meisterwerke“. „Die gute Erde“ ist unbedingt lesbar, was ich von den Werken vieler anderer nobelpreisprämierten AutorInnen nicht sagen kann: William Faulkner (1949) und Günter Grass (1999) finde ich ganz schwierig zu lesen, Elfriede Jelinek (2004) oder Herta Müller (2009) fast unmöglich.

„Die gute Erde“ ist auf jeden Fall ein echter Lesetipp und ein guter Einstieg in den chinesischen Lesekosmos. Nomadenseele hat das Buch hier rezensiert und gibt auch einen Verweis auf den Roman „Wilde Schwände“ von Jung Chang, den ich hier auch allen empfehlen möchte, die sich für chinesische Geschichte(n) im 20. Jahrhundert interessieren. „Wilde Schwäne“ hat mich noch mehr als „Die gute Erde“ nach China entführt, vielleicht auch, weil es einfach viel dicker ist. Vom Vergnügen, wirklich dicke Bücher zu lesen, schreibe ich hier. Wer auch mal Graphic Novels liest, dem seien auf jeden Fall die drei Bände „Ein Leben in China“ und „Lotosfüße“ von Li Kunwu in der Edition Moderne ans Herz gelegt. Bei Lesen ist Luxus findet ihr eine Blogparade Literarische Weltreise Asien mit noch mehr Lesehinweisen zu China, Laos, Japan und Indien.

1927: Am Ende ist es immer die Liebe – Thornton Wilders „Die Brücke von San Luis Rey“

Vor einigen Jahren habe ich, während ich krank auf dem Sofa lag, einen Trailer vom Film „Die Brücke von San Luis Rey“ gesehen. Ich liebe Historiendramen und die Besetzung vielversprechend: Robert DeNiro, Kathy Bates, Gabriel Byrne und Harvey Keitel. Meine Mutter schwärmte dann von dem Buch von Thornton Wilder, das ich dann natürlich lesen wollte, bevor ich mir den Film anschaue. So kam es, dass ich den Film bis jetzt noch nicht gesehen habe und das Buch auf meiner Leseliste landete.
Der Inhalt ist schnell erzählt: An einem Tag in Peru im 18. Jahrhundert reißt eine Hängebrücke und fünf Menschen stürzen mit ihr in die Tiefe. Halb Peru ist schockiert und bewegt. Der Franziskanermönch Bruder Juniper möchte nun anhand einer genauen Untersuchung des Lebens dieser fünf Personen die Göttliche Vorherbestimmung nachweisen:

Wenn es überhaupt einen Plan im Weltall gab, wenn dem menschlichen Dasein irgendein Sinn innewohnte, mußte er sich, wenn auch noch so geheimnisvoll verborgen, sicherlich in diesen fünf so jäh abgeschnittenen Lebensläufen entdecken lassen. (S. 11 in der Ausgabe von Volk und Welt Berlin 1976, übersetzt von Herberth E. Herlitschka)

Im Schnelldurchlauf (das Buch hat nur 143 Seiten) springen wir durch die Leben der Marquesa de Montemayor, die für ihre Liebe von ihrer Tochter verachtet wird, von ihrer Gesellschafterin Pepita, einem Waisenkind aus dem Kloster, das wegen ihrer Liebe zur Äbtissin im freudlosen Leben mit der Marquesa ausharrt. Wir sehen Emanuel, der nach dem Tod seines Zwillingsbruders Manuel selbst todtraurig ist und schließlich den „bejahrerten Harlekin“ Onkel Pio, der sein Leben hingegeben hat für seine Liebe zur Schauspielerin Perichole, und deren Sohn, der kränklich ist und kein langes Leben zu erwarten hat. Während des Lebens frage ich mich natürlich die ganze Zeit, warum ausgerechnet diese fünf in die Schlucht stürzen müssen: ist es guter Lebenswandel, der belohnt oder bestraft wird? Was haben die Figuren gemeinsam? Natürlich findet sich die ein oder andere Gemeinsamkeit, gemeinsame Bekannte, aber der kleinste gemeinsame Nenner scheint am Ende die Liebe zu bleiben.

Die Lektüre dieses dünnen Büchleins war jedenfalls seine Zeit wert. Es war zwar nicht so umwerfend wie erwartet, aber kurzweilig und bewegend.
Nachdem ich nun drei Amerikaner gelesen habe, nach Dreiser, Hemingway und Wilder geht es als nächstes zurück nach Europa, nach Österreich, zu Arthur Schnitzler und „Therese. Chronik eines Frauenlebens“.

Fremdgelesen: Man müsste mal (Neulich in der Bibliothek)

Seitdem ich mein Projekt Ein Jahrhundert lesen verfolge, kaufe ich mir keine Bücher mehr. Es ist erstaunlich, aber wirklich!!! Also natürlich meine ich nicht gar keine Bücher, sondern nur keine Bücher, die nicht für mein Leseprojekt bestimmt sind. Was ich außerdem brauche, hole ich mir aus der örtlichen Stadtbibliothek. Um mich auf 1917 und Knut Hamsun vorzubereiten, ging ich ganz zielstrebig zur Abteilung Literaturwissenschaft, und wurde auch prompt fündig. Ich lese gern Autorenbiografien, bis zur Entstehungszeit meines aktuell zu lesenden Buches. Normalerweise muss ich dabei mit einer der trockenen rororo Monographien Vorlieb nehmen. Die sind zwar ungemein handlich, aber meistens nicht besonders gut lesbar.

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Dieses Mal überraschte mich meine Bücherei mit einem wunderbaren „Leben in Bildern“ vom Deutschen Kunstverlag. Wolfgang Schneider gibt einen kurzen Überblick über das Leben von Knut Hamsun, der zudem großzügig bebildert ist. Glücklich über meinen Fund war ich schon fast wieder draußen, da war mir, als hörte ich von oben aus dem zweiten Stock noch Bücher rufen. Dazu muss man wissen, dass für mich Besuche in der Bibliothek das sind, was für andere Frauen vielleicht Shoppingtouren. Die Bibliothek ist mein Konsumtempel und ich nutze ihn regelmäßig bis zum Exzess, seit ich 1992 meine Lesekarte in der Bertolt-Brecht-Bibliothek in Berlin-Mitte (unten drin im Kino International) bekam. Woche um Woche schleppte ich seither rucksäckevoll Bücher uns sonstige Medien nach Hause und heute kann ich voller Stolz behaupten einen Großteil der 14,9 Millionen Euro Sanierungskosten der Leipziger Stadtbibliotheken durch meine Mahngebühren getragen zu haben.

Gut, dachte ich, ich gehe nur mal schnell kucken, ob es oben vielleicht gerade zufällig „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe oder „Der letzte Mohikaner“  von James Fenimore Cooper gibt. Was soll ich sagen, es gab beide Bücher. Seit ich letztens eine wunderbare Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gelesen habe (Cowboys, Gott und Coca Cola von Sylvia Englert), standen beide Bücher auf der Liste „Müsste man mal…“. Zufällig stehen gegenüber von den Belletristik-Regalen der Buchstaben S, T und so weiter die englischsprachigen Bücher. Mal wieder was auf Englisch lesen steht auch ganz oben auf der „Müsste man mal…“-Liste. Also wenigstens mal kurz kucken… „The Woman who Went to Bed for A Year“ von Sue Townsend ist spontan in meinen Korb gesprungen. Und dann auf dem Weg nach draußen habe ich nur noch ganz kurz meinen Blick zum Ständer mit den Preisgekrönten schweifen lassen. Noch Mal konnte ich Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wirklich nicht in der Bibliothek zurücklassen.DSCF4188

Schließlich kam ich also wieder mit einem beachtlichen Stapel Lesestoff zu Hause an und statt, wie geplant, über Knut Hamsun, fiel ich wie ausgehungert über Sue Townsend her. Sue Townsend, die am 10.04.2014 gestorben ist, war übrigens seit 2001 blind. Was sie nicht daran hinderte, weiterhin zahlreiche witzige Bücher zu schreiben. „The Woman who Went to Bed for A Year“ (deutsch: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb bei Haffmans & Tolkemitt) war nun ihr letztes. Und es war großartig. Eva Beaver, Frau um die 50, geht an dem Tag, an dem ihre Zwillinge zum Studium das elterliche Haus verlassen, ins Bett und bleibt dort. Sie denkt über ihr Leben nach und verweigert sich Dingen wie dem Einkauf, dem Kochen und den Weihnachtsvorbereitungen. Zuerst denken alle, sie ist verrückt geworden, doch spätestens als auf dem Chapatti einer indischen Hausfrau ein Abbild von Eva erscheint, wird sie zu einer Berühmtheit in der Nachbarschaft und im Web 2.0. Außerdem verliebt sich Eva neu (das ist auch gut so, schließlich offenbart sich, dass ihr Mann sie seit 8 Jahren betrügt). Aber einfach die Tatsache, dass die Dame im Bett geht und konsequent drin bleibt, weil sie über ihr Leben nachdenkt, ist die Lektüre wert. Müssten wir nicht alle mal ein bisschen in Ruhe über unser Leben nachdenken und sehen, ob es uns noch passt? Townsends Buch ist nicht nur total einleuchtend, sondern auch herrlich abstrus, zum Totlachen.

Nun habe ich immer noch einen Riesenstapel auf dem Nachtisch. Alles in der Kategorie „Müsste man mal…“

1910: Eine dumpfe Öde im Herzen

Bunin1910Nach den diffusen Ergüssen des pubertären Jakob, habe ich mir vom Jahr 1910 etwas mehr erhofft. Ich wollte eine Geschichte lesen, der ich mit Spannung folgen kann oder wenigstens einen Charakter entdecken, der mich fühlen lässt.

Den Urgroßvater der Krasows, der von dem Gesinde den Spitznamen Zigeuner erhalten hatte, hatte der Gutsherr von Durnowo mit Windhunden zu Tode hetzen lassen. (Seite 5 in der sehr schönen Ausgabe bei Serie Piper von 1988)

Mit Das Dorf öffnet sich für mich, fast wie bei Tolstoi, das weite Russland. Iwan Bunins kurzer Roman dreht sich um die zwei Brüder Tichon und Kusma Iljitsch, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen. Beide sind recht unterschiedlich geraten. Tichon versteht die Wirtschaft und mausert sich zum Gutsbesitzer und bleibt kinderlos, was ihn arg beschäftigt. Er hat Angst, dass der liebe Gott ihn dafür straft, dass er im Drang der Geschäfte nicht dazu kommt, in die Kirche zu gehen. Mehr und mehr empfindet er sein Leben als Mater. Er befürchtet außerdem, dass sich die Bauern gegen ihn erheben, denn sie werden schon laut.

Als der Abend dämmerte, saß Tichon Iljitsch, zitternd vor Zorn, Kränkung und Angst, auf seinem Wagen im Felde. Sein Herz pochte, die Hände bebten, das Gesicht brannte, das Gehör war scharf wie das eines Tieres. (Seite 27)

Man munkelt, die Bauern sollen jetzt einen Rubel täglich bekommen und Tichon geht der Arsch auf Grundeis. Das Gesinde verliert die Angst und den Respekt vor seinem Gutsherren. Tichon will sich nun beweisen, dass er es noch drauf hat und versucht mit einer jungen Frau, die auf seinem Gut arbeitet noch einmal Vater zu werden, was misslingt. Er kann ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen und wirft sie und ihren Mann vom Hof. Da Tichon aber einen Verwalter braucht, stellt er seinen Bruder Kusma ein.

Kusma ist finanziell nicht so erfolgreich geworden wie sein Bruder. Er widmete sich früh schon den Büchern und der Schriftstellerei und gibt seinen Spargroschen für die Veröffentlichung seiner Gedichte. Er treibt erfolglos durchs Leben, probiert sich als Händler, wird Tolstoianer, möchte einen Obstgarten pachten und am Ende würde er jede Arbeit annehmen „, wenn er nur ein Stück Brot hätte“ (Seite 105). Da kommt ihm sein Bruder natürlich wie gerufen. Kusma ist ein genauer Beobachter des Lebens um ihn herum:

In den Eisenbahnwagen redete man früher über Regen und Dürre und daß „Gott die Getreidepreise bestimmt“. Jetzt raschelten in vielen Händen Zeitungsblätter, man sprac von der Duma, von Freiheiten, Enteignen.“ (Seite 87)

Die Bauern im ganzen Landbezirk stehen schlecht da, überall herrscht mehr oder minder Not. Ohne Schnörkel beschreibt Bunin das Leben auf dem russischen Dorf. Er schreibt von herrschsüchtigen Gutsbesitzern, von Bauern, die sich um ihre Besinnung saufen und für Geld auch schon mal ihre Frau verkaufen. Überhaupt ist das Leben im Land der Brüder Iljitsch roh. Kusma sagt:

Jetzt überleg dir mal – gibt es ein grausameres Volk als unseres? In der Stadt läuft der ganze Markt hinter einem Jungen her, der von einem Stand einen halbfaulen Apfel geklaut hat, und haben sie ihn gefangen, dann stopfen sie ihm Seife ins Maul. Zu einem Brand, zu einer Keilerei rennt die ganze Stadt und wie traurig sind sie alle, wenn der Brand oder die Keilerei schnell zu Ende sind. (Seite 38)

Bunin zeigt ein schwer fassbares Russland. Ein Land vor den großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts, noch  unberührt von den Kommunisten und beiden Weltkriegen. Es ist kein idealisiertes Bild, kein geschöntes. Es ist der russische Winter ohne Funktionskleidung, in Schafspelzen und Bastschuhen. Der Literaturwissenschaftler Dimitrij Mirskij bezeichnet das Dorf als „eines der düstersten, niederdrückendsten und traurigsten Bücher in der russischen Literatur“. Ich fühle mich auf jeden Fall bedrückt. Mindestens am Ende, als die junge Frau, die Tichon Iljitsch ins Unglück gestürzt hat, gegen ihren Willen eine Ehe eingehen muss, die sie vielleicht oberflächlich gesehen, wieder zu einer ehrbaren Frau macht, von der aber abzusehen ist, dass ihr Elend nicht im mindesten gelindert wird. Auch Kuzma hatte am Ende „nur noch das Gefühl einer dumpfen Öde im Herzen“ (Seite 150).

1904 – „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Camenzindder uns beschützt und uns hilft zu leben.“ (Hermann Hesse „Stufen“)

Ob ich mich doch noch zu Hesse bekehren lasse, darüber war ich mir lange im Unklaren. Immerhin war Siddhartha doch ganz inspirierend gewesen, aber mit Kurzgeschichten von Hesse habe ich mich extrem gelangweilt. Mein Vater sagt, ich sei für Hesse noch zu jung. Immerhin war er ja auch viel älter als er seine großen Roman geschrieben hat (50 bei Der Steppenwolf, 66 bei Das Glasperlenspiel). Also habe ich mir nun seinen Romanerstling Peter Camenzind gegriffen. Bei seinem Erscheinen 1904 war Hesse 27, also ein bisschen jünger als ich jetzt. Das müsste doch passen. Und in der Tat!

Bauernsohn Peter Camenzind aus dem Schweizer Bergdorf Nimikon bekommt die Möglichkeit auf eine höhere Schule zu gehen und in der Großstadt zu studieren. Er nimmt die Gelegenheit wahr. Schließlich hatte er schon als junger Bursche die sein Heimatdorf abschirmenden Berger erklommen und dabei entdeckt, wie unglaublich groß die Welt ist. Er mag die Stadt, aber er wird nie zu den Stadtmenschen gehören, das spürt er von Anfang an ganz klar. Er schließt in jungen Jahren Freundschaft mit Richard, der ihn mit der Gesellschaft in seiner Studienstadt Zürich bekannt macht, durch seine Studien fasst er ein leidenschaftliches Interesse für Franz von Assisi, er wird Schriftsteller und verliebt sich drei Mal. Unglücklich. Er hadert:

Und warum hatte er unbegreifliche Gott mir das brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte? (Seite 140)

Immer wieder zieht es ihn hinaus in die Natur. Er macht weite Fußreisen, wird Weinsäufer wie sein Vater. Sein Anderssein und seine Nichtzugehörigkeit bleiben mit den Jahren und wird auch Triebfeder seines Schreibens:

Ich wollt erreichen, dass ihr euch schämet, von ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten mehr zu wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges Treiben entfaltet, und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt, und von den Wäldern und herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt.“ (Seite 156)

Schließlich kehrt Peter Camenzind nach vielen Jahren wieder entgültig nach Nimikon zurück als es seinem Vater nicht gut geht.

Da draußen hatte ich die Heimat vergessen und war nahe dran gewesen, mir selbst als eine seltene und merkwürdige Pflanze vorzukommen, nun sehe ich wieder , daß es nur der Nimikoner Geist war, der in mir spukte und sich dem Brauch der übrigen Welt nicht fügen konnte. Hier fällt es nimand ein, einen Sonderling in mir zu sehen, und wenn ich meinen alten Papa oder den Onkel Konrad betrachte, komme ich mir wie ein ordentlich geratener Sohn und Neffe vor.“ (Seite 210)

Camenzind findet am Ende zu sich und zu seinem Platz in der Welt und erzählt im Rückblick seine Geschichte. Was für ein kluges Buch, was für eine Aura! Hesse schreibt einfach und öffnet so gleich zu Beginn die Dorfwelt, den Berg- und den Seeblick für den Leser. Als der Held am Ende nach Hause zurückkehrt, kann man die Befreiung förmlich spüren: die Befreiung von der Welt und das glückliche Bewusstsein, genau am richtigen Platz zu sein und genau das zu tun, was einem vom Leben bestimmt ist.

Gelesen habe ich einer herrlichen Ausgabe aus der Buchreihe „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“ herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich gelesen habe. Es fühlt sich gut ungemein gut an, lässt sich bequem aufschlagen und das Papier ist angenehm glatt. Richtig erholsam!

1902: Ein langsamer Tod in Venedig

Millie spielt mit dem Gedanken, dass sie, wenn schon nicht um ihrer selbst Willen, dann doch wenigstens wegen ihres Geldes einen Ehemann und Liebe finden könnte. Schließlich kann sie sich von ihrem Reichtum alles Erdenkliche beschaffen: Wohnraum in einem imposanten Palazzo in Venedig, eine Stunde Alleinsein ohne ihre 3 Begleiterinnen und einen Diener, der alles möglich macht. Warum nicht also einen Mann kaufen? Schließlich läuft ihr die Zeit davon und sie hätte sich mit einer bröckelnden Fassade geheuchelter Liebe wahrscheinlich gar nicht mehr auseinanderzusetzen.

Während für Millie der Tausch Zuneigung gegen Vermögen akzeptabel scheint, fühlt es sich für Merton Densher falsch an, sie nur aufgrund ihres Reichtums zu umgarnen. Er möchte schließlich auch, so wie er ist, geliebt werden. Er ist wütend über seine untergeordnete, ausgelieferte und manipulierte Lage. Denn langsam dämmert es ihm: während er für ihren Plan „absolut alles getan hatte, was Kate wollte, hatte sie überhaupt nichts getan, was er wollte“ (Seite 346). Schließlich setzt er ihr die Pistole auf die Brust und erklärt, er werde nicht weiter um Millies Vermögen herumschleichen, wenn Kate nicht endlich zu ihm käme, „für länger“. Das tut sie schließlich. Durch den errungenen Sieg gewinnt Densher in der Beziehung Oberwasser und wird zunehmend sein eigener Herr.

Millie stirbt schließlich und Densher und Kate sehen sich nun mit den Konsequenzen ihres Spiels konfrontiert. Densher ist durch die Zeit, die er nach Kates Abreise allein mit Millie in Venedig verbracht hat tief bewegt. Seine Wahrnehmung der Situation ist nun gänzlich verschieden von der Kates „Wir haben ein schreckliches Spiel gespielt und verloren“ (Seite 465). Für ihn ist klar, dass sie eine Grenze übertreten haben und das möchte er gern rückgängig machen. Für Kate ist das unmöglich.

„Wir werden nie wieder sein, wie wir waren.“ (Seite 506)

Wenn ich noch einmal ein Buch von 1902 auswählen könnte, würde ich definitiv nicht Die Flügel der Taube nehmen. Während sich die Buddenbrooks nach schwierigem Einstieg als spanende Lektüre entpuppt haben, bin ich nun vor allem froh, dass ich mit dem Ziegel durch bin. Der Roman brauch 300 Seiten, bis er überhaupt in die Gänge kommt, dann kommen 120 lesenswerte und dann noch mal 100 ganz lange Seiten, die unendlich langsam auf das absehbare Ende hin erzählen. Fazit: Anstrengend und langweilig!

Aus dem gleichen Jahr und definitiv spaßiger ist Der Hund von Baskerville von Arthur Conan Doyle.

1902: Die Landkarte der Taube

Millie ist krank. Es wird – ganz typisch – gar nicht erst direkt gesagt und lange Passagen lassen es mich immer wieder vergessen. Schon in der Schweiz geht es ihr irgendwie nicht gut und deswegen möchte Millie auch so gern nach London. Dort angekommen, geht sie aber erst nach Wochen zum Arzt. Der ist wohl ganz toll und rät ihr, ihr Leben so richtig auszukosten. Woraus man dann wohl schließen darf, dass sie es nicht mehr lange machen wird. Ihre Begleiterin Susan Sheperd weiht Millie nicht ein. Bei ihrem ersten Arztbesuch lässt sie sich von Kate begleiten, der sie aber wiederum nichts über das Ergebnis der Untersuchungen erzählt. Der Leser erfährt davon auch nichts. Das macht mich noch ganz verrückt. Haufenweise Sachen werden in dem Buch einfach nicht erzählt. Vieles wird angedeutet, indirekt erzählt oder wir erfahren viel später hintenrum etwas. Das nützt dem Leser, der versucht dem Plot zu folgen aber herzlich wenig!

Da ist ja auch noch die verwickelt verzwickte Klatsch-und-Tratsch-Geschichte mit Millie, Kate und dem jungen Mann. Die Saison in London neigt sich dem Ende und immer noch hat sich für Millie keine Gelegenheit ergeben ihrer Freundin Kate anzuvertrauen, dass sie mit Merton Densher bekannt ist. Tante Maud versucht nun wiederum Millie einzuspannen, um herauszufinden, ob Densher mittlerweile aus den Vereinigten Staaten zurück ist. Die Tante will natürlich nicht, dass er ihr irgendwie bei ihren Verheiratungsplänen für Kate dazwischenfunkt. Die Situation ist für Kate und Millie langsam ziemlich spannend sein, da ja von nun an im immer die Frage im Raum steht, warum nicht eher von Densher gesprochen worden ist. Die Spannung für den Leser hält sich nach wie vor in Grenzen. Leider. Nach 200 Seiten ist der Scheitelpunkt der Schwarte noch nicht erreicht.

Im Rahmen meiner umfangreichen Überlegungen, ob ich dem Buch nicht doch noch etwas abgewinnen könnte, habe ich aber eine schöne Entdeckung gemacht: Peter Biggins Maps of the Classics-Blog. In dort gibt es einen ganzen Haufen Landkarten zu Klassikern von der Illias bis zu Kafka. Und eben auch zu Die Flügel der Taube.  Super Sache, solche Karten sollte es zu allen Büchern geben.

1902 – To read or not to read …

Was bisher geschah: Am Beginn des Romans begegenen wir Kate Croy, einem jungen Londoner Mädchen aus offenbar nicht so guten Verhältnissen, das mit der Entscheidung ringt, ob sie ihr Leben unter desolaten Umständen mit ihrer Familie verbringen oder sich in Obhut ihrer reichen Tante Maud begeben soll, was aber bedeutet, dass sie ihrer Familie den Rücken kehren müsste. Kate geht auf das Angebot der Tante ein, weil sie so auch ihren Angehörigen weiterhelfen kann, nicht zuletzt findet sie auch einigen Gefallen an dem Luxus, den ihr das Leben bei der Tante bietet. Wir sehen außerdem, dass Kate eine zurückhaltende Liason mit dem Schreiberling Merton Densher hat. Die beiden sind verliebt, aber die Verlobung kommt nicht recht in die Gänge, weil irgendwie klar ist, dass Densher nicht die Art von guter Partie ist, die sich die Tante für Kate vorgestellt hat. Merton Densher wird dann dienstlich auf Amerikareise geschickt und die beiden verabschieden sich mit viel Schmalz, heimlicher Verlobung und Liebesschwüren.

Ein paar Seiten weiter hinten unternimmt die junge New Yorkerin Millie Theale mit ihrer Gesellschafterin Mrs. Stringham eine Europareise. Millies Familie ist gestorben. Jetzt ist sie allein, furchtbar reich und rastlos. Sie scheint sich mit Mrs. Stringam ganz gut zu verstehen. Die ältere Dame ist aus Boston, Witwe und ist in der Schweiz zur Schule gegangen. An diese Zeit erinnert sie sich jetzt zurück und auch an ihre alte Schulkameradin Maud. Was natürlich die gleiche Maud ist, die wir aus London kennen. Schnell reisen die beiden nach England und lassen sich dort in die Gesellschaft einführen. Der Clou ist, dass Merton Densher auf seiner Amerikareise auch Millie Theale kennengelernt hat und sie sich irgendwie ganz gut verstehen.

Auch nach 160 Seiten und dem Wechel der Übersetzung ist die Geschichte immernoch sehr langsam und einfach nicht besonders aufregend.  Die Übersetzung von Ana Maria Brock ist wesentlich lesbarer und lebendiger, was aber am Buch als solches leider nicht viel ändert. Aber dann dauert es eben noch eine Weile, es zu lesen. Auf http://www.goodreads.com gab es gerade eine Infografik zum Thema Lektüreabbruch. Die meisten Menschen hören aus zu lesen, wenn die Lektüre „slow“ und „boring“ ist (Bingo!). Knapp 16 Prozent entscheiden das bevor sie 50 Seiten gelesen haben, etwa weitere 35 Prozent lesen bis zu 100 Seiten (Bingo Bingo!). Circa 10 Prozent der Hinschmeißer tun das auch noch weiter hinten.  Immerhin 38,1 Prozent der Befragten gaben an „I always finish, no matter what“. Ich gebe einem Buch normalerweise um die 50 Seiten und entscheide dann, ob es eine Bereicherung für mich ist. Abbruch ist nun keine Option. Lesegeschwindigkeit verringern ist eigentlich auch kontraproduktiv, dann dauert es ja noch länger. Nun denn, liebes Buch, komme was wolle, ich lese dich jetzt durch!

1902: Der Anfang der Taube

James - Cover - 1902

Henry James gehört bei uns nicht zu den meistgelesenen Autoren und ich ahne, warum. Aber fangen wir beim Anfang an: Henry James war ein amerikanischer Schriftsteller aus intellektuellem Umfeld. Irgendwann ging er nach Europa, schrieb hauptsächlich über  Amerikaner in Europa. Im Zuge des ersten Weltkriegs nahm er die britische Staatsbürgerschaft an, auch aus Protest gegen die Politik seines Heimatlandes. Bücher, von denen ich vorher schonmal gehört habe sind The Portrait of a Lady und The Turn of the Screw. Nun also Die Flügel der Taube.

Ich quäle mich, habe aber mangels Alternativen beschlossen durchzuhalten. Für 1902 wären auch in Frage gekommen: Der Hund der Baskervilles von Arthur Conan Doyle, aber den habe ich in der Uni schon gelesen (den würde ich auch uneingeschränkt weiterempfehlen) und Typhoon von Joseph Conrad. Von Conrad habe ich aber noch den Geheimagenten auf meiner Wunschliste. Bleiben also noch die Flügel. Es geht mir ja schließlich auch darum mal unter den Staub des Jahrhunderts zu schauen. Das das Jahrhundert aber gleich zu Beginn schon so lang werden würde, hätte ich nicht erwartet. Ich bin entmutigt. Das Erzähltempo ist ungemein langsam. Ich hatte ja schon bei Thomas Mann den Eindruck, er würde viele Worte machen, aber im Vergleich zu Henry James waren die Buddenbrooks noch gar nichts. Das Buch ist extrem sperrig. Es geht schon mit dem ersten Satz los (ich lese im Moment noch in der Kiepenheuer & Witsch-Ausgabe von 1981):

Sie, Kate Croy, wartete, daß ihr Vater hereinkäme, aber er ließ sie, vielleicht mit Absicht, unbillig lange warten, und es gab Augenblicke, in denen sich ihr im Spiegel über dem Kamin ein Gesicht zeigte, das wirklich bleich war von jener Erregung, die sie schon zu dem Entschluß gebracht hatte, zu gehen, ohne ihn gesehen zu haben. (Seite 7)

Ich habe jetzt fast hundert Seiten gelesen. Wenn es nicht darum ginge, auch mal was zu lesen, was ich sonst nicht lesen würde, hätte ich das Buch vor spätestens 50 Seiten abgebrochen. Vielleicht könnte ich eine andere Übersetzung probieren. Im Moment lese ich die von Herta Haas von 1962. Es gibt noch eine eine Ost-Übersetzung von Ana Maria Brock. Ist käuflich fast nicht zu kriegen, aber es findet sich ein Exemplar in der hiesigen Universitätsbibliothek. Ich werde es mir morgen holen gehen. Denn so kann ich nicht weiterlesen. Hier noch eine Kostprobe:

Es gab sehr viele Frauen, die alles mögliche waren, das sie nicht war, die aber andererseits das nicht waren und die nicht wußten, daß sie es war (das hatte sie gern – es vergrößerte den Abstand zu ihnen noch mehr), und die auch nicht wußten, wie sehr es sie befähigte, sie zu beurteilen. (Seite 93)

Maahaann. Es ist wirklich mühselig, dem Plot überhaupt zu folgen, denn es werden ständig so unglaublich viele Worte gemacht. Ich weiß, dass dass für Henry James typisch ist und dass gerade diese indirekte Erzählweise richtungsweisend für seine Zeit war, aber manchmal verstehe ich seitenweise nicht, wer gerade was sagt und über wen. Vielleicht ist das auf Englisch irgendwie charmant, aber so geht es jedenfalls gar nicht. Eine andere Ausgabe muss her, dringend!