1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1920: Die Blume des Lebens

FotoUnd es gibt sie doch: die einzig wahre, allumfassende Liebe auf den ersten Blick. Es ist nur blöd, wenn Sie ausgerechnet dann auftaucht, wenn man schon anderweitig verwickelt ist. Das Setting dieses Mal: die feine New Yorker Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – New York City – das klingt für uns wenig gereiste Kleinstadteuropäer mindestens nach ‚Meeting Pot‘, vielleicht sogar ein bisschen nach ‚Rumble in the Bronx‚. Wir finden uns aber in Opern, auf Bällen, bei feinen Landpartien. Die Männer tragen weiße Glacéhandschuhe und die Damen ihre großen Toiletten. Die Kulisse erinnert an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Die feine Gesellschaft ist dieselbe, egal ob Petersburg, Paris oder eben New York. Und dort finden wir uns in einer Zeit, bevor die Freiheitsstatue gebaut wurde und als die Gegend um den Central Park noch als Wildnis galt.NYbirdseye

In „Zeit der Unschuld“ befindet sich die feine New Yorker Gesellschaft gerade in der Oper, als Newland Archer einen Blick auf die schöne Gräfin Olenska wirft. Es ist die Cousine seiner fast Verlobten May. Gräfin Olenska wirft mit Skandalen nur so um sich. Dieses Mal ist sie ihrem Mann davongelaufen. Das kommt natürlich gar nicht so gut an. Um von der Skandalgeschichte abzulenken geben Newland und May ihre Verlobung vorschnell bekannt. Es wird aber relativ schnell klar, dass sich Newland eine leidenschaftliche, kameradschaftliche Beziehung in der Ehe wünscht und dass May aber, aufgrund ihrer Erziehung, dazu niemals in der Lage wäre. Mit der Gräfin Olenska wäre das schon anders, die ist Newland nicht nur intellektuell ebenbürtig, sondern ist insgesamt eher unkonventionell (und daher extrem aufregend). Newland heiratet aber trotzdem May. Fieberhaft hoffte ich während der Lektüre, Newland Archer und die Gräfin Olenska mögen sich doch bitte über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen.  Es war zum Haareraufen, zum Fingernägelabkauen, zum Ausderhautfahren! Und das, obwohl ich schon wusste, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe vor Jahren die meisterhafte Verfilmung von Martin Scorsese gesehen. Archer aber fährt einfach nicht aus der Haut. Und genau das ist der springende Punkt.

Die Gesellschaft weiß, dass Archer der Olenska zugetan ist, auch seine Frau weiß es. Doch niemand sagt etwas. Das wäre ja unfein. Archer, der sich ausmalt, wie sein Leben außerhalb der erlesenen Kreise aussehen könnte, beschleicht das Gefühl, wie ein gebändigtes Raubtier vorgeführt zu werden. Für die Gesellschaft ist der Fall klar. Da spielt es keine Rolle, dass Archer und Olenska ihren Neigungen nie nachgeben, um ja nur die Gesellschaft nicht zu erschüttern. Gräfin Olenska, die ja ihren Mann verlassen hat, ist ohnehin eine gefallene Frau, bei der man ehrenhafte Absichten gar nicht erst vermutet.

Für Archer bleibt immer die Frage, ob es sinnvoll ist, die eigenen Bedürfnisse aus Rücksicht auf andere zurückzustellen. In seinem Fall tritt ja sogar der außergewöhnliche Fall ein, dass ihm dieser edle Zug von seiner Frau nachhaltig gedankt wird.

Etwas, das wußte er, hatte er nicht gefunden: die Blume des Lebens (Seite 460, Serie Piper)

1919: 2 Fantasybücher, die man lieber lesen sollte als „Jürgen“

Wie bin ich da nur reingeraten? Als ich meine Leseliste erstellt habe, wollte ich auch Genres lesen, die ich bisher aus verschiedenen Gründen vernachlässigt habe. Eines davon ist Fantasyliteratur. Ich bin eigentlich gar nicht grundsätzlich dagegen, habe mich eben bisher meistens trotzdem für eine „realere“ Geschichte entschieden. Nachdem ich in den Untiefen meines literarischen Gedächtnisses gekramt habe, fielen mir nur 2 bisher gelesene Bücher ein, die ich ins Regal „Fantasy“ stellen würde. Und die gar nicht so übel waren.

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1. Die Unendliche Geschichte von Michael Ende: Da geht mir auch jetzt noch das Herz auf. Die Geschichte ist einfach zu toll: der junge Bastian Balthasar Bux rennt eines Tages, weil er von den anderen Jungs gehänselt und verfolgt wird in ein Antiquariat und kommt so zu einem außergewöhnlichen Buch. Weil er nicht weiß, wohin er soll, schließt er sich auf dem Dachboden seiner Schule ein und entflieht nach Fantasien. Dort wimmelt es vor lauter tollen Typen: dem Steinbeißer, dem Indianer Atreju, der Glücksdrache Fuchur. Die kindliche Kaiserin erfüllt all seine Wünsche, bis er schließlich darum kämpft wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Selbst wenn man eine Taschenbuchausgabe kauft, findet man die Geschichte zweifarbig gedruckt: rot für Realität, grün für Fantasien.

2. Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien: Die Geschichte dieses Ziegelsteins von einem Buch ist 9783608938289seit Peter Jacksons Verfilmung sicherlich allgemein bekannt: Ein Hobbit muss die Welt retten, indem er einen Ring in ein Feuer wirft. Trotzdem ist das Buch seine Lesezeit wert. Ich erinnere mich noch an meine Fassungslosigkeit, als ich nach und nach bemerkte, dass sich Tolkien, da nicht nur ein Land en detail, sondern gleich noch dessen Jahrtausende dauernde Geschichte ausgedacht hatte und dazu noch ein Sprachennerd war. Nicht nur erfand er die elbischen Sprachen Quenya und Sindarin, sondern arbeitete auch in der wirklichen Welt am Oxford English Dictionary. Abgesehen von vielleicht 50 Seiten am Ende des 3. Bandes, als der Ring schon in den Schicksalsberg geworfen ist, ist nahezu jede Seite lesenswert.

An diese beiden Erzähltalente musste ich immerfort denken, als ich mich durch die 353 nicht cover_juergen_cabell_james_branchenden wollenden Seiten von Jürgen gequält habe. James B. Cabell führt wirklich sehr beispielhaft vor, wie man keinen guten Roman schreibt. Der Protagonist, Jürgen, ein Pfandleiher, der eigentlich mal Dichter war, jetzt aber ein Geschäft und eine zickige Frau hat, geht ein Pakt mit einer dunklen Gestalt ein und bekommt die Gelegenheit, wieder jung zu sein. Diese Gelegenheit nutzt er für zahlreiche Liebesgeschichten. Wegen diesen Liebesgeschichten hatte die New Yorker Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters versucht, das Buch verbieten zu lassen. Das ist zwar nicht geglückt, aber wahrscheinlich der Grund, warum das Buch bekannt genug ist, um angezeigt zu werden, wenn man im Internet nach Romanen sucht, die 1919 erschienen sind. Der Erzählstil ist grässlich. Geht es nicht bei Fantasy darum, mit Worten eine andere Welt entstehen zu lassen? Cabell verliert gerade mal genug Worte, um klar zu machen, dass Jürgen hierhin ging, den und den traf, dann dorthin ging und diesen und jenen traf. Alle Orte und Personen werden also lediglich genannt und dem Leser wird absolut zu wenig Material geliefert, um sich irgendwas selbst auszumalen. Dazu kommt noch die unmögliche Übersetzung mit meist unlesbaren Sätzen von Jürgen Blasius:

Nun, wie Jürgen freimütig zugab, hatte sich sein Benehmen gegenüber Stella, jener vom Unglück verfolgten Yogini von Indawadi, wenn man es unter einem besonderen und ganz unzumutbaren Gesichtspunkt betrachtete, in der Tat einen Aspekt gezeigt, der, wenn er von übereilt urteilenden Personen isoliert betrachtet wurde, möglicherweise in deiner oder zweierlei Hinsicht den entfernten Anschein vorübergehender Vernachlässigung seiner Gemahlin erwecken mochte, wenn es überhaupt irgendwo Menschen von solch einer geistigen Unzulänglichkeit gab, daß sie eine derartige Vernachlässigung vorstellbar fanden.“ (Seiten 161 der Ausgabe aus der Reihe Fantasy Classics, Heyne 1981)

Ich habe mich durch das derzeit schlechteste Buch im 20. Jahrhundert gequält und bin froh, dass es vorbei ist. Und freue mich auf Zeit der Unschuld von Edith Wharton. Es erwarten mich feinste Verwicklungen der New Yorker High Society im 19. Jahrhundert. Ich habe vor jede Zeile der wohlformulierten Sätze in dieser sorgfältig ausgebreiteten Geschichte zu genießen.

1917: Irgendwie ökomäßig

20140622-140052-50452706.jpg„Wieso liest du denn ein Buch von Knut Hamsun? Ist das nicht so ein Nazi?“ fragt mein Vater, als ich ihm vom Fortschritt meines Projekts erzähle. Und ich frage mich, was da dran ist. Immerhin hat man Hamsun 1920 für „Segen der Erde“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er galt vielen als der bedeutendste lebende Schriftsteller der Welt. James Joyce nannte ihn „Old King Knut“.

Hamsuns Lebensgeschichte liest sich selbst schon wie ein guter Roman und ich mag sie erst gar nicht weglegen, um „Segen der Erde“ anzufangen. Schriftsteller haben ja oft die unglaublichsten Hintergründe, aber Hamsun trifft mich besonders. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und zieht als 9jähriger zu  seinem Parkinson-kranken Onkel. Er hat extreme Sehnsucht nach zu Hause und wird von seinem Onkel schlecht behandelt. Es folgen zahlreiche Fluchtversuche. Er schießt den Vogel ab, als er sich mit der Axt in den  Fuß hackt, damit er für den Onkel als Pflegekraft unbrauchbar wird. Wie schlecht kann es einem Menschen gehen?

Es folgen viele weitere arme Jahre, Jahre in Amerika, Jahre der Krankheit, dann sein Durchbruch mit „Hunger„. Davon konnte er sich aber leider noch Knut_hamsun_1871gar nichts kaufen. Er heiratet, baut sich ein Haus, säuft. Dann Zusammenbruch, Scheidung. Wieder Heirat und so weiter. Unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schreibt er „Segen der Erde“. Nach dem Krieg wird er zum Fan der Deutschen und als die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg Norwegen besetzt, schreibt er pro-deutsche Artikel für die Zeitung und ruft die Norweger dazu auf, die Deutschen nicht zu bekämpfen. Nach  Kriegsende wird er wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“ verurteilt.

In seinem Nobelpreiswerk geht es aber nicht um derlei Dinge, sondern um Isak, einen einfachen Mann, der sich in der Einöde Norwegens ein Stück Land sucht, eine Hütte baut und Inger als Frau findet. Sie leisten verdammt harte Arbeit und machen nicht viel Gewese drum, aber sie verlieben sich echt ineinander. Der gestandene Bauer gerät fast außer sich vor Angst, seine Frau könnte einfach nicht wiederkommen, als sie einmal in ihr Heimatdorf geht, um ein paar Sachen zu holen.

So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles was er von ihr wollte, uns sie war zufrieden damit. (Seite 24, Ausgabe  von Rütten & Loening, Berlin 1979)

Ich bin betört von der Sprache: fast meditativ, repetetiv. Das harte Leben im Ödland beschreibt Hamsun in einer so feinen, nuancenreichen Sprache. Jede einzelne Seite ist ein Vergnügen. Übersetzt wurde von Julius Sandmeier und Sophie Angermann. Ich kann gut verstehen, warum ihn viele so großartig fanden.

Themen von „Segen der Erde“ sind Diskriminierung gegenüber Andersgestaltigen und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für Frauen verantwortliche Entscheidungen für ihre Leben zu treffen. Inger hat eine Hasenscharte, also eine Lippen-Gaumenspalte, und wird schon ihr ganzes Leben lang gehänselt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Isak ist anders. Er nimmt zwar Notiz davon, aber es spielt für ihn keine Rolle. Zwei Mal bringt Inger in Isaks Abwesenheit und ohne Ihre häuslichen Pflichten auch nur für eine Stunde zu vernachlässigen, ein Kind zur Welt. Beim dritten Mal erschrickt sie heftig und ihre größten Ängste bestätigen sich, denn auch ihre Tochter hat eine Nasen-Gaumenspalte. Nun wird auch offenbar, warum sie Isak, jedes Mal, wenn die Wehen kamen, unter Vorwänden ins Dorf hinunter schickte.

In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht. (Seite 54)

Hier stockt mir der Atem und ich muss weinen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie hart das Leben in der Einöde früher gewesen sein muss, dazu noch unter solchen Bedingungen. Später wird Inger ein Prozess gemacht und sie verbringt acht Jahre in Trondheim im Gefängnis, wo sie operiert wird und einiges an Bildung erfährt. Als sie zurückkommt ist sie die Gebildetete, Weitgereiste und hat in vielerlei Hinsicht von der Geschichte profitiert.

Später gibt es im Dorf noch eine zweite Geschichte einer Kindsmörderin. Barbro war als Magd auf den Hof von Axel gekommen und hatte sich mit ihm eingelassen. Obwohl er sie beständig heiraten wollte. Barbro hat aber immer das Gefühl, dass im Leben noch mehr für sie rausspringen könnte. Auch nachdem sie ihr Kind getötet hat und enttarnt worden ist, geht sie ganz unbekümmert damit um. Sie weiß aus der Stadt, dass die Strafen, die Kindsmörderinnen erwarten, nicht mehr so unmenschlich sind, wie es früher war. Auch Barbro steht schließlich vor Gericht. Eine Amtsfrau aus dem Dorf hält ein mitreißendes Plädoyer über die Gesellschaft, die erst unverheiratete Mütter anklagt und sie so dazu treibt, ihre Kinder zu töten und sie hinterher noch dafür anklagt. Sie fragt auch, warum die Männer dabei straffrei ausgehen.

Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken. (Seite 321)

Im Buch wird mehr als deutlich, wie sehr ein Mann auf einem Hof eine Magd braucht. Weil er nämlich alleine nicht weit kommt mit seinem Gewirtschafte (und weil er sonst echt alleine ist). Er braucht die Magd so sehr, dass er sie oft auch zur Frau nimmt (auch wenn die Kirche das erst später erfährt). Die Frauen müssen natürlich auch schauen, wo sie bleiben. Sie bekommen zwar einiges an Wohlstand geboten, aber extrem harte Arbeit wird von ihnen gefordert. Die Entscheidungen, die Hamsuns Frauen hier über ihre Geburten treffen, sind oft sehr selbstbewusst und voller Kalkül. Sie wissen auch, dass so ein Hof ein fragiles betriebswirtschaftliches Unterfangen ist und dass extrem gute Planung und Voraussicht vonnöten ist.

Das Hauptthema bleibt offenbar, dass die einfache Landarbeit edel, ehrlich und gut ist, während Arbeit und Streben aus Profitgier, wie sie in Gestalt zahlreicher Personen im Roman auftauchen, falsch ist und nicht belohnt wird. Das könnte als nazimäßig durchgehen. Vom Gefühl her ist dieses Lob des einfachen Lebens und der einfachen Werte vor allem irgendwie ökomäßig.

 

1916: Freiheit oder Liebe?

DSCF4185Bengalen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die britische  Kolonialregierung spaltet das Land in zwei Hälften, um es besser regierbar zu machen. Dadurch ausgelöst wird die Swadeshi-Bewegung, die den Boykott britischer und die Nutzung einheimischer Produkte propagiert. Mittendrin im politischen Aufruhr finden sich Nikhil, ein Maharadscha, Bimala, seine Frau und Sandip, ein Swadeshi-Wortführer. Ihre Geschichte wird in der Form ihrer ineinander verwobenen Tagebücher erzählt.

Bimala erzählt von ihrer Ergebenheit in ihre Ehe. Sie hat in eine gute Familie geheiratet. Ihr Mann hat eine westliche Ausbildung genossen und möchte sie aus der Abgeschiedenheit ihres Frauengemaches hinaus in die Welt führen. Ich bin überrascht: Nikhils Gedanken passen für mich nicht nach 1916, schon gar nicht nach Indien – Er ist der Meinung, dass Bimala ihn nur liebt, weil sie niemanden sonst kennt und weil die Traditionen sie in ihre Ehe fügen. Er möchte nun, dass sie die Möglichkeiten des Lebens kennenlernt und sich dann bewusst für ihn entscheidet. Also stellt er sie seinem Bekannten Sandip vor. Bimala und er entbrennen in heißer Lieben füreinander. Haarscharf schrammen die beiden über Hunderte von Seiten an der Grenzübertretung und völligen Entehrung vorbei. Die Luft knistert vor Spannung und zerstörerischer Kraft ihrer Begierde. Sandip schreibt:

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen, ich möchte mich vom Kopf bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz damit anfüllen. (Seite 47 meiner schönen Ausgaben von Verlag Volk und Welt Berlin 1961, die eine wunderbar lesbare Übersetzung Helene Meyer-Franck aus dem Jahr 1920 enthält)

Sandip und Bimala pflegen ungehörige Vertrautheiten miteinander, aber Nikhil schreitet nicht ein. Seine Leidensfähigkeit nagt an mir während des Lesens. Ich möchte immer rufen „Sag doch was!“. Er aber möchte, dass Bimala sich als freie Frau für ihn entscheidet. Das ist ganz schön weise.

Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Streiten kann etwas daran ändern. (Seite 76)

Obwohl „Das Heim und die Welt“ Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist die zeitliche Dimension für mich so gar nicht spürbar. Indien ist auch ohne zeitlichen Unterschied für mich unglaublich weit weg. So weit, dass mir auch 100 Jahre gar nicht weiter auffallen. Mein ganzes Wissen habe ich aus halbgaren Kenntnissen über Buddhismus, aus dem Gandhi-Film mit Ben Kingsley und Überblicksvorlesungen über britischen Imperialismus. Bis in die Moderne bin ich niemals vorgedrungen (außer vielleicht vor ein paar Jahren durch Slumdog Millionaire).

Am Ende stiehlt Bimala ihrem Mann eine ganze Stange Geld, um Sandip und seiner Revolutionsbewegung zu gefallen, aber dann passiert etwas

Von dem Augenblick an, als ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. (Seite 213)

Am Ende erkennt Nikhil, dass er Bimala hätte lassen sollen ,wie sie war. Mit seinem Drang, sie zu erleuchten, hat er ihre Liebe riskiert.

Weil ich für gute kitschfreie Liebesgeschichten immer zu haben bin, hat Tagore bei mir ins Schwarze getroffen. Aber nicht nur deshalb ist der Literaturnobelpreisträger von 1913 eine Lesereise wert. Er war selbst Sohn eines wohlhabenden Brahmanen und wurde zum Jurastudium nach England geschickt. Darauf hatte er aber gar keine Lust und so studierte er heimlich englische Literatur. Später zurück in seiner bengalischen Heimat schrieb er Gedichte, Dramen und Romane, die er auch selbst meisterhaft ins Englische übertrug. Tagore war es, von dem Gandhi den Beinamen ‚Mahatma‘ (große Seele) bekam. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesh. Er ist der Urheber lauter Weisheiten wie dieser hier:

Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. (Seite 11)

1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

WoolfDas hat lange gedauert. Wirklich lange. Als ich Die Fahrt hinaus aufschlug, war ich mir fast sicher, ein Buch in den Händen zu halten, das mich, wenn nicht auf jeder, so doch auf jeder zweiten Seite begeistern würde. Dann ist es aber ganz anders gekommen.

Bei meiner letzten Lektüre hat mir Virginia Woolf fast vom Hocker gehauen. Mrs Dalloway gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Ich war fasziniert, wie dort verschiedene Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie der Leser innerhalb eines Abschnitts, nahezu unbemerkt von den Gedanken einer Person in die einer anderen hinübergleitet. Die Charaktere sind so stark und ich habe mir noch wochenlang Gedanken darüber gemacht, wie dieses oder jenes in ihrem Leben so gekommen ist. Nicht umsonst ist Mrs Dalloway wohl ihr bedeutendster Roman. Da ich gerne schaue, wo die Dinge angefangen haben, nun also der erste Roman. Woolf hat den Roman viele Male umgeschrieben und hat sich wohl etwas verstrickt.

Auf dem Schiff „Euphrosyne“ fährt ein ganzer Haufen Engländer nach Südamerika, um dort den Winter zu verbringen. Im Mittelpunkt steht Rachel Vinrace, Anfang 20, von ihrem Vater und ihren verstockten viktorianischen Tanten aufgezogen. Es stellt sich schnell heraus, dass sie den Bezug zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft nicht herstellen kann. Sie versteht die Welt nicht so recht.

Anscheinend sagte niemand je irgend etwas, das er auch meinte, oder sprach niemand je von einem Gefühl, das er wirklich empfand, doch dafür war ja die Musik da. (Seite 39 im Fischer Taschenbuch von 1991)

Sie flüchtet sich in die Musik und spielt außergewöhnlich gut Klavier. Über die mysteriösen Vorgänge, sie zwischen Männern und Frauen ablaufen, wurde sie vollkommen im Dunkeln gelassen. Als sie sich schließlich verliebt, ist sie sprachlos. Sie wundert sich, was das wohl für ein Gefühl ist, das da neuerdings durch ihren Körper strömt. Abgesehen von Rachel sind auf dem Schiff noch ihr Vater Willoughby, ihre Tante Helen, ihr Onkel Ambrose und ein Gelehrter, Mr. Pepper. Mr. und Mrs. Dalloway statten der Schiffsgesellschaft auch einen kurzen Besuch ab. In Südamerika kommt noch eine ganze Horde urlaubender Engländer aus dem Hotel im Dorf dazu. Und diese ganzen Menschen zerpflücken die Geschichte ganz entsetzlich. Ständig wechselt der Fokus zu dieser oder jener Person und ich als Leser frage mich unablässig, ob ich zwischen diesen ganzen Beschreibungen und Nebengeschichten vielleicht etwas Essenzielles achtlos übergehe. Und mir deswegen die meisten Seiten irgendwie belanglos erscheinen und ich nicht weiß, weshalb das Buch so dick ist. Jedenfalls liest es sich ungeheuer langsam.

Ein wenig Fahrt nimmt das Buch im hinteren Teil auf. Rachel verliebt sich in Hewet, der Schriftsteller werden will. Er interessiert sich sehr für die Lebenswelt von Frauen, die Kinder erziehen, Läden haben oder unverheiratet geblieben sind. Sie kommen zu der Zeit kaum mit Männern in Kontakt und sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar (heute in weiten Teilen auch noch!), werden nicht gehört. Rachel beginnt nachzudenken, auch über das Verhältnis zu ihrem Vater, von dem sie und ihre beiden unverheirateten Tanten abhängig sind.

Sie hatte es immer für selbstverständlich gehalten, daß diese Einstellung gerechtfertigt war und auf einer idealen Wertskala beruhte, nach der das Leben des einen Menschen als fraglos wichtiger eingestuft wurde als das Leben eines anderen, und daß sie nach diesem Wertmaßstab weit weniger Bedeutung hatten als er (der Vater). Doch glaubte sie das wirklich? (Seite 251)

Ein echter Höhepunkt ist die Beschreibung von Rachels Fieberdelirium. Abgesehen davon, würde ich das Buch nicht wieder in die Hand nehmen. Wahrscheinlich war Virginia Woolf einfach noch nicht ganz so weit. Wer sinnvoll Zeit mir ihr verbringen möchte, dem sei Mrs Dalloway ans Herz gelegt oder das wunderbare Buch Die Stunden von Michael Cunningham, das auch ganz exzellent verfilmt wurde.

1914: Ich Tarzan – du Jane

Foto am 23-02-2014 um 22.44Wie viele Verfilmungen von Tarzan gibt es eigentlich? Gerade ist schon wieder eine neue angelaufen, diesmal in 3D. Was ist an dem Stoff eigentlich so spannend? Und wo kommt die Geschichte her? Ich hatte vorher noch nie von Edgar Rice Burroughs gehört. Er war ein amerikanischer Bürgerkriegsveteran, der sein Geld als Goldgräber und im Handel mit Bleistiftanspitzern verloren hatte und deswegen Geschichten an Zeitschriften verkaufte. Seine dritte Geschichte „Tarzan bei den Affen“ (1914) war in den USA wahnsinnig erfolgreich, schon 1918 wurde sie erstmals verfilmt. Erstaunlicherweise sind die Bücher in Deutschland gar nicht so verbreitet. Ich hatte eine sehr schöne Ausgabe aus dem Pegasus Verlag von 1950.

Alles beginnt 1888 als Familie Clayton nach Britisch-Westafrika geschickt wird. Dort werden John Clayton und seine schwangere Frau Alice von Meuterern am Dschungel ausgesetzt (übrigens in der Übersetzung von 1950 noch weiblich: die Dschungel). Es kommt wie es kommen muss und beide sterben ein Jahr nachdem das Kind geboren wurde. Die Äffin Kala zieht Tarzan (d.h. Weißhaut) auf. Für einen Affen ist er zwar recht schwächlich, aber ansonsten ist er eine ziemlich beeindruckende Erscheinung. Die Geschichte geht so weiter, wie man sie kennt. In Begleitung einer Expedition kommt Jane Porter in den Dschungel und sie und Tarzan verlieben sich leidenschaftlich.

„Tarzan bei den Affen“ ist sprachlich nicht besonders beeindruckend. Zwar hat Edgar Rice Burroughs seine Geschichten nur zum Geldverdienen geschrieben, aber wie ich bei Jack London erkennen  durfte, muss das keinen Einfluss auf die Qualität der Erzählung haben. Spannend war für mich, wie Burroughs vor hundert Jahren über Rassenunterschiede geschrieben hat. Tarzan erkennt bald, dass er anders ist, als die Affen, bei deren Stamm er lebt. In der Pubertät schämt er sich noch, als er erkennt, dass er unbehaart ist, aber es schimmert immer schon die Annahme durch, als weißer Mensch sei er irgendwie zu Höherem geboren.

Er konnte nicht schwimmen und das Wasser war sehr tief, aber er verlor auch nicht einen Augenblick das Selbstvertrauen und seine Findigkeit, die Kennzeichen eines höheren Wesens waren.“ (Seite 47)

Einen ersten Höhepunkt erreicht dieses Wunder der Natur als Tarzan in einer verfallenen Hütte ein paar Bücher seiner Eltern entdeckt und sich selbst das Lesen beibringt. Und nicht nur das: auch Schreiben bringt sich der, der nie andere Menschen das Gleiche hat tun sehen, selbst in jahrelanger Fleißarbeit bei. Natürlich hat er neben der Jagd und anderen „Affen“aktivitäten immer genügend Zeit dazu. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit:

Vor Jahren, als er noch viel kleiner war, hatte er sich das Fell Sabors, der Löwin, Numa, des Löwen oder Sheetas, des Leoparden, gewünscht, um seinen unbehaarten Körper zu bedecken, da er nicht länger mehr Histah, der widerlichen Schlange, gleichen mochte, aber jetzt war er stolz auf seine glatte Haut, denn sie war ein Beweis seiner Abstammung von einer mächtigen Rasse (Seite 72)

Und auf die Idee ist der Junge ganz allein gekommen! Tarzan wird bald König der Affen und fühlt schnell, dass er dem Job und überhaupt dem ganzen Affenvolk intellektuell überlegen ist. Obwohl Tarzan kein Englisch spricht, noch je in England war, noch überhaupt je einen Engländer gesehen hat, bezeichnet Burroughs ihn doch konsequent als jungen Engländer und alles fußt auf der Annahme, dass in ihm der feine Gentleman angelegt ist. Ich denke, heute wissen wir, dass dem nicht so ist. Etwas befremdlich ist es schon.

Abgesehen davon, liest sich der Tarzan ausgezeichnet. Es ist aufregend, wie er zu den Affen kommt, wie er Jane begegnet und wie er den Dschungel schließlich verlässt. Und darum geht es bei Abenteuerliteratur ja am Ende nur, die Spannung.