1932: White Trash in the South – „Die Tabakstraße“ von Erskine Caldwell

img_0442-1Nachdem ich „Die gute Erde“ von Pearl S. Buck gelesen hatte, war ich aufgewühlt von der tiefen Armut der chinesischen Bauern, die dort erzählt wird. „Die Tabakstraße“ hat gleich noch einmal in diese Kerbe gehauen und mich schockiert. Nicht nur handelt der Roman von den ärmsten, abgewirtschaftetesten Gestalten, die ich mir ausmalen konnte, sondern er spielt auch noch in den Vereinigten Staaten von Amerika des 20. Jahrhunderts. Das Panorama der armen Dummheit, dass sich hier entfaltet steht in krassem Gegensatz zur klugen Berechnung von Bauer Wang Lung aus „Die gute Erde“.

Lov Bensey ist verheiratet mit Pearl. Pearl ist 13 und eines von 17 Kindern aus der Familie von Jeeter Lester. Lesters Frau kann sich gar nicht mehr erinnern, wie viele Kinder, sie geboren hat. Lester selbst fallen auch nicht mehr alle ein. Die Familie ist extrem arm. Lester aber ist besonders nutzlos, weil er sein Land nicht bewirtschaften kann und seine Familie hungern muss. Wie blöde hängt er dem Glauben an die Fruchtbarkeit seines Landbesitzes an, obwohl offensichtlich ist, dass alles nur Staub und Dürre ist. Es fehlt an allem. Die Familie hat nicht das Geld, neue Samen und Dünger zu kaufen und neu anzufangen.
Sex und Essen ist alles, wofür die Armen noch gedankliche Energie aufbringen. Alles Streben ist auf unmittelbare Bedürfniserfüllung ausgerichtet, weshalb sie kaum je auf einen grünen Zweig kommen können. Lov Bensey kommt an einem Tag einem Tag mit einem großen Sack Rüben auf dem Nachhauseweg an Jeeter Lesters Hütte vorbei. Normalerweise hätte die Lesters vermieden, wenn er etwas Essbares transportiert, aber er möchte sich den Rat seines Schwiegervaters einholen, weil ihm Benseys dreizehnjährige Frau ihm einfach nicht zu Willen ist. Es kommt aber so, dass Lesters Tochter (und Pearls Schwester) Ellie May Bensey verführt, während der Rest der Jeeters die Rüben stiehlt.

Beim Lesen fühlte ich mich ein bisschen wie beim Schauen von Trash-TV auf RTL2. Wie gebannt starre ich auf die arme Verwahrlosung. Ich kann das Buch nicht weglegen, weil das primitive und würdelose Verhalten eine eigenartige Faszination entfaltet. Die Wikipedia schreibt, Caldwell habe die Beschreibung solch frappierender Armut als eine Form des sozialen Protests gesehen und er habe sich geweigert, sie zu romantisieren bzw. zu beschönigen. Und so bleibe ich als Leserin am Ende zwar mit offenem Mund sitzen, weiß aber nicht so recht, was ich mit der Lektüre anfangen soll.

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