1902: Ein langsamer Tod in Venedig

Millie spielt mit dem Gedanken, dass sie, wenn schon nicht um ihrer selbst Willen, dann doch wenigstens wegen ihres Geldes einen Ehemann und Liebe finden könnte. Schließlich kann sie sich von ihrem Reichtum alles Erdenkliche beschaffen: Wohnraum in einem imposanten Palazzo in Venedig, eine Stunde Alleinsein ohne ihre 3 Begleiterinnen und einen Diener, der alles möglich macht. Warum nicht also einen Mann kaufen? Schließlich läuft ihr die Zeit davon und sie hätte sich mit einer bröckelnden Fassade geheuchelter Liebe wahrscheinlich gar nicht mehr auseinanderzusetzen.

Während für Millie der Tausch Zuneigung gegen Vermögen akzeptabel scheint, fühlt es sich für Merton Densher falsch an, sie nur aufgrund ihres Reichtums zu umgarnen. Er möchte schließlich auch, so wie er ist, geliebt werden. Er ist wütend über seine untergeordnete, ausgelieferte und manipulierte Lage. Denn langsam dämmert es ihm: während er für ihren Plan „absolut alles getan hatte, was Kate wollte, hatte sie überhaupt nichts getan, was er wollte“ (Seite 346). Schließlich setzt er ihr die Pistole auf die Brust und erklärt, er werde nicht weiter um Millies Vermögen herumschleichen, wenn Kate nicht endlich zu ihm käme, „für länger“. Das tut sie schließlich. Durch den errungenen Sieg gewinnt Densher in der Beziehung Oberwasser und wird zunehmend sein eigener Herr.

Millie stirbt schließlich und Densher und Kate sehen sich nun mit den Konsequenzen ihres Spiels konfrontiert. Densher ist durch die Zeit, die er nach Kates Abreise allein mit Millie in Venedig verbracht hat tief bewegt. Seine Wahrnehmung der Situation ist nun gänzlich verschieden von der Kates „Wir haben ein schreckliches Spiel gespielt und verloren“ (Seite 465). Für ihn ist klar, dass sie eine Grenze übertreten haben und das möchte er gern rückgängig machen. Für Kate ist das unmöglich.

„Wir werden nie wieder sein, wie wir waren.“ (Seite 506)

Wenn ich noch einmal ein Buch von 1902 auswählen könnte, würde ich definitiv nicht Die Flügel der Taube nehmen. Während sich die Buddenbrooks nach schwierigem Einstieg als spanende Lektüre entpuppt haben, bin ich nun vor allem froh, dass ich mit dem Ziegel durch bin. Der Roman brauch 300 Seiten, bis er überhaupt in die Gänge kommt, dann kommen 120 lesenswerte und dann noch mal 100 ganz lange Seiten, die unendlich langsam auf das absehbare Ende hin erzählen. Fazit: Anstrengend und langweilig!

Aus dem gleichen Jahr und definitiv spaßiger ist Der Hund von Baskerville von Arthur Conan Doyle.

1902: 4 Gründe, warum es sich doch lohnt „Die Flügel der Taube“ zu lesen

English: Photograph of Henry James.

In den letzten Wochen habe ich mich gequält und unendlich bei der Lektüre von „Die Flügel der Taube von Henry James gelangweilt. Da Aufgeben keine Option war, konnte ich ebenso gut versuchen, dem Buch etwas Positives abzugewinnen und zu erforschen welche Gründe man haben könnte, um das Buch zu lesen.

Grund 1: Henry James gelingt es ausgezeichnet, das, was wir Anglisten wohl Britishness nennen würden, einzufangen. Als Amerikaner lebte er selbst lange Jahre in England und genoss gewissermaßen immer eine Fremdperspektive auf seine Wahlheimat. Er beschreibt Dinge, die einem Engländer wahrscheinlich völlig abgegangen wären. Ein Beispiel findet sich in Merton Denshers ersten Eindrücken von Maud Lowders Haus:

Sie stellten eine Ordnung für sich dar und strotzten vor wertvollen Materialien – kostbaren Hölzern, Metallen, Stoffen, Steinen. Nie hatte er sich etwas so Befranstes und Gekerbtes, mit Knöpfen und Schnüren Besetztes, überall so straff Angezogenes und überall so dick Gerolltes träumen lassen. Nie hatte er sich so viel Vergoldung und Glas, so viel Atlas und Plüsch, so viel Rosenholz und Marmor und Malachit träumen lassen. (Seite 60, Aufbau-Ausgabe)

Grund 2: Im Kern birgt der Roman doch das, was ein Mädchen sich von einem Roman wünscht: eine Liebesgeschichte. Kate wird angebetet von Densher. Er sagt Sätze wie:

Alle Frauen außer dir sind beschränkt. Wie kann ich da eine andere ansehen? Du bist immer wieder anders – und dann bist du noch einmal anders.

und

„Die Frauen, die man so kennenlernt – was sind sie anderes als Bücher, die man schon gelesen hat? Du stellst eine ganze Bibliothek unbekannter, unaufgeschnittener Bücher dar.“ (Seite 262)

Wegen solcher Sätze lohnt sich die Lektüre allemal.

Grund 3: Die Liebesgeschichte ist tragisch, denn sie beiden können sich nicht wirklich kriegen. Der arme Densher ist Kate verfallen und kämpft sich ab im Umgang mit Mrs. Lowders. Die hat ihn zwar im Grunde ganz gern, aber für alle Beteiligten ist offensichtlich, dass er nicht gut genug für die feine Gesellschaft ist, dass Kate eine bessere Partie machen könnte.

Es lag im Wesen seiner Position, daß in einem Hause wie diesem der Spieß jederzeit gegen ihn gekehrt werden konnte. „Was hast du zu bieten?“ – so summte das Haus ihm, wie auch immer  von Behaglichkeit und Anstand gedämpft, mit solch lastender Ironie unaufhörlich zu. (Seite 240)

Grund 4: Nun kommt in „Die Flügel der Taube“ tatsächlich eine Geschichte ins Rollen, die mein Leseinteresse enorm steigert. Die Figur Kate ist für mich nach wie vor schwer zu fassen. Ist sie ernsthaft Millies Freundin oder ist sie durchtrieben und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, an dem, wie wir wissen, ja auch das Wohl ihres Vaters und ihrer Schwester hängt. Sie heckt einen Plan aus. Densher soll sich an die reiche Erbin Millie ranmachen und sich ihre Kohle unter den Nagel reißen. Wie Kate dann von der Situation profitieren soll, wird nicht gesagt (war ja klar). Densher macht bei der Sache mit, ohne allzu viele Fragen zu stellen und fühlt sich schon von Beginn an zu Millie hingezogen. Damit ist eine Situation geboren, die richtigen Seifenoperncharakter hat. Densher ertappt sich dabei, wie er Millie mehr hofiert, als er ursprünglich beabsichtigt hatte und ist sich auf einmal unsicher, ob Kate das wirklich so gewollt haben kann. Er kann schlecht die Reißleine ziehen, weil er ja eine echte Beziehung zu Millie aufgebaut hat und, weil er sich dann Kates Anweisungen widersetzen würde, die Millie die Intrige offenbaren könnte. Er sitzt also in der Klemme.

Auf jeder Seite ist nun alles möglich. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Wird er sich in Millie verlieben und wird Kate das mit ansehen können? Wird sie vielleicht eine weitere Intrige spinnen? Bleibt Densher insgeheim bei Kate und wird Millie den Schwindel aufdecken können? Ich bleibe gespannt auf den letzten 230 Seiten.

1902: Die Landkarte der Taube

Millie ist krank. Es wird – ganz typisch – gar nicht erst direkt gesagt und lange Passagen lassen es mich immer wieder vergessen. Schon in der Schweiz geht es ihr irgendwie nicht gut und deswegen möchte Millie auch so gern nach London. Dort angekommen, geht sie aber erst nach Wochen zum Arzt. Der ist wohl ganz toll und rät ihr, ihr Leben so richtig auszukosten. Woraus man dann wohl schließen darf, dass sie es nicht mehr lange machen wird. Ihre Begleiterin Susan Sheperd weiht Millie nicht ein. Bei ihrem ersten Arztbesuch lässt sie sich von Kate begleiten, der sie aber wiederum nichts über das Ergebnis der Untersuchungen erzählt. Der Leser erfährt davon auch nichts. Das macht mich noch ganz verrückt. Haufenweise Sachen werden in dem Buch einfach nicht erzählt. Vieles wird angedeutet, indirekt erzählt oder wir erfahren viel später hintenrum etwas. Das nützt dem Leser, der versucht dem Plot zu folgen aber herzlich wenig!

Da ist ja auch noch die verwickelt verzwickte Klatsch-und-Tratsch-Geschichte mit Millie, Kate und dem jungen Mann. Die Saison in London neigt sich dem Ende und immer noch hat sich für Millie keine Gelegenheit ergeben ihrer Freundin Kate anzuvertrauen, dass sie mit Merton Densher bekannt ist. Tante Maud versucht nun wiederum Millie einzuspannen, um herauszufinden, ob Densher mittlerweile aus den Vereinigten Staaten zurück ist. Die Tante will natürlich nicht, dass er ihr irgendwie bei ihren Verheiratungsplänen für Kate dazwischenfunkt. Die Situation ist für Kate und Millie langsam ziemlich spannend sein, da ja von nun an im immer die Frage im Raum steht, warum nicht eher von Densher gesprochen worden ist. Die Spannung für den Leser hält sich nach wie vor in Grenzen. Leider. Nach 200 Seiten ist der Scheitelpunkt der Schwarte noch nicht erreicht.

Im Rahmen meiner umfangreichen Überlegungen, ob ich dem Buch nicht doch noch etwas abgewinnen könnte, habe ich aber eine schöne Entdeckung gemacht: Peter Biggins Maps of the Classics-Blog. In dort gibt es einen ganzen Haufen Landkarten zu Klassikern von der Illias bis zu Kafka. Und eben auch zu Die Flügel der Taube.  Super Sache, solche Karten sollte es zu allen Büchern geben.

1902 – To read or not to read …

Was bisher geschah: Am Beginn des Romans begegenen wir Kate Croy, einem jungen Londoner Mädchen aus offenbar nicht so guten Verhältnissen, das mit der Entscheidung ringt, ob sie ihr Leben unter desolaten Umständen mit ihrer Familie verbringen oder sich in Obhut ihrer reichen Tante Maud begeben soll, was aber bedeutet, dass sie ihrer Familie den Rücken kehren müsste. Kate geht auf das Angebot der Tante ein, weil sie so auch ihren Angehörigen weiterhelfen kann, nicht zuletzt findet sie auch einigen Gefallen an dem Luxus, den ihr das Leben bei der Tante bietet. Wir sehen außerdem, dass Kate eine zurückhaltende Liason mit dem Schreiberling Merton Densher hat. Die beiden sind verliebt, aber die Verlobung kommt nicht recht in die Gänge, weil irgendwie klar ist, dass Densher nicht die Art von guter Partie ist, die sich die Tante für Kate vorgestellt hat. Merton Densher wird dann dienstlich auf Amerikareise geschickt und die beiden verabschieden sich mit viel Schmalz, heimlicher Verlobung und Liebesschwüren.

Ein paar Seiten weiter hinten unternimmt die junge New Yorkerin Millie Theale mit ihrer Gesellschafterin Mrs. Stringham eine Europareise. Millies Familie ist gestorben. Jetzt ist sie allein, furchtbar reich und rastlos. Sie scheint sich mit Mrs. Stringam ganz gut zu verstehen. Die ältere Dame ist aus Boston, Witwe und ist in der Schweiz zur Schule gegangen. An diese Zeit erinnert sie sich jetzt zurück und auch an ihre alte Schulkameradin Maud. Was natürlich die gleiche Maud ist, die wir aus London kennen. Schnell reisen die beiden nach England und lassen sich dort in die Gesellschaft einführen. Der Clou ist, dass Merton Densher auf seiner Amerikareise auch Millie Theale kennengelernt hat und sie sich irgendwie ganz gut verstehen.

Auch nach 160 Seiten und dem Wechel der Übersetzung ist die Geschichte immernoch sehr langsam und einfach nicht besonders aufregend.  Die Übersetzung von Ana Maria Brock ist wesentlich lesbarer und lebendiger, was aber am Buch als solches leider nicht viel ändert. Aber dann dauert es eben noch eine Weile, es zu lesen. Auf http://www.goodreads.com gab es gerade eine Infografik zum Thema Lektüreabbruch. Die meisten Menschen hören aus zu lesen, wenn die Lektüre „slow“ und „boring“ ist (Bingo!). Knapp 16 Prozent entscheiden das bevor sie 50 Seiten gelesen haben, etwa weitere 35 Prozent lesen bis zu 100 Seiten (Bingo Bingo!). Circa 10 Prozent der Hinschmeißer tun das auch noch weiter hinten.  Immerhin 38,1 Prozent der Befragten gaben an „I always finish, no matter what“. Ich gebe einem Buch normalerweise um die 50 Seiten und entscheide dann, ob es eine Bereicherung für mich ist. Abbruch ist nun keine Option. Lesegeschwindigkeit verringern ist eigentlich auch kontraproduktiv, dann dauert es ja noch länger. Nun denn, liebes Buch, komme was wolle, ich lese dich jetzt durch!

1902: Der Anfang der Taube

James - Cover - 1902

Henry James gehört bei uns nicht zu den meistgelesenen Autoren und ich ahne, warum. Aber fangen wir beim Anfang an: Henry James war ein amerikanischer Schriftsteller aus intellektuellem Umfeld. Irgendwann ging er nach Europa, schrieb hauptsächlich über  Amerikaner in Europa. Im Zuge des ersten Weltkriegs nahm er die britische Staatsbürgerschaft an, auch aus Protest gegen die Politik seines Heimatlandes. Bücher, von denen ich vorher schonmal gehört habe sind The Portrait of a Lady und The Turn of the Screw. Nun also Die Flügel der Taube.

Ich quäle mich, habe aber mangels Alternativen beschlossen durchzuhalten. Für 1902 wären auch in Frage gekommen: Der Hund der Baskervilles von Arthur Conan Doyle, aber den habe ich in der Uni schon gelesen (den würde ich auch uneingeschränkt weiterempfehlen) und Typhoon von Joseph Conrad. Von Conrad habe ich aber noch den Geheimagenten auf meiner Wunschliste. Bleiben also noch die Flügel. Es geht mir ja schließlich auch darum mal unter den Staub des Jahrhunderts zu schauen. Das das Jahrhundert aber gleich zu Beginn schon so lang werden würde, hätte ich nicht erwartet. Ich bin entmutigt. Das Erzähltempo ist ungemein langsam. Ich hatte ja schon bei Thomas Mann den Eindruck, er würde viele Worte machen, aber im Vergleich zu Henry James waren die Buddenbrooks noch gar nichts. Das Buch ist extrem sperrig. Es geht schon mit dem ersten Satz los (ich lese im Moment noch in der Kiepenheuer & Witsch-Ausgabe von 1981):

Sie, Kate Croy, wartete, daß ihr Vater hereinkäme, aber er ließ sie, vielleicht mit Absicht, unbillig lange warten, und es gab Augenblicke, in denen sich ihr im Spiegel über dem Kamin ein Gesicht zeigte, das wirklich bleich war von jener Erregung, die sie schon zu dem Entschluß gebracht hatte, zu gehen, ohne ihn gesehen zu haben. (Seite 7)

Ich habe jetzt fast hundert Seiten gelesen. Wenn es nicht darum ginge, auch mal was zu lesen, was ich sonst nicht lesen würde, hätte ich das Buch vor spätestens 50 Seiten abgebrochen. Vielleicht könnte ich eine andere Übersetzung probieren. Im Moment lese ich die von Herta Haas von 1962. Es gibt noch eine eine Ost-Übersetzung von Ana Maria Brock. Ist käuflich fast nicht zu kriegen, aber es findet sich ein Exemplar in der hiesigen Universitätsbibliothek. Ich werde es mir morgen holen gehen. Denn so kann ich nicht weiterlesen. Hier noch eine Kostprobe:

Es gab sehr viele Frauen, die alles mögliche waren, das sie nicht war, die aber andererseits das nicht waren und die nicht wußten, daß sie es war (das hatte sie gern – es vergrößerte den Abstand zu ihnen noch mehr), und die auch nicht wußten, wie sehr es sie befähigte, sie zu beurteilen. (Seite 93)

Maahaann. Es ist wirklich mühselig, dem Plot überhaupt zu folgen, denn es werden ständig so unglaublich viele Worte gemacht. Ich weiß, dass dass für Henry James typisch ist und dass gerade diese indirekte Erzählweise richtungsweisend für seine Zeit war, aber manchmal verstehe ich seitenweise nicht, wer gerade was sagt und über wen. Vielleicht ist das auf Englisch irgendwie charmant, aber so geht es jedenfalls gar nicht. Eine andere Ausgabe muss her, dringend!