Wasser, Seefahrt, Abenteuer – 9 Lesetipps für den heißen Sommer

von Marion KörnerDie Sommer erreicht seinen Zenit. Freunde und Nachbarn sind im Urlaub, waren schon im Urlaub oder fahren gleich in den Urlaub. Für alle, die wie ich in Gedanken verreisen oder den Sommer noch etwas verlängern wollen, gibt es hier 9 lesenswerte Romane und Geschichten rund um Schiffe, Boote und das Meer.

1. Überfahrt. Eine Liebesgeschichte von Anna Seghers:

„Mit einer Abfahrt ist nichts zu vergleichen. Keine Ankunft, kein Wiedersehen. Man läßt den Erdteil endgültig hinter sich zurück. Und was man dort auch erlebt hat an Leiden und Freuden, wenn die Schiffsbrücke hochgezogen wird, dann liegen vor einem drei reine Wochen Meer.“

Die „Norwid“ schippert von Bahia nach Europa. Der Arzt Ernst Triebel erzählt von Maria Luise, seiner Jugendliebe. Es wird die Erzählung seines Lebens.

2. Homo Faber von Max Frisch

Wie man eine Woche auf einem solchen Schiff verbringt, konnte ich mit nicht vorstellen, ich ging hin und her, Hände in den Hosentaschen, einmal geschoben vom Wind, dann mühsam, so daß man sich nach vorn lehnen musste mit flatternden Hosen, ich wunderte mich, woher die anderen Passagiere ihre Sessel hatten.

Der Ingenieur Walter Faber trifft auf einer Schiffspassage von Manhattan nach Europa die junge Sabeth, die ihn stark an seine Jugendliebe Hannah erinnert. Sie machen sich gemeinsam auf zu Sabeths Mutter nach Griechenland. Eine Reise, die verhängnisvoll enden soll.

3. Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Der halbwüchsige Inder Pi Patel ist einziger menschlicher Überlebender eines Schiffsunglücks. Mit ihm im Rettungsboot sitzen ein Zebra, ein Orang Utan, eine Hyäne und, wie könnte es anders sein, ein Tiger. Nach 227 Tagen auf See landet das Boot in Mexiko und Pi kann die Geschichte einer außergewöhnlichen Seefahrt erzählen. Unbedingt lesenswert. Letztes Jahr ist das Buch mindestens ebenso sehenswert von Ang Lee verfilmt und mit vier Oscars ausgezeichnet worden.

4. Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway

Ist das Buch schlechthin von Hemingway. Der kubanische Fischer Santiago ringt mit einem riesigen Fisch, dem Fang seines Lebens. Es ist der große Kampf des Menschen mit der Natur.

5. Moby Dick von Herman Melville 

Wenn schon von gigantischen Fischen die Rede ist, darf Moby Dick natürlich nicht unterschlagen werden. Melville erzählt auf über 1000 Seiten die Geschichte der Jagd auf den legendären weißen Wal. Im Mittelpunkt steht der von Hass zerfressene Kapitän Ahab, der Wal selbst bleibt hauptsächlich Phantom. Da sich die Lektüre etwas hinzieht, sei sie hier nur für Schnellleser oder Leute mit langen Ferien empfohlen. Alle anderen kommen vielleicht hier auf ihre Kosten.

6. Schachnovelle von Stefan Zweig

Die Rahmenhandlung von Stefan Zweigs bakanntestem Werk spielt auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires.  An Bord ist auch der Schachweltmeister Mirko Czentovic, der Schachpartien gegen alle Anwesenden spielt. Das erregt die Aufmerksamkeit von Dr. B. Dieser war von den Nationalsozialisten inhaftiert und isoliert worden. Um in der Einsamkeit nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen, begann Dr. B in Gedanken Schachpartien gegen sich selbst und brachte es zu erstaunlicher Meisterschaft.

7. Robinson Crusoe von Daniel Defoe

Die Geschichte von Robinson Crusoe und Freitag ist so bekannt, dass man meinen könnte, jeder hätte das Buch, das als der erste englische Roman gilt, gelesen. Das ist aber (nach einer aktuellem, nicht repräsentativen Umfrage)  keineswegs der Fall. Trotzdem ist der Klassiker jede Seite seiner Lektüre wert.  Im Originaltitel erfahren wir gleich alles, was wir wissen müssen: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself. („Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“). Wem das jetzt zu angestaubt ist, dem sei das Buch Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe (engl. Originaltitel Foe) des südafrikanischen Schriftstellers J. M. Coetzee ans Herz gelegt. Coetzee erzählt die Geschichte neu. Zu Robinson und Freitag gesellt sich eine Frau, die nun die Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählen möchte.

8. Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne

Der Roman von 1873 ist ein Klassiker der Reiseromane. Wie bekannt sein dürfte, wettet Phileas Fogg in London mit den Mitgliedern des Reform Clubs darum, dass es ihm gelingen werde, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Da das Flugzeug als Transportmittel noch nicht in Frage kam, legten Fogg und sein Diener Passepartout weite Teile der Reise mit dem Schiff zurück. Immer verfolgt vom übereifrigen Detektiv Fix, der in Fogg den Räuber eines Vermögens aus der Bank of England zu erkennen glaubt.

9. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

Der leidenschaftliche Segler „Davies“ und der britische Diplomat „Caruthers“ segeln, vorgeblich auf Entenjagd, durch friesische Wattenmeer. Dabei entdecken sie Invasionspläne des deutschen Militärs. Der Roman hinterließ in seiner Zeit (also vor dem ersten Weltkrieg) einen nachhaltigen Eindruck. Die Invasionspläne waren so glaubhaft geschildert, dass die Engländer in der Folge tatsächlich ihre Seeabwehr verstärkten. Erskine Childers errang mit diesem Buch seinen Ruf als Vater des modernen Spionageromans. Das Rätsel der Sandbank wurde 1903 veröffentlicht und ist das aktuelle Buch meiner Lesereihe.

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1903: Segeln in der Nordsee – Das Rätsel der Sandbank

Raetsel der Sandbank FilmbildIrgendwann früher dieses Jahr war ich auf Familienbesuch an der Felnsburger Förde. Eines Nachmittags übergab man uns eine DVD-Box von Das Rätsel der Sandbank. Während ich auf das Paket stierte wie ein Schwein ins Uhrwerk, geriet mein Freund in helle Aufregung und Kindheitserinnerungen wurden aufgerollt. Der Vierteiler lief in den Achtziger Jahren im Westfernsehen und die ganze Familie hatte ihn offenbar damals verfolgt. Warum nur hatte ich noch nie von dem vermeindlichen Klassiker gehört? Tatsächlich ist mir das Buch The Riddle of the Sands während meines Anglistik-Studiums nicht untergekommen, obwohl sowohl Autor Erskine Childers als auch Buch selbst eine äußerst bemerkenswerte Geschichte haben.

Nach 10 Folgen der Fernsehserie, inklusive ausführlichsten Segelaufnahmen in der Nordsee und Ohrwurm-Erkrankung durch den schrägen 80er-Titelsong, bin ich nun umso mehr gespannt auf das Buch.

Zu Beginn befinden wir uns im London von 1902 mit Mr. Caruthers, der im Außenministerium arbeitet. Die Beschreibung des Saisonendes liegt sehr nah an der, die Henry James in Die Flügel der Taube gibt. So ist der Übergang zur neuen Lektüre für mich fließend. Caruthers hat aus dienstlichen Gründen zunächst keinen Urlaub bekommen und steht nun vor dem Dilemma, dass die ganze gute Gesellschaft ihre Ferien nun schon anderswo begonnen und beendet hat. Nur deshalb nimmt er schließlich die Einladung seines ehemaligen Kommilitonen Arthur Davies an, mit ihm im September in der Ostsee zu segeln und Enten zu jagen. Der englische Originaltitel The Riddle of the Sands: A Record of Secret Service verrät, dass im Buch Geheimdienst-Verwicklungen zu erwarten sind. Auch ist es dieses Buch, dass dem Autor Erskine Childers seinen Ruf als Vater des modernen Spionageromans eingebracht hat. Man darf also gespannt sein.