1931: Wofür genau wird eigentlich der Literaturnobelpreis verliehen? – „Die gute Erde“ von Pearl S. Buck

Seit ich einen Freund habe, der vor langer Zeit einmal Sinologie studiert hat, fliegen mir Bücher über China vor die Füße. In dem Zusammenhang landete auch Pearl S. Buck in meinem Bücherregal. „Die gute Erde“ liest sich superschnell durch und gibt einen spannenden Eindruck in die Lebenswelt chinesischer Bauern vor 90 Jahren.

Im Zentrum des Romans steht Wang Lung, ein einfacher Reisbauer, der sehr arbeitssam ist und so am Ende einigen Wohlstand erreichen kann. Die Moral von der Geschicht ist vielleicht etwas platt. Ich sehe aber die Stärke des Buches nicht in seiner literarischen Hochwertigkeit. Was mich gepackt hat, waren die Schilderungen der Lebensumstände im ländlichen China. Alles fängt damit an, dass Wang Lung sich eine Sklavin als Frau holt als wäre es das normalste der Welt. Er tut das, weil es für ihn viele Vorteile hat. So eine Frau ist zwar nicht sehr gesprächig, aber sie kann gut arbeiten und haushalten. Später folgen schlimmste Hungersnöte. Immer wieder tauchen Gerüchte auf, andere Leute im Dorf äßen ihre Kinder. Das tun Wang Lung und O-Lan zwar nicht, aber nach einer ausgebliebenen Ernte erwürgt O-Lan ihre zweite Tochter nach der Geburt, weil es einfach keine Perspektive für ihr Überleben gibt. Wang Lung macht derweil irgendetwas anderes und stellt keine Fragen. Schließlich sind sie so arm, dass die Familie ihr Land verlassen muss, um in der Stadt nach Arbeit zu suchen. Aber das Geld, dass sie dort erarbeiten und erbetteln können ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. So spielt Wang Lung mit dem Gedanken, seine Tochter als Sklavin zu verkaufen.

Hunger und allgegenwärtige Not konnteich mir in meinem bequemen Leben so gar nicht ausmalen, bis ich Pearl S. Bucks „Die gute Erde“ auf dem Tisch hatte. Im Anschluss habe ich übrigens gleich noch ein Sachbuch von Felix Wemheuer gelesen. In „Der große Hunger“ vergleicht er Hungersnöte unter Stalin und Mao. (Rezension hier).

Pearl S. Buck bekam für „Die gute Erde“ 1938 den Nobelpreis für Literatur. Es hagelte massive Kritik aus dem literarischen Establishment, weil Bucks Werke nur wenig literarischen Wert hätten. Meiner bescheidenen Meinung nach, ist das Werk wirklich nicht unbedingt preisverdächtig, aber als Grund für die Preisvergabe finde ich bei Wikipedia auch nicht besonders hohes Niveau genannt, sondern sie erhielt den Preis für „für ihre reichen und echten epischen Schilderungen aus dem chinesischen Bauernleben und für ihre biographischen Meisterwerke“. „Die gute Erde“ ist unbedingt lesbar, was ich von den Werken vieler anderer nobelpreisprämierten AutorInnen nicht sagen kann: William Faulkner (1949) und Günter Grass (1999) finde ich ganz schwierig zu lesen, Elfriede Jelinek (2004) oder Herta Müller (2009) fast unmöglich.

„Die gute Erde“ ist auf jeden Fall ein echter Lesetipp und ein guter Einstieg in den chinesischen Lesekosmos. Nomadenseele hat das Buch hier rezensiert und gibt auch einen Verweis auf den Roman „Wilde Schwände“ von Jung Chang, den ich hier auch allen empfehlen möchte, die sich für chinesische Geschichte(n) im 20. Jahrhundert interessieren. „Wilde Schwäne“ hat mich noch mehr als „Die gute Erde“ nach China entführt, vielleicht auch, weil es einfach viel dicker ist. Vom Vergnügen, wirklich dicke Bücher zu lesen, schreibe ich hier. Wer auch mal Graphic Novels liest, dem seien auf jeden Fall die drei Bände „Ein Leben in China“ und „Lotosfüße“ von Li Kunwu in der Edition Moderne ans Herz gelegt. Bei Lesen ist Luxus findet ihr eine Blogparade Literarische Weltreise Asien mit noch mehr Lesehinweisen zu China, Laos, Japan und Indien.

1915: Sind wir bald da? – Die Fahrt hinaus mit Virginia Woolf

WoolfDas hat lange gedauert. Wirklich lange. Als ich Die Fahrt hinaus aufschlug, war ich mir fast sicher, ein Buch in den Händen zu halten, das mich, wenn nicht auf jeder, so doch auf jeder zweiten Seite begeistern würde. Dann ist es aber ganz anders gekommen.

Bei meiner letzten Lektüre hat mir Virginia Woolf fast vom Hocker gehauen. Mrs Dalloway gehört seitdem zu meinen Lieblingsbüchern. Ich war fasziniert, wie dort verschiedene Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, wie der Leser innerhalb eines Abschnitts, nahezu unbemerkt von den Gedanken einer Person in die einer anderen hinübergleitet. Die Charaktere sind so stark und ich habe mir noch wochenlang Gedanken darüber gemacht, wie dieses oder jenes in ihrem Leben so gekommen ist. Nicht umsonst ist Mrs Dalloway wohl ihr bedeutendster Roman. Da ich gerne schaue, wo die Dinge angefangen haben, nun also der erste Roman. Woolf hat den Roman viele Male umgeschrieben und hat sich wohl etwas verstrickt.

Auf dem Schiff „Euphrosyne“ fährt ein ganzer Haufen Engländer nach Südamerika, um dort den Winter zu verbringen. Im Mittelpunkt steht Rachel Vinrace, Anfang 20, von ihrem Vater und ihren verstockten viktorianischen Tanten aufgezogen. Es stellt sich schnell heraus, dass sie den Bezug zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft nicht herstellen kann. Sie versteht die Welt nicht so recht.

Anscheinend sagte niemand je irgend etwas, das er auch meinte, oder sprach niemand je von einem Gefühl, das er wirklich empfand, doch dafür war ja die Musik da. (Seite 39 im Fischer Taschenbuch von 1991)

Sie flüchtet sich in die Musik und spielt außergewöhnlich gut Klavier. Über die mysteriösen Vorgänge, sie zwischen Männern und Frauen ablaufen, wurde sie vollkommen im Dunkeln gelassen. Als sie sich schließlich verliebt, ist sie sprachlos. Sie wundert sich, was das wohl für ein Gefühl ist, das da neuerdings durch ihren Körper strömt. Abgesehen von Rachel sind auf dem Schiff noch ihr Vater Willoughby, ihre Tante Helen, ihr Onkel Ambrose und ein Gelehrter, Mr. Pepper. Mr. und Mrs. Dalloway statten der Schiffsgesellschaft auch einen kurzen Besuch ab. In Südamerika kommt noch eine ganze Horde urlaubender Engländer aus dem Hotel im Dorf dazu. Und diese ganzen Menschen zerpflücken die Geschichte ganz entsetzlich. Ständig wechselt der Fokus zu dieser oder jener Person und ich als Leser frage mich unablässig, ob ich zwischen diesen ganzen Beschreibungen und Nebengeschichten vielleicht etwas Essenzielles achtlos übergehe. Und mir deswegen die meisten Seiten irgendwie belanglos erscheinen und ich nicht weiß, weshalb das Buch so dick ist. Jedenfalls liest es sich ungeheuer langsam.

Ein wenig Fahrt nimmt das Buch im hinteren Teil auf. Rachel verliebt sich in Hewet, der Schriftsteller werden will. Er interessiert sich sehr für die Lebenswelt von Frauen, die Kinder erziehen, Läden haben oder unverheiratet geblieben sind. Sie kommen zu der Zeit kaum mit Männern in Kontakt und sind für die Gesellschaft praktisch unsichtbar (heute in weiten Teilen auch noch!), werden nicht gehört. Rachel beginnt nachzudenken, auch über das Verhältnis zu ihrem Vater, von dem sie und ihre beiden unverheirateten Tanten abhängig sind.

Sie hatte es immer für selbstverständlich gehalten, daß diese Einstellung gerechtfertigt war und auf einer idealen Wertskala beruhte, nach der das Leben des einen Menschen als fraglos wichtiger eingestuft wurde als das Leben eines anderen, und daß sie nach diesem Wertmaßstab weit weniger Bedeutung hatten als er (der Vater). Doch glaubte sie das wirklich? (Seite 251)

Ein echter Höhepunkt ist die Beschreibung von Rachels Fieberdelirium. Abgesehen davon, würde ich das Buch nicht wieder in die Hand nehmen. Wahrscheinlich war Virginia Woolf einfach noch nicht ganz so weit. Wer sinnvoll Zeit mir ihr verbringen möchte, dem sei Mrs Dalloway ans Herz gelegt oder das wunderbare Buch Die Stunden von Michael Cunningham, das auch ganz exzellent verfilmt wurde.