Fremdgelesen: Uwe Tellkamps „Der Turm“ oder vom Vergnügen beim Lesen wirklich dicker Bücher

In der Zeit zwischen den Jahren und darüber hinaus war ich in Dresden. In Wirklichkeit lag ich mit Rotz im Bett, aber ich war eben auch in Dresden. Weil ich vor einiger Zeit den Film „Der Turm“ im Fernsehen gesehen habe, kam ich auf die Idee, dass ich ja das Buch, das 2008 rauf und runter gelobt wurde, auch mal lesen könnte. Es war auch schnell beschafft, da die hiesige Stadtbibliothek den Bestseller mit 36 Exemplaren eigentlich immer verfügbar hat. Der Film war ganz interessant, vor allem hatte die Geschichte irgendwie Drive.

Als ich den Bestseller aufschlug, bekam ich aber erstmal einen Schreck. Der Zugang zum Buch ist versperrt durch eine nahezu unleserliche Ouvertüre. Sind Gottseidank nur fünf Seiten. Dann steigt die Geschichte tief ein in Christian Hoffmanns Seelenleben. Die Handlung saugt mich vorwärts und ganz durch, viele viele Tage lang. Für mich ist es ein Glück, wenn ein Buch, dass so spannend ist, Hunderte von Seiten dick ist. Ich tauche ein, spinne mich ein in die Figurenkonstellation. Wie bei einer Seifenoper kann ich es nicht erwarten am nächsten Tag die Fortsetzung der Geschichte  zu lesen. Ich werde mürrisch, wenn mein Liebster gar versucht, während der Lektüre mit mir zu sprechen. Ich kann es nicht erwarten, ob der junge Christian nach drei Jahren Armee gebrochen heimkehrt, ob Richard trotz Stasi und missglückter Nebeneheliebelei mit  nun verlorener Tochter seinen Frieden findet.

Dazu finde ich ein Bild des Landes meiner Kindheit, das ich so nie gesehen habe, weil ich noch zu klein war. Aber es fühlt sich doch so an, als ob es so oder so ähnlich war. Ich bin begeistert von der Tiefe der Beschreibung. Der Reichtum an Details ist atemberaubend. Tellkamp erzählt von einer unglaublichen Welt, deren Sprache bis heute mehr oder weniger verstanden wird, die aber so fern ist wie ein anderes Zeitalter. Er baut sie so breit auf, dass es mich wirklich an die (unweigerlich in diesem Kontext immer wieder genannten) Buddenbrooks erinnert oder an Tolstois Krieg und Frieden oder auch an Tolkiens Herr der Ringe. Es ist ein Glück, dass das Buch so dick ist. tausendseitige Bücher lesen sich ganz anders als dünne. Schon 150 Seiten vor Ende gerate ich dann in einen Sog: der Countdown läuft. Und ich denke immer „Schade, schade, schade, jetzt isses gleich vorbei!“ dabei hab ich noch ein bis zwei Tage zu lesen. Leider ging es dann wirklich viel zu schnell. Dafür war es eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Vielleicht nicht Top10, aber in meine Top20 hat es Der Turm auf jeden Fall geschafft.

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