1901 – 1910: Nichts bleibt wie es war (Top 10)

1901 - 1910Die erste Dekade des 20. Jahrhunderts ist vorüber. Zeit für einen kleinen Rückblick. Mein Projekt hat einen guten und lehrreichen Anfang genommen mit den Buddenbrooks. Ich bin froh, diesen Roman ausgewählt zu haben. Wer weiß, wie viel Jahre ich sonst noch ohne die Erkenntnis zugebracht hätte, dass das ein richtig gutes Buch ist. Die Flügel der Taube hätte ich mir klemmen können. Aber, wer nicht wagt der nicht gewinnt. Auch Das Rätsel der Sandbank ist, rückblickend betrachtet, seine Zeit nicht unbedingt wert gewesen. Die Neuentdeckung des Jahrzehnts ist auf jeden Fall Hermann Hesse mit Peter Camenzind. Und wer hätte gedacht, dass der so oft verunglimpften Professor Unrat so lesbar ist. Wolfsblut war zwar nicht überraschend, aber hat genau ins Schwarze getroffen. Jede Menge Jack London wartet darauf in der Zukunft von mir gelesen zu werden. Bei Der Geheimagent bin ich etwas weniger überschwänglich. Hat mich nicht wirklich überzeugt. Arnold Bennetts Geschichte von Constance und Sophia ist mir ans Herz gewachsen. Auf dem letzen Platz der Hitliste liegt weit abgeschlagen Jakob von Gunten. Selten so ein langweiliges Buch gelesen. Vielleicht findet der ein oder andere angestaubte Germanist etwas daran. Ganz anders und ganz aufregend: Das Dorf von Iwan Bunin.

Hier meine persönlichen TOP 10 für die erste Dekade des 20. Jahrhunderts:

1. Buddenbrooks von Thomas Mann

2. Peter Camenzind von Hermann Hesse

3. Das Dorf von Iwan Bunin

4. Constance und Sophia von Arnold Bennett

5. Wolfsblut von Jack London

6. Professor Unrat von Heinrich Mann

7. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

8. Der Geheimagent von Joseph Conrad

9. Flügel der Taube von Henry James

10. Jakob von Gunten von Robert Walser

Die großen Themen sind mehr oder weniger rasante Umwälzungen in Gesellschaft und Umwelt. Immer wieder taucht die Ablehnung von Neuem auf, die Buddenbrooks, Constance Povey und Mr. Verloc halten lieber an altbewährtem fest. Dennoch ist eines klar: alles verändert sich und es gibt Figuren wie Constances Schwester Sophia, die die sich auftuenden Gelegenheiten nutzen und der Zukunft aufgeschlossen gegenüberstehen.

So auch ich. In der nächsten Dekade erwarten mich zuerst Edgar Wallage, Gerhard Hauptmann, D.H. Lawrence und Virginia Woolf. Ich bin gespannt!

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1905 – Es kommt noch schlimmer mit dem Professor

Ich bin begeistert.

UnratDer Professor ist ja wirklich in einer Zwickmühle, da drei seiner Schüler Informationen über ihn haben, die sie nicht haben sollten. Sie, und die ganze Schülerschaft, tanzen ihm nun auf der Nase herum. Und nichts hilft mehr, auch nicht seine Zauberwaffe, das „Kabuff“:

Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen…“ (Seite 150)

Was für einen Spaß müssen die Gymnasiasten in dieser Zeit gehabt haben! Für den Lehrer ist dieser absolute Kontrollverlust eine Tragödie. Seine Position als Tyrann ist nun absolut verloren und seine Entlassung nur noch eine Frage der Zeit. Unrat will nun aber so viele wie möglich mit in den Abgrund reißen und verpfeift seine drei hauptsächlichen Widersacher wegen Zerstörung eines Hünengrabes. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, in der auch die Künstlerin Fröhlich als Zeugin geladen wird und allerlei „Nebendinge“ offenbart. Unrat wird lächerlich Gemacht. Ihm wird klar: „Die Künstlerin Fröhlich gehörte jedem. “ (Seite 164) Nichtsdestotrotz ist er der Fröhlich verfallen.

Als der Professor nun von vollends der Gesellschaft ausgestoßen ist, beginnt für das Paar eine wunderbare Zeit. Endlich können Sie sich zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, ausgehen. Sie heiraten, amüsieren sich, leben über ihre Verhältnisse und verprassen all sein Geld. Nun beginnt das zweite Leben der Unrats. Ihr Haus wird zum Zentrum der illustren Gesellschaft. Die Stadt ist irritiert und angezogen zugleich:

In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langeweile der Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ als in ein rohes und langweiliges Laster, umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer getrunken wurde  wo man mit weiblichen Wesen, die nicht ganz Dirnen und auch keine Damen waren; wo die Hausfrau, eine verheiratete Frau, die Frau des Professors Unrat, prickelnd sang, unpassend tanzte, und, wenn man es richtig anstellte, sogar für Dummheiten zu haben sein sollte – diese erstaunliche Villa vorm Tor umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die um Feenpaläste fließt.“

Hier wird nun Abend für Abend gesoffen und gespielt. Unrat genießt es, daran teilzuhaben wie nach und nach seine ehemals unbelehrbaren Schüler zahlungsunfähig werden und nimmt so Rache an allen, die ihn früher verspotteten. Nur einen erwischt er nicht: Lohmann, seinen Oberfeind. Am Ende wird Unrat verhaftet, weil er diesen dreist bestehlen versucht.

So endet die Karriere des Professors im Gefängnis. Spannend ist, wie viel freier er sich bewegt, nachdem er die Zwänge der Gesellschaft los ist. Er ist fast glücklich. Schade ist, dass sie ihn nicht wirklich liebt. Er bleibt ein armes Würstchen.

Gelesen habe ich in einer wunderbaren in Leinen gebundenen Ausgabe vom S. Fischer Verlag (2004), die das Deckblatt der Erstausgabe auf dem Buchdeckel trägt. Ein echtes Lesevergnügen!

1905 – Alles Unrat!

UnratNachdem ich Hesse  1904 ausgelesen hatte, war ich ganz eingestellt auf Freiheit, Wildnis und die große Weite. Es stellte sich nur kurzfristig heraus, dass Jack Londons Wolfsblut erst 1906 erschienen ist. Also musste ich kurzfristig umdisponieren. Zwangsläufig folgte ein gelangweiltes Durchstöbern der Schwarten in meinem Regal. Und tatsächlich fand ich eine Oberschwarte, von der ich eigentlich geglaubt hatte, dass ich sie nicht lesen würde. Aufgehoben hatte ich sie aus Erinnerungsgründen und wegen des schönen Einbands.

Nun also doch erst noch Professor Unrat von Heinrich Mann. Ich weiß noch, dass ich im Studium einen unwahrscheinlich charismatischen Kommilitonen hatte, der Zwischen den Rassen las und davon schwärmte. Da versuchte ich mich auch daran, aber schnell stellte sich heraus, dass ich das Buch nicht ansatzweise so interessant fand wie seinen Leser.  Den zweiten Versuch startete ich noch etwas später mit Der Untertan. Auch wieder daneben. Die Lektüre entpuppte sich als anstrengend und knorrig. Es gab mindestens Tausend Gründe das Buch nicht zu Ende zu lesen.

Ich schlage also den Buchdeckel auf und fange an zu lesen. Da ist nun dieser Gymnasiallehrer Raat, der seine Schüler als Widersacher betrachtet und seine Tage damit verbringt, sie zu „fassen“. Er wird seines Namens wegen seit Jahrzehnten als Professor Unrat gehänselt und gemobbt.  Der Gag ist ja auch total naheliegend und er ist ein gefundenes Fressen. Heutzutage wäre für Ihn eine Namensänderung aufgrund unzumutbarer Härte denkbar.  Unrat ist gefangen in seiner Welt, schließlich hat er sein ganzes Leben in Schulen zugebracht und ist nicht wirklich in der Lage, das Verhalten seiner Schüler mit einer erwachsenen Distanz zu beurteilen. Was für ein unglücklicher Mann das ist. Und dermaßen unsympathisch. Das ist auf jeden Fall etwas, das er mit Diederich Heßling aus Der Untertan gemein hat.

Professor Unrat ist geradezu besessen davon, seine Schüler „dranzukriegen“. Da kommt es ihm gelegen, dass er in dem Aufsatzheft des Schülers Lohmann eine schlüpferige Huldigung an die Barfußtänzerin Rosa Fröhlich entdeckt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, um seinen Schüler zu „fassen“, dabei tut sich bei ihm so einiges.

Die Rosa gefällt ihm. Natürlich will er das nicht wahrhaben, schließlich lebt er in einer Gesellschaft Selbstbeherrschung und Anstand alles gelten und Sexualität und Körperlichkeit tabuisiert sind. Der arme Mann. Da sitzt er nun bei der Künstlerin in der Garderobe und ist völlig handlungsunfähig:

Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst, so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand.  (Seite 61)

Für ihn ist es natürlich auch schwer wegzustecken, dass das Fräulein auch von seinen Schülern umgarnt wird. In der Schule entspannt sich zunächst so etwas wie ein Wettlauf, wer wen zuerst verpfeift. Die Schüler zittern mäßig vor dem Anpfiff, den sie bekommen, wenn der Lehrer sie beim Direx anschwärzt. Unrat befürchtet, die Revolution könnte ausbrechen und man könnte ihn wiederum verpfeifen. Schließlich gibt es ja auch Zeugen für seine Anwesenheit in der Spelunke mit zwielichtigem Ambiente.

Nach nunmehr 100 Seiten ist das Buch richtig lesbar. Es ist spannend, denn der Skandal ist vorprogrammiert. Es wäre aber schön zu sehen, dass der Professor in der Gegenwart der Künstlerin etwas von seiner Steifheit verliert und das Leben etwas mehr genießen kann.