1924: Interkulturelle Freundschaft – Nicht jetzt und nicht hier

IMG_8581Wenn zwei, die unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, miteinander kommunizieren, kann es manchmal ganz schöne Missverständnisse geben. Mitunter kommen sie auch gar nicht zusammen, aus Angst vor der Fremden oder aus einer Erhabenheitsdenke heraus. Das Thema kommt immer wieder: man denke nur an die Multi-Kulti-Debatte oder an Seminare zu Interkultureller Kommunikation, die an keiner Volkshochschule fehlen. Um zwischenkulturelle Schwierigkeiten ging es aber früher auch schon. Ich denke an die Zeit des Imperialismus. Und genau hier entdecke ich „Auf der Suche nach Indien“ von E.M. Forster. Dass Großbritannien ein großes Kolonialreich hatte, ist bekannt. Indien war das Flagschiff, das Juwel der Britischen Krone. 1876 ließ sich Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien krönen. Unzählige Britische Staatsbeamte nahmen die lange Seereise auf sich, um eine europäische Ordnung im Orient zu installieren. Vor Ort hatten sie dann mehr oder weniger intensiven Kontakt zur indischen Bevölkerung.

Einer der Protagonisten von „Auf der Suche nach Indien“ ist Aziz, ein muslimischer Mediziner. Er diskutiert mit seinen Freunden Hamidullah und Mahmoud Ali, ob es überhaupt möglich ist, mit einem Engländer befreundet zu sein. Sie sind sich schnell einig, dass das unmöglich ist. Selbst die Engländerinnen seien hochnäsig und bestechlich. Die Freunde empören sich über die herablassende Art der Briten, die die Inder im Klub von Tschandrapur noch nicht mal als Gäste zulassen wollen. Forster baut einen starken Gegensatz auf. Bei der Beschreibung Indiens bedient er sich einer fast märchenhaften Sprache:

Das weite Indien – Hunderte von Ländern, die Indien hießen – flüsterte draußen unter der Nacht unter einem gleichmütigen Mond vor sich hin.“ (Seite 18 in meinem Fischer-Taschenbuch)

Auf der anderen Seite steht die Heimat des anglo-indischen Beamtentums:

Die Straßen, auf die Namen siegreicher Generäle getauft und im rechten Winkel sich kreuzend, waren symbolisch für das Netz, das Großbritannien über Indien geworfen hatte und in dessen Machen er (Aziz) sich jetzt verfing.“ (Seite 20)

Es kommt aber doch so, dass Aziz sich mit einem Briten anfreundet. Fielding ist Leiter des Beamtenseminars und ein unkonventioneller Mensch. Er fungiert als Schnittstelle für Bekanntschaften mit weiteren Briten, unter anderem auch für die mit Adela Quested, die nach Indien gekommen ist, um einen Regierungsbeamten zu heiraten. Als die junge Frau auf einem gemeinsamen Ausflug in den stockdusteren Marabar-Grotten angegriffen wird und daraufhin Aziz anzeigt, wird offenbar, dass die Verbindung zwischen Europäern und Indern doch nicht so fest war, wie gehofft. Adela Quested bezichtigt Aziz eines Angriffs und sie muss gar nichts weiter erklären. Letztenendes kommt er ins Gefängnis, weil er ein Inder ist und die Justiz eine englische. Das ist natürlich furchtbar ungerecht, das ist offensichtlich. Und als sie ihren Fehler einsieht, ist Aziz so eingeschnappt, dass er sich von den Briten insgesamt abwendet und der ganze interkulturelle Kontakt ist im Dutt.

Am Ende des Romans beantwortet Forster, die Frage nach einer möglichen Freundschaft zwischen Fielding und Aziz:

Das alles rief mit hundertfach verschiedener Stimme: „Nein, noch nicht“, und der Himmel bestätigte: „Nein, nicht jetzt und nicht hier.“ (Seite 389)

Mein erster Impuls ist, mir einzureden, dass das eben damals so war. Aber mal ehrlich: wie viel weiter sind wir heute gekommen? Könnten heute Unterdrücker und unterdrückte Kultur echte Freunde werden? Diskriminierung ist auch heute ein allgegenwärtiges Problem, in Indien und auch in Europa. Natürlich hat sich viel getan. Kolonien sind unabhängig geworden, es gibt Antidiskriminierungspolitik, der moderne Europäer hält sich für interessiert an der Fremde. Aber weit trägt das noch nicht. Ich schließe mich nun gute 90 Jahre später E. M. Forster an: Fielding und Aziz wären auch heute noch keine Freunde, nicht jetzt und nicht hier.

1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

WoolfDas hat lange gedauert. Wirklich lange. Als ich Die Fahrt hinaus aufschlug, war ich mir fast sicher, ein Buch in den Händen zu halten, das mich, wenn nicht auf jeder, so doch auf jeder zweiten Seite begeistern würde. Dann ist es aber ganz anders gekommen.

Bei meiner letzten Lektüre hat mir Virginia Woolf fast vom Hocker gehauen. Mrs Dalloway gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Ich war fasziniert, wie dort verschiedene Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie der Leser innerhalb eines Abschnitts, nahezu unbemerkt von den Gedanken einer Person in die einer anderen hinübergleitet. Die Charaktere sind so stark und ich habe mir noch wochenlang Gedanken darüber gemacht, wie dieses oder jenes in ihrem Leben so gekommen ist. Nicht umsonst ist Mrs Dalloway wohl ihr bedeutendster Roman. Da ich gerne schaue, wo die Dinge angefangen haben, nun also der erste Roman. Woolf hat den Roman viele Male umgeschrieben und hat sich wohl etwas verstrickt.

Auf dem Schiff „Euphrosyne“ fährt ein ganzer Haufen Engländer nach Südamerika, um dort den Winter zu verbringen. Im Mittelpunkt steht Rachel Vinrace, Anfang 20, von ihrem Vater und ihren verstockten viktorianischen Tanten aufgezogen. Es stellt sich schnell heraus, dass sie den Bezug zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft nicht herstellen kann. Sie versteht die Welt nicht so recht.

Anscheinend sagte niemand je irgend etwas, das er auch meinte, oder sprach niemand je von einem Gefühl, das er wirklich empfand, doch dafür war ja die Musik da. (Seite 39 im Fischer Taschenbuch von 1991)

Sie flüchtet sich in die Musik und spielt außergewöhnlich gut Klavier. Über die mysteriösen Vorgänge, sie zwischen Männern und Frauen ablaufen, wurde sie vollkommen im Dunkeln gelassen. Als sie sich schließlich verliebt, ist sie sprachlos. Sie wundert sich, was das wohl für ein Gefühl ist, das da neuerdings durch ihren Körper strömt. Abgesehen von Rachel sind auf dem Schiff noch ihr Vater Willoughby, ihre Tante Helen, ihr Onkel Ambrose und ein Gelehrter, Mr. Pepper. Mr. und Mrs. Dalloway statten der Schiffsgesellschaft auch einen kurzen Besuch ab. In Südamerika kommt noch eine ganze Horde urlaubender Engländer aus dem Hotel im Dorf dazu. Und diese ganzen Menschen zerpflücken die Geschichte ganz entsetzlich. Ständig wechselt der Fokus zu dieser oder jener Person und ich als Leser frage mich unablässig, ob ich zwischen diesen ganzen Beschreibungen und Nebengeschichten vielleicht etwas Essenzielles achtlos übergehe. Und mir deswegen die meisten Seiten irgendwie belanglos erscheinen und ich nicht weiß, weshalb das Buch so dick ist. Jedenfalls liest es sich ungeheuer langsam.

Ein wenig Fahrt nimmt das Buch im hinteren Teil auf. Rachel verliebt sich in Hewet, der Schriftsteller werden will. Er interessiert sich sehr für die Lebenswelt von Frauen, die Kinder erziehen, Läden haben oder unverheiratet geblieben sind. Sie kommen zu der Zeit kaum mit Männern in Kontakt und sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar (heute in weiten Teilen auch noch!), werden nicht gehört. Rachel beginnt nachzudenken, auch über das Verhältnis zu ihrem Vater, von dem sie und ihre beiden unverheirateten Tanten abhängig sind.

Sie hatte es immer für selbstverständlich gehalten, daß diese Einstellung gerechtfertigt war und auf einer idealen Wertskala beruhte, nach der das Leben des einen Menschen als fraglos wichtiger eingestuft wurde als das Leben eines anderen, und daß sie nach diesem Wertmaßstab weit weniger Bedeutung hatten als er (der Vater). Doch glaubte sie das wirklich? (Seite 251)

Ein echter Höhepunkt ist die Beschreibung von Rachels Fieberdelirium. Abgesehen davon, würde ich das Buch nicht wieder in die Hand nehmen. Wahrscheinlich war Virginia Woolf einfach noch nicht ganz so weit. Wer sinnvoll Zeit mir ihr verbringen möchte, dem sei Mrs Dalloway ans Herz gelegt oder das wunderbare Buch Die Stunden von Michael Cunningham, das auch ganz exzellent verfilmt wurde.

1914: Ich Tarzan – du Jane

Foto am 23-02-2014 um 22.44Wie viele Verfilmungen von Tarzan gibt es eigentlich? Gerade ist schon wieder eine neue angelaufen, diesmal in 3D. Was ist an dem Stoff eigentlich so spannend? Und wo kommt die Geschichte her? Ich hatte vorher noch nie von Edgar Rice Burroughs gehört. Er war ein amerikanischer Bürgerkriegsveteran, der sein Geld als Goldgräber und im Handel mit Bleistiftanspitzern verloren hatte und deswegen Geschichten an Zeitschriften verkaufte. Seine dritte Geschichte „Tarzan bei den Affen“ (1914) war in den USA wahnsinnig erfolgreich, schon 1918 wurde sie erstmals verfilmt. Erstaunlicherweise sind die Bücher in Deutschland gar nicht so verbreitet. Ich hatte eine sehr schöne Ausgabe aus dem Pegasus Verlag von 1950.

Alles beginnt 1888 als Familie Clayton nach Britisch-Westafrika geschickt wird. Dort werden John Clayton und seine schwangere Frau Alice von Meuterern am Dschungel ausgesetzt (übrigens in der Übersetzung von 1950 noch weiblich: die Dschungel). Es kommt wie es kommen muss und beide sterben ein Jahr nachdem das Kind geboren wurde. Die Äffin Kala zieht Tarzan (d.h. Weißhaut) auf. Für einen Affen ist er zwar recht schwächlich, aber ansonsten ist er eine ziemlich beeindruckende Erscheinung. Die Geschichte geht so weiter, wie man sie kennt. In Begleitung einer Expedition kommt Jane Porter in den Dschungel und sie und Tarzan verlieben sich leidenschaftlich.

„Tarzan bei den Affen“ ist sprachlich nicht besonders beeindruckend. Zwar hat Edgar Rice Burroughs seine Geschichten nur zum Geldverdienen geschrieben, aber wie ich bei Jack London erkennen  durfte, muss das keinen Einfluss auf die Qualität der Erzählung haben. Spannend war für mich, wie Burroughs vor hundert Jahren über Rassenunterschiede geschrieben hat. Tarzan erkennt bald, dass er anders ist, als die Affen, bei deren Stamm er lebt. In der Pubertät schämt er sich noch, als er erkennt, dass er unbehaart ist, aber es schimmert immer schon die Annahme durch, als weißer Mensch sei er irgendwie zu Höherem geboren.

Er konnte nicht schwimmen und das Wasser war sehr tief, aber er verlor auch nicht einen Augenblick das Selbstvertrauen und seine Findigkeit, die Kennzeichen eines höheren Wesens waren.“ (Seite 47)

Einen ersten Höhepunkt erreicht dieses Wunder der Natur als Tarzan in einer verfallenen Hütte ein paar Bücher seiner Eltern entdeckt und sich selbst das Lesen beibringt. Und nicht nur das: auch Schreiben bringt sich der, der nie andere Menschen das Gleiche hat tun sehen, selbst in jahrelanger Fleißarbeit bei. Natürlich hat er neben der Jagd und anderen „Affen“aktivitäten immer genügend Zeit dazu. Und dann ist es nur noch eine Frage der Zeit:

Vor Jahren, als er noch viel kleiner war, hatte er sich das Fell Sabors, der Löwin, Numa, des Löwen oder Sheetas, des Leoparden, gewünscht, um seinen unbehaarten Körper zu bedecken, da er nicht länger mehr Histah, der widerlichen Schlange, gleichen mochte, aber jetzt war er stolz auf seine glatte Haut, denn sie war ein Beweis seiner Abstammung von einer mächtigen Rasse (Seite 72)

Und auf die Idee ist der Junge ganz allein gekommen! Tarzan wird bald König der Affen und fühlt schnell, dass er dem Job und überhaupt dem ganzen Affenvolk intellektuell überlegen ist. Obwohl Tarzan kein Englisch spricht, noch je in England war, noch überhaupt je einen Engländer gesehen hat, bezeichnet Burroughs ihn doch konsequent als jungen Engländer und alles fußt auf der Annahme, dass in ihm der feine Gentleman angelegt ist. Ich denke, heute wissen wir, dass dem nicht so ist. Etwas befremdlich ist es schon.

Abgesehen davon, liest sich der Tarzan ausgezeichnet. Es ist aufregend, wie er zu den Affen kommt, wie er Jane begegnet und wie er den Dschungel schließlich verlässt. Und darum geht es bei Abenteuerliteratur ja am Ende nur, die Spannung.

1913: Liebe, Lust und Frust in Nottinghamshire

Als ich vor ungefähr zehn Jahren Lady Chatterley’s Lover gelesen habe, wollte ich vor allem wissen, wieso das Buch so lange auf dem Index stand. Ich habe es auch rausgefunden. Was aber meine Erinnerung an das Buch bis heute überschattet, sind die seitenlangen Ergüsse über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute in den East Midlands. Das hatte ich gerade in diesem Buch nicht erwartet. Was ich damals nicht wusste, war, dass D.H. Lawrence selbst Sohn eines Bergarbeiters war. Ich hielt es auch nicht für sonderlich relevant für den bahnbrechenden Roman, den er da geschrieben hatte. Söhne und Liebhaber faulte jedenfalls seitdem in meinem Regal vor sich hin, denn einen zweiten Lawrence konnte ich auf keinen Fall so schnell wieder lesen.

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Jetzt aber schon: Es gibt doch diese Mütter, die so sehr an ihren Söhnen hängen, die ihre Söhne auch dann noch verhätscheln, wenn sie schon längst aus dem Haus sind. Die Mütter , die kein gutes Haar an ihren Schwiegertöchtern lassen können, die keine andere Frau an der Seite ihres Sohnes dulden können als sie selbst. Und genau so eine ist Gertrude Morel. Nach der Lektüre des Klappentextes denkt man noch „Wie kann sie nur? Kann sie sich nicht normal verhalten und ihren Sohn gehen lassen?“ und man schüttelt den Kopf über die Konstellation. Aber bevor man nun weiter mit dem Finger auf sie zeigen kann, macht Lawrence verständlich, wie alles so kommen konnte. Frau Morel stammt aus einer alten Bürgerfamilie aus Nottingham, die einiges Geld verloren hat. Deswegen heiratet sie unter ihrem Stand einen einfachen Bergmann.

Das aber war der ganze Jammer. Sie war so ganz anders als er. Sie konnte mit dem bißchen, daß er sein konnte, nicht zufrieden sein, sie wollte ihn so groß, wie er hätte sein müssen. Und im Bemühen, ihn edler zu machen, als er von sich aus sein konnte, vernichtete sie ihn.“ (Seite 24 meiner Bertelsmann Lesering-Ausgabe)

Ihr Mann entpuppt sich als Säufer und harte, lieblose Jahre stehen ihr bevor. Mein Herz wurde mir ganz schwer, so sehr strahlten die Bitterkeit und Ungerechtigkeit dieses Lebens, das Frau Morel in dieser trostlosen Bergmannssiedlung führt. Alles was sie hat, sind ihre Kinder. Und auch hier hält Lawrence voll drauf. Es ist furchtbar mit anzusehen, durch was für eine Hölle Kinder gehen, deren Familien von Armut, Alkohol, Gewalt und Ausweglosigkeit zerrüttet sind. Kinder und Mutter leben am Vater vorbei und je älter ihr Sohn Paul wird, desto klarer nimmt er stärker nimmt er den Platz an der Seite seiner Mutter ein. Als Paul älter wird und sich in die Bauerstochter Miriam verliebt, wird es kompliziert. Er ist zerrissen zwischen Hingabe an die Mutter und Fleischeslust. Seine Gefühle sind so stark, dass auch dem Leser manchmal schwindelig wird: was ist Liebe, Seelenverwandtschaft, sexuelle Begierde? Wie hängt das alles zusammen, kann man alles haben oder führt der Weg am Ende in die Einsamkeit? Was mich begeistert, ist, dass diese tiefen Gefühle, die für den Leser so offen da liegen, dass er sie selbst zu spüren beginnt.

Bei der Lektüre der ausgezeichneten Internetseite der University of Nottingham stellte ich fest, dass Söhne und Liebhaber viele autobiografische Züge enthält. Auch Lawrence hatte eine ähnlich enge Beziehung zu seiner Mutter. Man soll ja nicht Romane nach biografischen Elementen zerpflücken. An vielen Stellen denke ich aber trotzdem, dass gerade die echten Lebensgeschichten in der Literatur besonders an Fahrt aufnehmen, wenn der Autor es wie Lawrence vermag, sein Innerstes nach außen zu kehren (und dann möchte das Innerste natürlich auch noch interessant sein).

Zum Schluss noch ein Wort der Kritik: Wie auch bei Lady Chatterley’s Lover muss unbedingt über die Übersetzung des Titels gemeckert werden. Paul und seine Mutter sind lovers, aber im deutschen Sinne keine Liebhaber, schließlich sind sie Mutter und Sohn. Auch Paul und Miriam sind lovers, aber ihre Beziehung bleibt dem Grunde nach platonisch. Dann dürften die also auch keine Liebhaber sein. Paul und und seine spätere Freundin Clara sind ebenso lovers, aber sie zumindest ist eine Frau und kann demnach auch kein Liebhaber sein. Mir ist in den letzten zehn Jahren auch keine besseres Wort eingefallen, aber so kann es nicht weitergehen!

Im 20. Jahrhundert geht es aber trotzdem weiter mit Tarzan bei den Affen von Edgar Rice Burroughs.

1911: Edgar Wallace in Afrika

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Ich wollte ja schon immer mal was von Edgar Wallace lesen. Obwohl ich kein besonders eifriger Krimi-Leser oder -Kucker bin, haben die endlosen Reihen seiner Bücher und Verfilmungen mein Interesse geweckt. Mir war nicht klar, dass man bei Edgar Wallace auch was ganz anderes findet, etwas völlig Unerwartetes. Der Autor wurde 1875 in ärmlichen Verhältnissen geboren und arbeitete sich in den Burenkriegen zum Kriegsberichterstatter hoch. Danach arbeitete er als Journalist und Sonderberichterstatter. 1905 veröffentlichte Wallace im Eigenverlag seinen ersten Krimimalroman „Die vier Gerechten“. Der Clou war der, dass er jedem, Leser, der die Lösung erraten hatte, 500 Pfund schenken wollte. Offenbar war die Geschichte nicht soo schwer zu durchschauen, denn eine Menge Leute hatten es raus und Wallace stand finanziell am Abgrund. Bekannt wurde er aber vor allem durch seine journalistischen Arbeiten und eine Reihe Afrikaromane. Deren erster ist Sanders vom Strom. Na prima! Und ich hatte einen Krimi erwartet.

Weit gefehlt. Was ich bekam, war eine Art Abenteuer-Roman. Wir begleiten Sanders, einen Regierungsbeamten in Afrika bei seinen Versuchen, Frieden unter den Völkern in seinem Bezirk zu halten. Dabei geht er auch schon mal ganz schön brachiale Wege:

gewiß war Sanders zu jener Zeit schnell mit dem Aufhängen. Er regierte ein Volk, dreihundert englische Meilen jenseits des Randes der Zivilisation.“ (Seite 6)

Sanders fährt mit seinem kleinen Dampfer „Zaire“ immer den „Strom“ auf und ab. Für einen Weißen lässt er sich ganz schön stark auf die Stämme ein. Er kann sich ansatzweise in ihre Denke hineinversetzen. Er arbeitet mit seiner englischen Logik, benutzt aber auch die „Werkzeuge“ der Völker, damit diese wiederum ihn für voll nehmen. Natürlich erkennt Sanders Limbili, den großen König von Ytingi als den größten König aller Zeiten an. Das ist es, was das Gleichgewicht in der Region von ihm verlangt. Er achtet die Geheimnisse der Völker. Sanders äußert sich auch gegen die britische Regierung, die ihm bei Konflikten nie Unterstützung zukommen lässt, aber nach Berichten über Goldfunde sofort eine Armee ins Land schickt.

Die Erzähllinie hat mich hier und da irritiert. Im Schnelldurchlauf werden die Ereignisse abgespult, die alle für sich vielleicht noch eine tiefere Bedeutung haben. Es bleibt aber nicht genügend Raum um diese zu ergründen. Wir sehen also Sanders, wie er erst ein Problem bei diesem Stamm löst, ein paar Seiten später jenen Verbrecher dort aufhängen lässt und noch ein paar Seiten später selbst nur knapp einem Attentat entgeht. Buff, buff, buff. Vergeblich wartete ich darauf, dass bei Sanders etwas ins Rollen kommt. Das Buch lebt stattdessen von den wirklich kurzweiligen Erzählungen über das Leben von sehr vereinzelten Weißen im schwarzen Dschungel. Es ist wunderbar gezeichnet, obwohl viele Bemerkungen heute sicherlich nicht mehr das Etikett „politisch korrekt“ bekämen.

Was mich ein bisschen frustriert hat, war die Unmöglichkeit, die Geschichten auf der Weltkarte zu orten. Aus dem ersten Satz wusste ich, dass das Buch in Afrika spielt:

Der Bezirksamtmann Sanders war in so leichten Etappen zu seiner Stellung in Zentral-Afrika emporgeklommen, daß er sich nicht mehr gut vorstellen konnte, wann eigentlich seine Bekanntschaft mit dem Hinterland begonnen hatte. (Seite 5 der Lizenzausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft Berlin und Darmstadt von 1957)

Zentral-Westafrika ist nicht eben ein genau definiertes Fleckchen Erde. Im Buch selbst schmeißt Wallace mit Orts- und Stammesnamen wie Isisi, Ochori, N’Gombi, Akasava um sich. Obwohl ich mich für einigermaßen talentiert in Suchmaschinenbedienung halte, ist es mir nicht gelungen auch nur einen davon irgendwo zu finden. Wer weiß, vielleicht hat sich Wallace auch viel ausgedacht. Nur einen Ort konnte ich zweifelsfrei identifizieren: Monrovia.  Aber die Geschichten scheinen sich nicht nur dort abzuspielen. Außerdem verstehe ich  nicht, was ein britischer Bezirksamtsmann in Liberia machen sollte. Sogar eine Koordinate bekommt der Leser:

Irgendwo um 12° nördlicher Breite und 0° Länge befindet sich ein Land, dessen hervorstechendste Eigentümlichkeit es ist, dass es englisch, französisch oder deutsch ist, je nach der Karte von Afrika, nach der man es betrachtet.

Dort ist Burkina Faso, was ganz früher als französische Kolonie Obervolta hieß. Also auch hier macht ein britischer Regierungsbeamter wenig Sinn. Ihr seht, mit Afrika kenne ich mich gar nicht aus. Auch meine Kenntnisse über den Wettlauf um Afrika aus Schule und Studium helfen mir nicht wirklich weiter. Also liebe Afrikanisten und sonstige Kenner. Klärt mich bitte auf!

1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

ConstanceMal wieder ein Schinken! 690 Seiten waren zu lesen und diese erstmal zu bekommen, war gar nicht so leicht. Arnold Bennett gehört nicht eben zu den viel gelesen Autoren und ich hatte niemals zuvor von ihm gehört (auch nicht währen meines Anglistikstudiums! Dabei ist hier unklar, ob das am Studium lag oder an  mir). Dabei ist Bennett gar nicht unbekannt, als Romanautor, Essayist und Kritiker. Er hat zwischen 70 und 80 Bücher geschrieben, von denen Constance und Sophia als sein Meisterwerk gilt. Es gibt eine deutsche Ausgabe von 1931 und eine DDR-Ausgabe von 1971, in der ich gelesen habe.

Constance und Sophia sind Schwestern, die in dem erfundenen District Five Towns in der Grafschafts Staffordshire aufwachsen. Der Roman erzählt ihre Leben von Anfang bis Ende. Das spannende ist, dass Constance das Ideal der Kaufmannstochter lebt, während Sophia durchbrennt und in Paris landet. Constance heiratet den einen Mann, der das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters übernimmt. Sie war schon vorher immer das gute Kind gewesen. Mit Mr. Povey lebt sie dann eine eintönige Kleinstadtehe. Nur langsam öffnen sich die Eheleute den Neuerungen ihres Zeitalters. So zum Beispiel fängt Samuel Povey an zu rauchen:

Sie hintergingen sich beide. Mr. Povey verbarg seine heimliche Sünde, und Constance verbrat ihr Wissen darum. Falsch und listig. Aber so ist die Ehe nun einmal.“ (Seite 179)

Sie bekommen einen Sohn. Und nun können wir Constance beobachten, wie sie gefangen ist in den vorherrschenden Erziehungsmethoden. Das Verhalten kleiner Kinder wurde damals oft noch nach den gesellschaftlichen Maßstäben der Erwachsenenwelt gemessen. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang ist eine Szene, in der der 4. Geburtstag Cyrils gefeiert wird. Er beobachtet, wie sein Lieblingskuchen die Runde macht und sich ein Mädchen das letzte Stück nimmt. Der „Gastgeber“ springt auf und reißt dem „Gast“ den Kuchen aus der Hand und aus dem Mund. Als er satt ist freut er sich sehr über seine Stärke. Die feine Gesellschaft aber ist entsetzt. Constance liebt ihren Sohn sehr:

Als er ihr dann den Gutenachtkuß gab, hätte sie sich am liebsten an ihn geklammert, weil sein Kuß so warm und zärtlich war. Aber es gelang ihr nicht, die starke Zurückhaltung abzuwerfen, die sie ursprünglich gelernt und ihr ganzes Leben hindurch beibehalten hatte. Es tat ihr selbst weh, daß sie es nicht konnte.“ (Seite 306)

Als Sophia zusammen mit der ein Jahr älteren Constance die Schule verlassen soll, macht sie richtig Rabatz. Sie möchte schließlich Lehrerin werden und nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen im Laden versauern. Es war aber eine Zeit als Kinderwünsche wenig galten:

Keine Argumente von Seiten ihrer Mutter! Sie hatte sie nicht einmal angehört. Ein kurzes hochmütiges: „Davon will ich nichts hören!“ war alles gewesen. Und so sollte der größte Wunsch ihres Lebens, den sie Jahr um Jahr heimlich im Herzen genährt hatte, vernichtet und mit einem knappen Wort hingeopfert werden!“ (Seite 64)

Später verknallt sich Sophia in Mr. Scales, einen Handelsvertreter aus Manchester (oh, die weite Welt!) und haut mit ihm nach London ab. Sie heiraten und leben dann in Paris. Auch hier bekommen wir einige Einblicke in die Natur ihrer Ehe:

Schon ihr Stolz zwang sie dazu, das Recht auf Geralds, das Unrecht auf ihr eigenes Konto zu schreiben, denn sie war noch viel zu hochmütig, um zuzugeben, daß sie einen bezaubernden, aber verantwortungslosen Hohlkopf geheiratet hatte.“ (Seite 376)

Als Gerald Scales ein nicht unbeträchtliches Erbe von 12.000 Pfund verschleudert hat, lässt er Sophia schließlich sitzen. Sie eröffnet eine Pension und lebt viele Jahre ziemlich erfolgreich in der großen Stadt. Am Ende kehrt sie zurück zu ihrer Schwester und in den Kleinstadtmief.

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von über 60 Jahren, also von circa 1840 bis 1905. Das ist schon fast Buddenbrook-like, aber wirklich nur fast. Alles was geschieht, fühlt sich vegleichsweise bedeutungslos an. Wahrscheinlich auch, weil in der Kleinstadt Bursley alle Geschehnisse, die die weite Welt schon längst verändert haben, erst spät eintreten. Eisenbahnbau, die Veränderung des Geschäftswesens durch große Einzelhandelsunternehmen und mehr finden wir dort zwar, aber alles erst, wenn es woanders schon alte Hüte sind. Trotzdem weigert sich die Bevölkerung von Bursley absolut mit solchem neumodischen Kram mitzumachen.

Schön ist, dass beide Leben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Keiner stellt sich hin und zeigt mit dem Finger auf die Rückwärtsgewandten oder auf die, die gar zu forsch vorwärts drängen. Alles ist möglich und auch Constance und Sophia haben sich am Ende der Geschichte noch genauso lieb wie am Anfang, als sie noch als Mädchen eine Dachkammer teilten.

Als Frau mit thüringischem Hintergrund mag ich Schinken auch ein sehr. Kochschinken, Nussschinken, Schinkenspeck… Scheibe für Scheibe, Seite für Seite. Es ist auch schön, wenn der Schinken groß ist!