1922: Midlife-Crisis in the Midwest

IMG_8241Heutzutage ist es schon ein Klischee: Männer stürzen in der Mitte des Lebens in der Identitätskrise. Jahrzehnte des Arbeitens zahlen sich irgendwie nicht richtig aus, die Kinder sind fast aus dem Haus, die Frau ist auch nicht mehr so schön, wie sie mal war. Manchen hilft ein rotes Cabrio und manche suchen nach einer jüngeren Frau. Man denke nur an Kevin Spacey in American Beauty. Obwohl der Begriff Midlife-Crisis erst 1974 von der amerikanischen Autorin Gail Sheehy geprägt wurde geht es auch schon im „Babbitt“ um genau dieses Phänomen. Sinclair Lewis (das ist der, der auch „Hauptstraße“ geschrieben hat) entwirft die gesichtslose Stadt Zenith im Mittleren Westen. Wir begleiten den Fortschrittsenthusiasten George Babbitt bei seiner Morgendhygiene, seinen Immobiliengeschäften und dabei, wie er einen neuen Zigarrenanzünder für seinen schicken Wagen ersteht. Die Geschichte könnte auch heute spielen: wie eine Aufziehpuppe geht er täglich ins Büro, seine Frau hat er seit Wochen nicht angesehen. Sie erwartet, wie die übrige Gesellschaft, dass er sich in seine Rolle fügt. Langsam dämmert in ihm eine unbestimmt Unzfriedenheit.

Es beginnt damit, dass er seine Frau langweilig findet:

Sie hatte sich so sehr an die Eintönigkeit ihres ehelichen Lebens gewöhnt, daß sie jetzt in ihrer vollen Reife ebenso geschlechtslos war wie eine blutarme Nonne.“ (Seite 11 der tollen Ausgabe der Hamburger Hausbücherei v0n 1954)

Nach und nach scheint er an der Drögheit des Alltags zu ersticken. Als er sich seiner Situation bewußt geworden ist, teilt er sich seinem engen Freund Paul Riesling mit und kommt seinem Unglück langsam auf die Schliche. Schon nach der Schule hatte er eigentlich Anwalt werden, noch ein paar Jahre lernen und schaffen wollen. Er fühlte sich zu Großem berufen. Damals hatte er allerdings schon die Bekanntschaft seiner Frau gemacht. Eine juristische Lehrzeit hätte bedeutet, noch viele Jahre nicht heiraten zu können. Flugs war er verlobt gewesen und seine Träume begraben. Er sehnt sich nach Freiheit und gegen deren erbitterten Widerstand ringt er seiner Frau ein paar Tage nur für sich in Maine ab.

Während langer Minuten, während vieler Stunden, während unendlicher Eweigkeiten lag er zitternd wach, von primitiver Angst gequält, mit dem klaren Bewußtsein, daß er sich seine Freiheiten erkämpft hatte, und wunderte sich dabei im stillen, was man mit etwas so Fremdartigem, etwas so Verwirrendem wie Freiheit wohl anfangen konnte.“ (Seite 136)

Statt sich nun zu überlegen, was er mit der Freiheit anfängt, was er im Leben wirklich braucht, jagt er nach einem Beruhigungsmittel. Er sucht die Gesellschaft von anderen Karrieretypen, die von ihren Frauen gelangweilt sind und die gern, an den Prohibitionsgesetzen vorbei, über die Stränge schlagen. Er sucht Anerkennung in der Politik, einer geheimen Bruderschaft, in der Sonntagsschule und bei Frauen. Er schießt sich ins gesellschaftliche Aus, weil er öffentlich zu seinem Freund Paul hält, der sich gegen den gesellschaftlichen Druck gewehrt und seine Frau über den Haufen geschossen hat. Er träumt vom Ausbruch, vom Leben als Trapper. Bei alldem erweckt dieser egoistische Trottel noch genug Mitgefühl, dass man ihm einen Neubeginn wirklich gönnen würde.

Stattdessen aber wird seine Frau krank und wie ein junger Hund kehrt er reuhmütig nach Hause zurück. An dieser Stelle befällt den Leser etwas wie ein Kater nach der durchzechten Nacht. Wie kann der Mann zurück in die Mühle gehen? Nach dieser Geschichte! Unfassbar! Vielleicht ist aber gerade das Teil des amerikanischen (Alp-)Traums. Vielleicht sind das aber auch nur die Zwanziger Jahre. Hätte man damals ein Buch enden lassen können mit der Botschaft: Lass deine Familie sitzen! Schmeiß den Job! Ohne kannst du viel glücklicher sein, denn du kannst dich selbst verwirklichen! Auch heute wäre das schwierig, obwohl so viel mehr Varianten des Lebens geschellschaftlich akzeptiert sind (Umsteigen ist das neue Aufsteigen). Verstehen kann ich Babbitt auf jeden Fall. Er ist uneingeschränkt lesenswert!

1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1911-1920: Reisen in eine andere Welt (Top10)

Foto 1Es scheint ein Jahrzehnt des Reisens zu sein. Das war mir vor meiner Lektüre gar nicht klar. Vor allem sind es weite Reisen: von England nach Afrika, von Afrika nach Nordamerika, von Europa nach Südamerika, nach Bengalen, vom Land in die Stadt auch in ganz andere Sphären. Es geht um das Loslassen des Altbekannten und das sich Einlassen auf das Neue. Oft stellt sich heraus, dass das Neue nicht immer das Richtige für jeden ist und manch einer kehrt zurück oder stirbt.

Hier nun meine persönliche Rangfolge des zweiten Jahrzehnts und alle diejenigen, die sich zum Lesen nicht aufraffen können, weil sie keine Zeit haben oder durch meine Leseerfahrungen nun total abgeschreckt sich, finden hier auch entsprechende Verfilmungen.

1. ageZeit der Unschuld (Edith Wharthon): absoluter Spitzenreiter der zweiten Lesedekade.  Das Buch hat alles, was ich brauche um literarisch glücklich zu sein: eine mitreißende Geschichte in toller Kulisse und zwei Liebende, die kämpfen, um zueinander zu kommen. Das alles wurde 1993 mitreißend verfilmt von Martin Scorsese.

2. Segen der Erde (Knut Hamsun): auch hier wieder eine facettenreiche Geschichte rund um die Frage, wie viel Ambitionen sind eigentlich wohltuend für Mensch und Natur + spannende, vielschichtige Figuren. Es gibt einen Stummfilm von 1921.

3. Zu Hause und Draußen (Rabindanath Tagore): Eine Frau zwischen Emanzipation, Versuchung und Altbewährtem – und die Frage, ob es noch einen Weg zurück gibt, wenn man sich total verrannt hat. Es gibt einen bengalischen Film von 1984.

4. sonsSöhne und Liebhaber (D.H. Lawrence): Das Thema ist eigentlich ein Dauerbrenner. Was geben uns unsere Eltern mit auf den Weg und was machen wir daraus. Sind wir überhaupt unseres eigenen Glückes Schmied oder haben am Ende gar keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Der Roman wurde 1960 verfilmt. Der Film ist mehrfach preisgekrönt. Könnte sich wirklich lohnen.

5. Die Fahrt nach draußen (Virginia Woolf): leider eines dieser Bücher, in dem wahnsinnig viele Wörter vorkommen, ohne dass es die Geschichte tatsächlich vorwärts bringt. Das Thema ist eigentlich ganz interessant. Da ist diese junge Frau, die zur Welt nicht so recht eine Beziehung herstellen kann. Da aber der Plot nicht wirklich stark ist, kam wohl eine Verfilmung für niemanden in Frage.

6. Atlantis (Gerhart Hauptmann): Mann in der Mitte seines Lebens lässt alles stehen und liegen und fährt auf einem Ozeandampfer einer jungen Artistin hinterher. Am Ende verliert er den Verstand. Es gibt eine dänische Verfilmung von 1913, dabei ist ja auch das Buch erst 1912 erschienen. Es wurden eine halbe Millionen dänischer Kronen verballert. Damit gilt der Film als teuerster seiner Zeit.

7. tarzanTarzan bei den Affen (E. R. Burroughs) Ist zwar einerseits ganz kultig, aber im Großen und Ganzen kann man seine Lesezeit auch gewinnbringender rumkriegen. Man könnte in der Zeit auch mehrere Tarzan-Filme kucken, zum Beispiel einen Disney-Film von 1999 oder die Neuauflage in 3D. Legendär sind die Filme „Tarzan – Der Affenmensch“ mit Johnny Weissmuller und auch die mit Lex Barker. Die Internet Movie Database listet über 100 Tarzan-Filme auf, was unter anderem daran liegt, dass es schon fast eine unüberschaubare Anzahl an Tarzan-Büchern gibt, die Burroughs und andere namenlose Groschenheft-Autoren verfasst haben.

8. Tarr (Wyndham Lewis): Buch über einen Künstler in Paris und die Schwierigkeit, die Grenzen konventioneller Beziehungen dahingehend auszuweiten, dass sie einem tatsächlich passen. Schon das Buch ist insgesamt eher unbekannt. Von Verfilmung kein Wort. Nirgends.

9. devilSanders vom Strom (Edgar Wallace): Paradebeispiel kolonialen Chauvinismus, ist aber wahrscheinlich ein gutes Bild des Zeitgeistes. Es gibt einen deutsch-spanischen Abenteuerfilm von 1971, der auf Teilen des Buches basiert und einen Film von 1935.

10. Jürgen (James B. Cabell): Obwohl dieses Buch angeblich ein Klassiker des komischen Fantasyromans ist, kann ich einfach gar nichts daran finden. Und ich finde es gar nicht so schlecht, dass es offenbar auch nicht verfilmt worden ist. Wäre auch zu abstrus.

In dieser Dekade sind einige Punkte in verschiedenen Erdteilen hinzugekommen auf meiner literarischen Landkarte. Auffällig sind nach wie vor Häufungen in Paris, London und nun auch in New York. Ich hatte schon seit Jahren so eine Ahnung, dass sich meine Lektüre immer wieder an den gleichen Plätzen abspielt. Aber das 20. Jahrhundert ist noch lang. Ich habe noch genug Zeit, um entlegenere Orte auf meiner Karte hinzuzufügen.

1920: Die Blume des Lebens

FotoUnd es gibt sie doch: die einzig wahre, allumfassende Liebe auf den ersten Blick. Es ist nur blöd, wenn Sie ausgerechnet dann auftaucht, wenn man schon anderweitig verwickelt ist. Das Setting dieses Mal: die feine New Yorker Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – New York City – das klingt für uns wenig gereiste Kleinstadteuropäer mindestens nach ‚Meeting Pot‘, vielleicht sogar ein bisschen nach ‚Rumble in the Bronx‚. Wir finden uns aber in Opern, auf Bällen, bei feinen Landpartien. Die Männer tragen weiße Glacéhandschuhe und die Damen ihre großen Toiletten. Die Kulisse erinnert an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Die feine Gesellschaft ist dieselbe, egal ob Petersburg, Paris oder eben New York. Und dort finden wir uns in einer Zeit, bevor die Freiheitsstatue gebaut wurde und als die Gegend um den Central Park noch als Wildnis galt.NYbirdseye

In „Zeit der Unschuld“ befindet sich die feine New Yorker Gesellschaft gerade in der Oper, als Newland Archer einen Blick auf die schöne Gräfin Olenska wirft. Es ist die Cousine seiner fast Verlobten May. Gräfin Olenska wirft mit Skandalen nur so um sich. Dieses Mal ist sie ihrem Mann davongelaufen. Das kommt natürlich gar nicht so gut an. Um von der Skandalgeschichte abzulenken geben Newland und May ihre Verlobung vorschnell bekannt. Es wird aber relativ schnell klar, dass sich Newland eine leidenschaftliche, kameradschaftliche Beziehung in der Ehe wünscht und dass May aber, aufgrund ihrer Erziehung, dazu niemals in der Lage wäre. Mit der Gräfin Olenska wäre das schon anders, die ist Newland nicht nur intellektuell ebenbürtig, sondern ist insgesamt eher unkonventionell (und daher extrem aufregend). Newland heiratet aber trotzdem May. Fieberhaft hoffte ich während der Lektüre, Newland Archer und die Gräfin Olenska mögen sich doch bitte über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen.  Es war zum Haareraufen, zum Fingernägelabkauen, zum Ausderhautfahren! Und das, obwohl ich schon wusste, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe vor Jahren die meisterhafte Verfilmung von Martin Scorsese gesehen. Archer aber fährt einfach nicht aus der Haut. Und genau das ist der springende Punkt.

Die Gesellschaft weiß, dass Archer der Olenska zugetan ist, auch seine Frau weiß es. Doch niemand sagt etwas. Das wäre ja unfein. Archer, der sich ausmalt, wie sein Leben außerhalb der erlesenen Kreise aussehen könnte, beschleicht das Gefühl, wie ein gebändigtes Raubtier vorgeführt zu werden. Für die Gesellschaft ist der Fall klar. Da spielt es keine Rolle, dass Archer und Olenska ihren Neigungen nie nachgeben, um ja nur die Gesellschaft nicht zu erschüttern. Gräfin Olenska, die ja ihren Mann verlassen hat, ist ohnehin eine gefallene Frau, bei der man ehrenhafte Absichten gar nicht erst vermutet.

Für Archer bleibt immer die Frage, ob es sinnvoll ist, die eigenen Bedürfnisse aus Rücksicht auf andere zurückzustellen. In seinem Fall tritt ja sogar der außergewöhnliche Fall ein, dass ihm dieser edle Zug von seiner Frau nachhaltig gedankt wird.

Etwas, das wußte er, hatte er nicht gefunden: die Blume des Lebens (Seite 460, Serie Piper)

1919: 2 Fantasybücher, die man lieber lesen sollte als „Jürgen“

Wie bin ich da nur reingeraten? Als ich meine Leseliste erstellt habe, wollte ich auch Genres lesen, die ich bisher aus verschiedenen Gründen vernachlässigt habe. Eines davon ist Fantasyliteratur. Ich bin eigentlich gar nicht grundsätzlich dagegen, habe mich eben bisher meistens trotzdem für eine „realere“ Geschichte entschieden. Nachdem ich in den Untiefen meines literarischen Gedächtnisses gekramt habe, fielen mir nur 2 bisher gelesene Bücher ein, die ich ins Regal „Fantasy“ stellen würde. Und die gar nicht so übel waren.

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1. Die Unendliche Geschichte von Michael Ende: Da geht mir auch jetzt noch das Herz auf. Die Geschichte ist einfach zu toll: der junge Bastian Balthasar Bux rennt eines Tages, weil er von den anderen Jungs gehänselt und verfolgt wird in ein Antiquariat und kommt so zu einem außergewöhnlichen Buch. Weil er nicht weiß, wohin er soll, schließt er sich auf dem Dachboden seiner Schule ein und entflieht nach Fantasien. Dort wimmelt es vor lauter tollen Typen: dem Steinbeißer, dem Indianer Atreju, der Glücksdrache Fuchur. Die kindliche Kaiserin erfüllt all seine Wünsche, bis er schließlich darum kämpft wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Selbst wenn man eine Taschenbuchausgabe kauft, findet man die Geschichte zweifarbig gedruckt: rot für Realität, grün für Fantasien.

2. Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien: Die Geschichte dieses Ziegelsteins von einem Buch ist 9783608938289seit Peter Jacksons Verfilmung sicherlich allgemein bekannt: Ein Hobbit muss die Welt retten, indem er einen Ring in ein Feuer wirft. Trotzdem ist das Buch seine Lesezeit wert. Ich erinnere mich noch an meine Fassungslosigkeit, als ich nach und nach bemerkte, dass sich Tolkien, da nicht nur ein Land en detail, sondern gleich noch dessen Jahrtausende dauernde Geschichte ausgedacht hatte und dazu noch ein Sprachennerd war. Nicht nur erfand er die elbischen Sprachen Quenya und Sindarin, sondern arbeitete auch in der wirklichen Welt am Oxford English Dictionary. Abgesehen von vielleicht 50 Seiten am Ende des 3. Bandes, als der Ring schon in den Schicksalsberg geworfen ist, ist nahezu jede Seite lesenswert.

An diese beiden Erzähltalente musste ich immerfort denken, als ich mich durch die 353 nicht cover_juergen_cabell_james_branchenden wollenden Seiten von Jürgen gequält habe. James B. Cabell führt wirklich sehr beispielhaft vor, wie man keinen guten Roman schreibt. Der Protagonist, Jürgen, ein Pfandleiher, der eigentlich mal Dichter war, jetzt aber ein Geschäft und eine zickige Frau hat, geht ein Pakt mit einer dunklen Gestalt ein und bekommt die Gelegenheit, wieder jung zu sein. Diese Gelegenheit nutzt er für zahlreiche Liebesgeschichten. Wegen diesen Liebesgeschichten hatte die New Yorker Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters versucht, das Buch verbieten zu lassen. Das ist zwar nicht geglückt, aber wahrscheinlich der Grund, warum das Buch bekannt genug ist, um angezeigt zu werden, wenn man im Internet nach Romanen sucht, die 1919 erschienen sind. Der Erzählstil ist grässlich. Geht es nicht bei Fantasy darum, mit Worten eine andere Welt entstehen zu lassen? Cabell verliert gerade mal genug Worte, um klar zu machen, dass Jürgen hierhin ging, den und den traf, dann dorthin ging und diesen und jenen traf. Alle Orte und Personen werden also lediglich genannt und dem Leser wird absolut zu wenig Material geliefert, um sich irgendwas selbst auszumalen. Dazu kommt noch die unmögliche Übersetzung mit meist unlesbaren Sätzen von Jürgen Blasius:

Nun, wie Jürgen freimütig zugab, hatte sich sein Benehmen gegenüber Stella, jener vom Unglück verfolgten Yogini von Indawadi, wenn man es unter einem besonderen und ganz unzumutbaren Gesichtspunkt betrachtete, in der Tat einen Aspekt gezeigt, der, wenn er von übereilt urteilenden Personen isoliert betrachtet wurde, möglicherweise in deiner oder zweierlei Hinsicht den entfernten Anschein vorübergehender Vernachlässigung seiner Gemahlin erwecken mochte, wenn es überhaupt irgendwo Menschen von solch einer geistigen Unzulänglichkeit gab, daß sie eine derartige Vernachlässigung vorstellbar fanden.“ (Seiten 161 der Ausgabe aus der Reihe Fantasy Classics, Heyne 1981)

Ich habe mich durch das derzeit schlechteste Buch im 20. Jahrhundert gequält und bin froh, dass es vorbei ist. Und freue mich auf Zeit der Unschuld von Edith Wharton. Es erwarten mich feinste Verwicklungen der New Yorker High Society im 19. Jahrhundert. Ich habe vor jede Zeile der wohlformulierten Sätze in dieser sorgfältig ausgebreiteten Geschichte zu genießen.

1918: Wind am linken Seine-Ufer

Tarr

Paris – Sündenpfluhl, Zuflucht für Künstler, Schriftsteller und Tunichtgute aller Facon. Dort treffen wir Tarr, einem Engländer, der mit einem anderen Engländer in einem Kaffee sitzt. Es ist so, wie man sich das vorstellt. Er lebt in den Tag hinein, sucht ein neues Atelier, überlegt, wie er sich halbwegs elegant aus dem Verlöbnis mit einer Deutschen herauswinden kann. Er legt die Attitüde eines Waldschrats an den Tag. Gesellschaftliche Anpassung ist nichts für ihn. Seine Gedankengänge sind häufig langweilig, zu verkopft oder beides. Aber immerhin, für ein Buch von 1918 reden die beiden Engländer in dem Café erstaunlich frei über Sex.

Später treffen wir noch Otto Kreisler, die tragische Gestalt des Romans. Er ist ebenfalls Künstler, ein Deutscher, der mal in Rom, mal in Paris lebt und auf ständig abgebrannt, auf den Geldbrief von seinem Vater wartet. Pikanterweise ist Kreislers Schwiegermutter seine ehemalige Verlobte. Und nun dreht ihm auch noch sein Freund Vokt den Geldhahn zu. Hinzukommen noch Tarrs Verlobte Bertha Lunken und das heiße Eisen Anastasya Vasek, wobei beide Männer bei beiden Damen verkehren. Die Haltung der Männer den Frauen gegenüber ist schon mächtig gewaltig:

Otto Kreisler hatte nämlich große Zuversicht, und das war sein Glaube an die Wirkungsmacht der Frauen. Man ging zu ihnen gewöhnlich nur dann aus freien Stücken, wenn man in Nöten war – so jedenfalls war das bei ihm -, und da waren sie dann immer für einen da: geräumige Ablagestelle für Sorgen und Gebrechen, weltweites Pfandhaus, wo man nicht nur seinen Frack und sonstige Kleidung, sondern sich selbst zeitweilig gegen das Gold des menschlichen Herzens und jedes andere zufällig herumliegende Gold eintauschen konnte.“ (Seite 133f. der Suhrkamp-Ausgabe von 1990, deutsche Erstausgabe)

Workshop c.1914-5 by Wyndham Lewis 1882-1957Kennen Sie die Vortizisten? Diese zum Kubismus und Futurismus parallele Strömung? Nein? Ich auch nicht. Wyndham Lewis, der Autor von Tarr, jedenfalls war einer der Vortizisten, einer Künstlergruppe, die sich in England zusammenscharte, um irgendwie ihre eigene Version der Moderne abzubilden, die sich von dem, was die Franzosen machten irgendwie grundsätzlich unterschied. Vortizismus kommt von lat. vortex (Strudel, Wirbel). Es geht also um alles Kraftvolle, um männliche Härte als Wert. Das alles spielte sich so ab 1913 ab und viele der Künstler waren schon kurze Zeit später stark beschäftigt, Kriegseindrücke zu verarbeiten. Die Strömung überlebte den ersten Weltkrieg nicht. In diesen Jahren schrieb Lewis seinen Roman, der als einer der wichtigsten Texte der englischen Moderne gilt, und ich habe ganz dringend das Gefühl, dass dieser Vortizismus der Grund dafür ist, dass sich das Buch so sperrig liest. Wir treffen hier eine Person, da eine Person, dann mal zwei zusammen, dann wieder eine, die nie wieder auftaucht. Figuren, die nie wieder auftauchen und die keine offensichtliche Bereicherung für die Geschichte darstellen, finde ich sowieso verschwendet. Da hätte man gut 100 Seiten kürzen können. Die Geschichte entwickelt sich nicht so richtig. Ok, ja, Tarr schafft es, sich irgendwie rauszuwurschteln und kriegt auch das Sahnebaiser als Partnerin, während Kreisler umkommt, aber es ist wirklich nicht spannend oder überraschend oder wenigstens mal ein bisschen schön. Während ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass das eigentlich die gleichen Empfindungen sind, die ich letztens beim Betrachten der Kunstwerke in der Londoner Tate Modern hatte. Vielleicht liegen mir abstrakte Ausdrucksformen nicht. Schließlich will ich sehen, worum es geht und es ist auch nett, wenn es ein bisschen schön ist.

1917: Irgendwie ökomäßig

20140622-140052-50452706.jpg„Wieso liest du denn ein Buch von Knut Hamsun? Ist das nicht so ein Nazi?“ fragt mein Vater, als ich ihm vom Fortschritt meines Projekts erzähle. Und ich frage mich, was da dran ist. Immerhin hat man Hamsun 1920 für „Segen der Erde“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er galt vielen als der bedeutendste lebende Schriftsteller der Welt. James Joyce nannte ihn „Old King Knut“.

Hamsuns Lebensgeschichte liest sich selbst schon wie ein guter Roman und ich mag sie erst gar nicht weglegen, um „Segen der Erde“ anzufangen. Schriftsteller haben ja oft die unglaublichsten Hintergründe, aber Hamsun trifft mich besonders. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und zieht als 9jähriger zu  seinem Parkinson-kranken Onkel. Er hat extreme Sehnsucht nach zu Hause und wird von seinem Onkel schlecht behandelt. Es folgen zahlreiche Fluchtversuche. Er schießt den Vogel ab, als er sich mit der Axt in den  Fuß hackt, damit er für den Onkel als Pflegekraft unbrauchbar wird. Wie schlecht kann es einem Menschen gehen?

Es folgen viele weitere arme Jahre, Jahre in Amerika, Jahre der Krankheit, dann sein Durchbruch mit „Hunger„. Davon konnte er sich aber leider noch Knut_hamsun_1871gar nichts kaufen. Er heiratet, baut sich ein Haus, säuft. Dann Zusammenbruch, Scheidung. Wieder Heirat und so weiter. Unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schreibt er „Segen der Erde“. Nach dem Krieg wird er zum Fan der Deutschen und als die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg Norwegen besetzt, schreibt er pro-deutsche Artikel für die Zeitung und ruft die Norweger dazu auf, die Deutschen nicht zu bekämpfen. Nach  Kriegsende wird er wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“ verurteilt.

In seinem Nobelpreiswerk geht es aber nicht um derlei Dinge, sondern um Isak, einen einfachen Mann, der sich in der Einöde Norwegens ein Stück Land sucht, eine Hütte baut und Inger als Frau findet. Sie leisten verdammt harte Arbeit und machen nicht viel Gewese drum, aber sie verlieben sich echt ineinander. Der gestandene Bauer gerät fast außer sich vor Angst, seine Frau könnte einfach nicht wiederkommen, als sie einmal in ihr Heimatdorf geht, um ein paar Sachen zu holen.

So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles was er von ihr wollte, uns sie war zufrieden damit. (Seite 24, Ausgabe  von Rütten & Loening, Berlin 1979)

Ich bin betört von der Sprache: fast meditativ, repetetiv. Das harte Leben im Ödland beschreibt Hamsun in einer so feinen, nuancenreichen Sprache. Jede einzelne Seite ist ein Vergnügen. Übersetzt wurde von Julius Sandmeier und Sophie Angermann. Ich kann gut verstehen, warum ihn viele so großartig fanden.

Themen von „Segen der Erde“ sind Diskriminierung gegenüber Andersgestaltigen und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für Frauen verantwortliche Entscheidungen für ihre Leben zu treffen. Inger hat eine Hasenscharte, also eine Lippen-Gaumenspalte, und wird schon ihr ganzes Leben lang gehänselt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Isak ist anders. Er nimmt zwar Notiz davon, aber es spielt für ihn keine Rolle. Zwei Mal bringt Inger in Isaks Abwesenheit und ohne Ihre häuslichen Pflichten auch nur für eine Stunde zu vernachlässigen, ein Kind zur Welt. Beim dritten Mal erschrickt sie heftig und ihre größten Ängste bestätigen sich, denn auch ihre Tochter hat eine Nasen-Gaumenspalte. Nun wird auch offenbar, warum sie Isak, jedes Mal, wenn die Wehen kamen, unter Vorwänden ins Dorf hinunter schickte.

In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht. (Seite 54)

Hier stockt mir der Atem und ich muss weinen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie hart das Leben in der Einöde früher gewesen sein muss, dazu noch unter solchen Bedingungen. Später wird Inger ein Prozess gemacht und sie verbringt acht Jahre in Trondheim im Gefängnis, wo sie operiert wird und einiges an Bildung erfährt. Als sie zurückkommt ist sie die Gebildetete, Weitgereiste und hat in vielerlei Hinsicht von der Geschichte profitiert.

Später gibt es im Dorf noch eine zweite Geschichte einer Kindsmörderin. Barbro war als Magd auf den Hof von Axel gekommen und hatte sich mit ihm eingelassen. Obwohl er sie beständig heiraten wollte. Barbro hat aber immer das Gefühl, dass im Leben noch mehr für sie rausspringen könnte. Auch nachdem sie ihr Kind getötet hat und enttarnt worden ist, geht sie ganz unbekümmert damit um. Sie weiß aus der Stadt, dass die Strafen, die Kindsmörderinnen erwarten, nicht mehr so unmenschlich sind, wie es früher war. Auch Barbro steht schließlich vor Gericht. Eine Amtsfrau aus dem Dorf hält ein mitreißendes Plädoyer über die Gesellschaft, die erst unverheiratete Mütter anklagt und sie so dazu treibt, ihre Kinder zu töten und sie hinterher noch dafür anklagt. Sie fragt auch, warum die Männer dabei straffrei ausgehen.

Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken. (Seite 321)

Im Buch wird mehr als deutlich, wie sehr ein Mann auf einem Hof eine Magd braucht. Weil er nämlich alleine nicht weit kommt mit seinem Gewirtschafte (und weil er sonst echt alleine ist). Er braucht die Magd so sehr, dass er sie oft auch zur Frau nimmt (auch wenn die Kirche das erst später erfährt). Die Frauen müssen natürlich auch schauen, wo sie bleiben. Sie bekommen zwar einiges an Wohlstand geboten, aber extrem harte Arbeit wird von ihnen gefordert. Die Entscheidungen, die Hamsuns Frauen hier über ihre Geburten treffen, sind oft sehr selbstbewusst und voller Kalkül. Sie wissen auch, dass so ein Hof ein fragiles betriebswirtschaftliches Unterfangen ist und dass extrem gute Planung und Voraussicht vonnöten ist.

Das Hauptthema bleibt offenbar, dass die einfache Landarbeit edel, ehrlich und gut ist, während Arbeit und Streben aus Profitgier, wie sie in Gestalt zahlreicher Personen im Roman auftauchen, falsch ist und nicht belohnt wird. Das könnte als nazimäßig durchgehen. Vom Gefühl her ist dieses Lob des einfachen Lebens und der einfachen Werte vor allem irgendwie ökomäßig.

 

Fremdgelesen: Man müsste mal (Neulich in der Bibliothek)

Seitdem ich mein Projekt Ein Jahrhundert lesen verfolge, kaufe ich mir keine Bücher mehr. Es ist erstaunlich, aber wirklich!!! Also natürlich meine ich nicht gar keine Bücher, sondern nur keine Bücher, die nicht für mein Leseprojekt bestimmt sind. Was ich außerdem brauche, hole ich mir aus der örtlichen Stadtbibliothek. Um mich auf 1917 und Knut Hamsun vorzubereiten, ging ich ganz zielstrebig zur Abteilung Literaturwissenschaft, und wurde auch prompt fündig. Ich lese gern Autorenbiografien, bis zur Entstehungszeit meines aktuell zu lesenden Buches. Normalerweise muss ich dabei mit einer der trockenen rororo Monographien Vorlieb nehmen. Die sind zwar ungemein handlich, aber meistens nicht besonders gut lesbar.

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Dieses Mal überraschte mich meine Bücherei mit einem wunderbaren „Leben in Bildern“ vom Deutschen Kunstverlag. Wolfgang Schneider gibt einen kurzen Überblick über das Leben von Knut Hamsun, der zudem großzügig bebildert ist. Glücklich über meinen Fund war ich schon fast wieder draußen, da war mir, als hörte ich von oben aus dem zweiten Stock noch Bücher rufen. Dazu muss man wissen, dass für mich Besuche in der Bibliothek das sind, was für andere Frauen vielleicht Shoppingtouren. Die Bibliothek ist mein Konsumtempel und ich nutze ihn regelmäßig bis zum Exzess, seit ich 1992 meine Lesekarte in der Bertolt-Brecht-Bibliothek in Berlin-Mitte (unten drin im Kino International) bekam. Woche um Woche schleppte ich seither rucksäckevoll Bücher uns sonstige Medien nach Hause und heute kann ich voller Stolz behaupten einen Großteil der 14,9 Millionen Euro Sanierungskosten der Leipziger Stadtbibliotheken durch meine Mahngebühren getragen zu haben.

Gut, dachte ich, ich gehe nur mal schnell kucken, ob es oben vielleicht gerade zufällig „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe oder „Der letzte Mohikaner“  von James Fenimore Cooper gibt. Was soll ich sagen, es gab beide Bücher. Seit ich letztens eine wunderbare Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gelesen habe (Cowboys, Gott und Coca Cola von Sylvia Englert), standen beide Bücher auf der Liste „Müsste man mal…“. Zufällig stehen gegenüber von den Belletristik-Regalen der Buchstaben S, T und so weiter die englischsprachigen Bücher. Mal wieder was auf Englisch lesen steht auch ganz oben auf der „Müsste man mal…“-Liste. Also wenigstens mal kurz kucken… „The Woman who Went to Bed for A Year“ von Sue Townsend ist spontan in meinen Korb gesprungen. Und dann auf dem Weg nach draußen habe ich nur noch ganz kurz meinen Blick zum Ständer mit den Preisgekrönten schweifen lassen. Noch Mal konnte ich Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wirklich nicht in der Bibliothek zurücklassen.DSCF4188

Schließlich kam ich also wieder mit einem beachtlichen Stapel Lesestoff zu Hause an und statt, wie geplant, über Knut Hamsun, fiel ich wie ausgehungert über Sue Townsend her. Sue Townsend, die am 10.04.2014 gestorben ist, war übrigens seit 2001 blind. Was sie nicht daran hinderte, weiterhin zahlreiche witzige Bücher zu schreiben. „The Woman who Went to Bed for A Year“ (deutsch: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb bei Haffmans & Tolkemitt) war nun ihr letztes. Und es war großartig. Eva Beaver, Frau um die 50, geht an dem Tag, an dem ihre Zwillinge zum Studium das elterliche Haus verlassen, ins Bett und bleibt dort. Sie denkt über ihr Leben nach und verweigert sich Dingen wie dem Einkauf, dem Kochen und den Weihnachtsvorbereitungen. Zuerst denken alle, sie ist verrückt geworden, doch spätestens als auf dem Chapatti einer indischen Hausfrau ein Abbild von Eva erscheint, wird sie zu einer Berühmtheit in der Nachbarschaft und im Web 2.0. Außerdem verliebt sich Eva neu (das ist auch gut so, schließlich offenbart sich, dass ihr Mann sie seit 8 Jahren betrügt). Aber einfach die Tatsache, dass die Dame im Bett geht und konsequent drin bleibt, weil sie über ihr Leben nachdenkt, ist die Lektüre wert. Müssten wir nicht alle mal ein bisschen in Ruhe über unser Leben nachdenken und sehen, ob es uns noch passt? Townsends Buch ist nicht nur total einleuchtend, sondern auch herrlich abstrus, zum Totlachen.

Nun habe ich immer noch einen Riesenstapel auf dem Nachtisch. Alles in der Kategorie „Müsste man mal…“

1916: Freiheit oder Liebe?

DSCF4185Bengalen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die britische  Kolonialregierung spaltet das Land in zwei Hälften, um es besser regierbar zu machen. Dadurch ausgelöst wird die Swadeshi-Bewegung, die den Boykott britischer und die Nutzung einheimischer Produkte propagiert. Mittendrin im politischen Aufruhr finden sich Nikhil, ein Maharadscha, Bimala, seine Frau und Sandip, ein Swadeshi-Wortführer. Ihre Geschichte wird in der Form ihrer ineinander verwobenen Tagebücher erzählt.

Bimala erzählt von ihrer Ergebenheit in ihre Ehe. Sie hat in eine gute Familie geheiratet. Ihr Mann hat eine westliche Ausbildung genossen und möchte sie aus der Abgeschiedenheit ihres Frauengemaches hinaus in die Welt führen. Ich bin überrascht: Nikhils Gedanken passen für mich nicht nach 1916, schon gar nicht nach Indien – Er ist der Meinung, dass Bimala ihn nur liebt, weil sie niemanden sonst kennt und weil die Traditionen sie in ihre Ehe fügen. Er möchte nun, dass sie die Möglichkeiten des Lebens kennenlernt und sich dann bewusst für ihn entscheidet. Also stellt er sie seinem Bekannten Sandip vor. Bimala und er entbrennen in heißer Lieben füreinander. Haarscharf schrammen die beiden über Hunderte von Seiten an der Grenzübertretung und völligen Entehrung vorbei. Die Luft knistert vor Spannung und zerstörerischer Kraft ihrer Begierde. Sandip schreibt:

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen, ich möchte mich vom Kopf bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz damit anfüllen. (Seite 47 meiner schönen Ausgaben von Verlag Volk und Welt Berlin 1961, die eine wunderbar lesbare Übersetzung Helene Meyer-Franck aus dem Jahr 1920 enthält)

Sandip und Bimala pflegen ungehörige Vertrautheiten miteinander, aber Nikhil schreitet nicht ein. Seine Leidensfähigkeit nagt an mir während des Lesens. Ich möchte immer rufen „Sag doch was!“. Er aber möchte, dass Bimala sich als freie Frau für ihn entscheidet. Das ist ganz schön weise.

Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Streiten kann etwas daran ändern. (Seite 76)

Obwohl „Das Heim und die Welt“ Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist die zeitliche Dimension für mich so gar nicht spürbar. Indien ist auch ohne zeitlichen Unterschied für mich unglaublich weit weg. So weit, dass mir auch 100 Jahre gar nicht weiter auffallen. Mein ganzes Wissen habe ich aus halbgaren Kenntnissen über Buddhismus, aus dem Gandhi-Film mit Ben Kingsley und Überblicksvorlesungen über britischen Imperialismus. Bis in die Moderne bin ich niemals vorgedrungen (außer vielleicht vor ein paar Jahren durch Slumdog Millionaire).

Am Ende stiehlt Bimala ihrem Mann eine ganze Stange Geld, um Sandip und seiner Revolutionsbewegung zu gefallen, aber dann passiert etwas

Von dem Augenblick an, als ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. (Seite 213)

Am Ende erkennt Nikhil, dass er Bimala hätte lassen sollen ,wie sie war. Mit seinem Drang, sie zu erleuchten, hat er ihre Liebe riskiert.

Weil ich für gute kitschfreie Liebesgeschichten immer zu haben bin, hat Tagore bei mir ins Schwarze getroffen. Aber nicht nur deshalb ist der Literaturnobelpreisträger von 1913 eine Lesereise wert. Er war selbst Sohn eines wohlhabenden Brahmanen und wurde zum Jurastudium nach England geschickt. Darauf hatte er aber gar keine Lust und so studierte er heimlich englische Literatur. Später zurück in seiner bengalischen Heimat schrieb er Gedichte, Dramen und Romane, die er auch selbst meisterhaft ins Englische übertrug. Tagore war es, von dem Gandhi den Beinamen ‚Mahatma‘ (große Seele) bekam. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesh. Er ist der Urheber lauter Weisheiten wie dieser hier:

Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. (Seite 11)

1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

WoolfDas hat lange gedauert. Wirklich lange. Als ich Die Fahrt hinaus aufschlug, war ich mir fast sicher, ein Buch in den Händen zu halten, das mich, wenn nicht auf jeder, so doch auf jeder zweiten Seite begeistern würde. Dann ist es aber ganz anders gekommen.

Bei meiner letzten Lektüre hat mir Virginia Woolf fast vom Hocker gehauen. Mrs Dalloway gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Ich war fasziniert, wie dort verschiedene Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie der Leser innerhalb eines Abschnitts, nahezu unbemerkt von den Gedanken einer Person in die einer anderen hinübergleitet. Die Charaktere sind so stark und ich habe mir noch wochenlang Gedanken darüber gemacht, wie dieses oder jenes in ihrem Leben so gekommen ist. Nicht umsonst ist Mrs Dalloway wohl ihr bedeutendster Roman. Da ich gerne schaue, wo die Dinge angefangen haben, nun also der erste Roman. Woolf hat den Roman viele Male umgeschrieben und hat sich wohl etwas verstrickt.

Auf dem Schiff „Euphrosyne“ fährt ein ganzer Haufen Engländer nach Südamerika, um dort den Winter zu verbringen. Im Mittelpunkt steht Rachel Vinrace, Anfang 20, von ihrem Vater und ihren verstockten viktorianischen Tanten aufgezogen. Es stellt sich schnell heraus, dass sie den Bezug zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft nicht herstellen kann. Sie versteht die Welt nicht so recht.

Anscheinend sagte niemand je irgend etwas, das er auch meinte, oder sprach niemand je von einem Gefühl, das er wirklich empfand, doch dafür war ja die Musik da. (Seite 39 im Fischer Taschenbuch von 1991)

Sie flüchtet sich in die Musik und spielt außergewöhnlich gut Klavier. Über die mysteriösen Vorgänge, sie zwischen Männern und Frauen ablaufen, wurde sie vollkommen im Dunkeln gelassen. Als sie sich schließlich verliebt, ist sie sprachlos. Sie wundert sich, was das wohl für ein Gefühl ist, das da neuerdings durch ihren Körper strömt. Abgesehen von Rachel sind auf dem Schiff noch ihr Vater Willoughby, ihre Tante Helen, ihr Onkel Ambrose und ein Gelehrter, Mr. Pepper. Mr. und Mrs. Dalloway statten der Schiffsgesellschaft auch einen kurzen Besuch ab. In Südamerika kommt noch eine ganze Horde urlaubender Engländer aus dem Hotel im Dorf dazu. Und diese ganzen Menschen zerpflücken die Geschichte ganz entsetzlich. Ständig wechselt der Fokus zu dieser oder jener Person und ich als Leser frage mich unablässig, ob ich zwischen diesen ganzen Beschreibungen und Nebengeschichten vielleicht etwas Essenzielles achtlos übergehe. Und mir deswegen die meisten Seiten irgendwie belanglos erscheinen und ich nicht weiß, weshalb das Buch so dick ist. Jedenfalls liest es sich ungeheuer langsam.

Ein wenig Fahrt nimmt das Buch im hinteren Teil auf. Rachel verliebt sich in Hewet, der Schriftsteller werden will. Er interessiert sich sehr für die Lebenswelt von Frauen, die Kinder erziehen, Läden haben oder unverheiratet geblieben sind. Sie kommen zu der Zeit kaum mit Männern in Kontakt und sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar (heute in weiten Teilen auch noch!), werden nicht gehört. Rachel beginnt nachzudenken, auch über das Verhältnis zu ihrem Vater, von dem sie und ihre beiden unverheirateten Tanten abhängig sind.

Sie hatte es immer für selbstverständlich gehalten, daß diese Einstellung gerechtfertigt war und auf einer idealen Wertskala beruhte, nach der das Leben des einen Menschen als fraglos wichtiger eingestuft wurde als das Leben eines anderen, und daß sie nach diesem Wertmaßstab weit weniger Bedeutung hatten als er (der Vater). Doch glaubte sie das wirklich? (Seite 251)

Ein echter Höhepunkt ist die Beschreibung von Rachels Fieberdelirium. Abgesehen davon, würde ich das Buch nicht wieder in die Hand nehmen. Wahrscheinlich war Virginia Woolf einfach noch nicht ganz so weit. Wer sinnvoll Zeit mir ihr verbringen möchte, dem sei Mrs Dalloway ans Herz gelegt oder das wunderbare Buch Die Stunden von Michael Cunningham, das auch ganz exzellent verfilmt wurde.