1924: Interkulturelle Freundschaft – Nicht jetzt und nicht hier

IMG_8581Wenn zwei, die unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben, miteinander kommunizieren, kann es manchmal ganz schöne Missverständnisse geben. Mitunter kommen sie auch gar nicht zusammen, aus Angst vor der Fremden oder aus einer Erhabenheitsdenke heraus. Das Thema kommt immer wieder: man denke nur an die Multi-Kulti-Debatte oder an Seminare zu Interkultureller Kommunikation, die an keiner Volkshochschule fehlen. Um zwischenkulturelle Schwierigkeiten ging es aber früher auch schon. Ich denke an die Zeit des Imperialismus. Und genau hier entdecke ich „Auf der Suche nach Indien“ von E.M. Forster. Dass Großbritannien ein großes Kolonialreich hatte, ist bekannt. Indien war das Flagschiff, das Juwel der Britischen Krone. 1876 ließ sich Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien krönen. Unzählige Britische Staatsbeamte nahmen die lange Seereise auf sich, um eine europäische Ordnung im Orient zu installieren. Vor Ort hatten sie dann mehr oder weniger intensiven Kontakt zur indischen Bevölkerung.

Einer der Protagonisten von „Auf der Suche nach Indien“ ist Aziz, ein muslimischer Mediziner. Er diskutiert mit seinen Freunden Hamidullah und Mahmoud Ali, ob es überhaupt möglich ist, mit einem Engländer befreundet zu sein. Sie sind sich schnell einig, dass das unmöglich ist. Selbst die Engländerinnen seien hochnäsig und bestechlich. Die Freunde empören sich über die herablassende Art der Briten, die die Inder im Klub von Tschandrapur noch nicht mal als Gäste zulassen wollen. Forster baut einen starken Gegensatz auf. Bei der Beschreibung Indiens bedient er sich einer fast märchenhaften Sprache:

Das weite Indien – Hunderte von Ländern, die Indien hießen – flüsterte draußen unter der Nacht unter einem gleichmütigen Mond vor sich hin.“ (Seite 18 in meinem Fischer-Taschenbuch)

Auf der anderen Seite steht die Heimat des anglo-indischen Beamtentums:

Die Straßen, auf die Namen siegreicher Generäle getauft und im rechten Winkel sich kreuzend, waren symbolisch für das Netz, das Großbritannien über Indien geworfen hatte und in dessen Machen er (Aziz) sich jetzt verfing.“ (Seite 20)

Es kommt aber doch so, dass Aziz sich mit einem Briten anfreundet. Fielding ist Leiter des Beamtenseminars und ein unkonventioneller Mensch. Er fungiert als Schnittstelle für Bekanntschaften mit weiteren Briten, unter anderem auch für die mit Adela Quested, die nach Indien gekommen ist, um einen Regierungsbeamten zu heiraten. Als die junge Frau auf einem gemeinsamen Ausflug in den stockdusteren Marabar-Grotten angegriffen wird und daraufhin Aziz anzeigt, wird offenbar, dass die Verbindung zwischen Europäern und Indern doch nicht so fest war, wie gehofft. Adela Quested bezichtigt Aziz eines Angriffs und sie muss gar nichts weiter erklären. Letztenendes kommt er ins Gefängnis, weil er ein Inder ist und die Justiz eine englische. Das ist natürlich furchtbar ungerecht, das ist offensichtlich. Und als sie ihren Fehler einsieht, ist Aziz so eingeschnappt, dass er sich von den Briten insgesamt abwendet und der ganze interkulturelle Kontakt ist im Dutt.

Am Ende des Romans beantwortet Forster, die Frage nach einer möglichen Freundschaft zwischen Fielding und Aziz:

Das alles rief mit hundertfach verschiedener Stimme: „Nein, noch nicht“, und der Himmel bestätigte: „Nein, nicht jetzt und nicht hier.“ (Seite 389)

Mein erster Impuls ist, mir einzureden, dass das eben damals so war. Aber mal ehrlich: wie viel weiter sind wir heute gekommen? Könnten heute Unterdrücker und unterdrückte Kultur echte Freunde werden? Diskriminierung ist auch heute ein allgegenwärtiges Problem, in Indien und auch in Europa. Natürlich hat sich viel getan. Kolonien sind unabhängig geworden, es gibt Antidiskriminierungspolitik, der moderne Europäer hält sich für interessiert an der Fremde. Aber weit trägt das noch nicht. Ich schließe mich nun gute 90 Jahre später E. M. Forster an: Fielding und Aziz wären auch heute noch keine Freunde, nicht jetzt und nicht hier.

1922: Midlife-Crisis in the Midwest

IMG_8241Heutzutage ist es schon ein Klischee: Männer stürzen in der Mitte des Lebens in der Identitätskrise. Jahrzehnte des Arbeitens zahlen sich irgendwie nicht richtig aus, die Kinder sind fast aus dem Haus, die Frau ist auch nicht mehr so schön, wie sie mal war. Manchen hilft ein rotes Cabrio und manche suchen nach einer jüngeren Frau. Man denke nur an Kevin Spacey in American Beauty. Obwohl der Begriff Midlife-Crisis erst 1974 von der amerikanischen Autorin Gail Sheehy geprägt wurde geht es auch schon im „Babbitt“ um genau dieses Phänomen. Sinclair Lewis (das ist der, der auch „Hauptstraße“ geschrieben hat) entwirft die gesichtslose Stadt Zenith im Mittleren Westen. Wir begleiten den Fortschrittsenthusiasten George Babbitt bei seiner Morgendhygiene, seinen Immobiliengeschäften und dabei, wie er einen neuen Zigarrenanzünder für seinen schicken Wagen ersteht. Die Geschichte könnte auch heute spielen: wie eine Aufziehpuppe geht er täglich ins Büro, seine Frau hat er seit Wochen nicht angesehen. Sie erwartet, wie die übrige Gesellschaft, dass er sich in seine Rolle fügt. Langsam dämmert in ihm eine unbestimmt Unzfriedenheit.

Es beginnt damit, dass er seine Frau langweilig findet:

Sie hatte sich so sehr an die Eintönigkeit ihres ehelichen Lebens gewöhnt, daß sie jetzt in ihrer vollen Reife ebenso geschlechtslos war wie eine blutarme Nonne.“ (Seite 11 der tollen Ausgabe der Hamburger Hausbücherei v0n 1954)

Nach und nach scheint er an der Drögheit des Alltags zu ersticken. Als er sich seiner Situation bewußt geworden ist, teilt er sich seinem engen Freund Paul Riesling mit und kommt seinem Unglück langsam auf die Schliche. Schon nach der Schule hatte er eigentlich Anwalt werden, noch ein paar Jahre lernen und schaffen wollen. Er fühlte sich zu Großem berufen. Damals hatte er allerdings schon die Bekanntschaft seiner Frau gemacht. Eine juristische Lehrzeit hätte bedeutet, noch viele Jahre nicht heiraten zu können. Flugs war er verlobt gewesen und seine Träume begraben. Er sehnt sich nach Freiheit und gegen deren erbitterten Widerstand ringt er seiner Frau ein paar Tage nur für sich in Maine ab.

Während langer Minuten, während vieler Stunden, während unendlicher Eweigkeiten lag er zitternd wach, von primitiver Angst gequält, mit dem klaren Bewußtsein, daß er sich seine Freiheiten erkämpft hatte, und wunderte sich dabei im stillen, was man mit etwas so Fremdartigem, etwas so Verwirrendem wie Freiheit wohl anfangen konnte.“ (Seite 136)

Statt sich nun zu überlegen, was er mit der Freiheit anfängt, was er im Leben wirklich braucht, jagt er nach einem Beruhigungsmittel. Er sucht die Gesellschaft von anderen Karrieretypen, die von ihren Frauen gelangweilt sind und die gern, an den Prohibitionsgesetzen vorbei, über die Stränge schlagen. Er sucht Anerkennung in der Politik, einer geheimen Bruderschaft, in der Sonntagsschule und bei Frauen. Er schießt sich ins gesellschaftliche Aus, weil er öffentlich zu seinem Freund Paul hält, der sich gegen den gesellschaftlichen Druck gewehrt und seine Frau über den Haufen geschossen hat. Er träumt vom Ausbruch, vom Leben als Trapper. Bei alldem erweckt dieser egoistische Trottel noch genug Mitgefühl, dass man ihm einen Neubeginn wirklich gönnen würde.

Stattdessen aber wird seine Frau krank und wie ein junger Hund kehrt er reuhmütig nach Hause zurück. An dieser Stelle befällt den Leser etwas wie ein Kater nach der durchzechten Nacht. Wie kann der Mann zurück in die Mühle gehen? Nach dieser Geschichte! Unfassbar! Vielleicht ist aber gerade das Teil des amerikanischen (Alp-)Traums. Vielleicht sind das aber auch nur die Zwanziger Jahre. Hätte man damals ein Buch enden lassen können mit der Botschaft: Lass deine Familie sitzen! Schmeiß den Job! Ohne kannst du viel glücklicher sein, denn du kannst dich selbst verwirklichen! Auch heute wäre das schwierig, obwohl so viel mehr Varianten des Lebens geschellschaftlich akzeptiert sind (Umsteigen ist das neue Aufsteigen). Verstehen kann ich Babbitt auf jeden Fall. Er ist uneingeschränkt lesenswert!

1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1920: Die Blume des Lebens

FotoUnd es gibt sie doch: die einzig wahre, allumfassende Liebe auf den ersten Blick. Es ist nur blöd, wenn Sie ausgerechnet dann auftaucht, wenn man schon anderweitig verwickelt ist. Das Setting dieses Mal: die feine New Yorker Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – New York City – das klingt für uns wenig gereiste Kleinstadteuropäer mindestens nach ‚Meeting Pot‘, vielleicht sogar ein bisschen nach ‚Rumble in the Bronx‚. Wir finden uns aber in Opern, auf Bällen, bei feinen Landpartien. Die Männer tragen weiße Glacéhandschuhe und die Damen ihre großen Toiletten. Die Kulisse erinnert an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Die feine Gesellschaft ist dieselbe, egal ob Petersburg, Paris oder eben New York. Und dort finden wir uns in einer Zeit, bevor die Freiheitsstatue gebaut wurde und als die Gegend um den Central Park noch als Wildnis galt.NYbirdseye

In „Zeit der Unschuld“ befindet sich die feine New Yorker Gesellschaft gerade in der Oper, als Newland Archer einen Blick auf die schöne Gräfin Olenska wirft. Es ist die Cousine seiner fast Verlobten May. Gräfin Olenska wirft mit Skandalen nur so um sich. Dieses Mal ist sie ihrem Mann davongelaufen. Das kommt natürlich gar nicht so gut an. Um von der Skandalgeschichte abzulenken geben Newland und May ihre Verlobung vorschnell bekannt. Es wird aber relativ schnell klar, dass sich Newland eine leidenschaftliche, kameradschaftliche Beziehung in der Ehe wünscht und dass May aber, aufgrund ihrer Erziehung, dazu niemals in der Lage wäre. Mit der Gräfin Olenska wäre das schon anders, die ist Newland nicht nur intellektuell ebenbürtig, sondern ist insgesamt eher unkonventionell (und daher extrem aufregend). Newland heiratet aber trotzdem May. Fieberhaft hoffte ich während der Lektüre, Newland Archer und die Gräfin Olenska mögen sich doch bitte über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen.  Es war zum Haareraufen, zum Fingernägelabkauen, zum Ausderhautfahren! Und das, obwohl ich schon wusste, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe vor Jahren die meisterhafte Verfilmung von Martin Scorsese gesehen. Archer aber fährt einfach nicht aus der Haut. Und genau das ist der springende Punkt.

Die Gesellschaft weiß, dass Archer der Olenska zugetan ist, auch seine Frau weiß es. Doch niemand sagt etwas. Das wäre ja unfein. Archer, der sich ausmalt, wie sein Leben außerhalb der erlesenen Kreise aussehen könnte, beschleicht das Gefühl, wie ein gebändigtes Raubtier vorgeführt zu werden. Für die Gesellschaft ist der Fall klar. Da spielt es keine Rolle, dass Archer und Olenska ihren Neigungen nie nachgeben, um ja nur die Gesellschaft nicht zu erschüttern. Gräfin Olenska, die ja ihren Mann verlassen hat, ist ohnehin eine gefallene Frau, bei der man ehrenhafte Absichten gar nicht erst vermutet.

Für Archer bleibt immer die Frage, ob es sinnvoll ist, die eigenen Bedürfnisse aus Rücksicht auf andere zurückzustellen. In seinem Fall tritt ja sogar der außergewöhnliche Fall ein, dass ihm dieser edle Zug von seiner Frau nachhaltig gedankt wird.

Etwas, das wußte er, hatte er nicht gefunden: die Blume des Lebens (Seite 460, Serie Piper)

1917: Irgendwie ökomäßig

20140622-140052-50452706.jpg„Wieso liest du denn ein Buch von Knut Hamsun? Ist das nicht so ein Nazi?“ fragt mein Vater, als ich ihm vom Fortschritt meines Projekts erzähle. Und ich frage mich, was da dran ist. Immerhin hat man Hamsun 1920 für „Segen der Erde“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er galt vielen als der bedeutendste lebende Schriftsteller der Welt. James Joyce nannte ihn „Old King Knut“.

Hamsuns Lebensgeschichte liest sich selbst schon wie ein guter Roman und ich mag sie erst gar nicht weglegen, um „Segen der Erde“ anzufangen. Schriftsteller haben ja oft die unglaublichsten Hintergründe, aber Hamsun trifft mich besonders. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und zieht als 9jähriger zu  seinem Parkinson-kranken Onkel. Er hat extreme Sehnsucht nach zu Hause und wird von seinem Onkel schlecht behandelt. Es folgen zahlreiche Fluchtversuche. Er schießt den Vogel ab, als er sich mit der Axt in den  Fuß hackt, damit er für den Onkel als Pflegekraft unbrauchbar wird. Wie schlecht kann es einem Menschen gehen?

Es folgen viele weitere arme Jahre, Jahre in Amerika, Jahre der Krankheit, dann sein Durchbruch mit „Hunger„. Davon konnte er sich aber leider noch Knut_hamsun_1871gar nichts kaufen. Er heiratet, baut sich ein Haus, säuft. Dann Zusammenbruch, Scheidung. Wieder Heirat und so weiter. Unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schreibt er „Segen der Erde“. Nach dem Krieg wird er zum Fan der Deutschen und als die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg Norwegen besetzt, schreibt er pro-deutsche Artikel für die Zeitung und ruft die Norweger dazu auf, die Deutschen nicht zu bekämpfen. Nach  Kriegsende wird er wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“ verurteilt.

In seinem Nobelpreiswerk geht es aber nicht um derlei Dinge, sondern um Isak, einen einfachen Mann, der sich in der Einöde Norwegens ein Stück Land sucht, eine Hütte baut und Inger als Frau findet. Sie leisten verdammt harte Arbeit und machen nicht viel Gewese drum, aber sie verlieben sich echt ineinander. Der gestandene Bauer gerät fast außer sich vor Angst, seine Frau könnte einfach nicht wiederkommen, als sie einmal in ihr Heimatdorf geht, um ein paar Sachen zu holen.

So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles was er von ihr wollte, uns sie war zufrieden damit. (Seite 24, Ausgabe  von Rütten & Loening, Berlin 1979)

Ich bin betört von der Sprache: fast meditativ, repetetiv. Das harte Leben im Ödland beschreibt Hamsun in einer so feinen, nuancenreichen Sprache. Jede einzelne Seite ist ein Vergnügen. Übersetzt wurde von Julius Sandmeier und Sophie Angermann. Ich kann gut verstehen, warum ihn viele so großartig fanden.

Themen von „Segen der Erde“ sind Diskriminierung gegenüber Andersgestaltigen und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für Frauen verantwortliche Entscheidungen für ihre Leben zu treffen. Inger hat eine Hasenscharte, also eine Lippen-Gaumenspalte, und wird schon ihr ganzes Leben lang gehänselt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Isak ist anders. Er nimmt zwar Notiz davon, aber es spielt für ihn keine Rolle. Zwei Mal bringt Inger in Isaks Abwesenheit und ohne Ihre häuslichen Pflichten auch nur für eine Stunde zu vernachlässigen, ein Kind zur Welt. Beim dritten Mal erschrickt sie heftig und ihre größten Ängste bestätigen sich, denn auch ihre Tochter hat eine Nasen-Gaumenspalte. Nun wird auch offenbar, warum sie Isak, jedes Mal, wenn die Wehen kamen, unter Vorwänden ins Dorf hinunter schickte.

In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht. (Seite 54)

Hier stockt mir der Atem und ich muss weinen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie hart das Leben in der Einöde früher gewesen sein muss, dazu noch unter solchen Bedingungen. Später wird Inger ein Prozess gemacht und sie verbringt acht Jahre in Trondheim im Gefängnis, wo sie operiert wird und einiges an Bildung erfährt. Als sie zurückkommt ist sie die Gebildetete, Weitgereiste und hat in vielerlei Hinsicht von der Geschichte profitiert.

Später gibt es im Dorf noch eine zweite Geschichte einer Kindsmörderin. Barbro war als Magd auf den Hof von Axel gekommen und hatte sich mit ihm eingelassen. Obwohl er sie beständig heiraten wollte. Barbro hat aber immer das Gefühl, dass im Leben noch mehr für sie rausspringen könnte. Auch nachdem sie ihr Kind getötet hat und enttarnt worden ist, geht sie ganz unbekümmert damit um. Sie weiß aus der Stadt, dass die Strafen, die Kindsmörderinnen erwarten, nicht mehr so unmenschlich sind, wie es früher war. Auch Barbro steht schließlich vor Gericht. Eine Amtsfrau aus dem Dorf hält ein mitreißendes Plädoyer über die Gesellschaft, die erst unverheiratete Mütter anklagt und sie so dazu treibt, ihre Kinder zu töten und sie hinterher noch dafür anklagt. Sie fragt auch, warum die Männer dabei straffrei ausgehen.

Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken. (Seite 321)

Im Buch wird mehr als deutlich, wie sehr ein Mann auf einem Hof eine Magd braucht. Weil er nämlich alleine nicht weit kommt mit seinem Gewirtschafte (und weil er sonst echt alleine ist). Er braucht die Magd so sehr, dass er sie oft auch zur Frau nimmt (auch wenn die Kirche das erst später erfährt). Die Frauen müssen natürlich auch schauen, wo sie bleiben. Sie bekommen zwar einiges an Wohlstand geboten, aber extrem harte Arbeit wird von ihnen gefordert. Die Entscheidungen, die Hamsuns Frauen hier über ihre Geburten treffen, sind oft sehr selbstbewusst und voller Kalkül. Sie wissen auch, dass so ein Hof ein fragiles betriebswirtschaftliches Unterfangen ist und dass extrem gute Planung und Voraussicht vonnöten ist.

Das Hauptthema bleibt offenbar, dass die einfache Landarbeit edel, ehrlich und gut ist, während Arbeit und Streben aus Profitgier, wie sie in Gestalt zahlreicher Personen im Roman auftauchen, falsch ist und nicht belohnt wird. Das könnte als nazimäßig durchgehen. Vom Gefühl her ist dieses Lob des einfachen Lebens und der einfachen Werte vor allem irgendwie ökomäßig.

 

1916: Freiheit oder Liebe?

DSCF4185Bengalen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die britische  Kolonialregierung spaltet das Land in zwei Hälften, um es besser regierbar zu machen. Dadurch ausgelöst wird die Swadeshi-Bewegung, die den Boykott britischer und die Nutzung einheimischer Produkte propagiert. Mittendrin im politischen Aufruhr finden sich Nikhil, ein Maharadscha, Bimala, seine Frau und Sandip, ein Swadeshi-Wortführer. Ihre Geschichte wird in der Form ihrer ineinander verwobenen Tagebücher erzählt.

Bimala erzählt von ihrer Ergebenheit in ihre Ehe. Sie hat in eine gute Familie geheiratet. Ihr Mann hat eine westliche Ausbildung genossen und möchte sie aus der Abgeschiedenheit ihres Frauengemaches hinaus in die Welt führen. Ich bin überrascht: Nikhils Gedanken passen für mich nicht nach 1916, schon gar nicht nach Indien – Er ist der Meinung, dass Bimala ihn nur liebt, weil sie niemanden sonst kennt und weil die Traditionen sie in ihre Ehe fügen. Er möchte nun, dass sie die Möglichkeiten des Lebens kennenlernt und sich dann bewusst für ihn entscheidet. Also stellt er sie seinem Bekannten Sandip vor. Bimala und er entbrennen in heißer Lieben füreinander. Haarscharf schrammen die beiden über Hunderte von Seiten an der Grenzübertretung und völligen Entehrung vorbei. Die Luft knistert vor Spannung und zerstörerischer Kraft ihrer Begierde. Sandip schreibt:

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen, ich möchte mich vom Kopf bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz damit anfüllen. (Seite 47 meiner schönen Ausgaben von Verlag Volk und Welt Berlin 1961, die eine wunderbar lesbare Übersetzung Helene Meyer-Franck aus dem Jahr 1920 enthält)

Sandip und Bimala pflegen ungehörige Vertrautheiten miteinander, aber Nikhil schreitet nicht ein. Seine Leidensfähigkeit nagt an mir während des Lesens. Ich möchte immer rufen „Sag doch was!“. Er aber möchte, dass Bimala sich als freie Frau für ihn entscheidet. Das ist ganz schön weise.

Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Streiten kann etwas daran ändern. (Seite 76)

Obwohl „Das Heim und die Welt“ Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist die zeitliche Dimension für mich so gar nicht spürbar. Indien ist auch ohne zeitlichen Unterschied für mich unglaublich weit weg. So weit, dass mir auch 100 Jahre gar nicht weiter auffallen. Mein ganzes Wissen habe ich aus halbgaren Kenntnissen über Buddhismus, aus dem Gandhi-Film mit Ben Kingsley und Überblicksvorlesungen über britischen Imperialismus. Bis in die Moderne bin ich niemals vorgedrungen (außer vielleicht vor ein paar Jahren durch Slumdog Millionaire).

Am Ende stiehlt Bimala ihrem Mann eine ganze Stange Geld, um Sandip und seiner Revolutionsbewegung zu gefallen, aber dann passiert etwas

Von dem Augenblick an, als ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. (Seite 213)

Am Ende erkennt Nikhil, dass er Bimala hätte lassen sollen ,wie sie war. Mit seinem Drang, sie zu erleuchten, hat er ihre Liebe riskiert.

Weil ich für gute kitschfreie Liebesgeschichten immer zu haben bin, hat Tagore bei mir ins Schwarze getroffen. Aber nicht nur deshalb ist der Literaturnobelpreisträger von 1913 eine Lesereise wert. Er war selbst Sohn eines wohlhabenden Brahmanen und wurde zum Jurastudium nach England geschickt. Darauf hatte er aber gar keine Lust und so studierte er heimlich englische Literatur. Später zurück in seiner bengalischen Heimat schrieb er Gedichte, Dramen und Romane, die er auch selbst meisterhaft ins Englische übertrug. Tagore war es, von dem Gandhi den Beinamen ‚Mahatma‘ (große Seele) bekam. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesh. Er ist der Urheber lauter Weisheiten wie dieser hier:

Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. (Seite 11)

Fremdgelesen: Uwe Tellkamps „Der Turm“ oder vom Vergnügen beim Lesen wirklich dicker Bücher

In der Zeit zwischen den Jahren und darüber hinaus war ich in Dresden. In Wirklichkeit lag ich mit Rotz im Bett, aber ich war eben auch in Dresden. Weil ich vor einiger Zeit den Film „Der Turm“ im Fernsehen gesehen habe, kam ich auf die Idee, dass ich ja das Buch, das 2008 rauf und runter gelobt wurde, auch mal lesen könnte. Es war auch schnell beschafft, da die hiesige Stadtbibliothek den Bestseller mit 36 Exemplaren eigentlich immer verfügbar hat. Der Film war ganz interessant, vor allem hatte die Geschichte irgendwie Drive.

Als ich den Bestseller aufschlug, bekam ich aber erstmal einen Schreck. Der Zugang zum Buch ist versperrt durch eine nahezu unleserliche Ouvertüre. Sind Gottseidank nur fünf Seiten. Dann steigt die Geschichte tief ein in Christian Hoffmanns Seelenleben. Die Handlung saugt mich vorwärts und ganz durch, viele viele Tage lang. Für mich ist es ein Glück, wenn ein Buch, dass so spannend ist, Hunderte von Seiten dick ist. Ich tauche ein, spinne mich ein in die Figurenkonstellation. Wie bei einer Seifenoper kann ich es nicht erwarten am nächsten Tag die Fortsetzung der Geschichte  zu lesen. Ich werde mürrisch, wenn mein Liebster gar versucht, während der Lektüre mit mir zu sprechen. Ich kann es nicht erwarten, ob der junge Christian nach drei Jahren Armee gebrochen heimkehrt, ob Richard trotz Stasi und missglückter Nebeneheliebelei mit  nun verlorener Tochter seinen Frieden findet.

Dazu finde ich ein Bild des Landes meiner Kindheit, das ich so nie gesehen habe, weil ich noch zu klein war. Aber es fühlt sich doch so an, als ob es so oder so ähnlich war. Ich bin begeistert von der Tiefe der Beschreibung. Der Reichtum an Details ist atemberaubend. Tellkamp erzählt von einer unglaublichen Welt, deren Sprache bis heute mehr oder weniger verstanden wird, die aber so fern ist wie ein anderes Zeitalter. Er baut sie so breit auf, dass es mich wirklich an die (unweigerlich in diesem Kontext immer wieder genannten) Buddenbrooks erinnert oder an Tolstois Krieg und Frieden oder auch an Tolkiens Herr der Ringe. Es ist ein Glück, dass das Buch so dick ist. tausendseitige Bücher lesen sich ganz anders als dünne. Schon 150 Seiten vor Ende gerate ich dann in einen Sog: der Countdown läuft. Und ich denke immer „Schade, schade, schade, jetzt isses gleich vorbei!“ dabei hab ich noch ein bis zwei Tage zu lesen. Leider ging es dann wirklich viel zu schnell. Dafür war es eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Vielleicht nicht Top10, aber in meine Top20 hat es Der Turm auf jeden Fall geschafft.

1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

ConstanceMal wieder ein Schinken! 690 Seiten waren zu lesen und diese erstmal zu bekommen, war gar nicht so leicht. Arnold Bennett gehört nicht eben zu den viel gelesen Autoren und ich hatte niemals zuvor von ihm gehört (auch nicht währen meines Anglistikstudiums! Dabei ist hier unklar, ob das am Studium lag oder an  mir). Dabei ist Bennett gar nicht unbekannt, als Romanautor, Essayist und Kritiker. Er hat zwischen 70 und 80 Bücher geschrieben, von denen Constance und Sophia als sein Meisterwerk gilt. Es gibt eine deutsche Ausgabe von 1931 und eine DDR-Ausgabe von 1971, in der ich gelesen habe.

Constance und Sophia sind Schwestern, die in dem erfundenen District Five Towns in der Grafschafts Staffordshire aufwachsen. Der Roman erzählt ihre Leben von Anfang bis Ende. Das spannende ist, dass Constance das Ideal der Kaufmannstochter lebt, während Sophia durchbrennt und in Paris landet. Constance heiratet den einen Mann, der das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters übernimmt. Sie war schon vorher immer das gute Kind gewesen. Mit Mr. Povey lebt sie dann eine eintönige Kleinstadtehe. Nur langsam öffnen sich die Eheleute den Neuerungen ihres Zeitalters. So zum Beispiel fängt Samuel Povey an zu rauchen:

Sie hintergingen sich beide. Mr. Povey verbarg seine heimliche Sünde, und Constance verbrat ihr Wissen darum. Falsch und listig. Aber so ist die Ehe nun einmal.“ (Seite 179)

Sie bekommen einen Sohn. Und nun können wir Constance beobachten, wie sie gefangen ist in den vorherrschenden Erziehungsmethoden. Das Verhalten kleiner Kinder wurde damals oft noch nach den gesellschaftlichen Maßstäben der Erwachsenenwelt gemessen. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang ist eine Szene, in der der 4. Geburtstag Cyrils gefeiert wird. Er beobachtet, wie sein Lieblingskuchen die Runde macht und sich ein Mädchen das letzte Stück nimmt. Der „Gastgeber“ springt auf und reißt dem „Gast“ den Kuchen aus der Hand und aus dem Mund. Als er satt ist freut er sich sehr über seine Stärke. Die feine Gesellschaft aber ist entsetzt. Constance liebt ihren Sohn sehr:

Als er ihr dann den Gutenachtkuß gab, hätte sie sich am liebsten an ihn geklammert, weil sein Kuß so warm und zärtlich war. Aber es gelang ihr nicht, die starke Zurückhaltung abzuwerfen, die sie ursprünglich gelernt und ihr ganzes Leben hindurch beibehalten hatte. Es tat ihr selbst weh, daß sie es nicht konnte.“ (Seite 306)

Als Sophia zusammen mit der ein Jahr älteren Constance die Schule verlassen soll, macht sie richtig Rabatz. Sie möchte schließlich Lehrerin werden und nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen im Laden versauern. Es war aber eine Zeit als Kinderwünsche wenig galten:

Keine Argumente von Seiten ihrer Mutter! Sie hatte sie nicht einmal angehört. Ein kurzes hochmütiges: „Davon will ich nichts hören!“ war alles gewesen. Und so sollte der größte Wunsch ihres Lebens, den sie Jahr um Jahr heimlich im Herzen genährt hatte, vernichtet und mit einem knappen Wort hingeopfert werden!“ (Seite 64)

Später verknallt sich Sophia in Mr. Scales, einen Handelsvertreter aus Manchester (oh, die weite Welt!) und haut mit ihm nach London ab. Sie heiraten und leben dann in Paris. Auch hier bekommen wir einige Einblicke in die Natur ihrer Ehe:

Schon ihr Stolz zwang sie dazu, das Recht auf Geralds, das Unrecht auf ihr eigenes Konto zu schreiben, denn sie war noch viel zu hochmütig, um zuzugeben, daß sie einen bezaubernden, aber verantwortungslosen Hohlkopf geheiratet hatte.“ (Seite 376)

Als Gerald Scales ein nicht unbeträchtliches Erbe von 12.000 Pfund verschleudert hat, lässt er Sophia schließlich sitzen. Sie eröffnet eine Pension und lebt viele Jahre ziemlich erfolgreich in der großen Stadt. Am Ende kehrt sie zurück zu ihrer Schwester und in den Kleinstadtmief.

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von über 60 Jahren, also von circa 1840 bis 1905. Das ist schon fast Buddenbrook-like, aber wirklich nur fast. Alles was geschieht, fühlt sich vegleichsweise bedeutungslos an. Wahrscheinlich auch, weil in der Kleinstadt Bursley alle Geschehnisse, die die weite Welt schon längst verändert haben, erst spät eintreten. Eisenbahnbau, die Veränderung des Geschäftswesens durch große Einzelhandelsunternehmen und mehr finden wir dort zwar, aber alles erst, wenn es woanders schon alte Hüte sind. Trotzdem weigert sich die Bevölkerung von Bursley absolut mit solchem neumodischen Kram mitzumachen.

Schön ist, dass beide Leben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Keiner stellt sich hin und zeigt mit dem Finger auf die Rückwärtsgewandten oder auf die, die gar zu forsch vorwärts drängen. Alles ist möglich und auch Constance und Sophia haben sich am Ende der Geschichte noch genauso lieb wie am Anfang, als sie noch als Mädchen eine Dachkammer teilten.

Als Frau mit thüringischem Hintergrund mag ich Schinken auch ein sehr. Kochschinken, Nussschinken, Schinkenspeck… Scheibe für Scheibe, Seite für Seite. Es ist auch schön, wenn der Schinken groß ist!

1906: Wolf im Wolfspelz

Ich hatte große Erwartungen an das Buch. Ein Buch, in dem es nur um das Leben eines Wolfes geht, muss einfach großartig sein. Ich fragte mich aber auch, ob so ein Buch überhaupt spannend sein kann, wenn doch nichts drin vorkommt, außer ein Wolf. Was könnte nur so spannend sein, dass ein Mann damit 234 Seiten vollzuschreiben hat.

Der Mann war Jack London und hatte, als er den Roman schrieb, schon dermaßen viel erlebt! Die Lektüre seiner Biografie war selbst schon enorm fesselnd. Gelesen habe ich das Buch von Martin Sulzer-Reichel, die zwar nicht sehr umfangreich ist, dafür aber umso besser erzählt.

Als Jack London 1876 in San Francisco geboren wird ist die Stadt voller Pioniere und Goldgräber. Es ist der große amerikanische Motor, der sie antreibt. Sie möchten alle ihren Teil vom Glück. Jack London soll jedoch lange nichts davon bekommen. Seine Eltern sind beide etwas heruntergekommen und chronisch pleite. Schon als Zehnjähriger arbeitet er als Zeitungsjunge von morgens 4 bis Schulbeginn, um die Familienkasse aufzubessern und am Wochenende dann fürs Taschengeld. Als Dreizehnjähriger wird er dann zum alleinigen Familienernährer und muss unter unmenschlichen Bedingungen in einer Fabrik schuften. Er fühlt sich ausgebeutet, nicht zuletzt von der eigenen Familie und haut ab. Mit 15 wird er Austernpirat in der San Francisco Bay, mit 16 Patrouillenführer der Fischereipolizei, mit 17 Seemann und Robbenfänger. Anschließend fällt er in die Arbeitslosigkeit und setzt seine Säuferkarriere fort. Er sucht sein Glück on the road und fährt als Landstreicher durch die Vereinigten Staaten. Ein Studium in Berkeley muss er nach einem Jahr abbrechen, weil ihm wieder das Geld ausgeht und auch die Familie braucht nach wie vor was zu essen. Als 1897 in Alaska Gold gefunden wird, springt Jack London auf den ersten Dampfer und versucht sein Glück. Nach seiner Rückkehr ist er zwar um keinen Cent reicher, aber er hat im Kopf den Stoff für sein Lebenswerk. Jahrelang kämpft er darum, veröffentlich zu werden, während er weiter am Hungertuch nagt. Als er es schließlich schafft, verdient er mehr als jeder andere amerikanische Autor vor ihm.

Foto am 21.09.13 um 17.30Die Geschichte beginnt in der Wildnis:

Die unerbittliche, unerforschte Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens.“ (Seite 5, gelesen in einer deutschsprachigen Ausgabe des Kriterien Verlag Bukarest 1970)

In  diesem lebensfeindlichen Land begegnen zwei Weiße, die einen Leichnam von A nach B transportieren, erstmals einer Wölfin, die sich bei der Fütterung unter ihre Schlittenhunde mischt. Das ist Kische, ein Hunde-Wolfs-Mischling. Sie war in einer Hungersnot von den Indianern, die sie gezähmt hatten, in den Wald gelaufen. Sie paart sich mit einem Wolf und das Ergebnis ist Wolfsblut.

Wir begleiten ihn von Kleinauf und sehen die Welt durch seine Augen, erfahren, was ihn antreibt.

Vor ihm auf der Erde saßen fünf lebende Wesen, wie es ähnliche nie im Leben gesehen hatte. Es waren die ersten Menschen, die es erblickte. Die fünf sprachen jedoch bei seiner Annäherung nicht auf, auch wiesen sie nicht knurrend die Zähne; unbeweglich, schweigend, unheimlich saßen sie da.“ (Seite 85)

Von diesen Indianern, unter ihm sein neuer Herr Grauer Biber, bekommt er den Namen Wolfsblut. Er bleibt bei den Menschen und lernt Pflicht und Gehorsam und später auch Zuneigung kennen.  Er zieht mit dem Stamm umher und als sein Herr nach Fort Yukon fährt, um dort für ein Vermögen Handschuhe an die weißen Goldgräber zu verkaufen, wird Wolfsblut gegen ein paar Flachen Branntwein an einen ganz fiesen Kerl verschachert. Der schöne Schmitt missbraucht das kräftige, ungezähmte Tier als Kampfhund und Geldmaschine. Wolfsblut scheint unbesiegbar, wird immer wilder und unnahbarer. Schließlich verliert er beinah seinen Wolfsverstand vor lauter Hass. Während seines letzten Kampfes wird er von Weedon Scott aus dieser schrecklichen Lage befreit. Mr. Scott streichelt Wolfblut und so lernt das Tier echte Hingabe und schließlich Liebe kennen.

Dies war für Wolfsblut wirklich ein Gott, liebevoll, warm und strahlend, und im Lichte seiner Liebe entfaltete sich Wolfsbluts Wesen wie die Blume im Strahl der Sonne.“ (Seite 197)

Sein neuer Herr nimmt ihn mit nach Kalifornien, wo er glücklich seinen Lebensabend verbringt.

Die Lebensgeschichte des Wolfs erweckt über lange Strecken die Illusion, eine Dokumentation über Wölfe in Alaska zu sein. Eine Dokumentation aus einer Zeit vor Fernsehen und Internet – und es ist eine Kunst, dass sie so spannend ist. Jack London muss neben seinen persönlichen Erfahrungen im Nordland unglaublich viel über Wölfe und ihr Verhalten gelesen haben.  Aber das Buch ist noch viel mehr: ein genau beobachtetes Gesellschaftsportrait nämlich. Die Metaphorik der Wildnis und der Beziehungen des Wolfes ist wahnsinnig kraftvoll. Es geht um die Starken und Schwachen, um das Gesetz der Vererbung und das der Prägung durch die Umwelt. Es geht um Ausbeutung, Unterwerfung und Liebe. Ich muss immer wieder an Jack Londons Biografie denken. Schließlich hat er wie ein Tier unter den ausbeuterischen Bedingungen in den Fabriken und Armenvierteln gelitten und sich als Starker unter den Schwachen hervorgetan und aufgerappelt.

Wenn ich mal wieder Zeit habe, lese ich mindestens noch: Der Ruf der Wildnis (Roman) und König Alkohol (Memoiren)

1905 – Es kommt noch schlimmer mit dem Professor

Ich bin begeistert.

UnratDer Professor ist ja wirklich in einer Zwickmühle, da drei seiner Schüler Informationen über ihn haben, die sie nicht haben sollten. Sie, und die ganze Schülerschaft, tanzen ihm nun auf der Nase herum. Und nichts hilft mehr, auch nicht seine Zauberwaffe, das „Kabuff“:

Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen…“ (Seite 150)

Was für einen Spaß müssen die Gymnasiasten in dieser Zeit gehabt haben! Für den Lehrer ist dieser absolute Kontrollverlust eine Tragödie. Seine Position als Tyrann ist nun absolut verloren und seine Entlassung nur noch eine Frage der Zeit. Unrat will nun aber so viele wie möglich mit in den Abgrund reißen und verpfeift seine drei hauptsächlichen Widersacher wegen Zerstörung eines Hünengrabes. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, in der auch die Künstlerin Fröhlich als Zeugin geladen wird und allerlei „Nebendinge“ offenbart. Unrat wird lächerlich Gemacht. Ihm wird klar: „Die Künstlerin Fröhlich gehörte jedem. “ (Seite 164) Nichtsdestotrotz ist er der Fröhlich verfallen.

Als der Professor nun von vollends der Gesellschaft ausgestoßen ist, beginnt für das Paar eine wunderbare Zeit. Endlich können Sie sich zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, ausgehen. Sie heiraten, amüsieren sich, leben über ihre Verhältnisse und verprassen all sein Geld. Nun beginnt das zweite Leben der Unrats. Ihr Haus wird zum Zentrum der illustren Gesellschaft. Die Stadt ist irritiert und angezogen zugleich:

In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langeweile der Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ als in ein rohes und langweiliges Laster, umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer getrunken wurde  wo man mit weiblichen Wesen, die nicht ganz Dirnen und auch keine Damen waren; wo die Hausfrau, eine verheiratete Frau, die Frau des Professors Unrat, prickelnd sang, unpassend tanzte, und, wenn man es richtig anstellte, sogar für Dummheiten zu haben sein sollte – diese erstaunliche Villa vorm Tor umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die um Feenpaläste fließt.“

Hier wird nun Abend für Abend gesoffen und gespielt. Unrat genießt es, daran teilzuhaben wie nach und nach seine ehemals unbelehrbaren Schüler zahlungsunfähig werden und nimmt so Rache an allen, die ihn früher verspotteten. Nur einen erwischt er nicht: Lohmann, seinen Oberfeind. Am Ende wird Unrat verhaftet, weil er diesen dreist bestehlen versucht.

So endet die Karriere des Professors im Gefängnis. Spannend ist, wie viel freier er sich bewegt, nachdem er die Zwänge der Gesellschaft los ist. Er ist fast glücklich. Schade ist, dass sie ihn nicht wirklich liebt. Er bleibt ein armes Würstchen.

Gelesen habe ich in einer wunderbaren in Leinen gebundenen Ausgabe vom S. Fischer Verlag (2004), die das Deckblatt der Erstausgabe auf dem Buchdeckel trägt. Ein echtes Lesevergnügen!