1922: Midlife-Crisis in the Midwest

IMG_8241Heutzutage ist es schon ein Klischee: Männer stürzen in der Mitte des Lebens in der Identitätskrise. Jahrzehnte des Arbeitens zahlen sich irgendwie nicht richtig aus, die Kinder sind fast aus dem Haus, die Frau ist auch nicht mehr so schön, wie sie mal war. Manchen hilft ein rotes Cabrio und manche suchen nach einer jüngeren Frau. Man denke nur an Kevin Spacey in American Beauty. Obwohl der Begriff Midlife-Crisis erst 1974 von der amerikanischen Autorin Gail Sheehy geprägt wurde geht es auch schon im „Babbitt“ um genau dieses Phänomen. Sinclair Lewis (das ist der, der auch „Hauptstraße“ geschrieben hat) entwirft die gesichtslose Stadt Zenith im Mittleren Westen. Wir begleiten den Fortschrittsenthusiasten George Babbitt bei seiner Morgendhygiene, seinen Immobiliengeschäften und dabei, wie er einen neuen Zigarrenanzünder für seinen schicken Wagen ersteht. Die Geschichte könnte auch heute spielen: wie eine Aufziehpuppe geht er täglich ins Büro, seine Frau hat er seit Wochen nicht angesehen. Sie erwartet, wie die übrige Gesellschaft, dass er sich in seine Rolle fügt. Langsam dämmert in ihm eine unbestimmt Unzfriedenheit.

Es beginnt damit, dass er seine Frau langweilig findet:

Sie hatte sich so sehr an die Eintönigkeit ihres ehelichen Lebens gewöhnt, daß sie jetzt in ihrer vollen Reife ebenso geschlechtslos war wie eine blutarme Nonne.“ (Seite 11 der tollen Ausgabe der Hamburger Hausbücherei v0n 1954)

Nach und nach scheint er an der Drögheit des Alltags zu ersticken. Als er sich seiner Situation bewußt geworden ist, teilt er sich seinem engen Freund Paul Riesling mit und kommt seinem Unglück langsam auf die Schliche. Schon nach der Schule hatte er eigentlich Anwalt werden, noch ein paar Jahre lernen und schaffen wollen. Er fühlte sich zu Großem berufen. Damals hatte er allerdings schon die Bekanntschaft seiner Frau gemacht. Eine juristische Lehrzeit hätte bedeutet, noch viele Jahre nicht heiraten zu können. Flugs war er verlobt gewesen und seine Träume begraben. Er sehnt sich nach Freiheit und gegen deren erbitterten Widerstand ringt er seiner Frau ein paar Tage nur für sich in Maine ab.

Während langer Minuten, während vieler Stunden, während unendlicher Eweigkeiten lag er zitternd wach, von primitiver Angst gequält, mit dem klaren Bewußtsein, daß er sich seine Freiheiten erkämpft hatte, und wunderte sich dabei im stillen, was man mit etwas so Fremdartigem, etwas so Verwirrendem wie Freiheit wohl anfangen konnte.“ (Seite 136)

Statt sich nun zu überlegen, was er mit der Freiheit anfängt, was er im Leben wirklich braucht, jagt er nach einem Beruhigungsmittel. Er sucht die Gesellschaft von anderen Karrieretypen, die von ihren Frauen gelangweilt sind und die gern, an den Prohibitionsgesetzen vorbei, über die Stränge schlagen. Er sucht Anerkennung in der Politik, einer geheimen Bruderschaft, in der Sonntagsschule und bei Frauen. Er schießt sich ins gesellschaftliche Aus, weil er öffentlich zu seinem Freund Paul hält, der sich gegen den gesellschaftlichen Druck gewehrt und seine Frau über den Haufen geschossen hat. Er träumt vom Ausbruch, vom Leben als Trapper. Bei alldem erweckt dieser egoistische Trottel noch genug Mitgefühl, dass man ihm einen Neubeginn wirklich gönnen würde.

Stattdessen aber wird seine Frau krank und wie ein junger Hund kehrt er reuhmütig nach Hause zurück. An dieser Stelle befällt den Leser etwas wie ein Kater nach der durchzechten Nacht. Wie kann der Mann zurück in die Mühle gehen? Nach dieser Geschichte! Unfassbar! Vielleicht ist aber gerade das Teil des amerikanischen (Alp-)Traums. Vielleicht sind das aber auch nur die Zwanziger Jahre. Hätte man damals ein Buch enden lassen können mit der Botschaft: Lass deine Familie sitzen! Schmeiß den Job! Ohne kannst du viel glücklicher sein, denn du kannst dich selbst verwirklichen! Auch heute wäre das schwierig, obwohl so viel mehr Varianten des Lebens geschellschaftlich akzeptiert sind (Umsteigen ist das neue Aufsteigen). Verstehen kann ich Babbitt auf jeden Fall. Er ist uneingeschränkt lesenswert!

1901: Es is halt a Kreiz! A Kreiz is‘! O mei! Thomas Buddenbrook arbeitet zu viel

Je mehr Seiten ich hinter mir habe, desto mehr verschiebt sich mein Fokus von Tonys Seelenleben zu ihrem Bruder Thomas. Bei Tony habe ich viel mitgemacht: ihre Liebelei mit einem jungen Mann außerhalb der Gesellschaft, ihre Ehe mit Bendix Grünlich, die scheitert, aber aus der eine Tochter hervorgeht. Ihre Rückkehr ins Elternhaus und der Versuch in ihrer Position als geschiedene Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Würde und ihre gesellschaftliche Stellung zu verteidigen. Schließlich heiratet Sie noch ein zweites Mal in der Hoffnung „alles wieder gut“ zu machen, aber auch der zweite Versuch scheitert kläglich. „Es is halt a Kreiz! A Kreiz is‘! O mei!„, wie ihr zweiter Mann, Herr Permaneder, es nennt (Seite 369). Am Ende scheitert sogar noch die Ehe der Tochter, deren Mann sich nach einem Gefängnisaufenthalt verdünnisiert. Aber Tony Buddenbrook kann einem schon ans Herz wachsen mit ihrer kindischen, liebenswerten Art. Bei Thomas ist das nicht ganz so einfach.

„Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger, regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs Köstlichste amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger Begabung  aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick die Lehrer nachahmte“ (Seite 65)

Er wird dem Bruder schon früh vorgezogen, denn schließlich soll er ja die Firma übernehmen. Dieser Verpflichtung nimmt er sich an und wird eine sehr ernsthafte Erscheinung. Irgendwo steht, seine Figur mache einen militärischen Eindruck und überhaupt wirkt er immer sehr würdevoll, aber ungesund und irgendwie entfernt von seinen Gefühlen. Zum Beispiel als sein Vater gestorben war:

„Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu sinken, hatte sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten Grade peinlich die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein zurückhaltendes Kopfnicken … und gerade dann, wenn Niemand des Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen.“ (Seite 259)

Ich möchte ihm immer zurufen: DU ARMER MANN, hör doch mal auf damit, deinen Schnurrbart mit dem Brenneisen zu zwirbeln, geh mal raus, leg dich auf eine Wiese und lass dir die Sonne auf den Bauch scheinen! Aber sowas macht er natürlich nie. Er ist so apicht darauf, die Firma Buddenbrook zu historischen Erfolgen zu führen. Obwohl alles sogar ziemlich gut läuft und er das Kapital auf dem Papier durchaus vermehrt hat, fühlt er sich doch immer im Rückstand. Dann kann er seinen Bruder nicht mehr ertragen. Christian hat sich nie wirklich ins Business eingefügt, ist ein Lebemann. Er hat zwar auch seine Wehwehchen, aber er hat auch keine Verantwortung zu tragen. Für Thomas ist das natürlich schwer auszuhalten. Er selber reißt sich jeden Tag zusammen und geht bis ans Ende seiner Kräfte, damit die Gesellschaft und seine Geschäftspartner nicht merken, wie sehr ihn alles schlaucht, und Christian bringt eigentlich nichts zu Stande und sieht auch nicht ein, sich zu verstellen und ist trotzdem akzeptiert und angesehen. Zu allem Überfluss macht er sich auch noch über den Kaufmannsstand lustig und das entzweit Thomas nun völlig von seinem Bruder. Immer aufwändiger werden Thomas Körperpflege und seine Kleidung. Er verbrauch Unmengen an Energie, um die würdevolle Fassade aufrechtzuerhalten. Um auch mal Dampf abzulassen, raucht er Unmengen russischer Zigaretten. In Gegenwart anderer Menschen verändert sich sein Gesicht zu einer Maske.

„Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen, daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.“ (Seite 558)

Er fühlt sich „unaussprechlich müde und verdrossen“ (Seite 610) und er sieht in seinem Leben keine Beschäftigung mehr, die ihn reizen könnte, nichts, was ihm Spaß macht. Die Bagatellen des Alltags verbrauchen ihn bis zum Anschlag. Wenn es heute um Burnout geht, ist häufig die schnelllebige Gesellschaft Schuld, das Internet und die viele Arbeit auf dem Schreibtisch. Die Gesellschaft im 19. Jahrhundert entwickelte sich auch schnell. Thomas Buddenbrook bekam nicht rund um die Uhr E-Mails, aber er macht eigentlich nie Pause, er hat keinen Ausgleich zur Verantwortung und noch dazu kommt es ihm nie in des Sinn, dass er möglicherweise ein anderes Leben hätte wählen können.  Die Geschichte führt für ihn geradewegs zum Ende. Der arme Mann!