1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

ConstanceMal wieder ein Schinken! 690 Seiten waren zu lesen und diese erstmal zu bekommen, war gar nicht so leicht. Arnold Bennett gehört nicht eben zu den viel gelesen Autoren und ich hatte niemals zuvor von ihm gehört (auch nicht währen meines Anglistikstudiums! Dabei ist hier unklar, ob das am Studium lag oder an  mir). Dabei ist Bennett gar nicht unbekannt, als Romanautor, Essayist und Kritiker. Er hat zwischen 70 und 80 Bücher geschrieben, von denen Constance und Sophia als sein Meisterwerk gilt. Es gibt eine deutsche Ausgabe von 1931 und eine DDR-Ausgabe von 1971, in der ich gelesen habe.

Constance und Sophia sind Schwestern, die in dem erfundenen District Five Towns in der Grafschafts Staffordshire aufwachsen. Der Roman erzählt ihre Leben von Anfang bis Ende. Das spannende ist, dass Constance das Ideal der Kaufmannstochter lebt, während Sophia durchbrennt und in Paris landet. Constance heiratet den einen Mann, der das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters übernimmt. Sie war schon vorher immer das gute Kind gewesen. Mit Mr. Povey lebt sie dann eine eintönige Kleinstadtehe. Nur langsam öffnen sich die Eheleute den Neuerungen ihres Zeitalters. So zum Beispiel fängt Samuel Povey an zu rauchen:

Sie hintergingen sich beide. Mr. Povey verbarg seine heimliche Sünde, und Constance verbrat ihr Wissen darum. Falsch und listig. Aber so ist die Ehe nun einmal.“ (Seite 179)

Sie bekommen einen Sohn. Und nun können wir Constance beobachten, wie sie gefangen ist in den vorherrschenden Erziehungsmethoden. Das Verhalten kleiner Kinder wurde damals oft noch nach den gesellschaftlichen Maßstäben der Erwachsenenwelt gemessen. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang ist eine Szene, in der der 4. Geburtstag Cyrils gefeiert wird. Er beobachtet, wie sein Lieblingskuchen die Runde macht und sich ein Mädchen das letzte Stück nimmt. Der „Gastgeber“ springt auf und reißt dem „Gast“ den Kuchen aus der Hand und aus dem Mund. Als er satt ist freut er sich sehr über seine Stärke. Die feine Gesellschaft aber ist entsetzt. Constance liebt ihren Sohn sehr:

Als er ihr dann den Gutenachtkuß gab, hätte sie sich am liebsten an ihn geklammert, weil sein Kuß so warm und zärtlich war. Aber es gelang ihr nicht, die starke Zurückhaltung abzuwerfen, die sie ursprünglich gelernt und ihr ganzes Leben hindurch beibehalten hatte. Es tat ihr selbst weh, daß sie es nicht konnte.“ (Seite 306)

Als Sophia zusammen mit der ein Jahr älteren Constance die Schule verlassen soll, macht sie richtig Rabatz. Sie möchte schließlich Lehrerin werden und nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen im Laden versauern. Es war aber eine Zeit als Kinderwünsche wenig galten:

Keine Argumente von Seiten ihrer Mutter! Sie hatte sie nicht einmal angehört. Ein kurzes hochmütiges: „Davon will ich nichts hören!“ war alles gewesen. Und so sollte der größte Wunsch ihres Lebens, den sie Jahr um Jahr heimlich im Herzen genährt hatte, vernichtet und mit einem knappen Wort hingeopfert werden!“ (Seite 64)

Später verknallt sich Sophia in Mr. Scales, einen Handelsvertreter aus Manchester (oh, die weite Welt!) und haut mit ihm nach London ab. Sie heiraten und leben dann in Paris. Auch hier bekommen wir einige Einblicke in die Natur ihrer Ehe:

Schon ihr Stolz zwang sie dazu, das Recht auf Geralds, das Unrecht auf ihr eigenes Konto zu schreiben, denn sie war noch viel zu hochmütig, um zuzugeben, daß sie einen bezaubernden, aber verantwortungslosen Hohlkopf geheiratet hatte.“ (Seite 376)

Als Gerald Scales ein nicht unbeträchtliches Erbe von 12.000 Pfund verschleudert hat, lässt er Sophia schließlich sitzen. Sie eröffnet eine Pension und lebt viele Jahre ziemlich erfolgreich in der großen Stadt. Am Ende kehrt sie zurück zu ihrer Schwester und in den Kleinstadtmief.

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von über 60 Jahren, also von circa 1840 bis 1905. Das ist schon fast Buddenbrook-like, aber wirklich nur fast. Alles was geschieht, fühlt sich vegleichsweise bedeutungslos an. Wahrscheinlich auch, weil in der Kleinstadt Bursley alle Geschehnisse, die die weite Welt schon längst verändert haben, erst spät eintreten. Eisenbahnbau, die Veränderung des Geschäftswesens durch große Einzelhandelsunternehmen und mehr finden wir dort zwar, aber alles erst, wenn es woanders schon alte Hüte sind. Trotzdem weigert sich die Bevölkerung von Bursley absolut mit solchem neumodischen Kram mitzumachen.

Schön ist, dass beide Leben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Keiner stellt sich hin und zeigt mit dem Finger auf die Rückwärtsgewandten oder auf die, die gar zu forsch vorwärts drängen. Alles ist möglich und auch Constance und Sophia haben sich am Ende der Geschichte noch genauso lieb wie am Anfang, als sie noch als Mädchen eine Dachkammer teilten.

Als Frau mit thüringischem Hintergrund mag ich Schinken auch ein sehr. Kochschinken, Nussschinken, Schinkenspeck… Scheibe für Scheibe, Seite für Seite. Es ist auch schön, wenn der Schinken groß ist!

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1906: Wolf im Wolfspelz

Ich hatte große Erwartungen an das Buch. Ein Buch, in dem es nur um das Leben eines Wolfes geht, muss einfach großartig sein. Ich fragte mich aber auch, ob so ein Buch überhaupt spannend sein kann, wenn doch nichts drin vorkommt, außer ein Wolf. Was könnte nur so spannend sein, dass ein Mann damit 234 Seiten vollzuschreiben hat.

Der Mann war Jack London und hatte, als er den Roman schrieb, schon dermaßen viel erlebt! Die Lektüre seiner Biografie war selbst schon enorm fesselnd. Gelesen habe ich das Buch von Martin Sulzer-Reichel, die zwar nicht sehr umfangreich ist, dafür aber umso besser erzählt.

Als Jack London 1876 in San Francisco geboren wird ist die Stadt voller Pioniere und Goldgräber. Es ist der große amerikanische Motor, der sie antreibt. Sie möchten alle ihren Teil vom Glück. Jack London soll jedoch lange nichts davon bekommen. Seine Eltern sind beide etwas heruntergekommen und chronisch pleite. Schon als Zehnjähriger arbeitet er als Zeitungsjunge von morgens 4 bis Schulbeginn, um die Familienkasse aufzubessern und am Wochenende dann fürs Taschengeld. Als Dreizehnjähriger wird er dann zum alleinigen Familienernährer und muss unter unmenschlichen Bedingungen in einer Fabrik schuften. Er fühlt sich ausgebeutet, nicht zuletzt von der eigenen Familie und haut ab. Mit 15 wird er Austernpirat in der San Francisco Bay, mit 16 Patrouillenführer der Fischereipolizei, mit 17 Seemann und Robbenfänger. Anschließend fällt er in die Arbeitslosigkeit und setzt seine Säuferkarriere fort. Er sucht sein Glück on the road und fährt als Landstreicher durch die Vereinigten Staaten. Ein Studium in Berkeley muss er nach einem Jahr abbrechen, weil ihm wieder das Geld ausgeht und auch die Familie braucht nach wie vor was zu essen. Als 1897 in Alaska Gold gefunden wird, springt Jack London auf den ersten Dampfer und versucht sein Glück. Nach seiner Rückkehr ist er zwar um keinen Cent reicher, aber er hat im Kopf den Stoff für sein Lebenswerk. Jahrelang kämpft er darum, veröffentlich zu werden, während er weiter am Hungertuch nagt. Als er es schließlich schafft, verdient er mehr als jeder andere amerikanische Autor vor ihm.

Foto am 21.09.13 um 17.30Die Geschichte beginnt in der Wildnis:

Die unerbittliche, unerforschte Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens.“ (Seite 5, gelesen in einer deutschsprachigen Ausgabe des Kriterien Verlag Bukarest 1970)

In  diesem lebensfeindlichen Land begegnen zwei Weiße, die einen Leichnam von A nach B transportieren, erstmals einer Wölfin, die sich bei der Fütterung unter ihre Schlittenhunde mischt. Das ist Kische, ein Hunde-Wolfs-Mischling. Sie war in einer Hungersnot von den Indianern, die sie gezähmt hatten, in den Wald gelaufen. Sie paart sich mit einem Wolf und das Ergebnis ist Wolfsblut.

Wir begleiten ihn von Kleinauf und sehen die Welt durch seine Augen, erfahren, was ihn antreibt.

Vor ihm auf der Erde saßen fünf lebende Wesen, wie es ähnliche nie im Leben gesehen hatte. Es waren die ersten Menschen, die es erblickte. Die fünf sprachen jedoch bei seiner Annäherung nicht auf, auch wiesen sie nicht knurrend die Zähne; unbeweglich, schweigend, unheimlich saßen sie da.“ (Seite 85)

Von diesen Indianern, unter ihm sein neuer Herr Grauer Biber, bekommt er den Namen Wolfsblut. Er bleibt bei den Menschen und lernt Pflicht und Gehorsam und später auch Zuneigung kennen.  Er zieht mit dem Stamm umher und als sein Herr nach Fort Yukon fährt, um dort für ein Vermögen Handschuhe an die weißen Goldgräber zu verkaufen, wird Wolfsblut gegen ein paar Flachen Branntwein an einen ganz fiesen Kerl verschachert. Der schöne Schmitt missbraucht das kräftige, ungezähmte Tier als Kampfhund und Geldmaschine. Wolfsblut scheint unbesiegbar, wird immer wilder und unnahbarer. Schließlich verliert er beinah seinen Wolfsverstand vor lauter Hass. Während seines letzten Kampfes wird er von Weedon Scott aus dieser schrecklichen Lage befreit. Mr. Scott streichelt Wolfblut und so lernt das Tier echte Hingabe und schließlich Liebe kennen.

Dies war für Wolfsblut wirklich ein Gott, liebevoll, warm und strahlend, und im Lichte seiner Liebe entfaltete sich Wolfsbluts Wesen wie die Blume im Strahl der Sonne.“ (Seite 197)

Sein neuer Herr nimmt ihn mit nach Kalifornien, wo er glücklich seinen Lebensabend verbringt.

Die Lebensgeschichte des Wolfs erweckt über lange Strecken die Illusion, eine Dokumentation über Wölfe in Alaska zu sein. Eine Dokumentation aus einer Zeit vor Fernsehen und Internet – und es ist eine Kunst, dass sie so spannend ist. Jack London muss neben seinen persönlichen Erfahrungen im Nordland unglaublich viel über Wölfe und ihr Verhalten gelesen haben.  Aber das Buch ist noch viel mehr: ein genau beobachtetes Gesellschaftsportrait nämlich. Die Metaphorik der Wildnis und der Beziehungen des Wolfes ist wahnsinnig kraftvoll. Es geht um die Starken und Schwachen, um das Gesetz der Vererbung und das der Prägung durch die Umwelt. Es geht um Ausbeutung, Unterwerfung und Liebe. Ich muss immer wieder an Jack Londons Biografie denken. Schließlich hat er wie ein Tier unter den ausbeuterischen Bedingungen in den Fabriken und Armenvierteln gelitten und sich als Starker unter den Schwachen hervorgetan und aufgerappelt.

Wenn ich mal wieder Zeit habe, lese ich mindestens noch: Der Ruf der Wildnis (Roman) und König Alkohol (Memoiren)

1905 – Es kommt noch schlimmer mit dem Professor

Ich bin begeistert.

UnratDer Professor ist ja wirklich in einer Zwickmühle, da drei seiner Schüler Informationen über ihn haben, die sie nicht haben sollten. Sie, und die ganze Schülerschaft, tanzen ihm nun auf der Nase herum. Und nichts hilft mehr, auch nicht seine Zauberwaffe, das „Kabuff“:

Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen…“ (Seite 150)

Was für einen Spaß müssen die Gymnasiasten in dieser Zeit gehabt haben! Für den Lehrer ist dieser absolute Kontrollverlust eine Tragödie. Seine Position als Tyrann ist nun absolut verloren und seine Entlassung nur noch eine Frage der Zeit. Unrat will nun aber so viele wie möglich mit in den Abgrund reißen und verpfeift seine drei hauptsächlichen Widersacher wegen Zerstörung eines Hünengrabes. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, in der auch die Künstlerin Fröhlich als Zeugin geladen wird und allerlei „Nebendinge“ offenbart. Unrat wird lächerlich Gemacht. Ihm wird klar: „Die Künstlerin Fröhlich gehörte jedem. “ (Seite 164) Nichtsdestotrotz ist er der Fröhlich verfallen.

Als der Professor nun von vollends der Gesellschaft ausgestoßen ist, beginnt für das Paar eine wunderbare Zeit. Endlich können Sie sich zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, ausgehen. Sie heiraten, amüsieren sich, leben über ihre Verhältnisse und verprassen all sein Geld. Nun beginnt das zweite Leben der Unrats. Ihr Haus wird zum Zentrum der illustren Gesellschaft. Die Stadt ist irritiert und angezogen zugleich:

In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langeweile der Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ als in ein rohes und langweiliges Laster, umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer getrunken wurde  wo man mit weiblichen Wesen, die nicht ganz Dirnen und auch keine Damen waren; wo die Hausfrau, eine verheiratete Frau, die Frau des Professors Unrat, prickelnd sang, unpassend tanzte, und, wenn man es richtig anstellte, sogar für Dummheiten zu haben sein sollte – diese erstaunliche Villa vorm Tor umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die um Feenpaläste fließt.“

Hier wird nun Abend für Abend gesoffen und gespielt. Unrat genießt es, daran teilzuhaben wie nach und nach seine ehemals unbelehrbaren Schüler zahlungsunfähig werden und nimmt so Rache an allen, die ihn früher verspotteten. Nur einen erwischt er nicht: Lohmann, seinen Oberfeind. Am Ende wird Unrat verhaftet, weil er diesen dreist bestehlen versucht.

So endet die Karriere des Professors im Gefängnis. Spannend ist, wie viel freier er sich bewegt, nachdem er die Zwänge der Gesellschaft los ist. Er ist fast glücklich. Schade ist, dass sie ihn nicht wirklich liebt. Er bleibt ein armes Würstchen.

Gelesen habe ich in einer wunderbaren in Leinen gebundenen Ausgabe vom S. Fischer Verlag (2004), die das Deckblatt der Erstausgabe auf dem Buchdeckel trägt. Ein echtes Lesevergnügen!

1905 – Alles Unrat!

UnratNachdem ich Hesse  1904 ausgelesen hatte, war ich ganz eingestellt auf Freiheit, Wildnis und die große Weite. Es stellte sich nur kurzfristig heraus, dass Jack Londons Wolfsblut erst 1906 erschienen ist. Also musste ich kurzfristig umdisponieren. Zwangsläufig folgte ein gelangweiltes Durchstöbern der Schwarten in meinem Regal. Und tatsächlich fand ich eine Oberschwarte, von der ich eigentlich geglaubt hatte, dass ich sie nicht lesen würde. Aufgehoben hatte ich sie aus Erinnerungsgründen und wegen des schönen Einbands.

Nun also doch erst noch Professor Unrat von Heinrich Mann. Ich weiß noch, dass ich im Studium einen unwahrscheinlich charismatischen Kommilitonen hatte, der Zwischen den Rassen las und davon schwärmte. Da versuchte ich mich auch daran, aber schnell stellte sich heraus, dass ich das Buch nicht ansatzweise so interessant fand wie seinen Leser.  Den zweiten Versuch startete ich noch etwas später mit Der Untertan. Auch wieder daneben. Die Lektüre entpuppte sich als anstrengend und knorrig. Es gab mindestens Tausend Gründe das Buch nicht zu Ende zu lesen.

Ich schlage also den Buchdeckel auf und fange an zu lesen. Da ist nun dieser Gymnasiallehrer Raat, der seine Schüler als Widersacher betrachtet und seine Tage damit verbringt, sie zu „fassen“. Er wird seines Namens wegen seit Jahrzehnten als Professor Unrat gehänselt und gemobbt.  Der Gag ist ja auch total naheliegend und er ist ein gefundenes Fressen. Heutzutage wäre für Ihn eine Namensänderung aufgrund unzumutbarer Härte denkbar.  Unrat ist gefangen in seiner Welt, schließlich hat er sein ganzes Leben in Schulen zugebracht und ist nicht wirklich in der Lage, das Verhalten seiner Schüler mit einer erwachsenen Distanz zu beurteilen. Was für ein unglücklicher Mann das ist. Und dermaßen unsympathisch. Das ist auf jeden Fall etwas, das er mit Diederich Heßling aus Der Untertan gemein hat.

Professor Unrat ist geradezu besessen davon, seine Schüler „dranzukriegen“. Da kommt es ihm gelegen, dass er in dem Aufsatzheft des Schülers Lohmann eine schlüpferige Huldigung an die Barfußtänzerin Rosa Fröhlich entdeckt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, um seinen Schüler zu „fassen“, dabei tut sich bei ihm so einiges.

Die Rosa gefällt ihm. Natürlich will er das nicht wahrhaben, schließlich lebt er in einer Gesellschaft Selbstbeherrschung und Anstand alles gelten und Sexualität und Körperlichkeit tabuisiert sind. Der arme Mann. Da sitzt er nun bei der Künstlerin in der Garderobe und ist völlig handlungsunfähig:

Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst, so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand.  (Seite 61)

Für ihn ist es natürlich auch schwer wegzustecken, dass das Fräulein auch von seinen Schülern umgarnt wird. In der Schule entspannt sich zunächst so etwas wie ein Wettlauf, wer wen zuerst verpfeift. Die Schüler zittern mäßig vor dem Anpfiff, den sie bekommen, wenn der Lehrer sie beim Direx anschwärzt. Unrat befürchtet, die Revolution könnte ausbrechen und man könnte ihn wiederum verpfeifen. Schließlich gibt es ja auch Zeugen für seine Anwesenheit in der Spelunke mit zwielichtigem Ambiente.

Nach nunmehr 100 Seiten ist das Buch richtig lesbar. Es ist spannend, denn der Skandal ist vorprogrammiert. Es wäre aber schön zu sehen, dass der Professor in der Gegenwart der Künstlerin etwas von seiner Steifheit verliert und das Leben etwas mehr genießen kann. 

1902: Ein langsamer Tod in Venedig

Millie spielt mit dem Gedanken, dass sie, wenn schon nicht um ihrer selbst Willen, dann doch wenigstens wegen ihres Geldes einen Ehemann und Liebe finden könnte. Schließlich kann sie sich von ihrem Reichtum alles Erdenkliche beschaffen: Wohnraum in einem imposanten Palazzo in Venedig, eine Stunde Alleinsein ohne ihre 3 Begleiterinnen und einen Diener, der alles möglich macht. Warum nicht also einen Mann kaufen? Schließlich läuft ihr die Zeit davon und sie hätte sich mit einer bröckelnden Fassade geheuchelter Liebe wahrscheinlich gar nicht mehr auseinanderzusetzen.

Während für Millie der Tausch Zuneigung gegen Vermögen akzeptabel scheint, fühlt es sich für Merton Densher falsch an, sie nur aufgrund ihres Reichtums zu umgarnen. Er möchte schließlich auch, so wie er ist, geliebt werden. Er ist wütend über seine untergeordnete, ausgelieferte und manipulierte Lage. Denn langsam dämmert es ihm: während er für ihren Plan „absolut alles getan hatte, was Kate wollte, hatte sie überhaupt nichts getan, was er wollte“ (Seite 346). Schließlich setzt er ihr die Pistole auf die Brust und erklärt, er werde nicht weiter um Millies Vermögen herumschleichen, wenn Kate nicht endlich zu ihm käme, „für länger“. Das tut sie schließlich. Durch den errungenen Sieg gewinnt Densher in der Beziehung Oberwasser und wird zunehmend sein eigener Herr.

Millie stirbt schließlich und Densher und Kate sehen sich nun mit den Konsequenzen ihres Spiels konfrontiert. Densher ist durch die Zeit, die er nach Kates Abreise allein mit Millie in Venedig verbracht hat tief bewegt. Seine Wahrnehmung der Situation ist nun gänzlich verschieden von der Kates „Wir haben ein schreckliches Spiel gespielt und verloren“ (Seite 465). Für ihn ist klar, dass sie eine Grenze übertreten haben und das möchte er gern rückgängig machen. Für Kate ist das unmöglich.

„Wir werden nie wieder sein, wie wir waren.“ (Seite 506)

Wenn ich noch einmal ein Buch von 1902 auswählen könnte, würde ich definitiv nicht Die Flügel der Taube nehmen. Während sich die Buddenbrooks nach schwierigem Einstieg als spanende Lektüre entpuppt haben, bin ich nun vor allem froh, dass ich mit dem Ziegel durch bin. Der Roman brauch 300 Seiten, bis er überhaupt in die Gänge kommt, dann kommen 120 lesenswerte und dann noch mal 100 ganz lange Seiten, die unendlich langsam auf das absehbare Ende hin erzählen. Fazit: Anstrengend und langweilig!

Aus dem gleichen Jahr und definitiv spaßiger ist Der Hund von Baskerville von Arthur Conan Doyle.

1902: 4 Gründe, warum es sich doch lohnt „Die Flügel der Taube“ zu lesen

English: Photograph of Henry James.

In den letzten Wochen habe ich mich gequält und unendlich bei der Lektüre von „Die Flügel der Taube von Henry James gelangweilt. Da Aufgeben keine Option war, konnte ich ebenso gut versuchen, dem Buch etwas Positives abzugewinnen und zu erforschen welche Gründe man haben könnte, um das Buch zu lesen.

Grund 1: Henry James gelingt es ausgezeichnet, das, was wir Anglisten wohl Britishness nennen würden, einzufangen. Als Amerikaner lebte er selbst lange Jahre in England und genoss gewissermaßen immer eine Fremdperspektive auf seine Wahlheimat. Er beschreibt Dinge, die einem Engländer wahrscheinlich völlig abgegangen wären. Ein Beispiel findet sich in Merton Denshers ersten Eindrücken von Maud Lowders Haus:

Sie stellten eine Ordnung für sich dar und strotzten vor wertvollen Materialien – kostbaren Hölzern, Metallen, Stoffen, Steinen. Nie hatte er sich etwas so Befranstes und Gekerbtes, mit Knöpfen und Schnüren Besetztes, überall so straff Angezogenes und überall so dick Gerolltes träumen lassen. Nie hatte er sich so viel Vergoldung und Glas, so viel Atlas und Plüsch, so viel Rosenholz und Marmor und Malachit träumen lassen. (Seite 60, Aufbau-Ausgabe)

Grund 2: Im Kern birgt der Roman doch das, was ein Mädchen sich von einem Roman wünscht: eine Liebesgeschichte. Kate wird angebetet von Densher. Er sagt Sätze wie:

Alle Frauen außer dir sind beschränkt. Wie kann ich da eine andere ansehen? Du bist immer wieder anders – und dann bist du noch einmal anders.

und

„Die Frauen, die man so kennenlernt – was sind sie anderes als Bücher, die man schon gelesen hat? Du stellst eine ganze Bibliothek unbekannter, unaufgeschnittener Bücher dar.“ (Seite 262)

Wegen solcher Sätze lohnt sich die Lektüre allemal.

Grund 3: Die Liebesgeschichte ist tragisch, denn sie beiden können sich nicht wirklich kriegen. Der arme Densher ist Kate verfallen und kämpft sich ab im Umgang mit Mrs. Lowders. Die hat ihn zwar im Grunde ganz gern, aber für alle Beteiligten ist offensichtlich, dass er nicht gut genug für die feine Gesellschaft ist, dass Kate eine bessere Partie machen könnte.

Es lag im Wesen seiner Position, daß in einem Hause wie diesem der Spieß jederzeit gegen ihn gekehrt werden konnte. „Was hast du zu bieten?“ – so summte das Haus ihm, wie auch immer  von Behaglichkeit und Anstand gedämpft, mit solch lastender Ironie unaufhörlich zu. (Seite 240)

Grund 4: Nun kommt in „Die Flügel der Taube“ tatsächlich eine Geschichte ins Rollen, die mein Leseinteresse enorm steigert. Die Figur Kate ist für mich nach wie vor schwer zu fassen. Ist sie ernsthaft Millies Freundin oder ist sie durchtrieben und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, an dem, wie wir wissen, ja auch das Wohl ihres Vaters und ihrer Schwester hängt. Sie heckt einen Plan aus. Densher soll sich an die reiche Erbin Millie ranmachen und sich ihre Kohle unter den Nagel reißen. Wie Kate dann von der Situation profitieren soll, wird nicht gesagt (war ja klar). Densher macht bei der Sache mit, ohne allzu viele Fragen zu stellen und fühlt sich schon von Beginn an zu Millie hingezogen. Damit ist eine Situation geboren, die richtigen Seifenoperncharakter hat. Densher ertappt sich dabei, wie er Millie mehr hofiert, als er ursprünglich beabsichtigt hatte und ist sich auf einmal unsicher, ob Kate das wirklich so gewollt haben kann. Er kann schlecht die Reißleine ziehen, weil er ja eine echte Beziehung zu Millie aufgebaut hat und, weil er sich dann Kates Anweisungen widersetzen würde, die Millie die Intrige offenbaren könnte. Er sitzt also in der Klemme.

Auf jeder Seite ist nun alles möglich. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Wird er sich in Millie verlieben und wird Kate das mit ansehen können? Wird sie vielleicht eine weitere Intrige spinnen? Bleibt Densher insgeheim bei Kate und wird Millie den Schwindel aufdecken können? Ich bleibe gespannt auf den letzten 230 Seiten.

1901: Buddenbrooks erledigt

Die Buddenbrooks am Sternenhimmel: 5 von 7 Sternen

Am Ende sind alle männlichen Familienmitglieder tot, nur Christian, der vegetiert in einer „Anstalt“ vor sich hin. Die Familie ist nun also „verfallen“, dabei sind noch so viele weibliche Familienmitglieder übrig. Tony Permaneder, ihre Tochter Erika und deren Tochter Elisabeth. Sie zählen aber wohl nicht richtig, denn schließlich ist keine Mitgift da, um sie wieder in gute Verhältnisse zu verheiraten ( und keiner mehr, der sie verheiraten könnte). Dann ist da noch Gerda Buddenbrook, geborene Arnoldsen, die nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes in ihre Heimat Amsterdam zurückkehrt. Die zählt auch nicht, weil sie ja nur angeheiratet war. Außerdem ist da noch Kusine Klothilde, die ins Kloster aufgenommen wurde, aber auch nicht zählt, weil sie ja nur aus einer armen Nebenlinie stammt. Zum Schluss leben auch noch die drei Schwestern Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook, die auch unverheiratet sind.  Eigentlich sind also nur die Männer heruntergekommen und die Frauen müssen in der Konsequenz dran glauben und blicken hilflos dem tristen Schicksal entgegen. Sehr 19. Jahrhundert eben.

Ich würde die Buddenbrooks jederzeit wieder zum ersten Mal lesen. Nochmal lesen würde ich das Buch aber nicht. Es hat mich eingesaugt in seine Geschichte. Die detaillierten Beschreibungen sind der Hammer, aber es ist ein bisschen, wie bei der Geschichte vom süßen Brei. Oft wird die Sprache einfach immer mehr und mehr, obwohl schon längst alle genug haben und zum nächsten Gang wechseln wollen. Mir gefällt, dass man als Leser so nah am Inneren der Figuren dran ist. An Tony Buddenbrooks Glückssuche und an ihrem Hochhalten der Familiengeschichte, an Thomas Buddenbrooks Verzweiflung und an Hannos Angst in der Schule ein nicht gelerntes Gedicht abgefragt zu werden und deswegen sitzen zu bleiben. Sie sind mir nun doch alle ans Herz gewachsen. Sie sind alle so menschlich.

Die Welt der Buddenbrooks

Wer noch mehr wissen möchte, über die Entstehungsgeschichte, über Thomas Mann, über Lübeck und über die Buddenbrooks-Filme, der lese Die Welt der Buddenbrooks von Hans Wisskirchen. Man bekommt ein schönes Drumherum, jenseits von literaturwissenschaftlicher Schwere und beschränkten Lektüreschüsseln. Außerdem sind tolle Bilder drin: zum Beispiel vom Landschaftszimmer im Buddenbrookhaus, von Lübeck in verschiedenen Jahrhunderten und von Familie Mann. Besonders toll fand ich die Illustrationen, die in den letzten Hundert Jahren gezeichnet wurden.