1911-1920: Reisen in eine andere Welt (Top10)

Foto 1Es scheint ein Jahrzehnt des Reisens zu sein. Das war mir vor meiner Lektüre gar nicht klar. Vor allem sind es weite Reisen: von England nach Afrika, von Afrika nach Nordamerika, von Europa nach Südamerika, nach Bengalen, vom Land in die Stadt auch in ganz andere Sphären. Es geht um das Loslassen des Altbekannten und das sich Einlassen auf das Neue. Oft stellt sich heraus, dass das Neue nicht immer das Richtige für jeden ist und manch einer kehrt zurück oder stirbt.

Hier nun meine persönliche Rangfolge des zweiten Jahrzehnts und alle diejenigen, die sich zum Lesen nicht aufraffen können, weil sie keine Zeit haben oder durch meine Leseerfahrungen nun total abgeschreckt sich, finden hier auch entsprechende Verfilmungen.

1. ageZeit der Unschuld (Edith Wharthon): absoluter Spitzenreiter der zweiten Lesedekade.  Das Buch hat alles, was ich brauche um literarisch glücklich zu sein: eine mitreißende Geschichte in toller Kulisse und zwei Liebende, die kämpfen, um zueinander zu kommen. Das alles wurde 1993 mitreißend verfilmt von Martin Scorsese.

2. Segen der Erde (Knut Hamsun): auch hier wieder eine facettenreiche Geschichte rund um die Frage, wie viel Ambitionen sind eigentlich wohltuend für Mensch und Natur + spannende, vielschichtige Figuren. Es gibt einen Stummfilm von 1921.

3. Zu Hause und Draußen (Rabindanath Tagore): Eine Frau zwischen Emanzipation, Versuchung und Altbewährtem – und die Frage, ob es noch einen Weg zurück gibt, wenn man sich total verrannt hat. Es gibt einen bengalischen Film von 1984.

4. sonsSöhne und Liebhaber (D.H. Lawrence): Das Thema ist eigentlich ein Dauerbrenner. Was geben uns unsere Eltern mit auf den Weg und was machen wir daraus. Sind wir überhaupt unseres eigenen Glückes Schmied oder haben am Ende gar keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Der Roman wurde 1960 verfilmt. Der Film ist mehrfach preisgekrönt. Könnte sich wirklich lohnen.

5. Die Fahrt nach draußen (Virginia Woolf): leider eines dieser Bücher, in dem wahnsinnig viele Wörter vorkommen, ohne dass es die Geschichte tatsächlich vorwärts bringt. Das Thema ist eigentlich ganz interessant. Da ist diese junge Frau, die zur Welt nicht so recht eine Beziehung herstellen kann. Da aber der Plot nicht wirklich stark ist, kam wohl eine Verfilmung für niemanden in Frage.

6. Atlantis (Gerhart Hauptmann): Mann in der Mitte seines Lebens lässt alles stehen und liegen und fährt auf einem Ozeandampfer einer jungen Artistin hinterher. Am Ende verliert er den Verstand. Es gibt eine dänische Verfilmung von 1913, dabei ist ja auch das Buch erst 1912 erschienen. Es wurden eine halbe Millionen dänischer Kronen verballert. Damit gilt der Film als teuerster seiner Zeit.

7. tarzanTarzan bei den Affen (E. R. Burroughs) Ist zwar einerseits ganz kultig, aber im Großen und Ganzen kann man seine Lesezeit auch gewinnbringender rumkriegen. Man könnte in der Zeit auch mehrere Tarzan-Filme kucken, zum Beispiel einen Disney-Film von 1999 oder die Neuauflage in 3D. Legendär sind die Filme „Tarzan – Der Affenmensch“ mit Johnny Weissmuller und auch die mit Lex Barker. Die Internet Movie Database listet über 100 Tarzan-Filme auf, was unter anderem daran liegt, dass es schon fast eine unüberschaubare Anzahl an Tarzan-Büchern gibt, die Burroughs und andere namenlose Groschenheft-Autoren verfasst haben.

8. Tarr (Wyndham Lewis): Buch über einen Künstler in Paris und die Schwierigkeit, die Grenzen konventioneller Beziehungen dahingehend auszuweiten, dass sie einem tatsächlich passen. Schon das Buch ist insgesamt eher unbekannt. Von Verfilmung kein Wort. Nirgends.

9. devilSanders vom Strom (Edgar Wallace): Paradebeispiel kolonialen Chauvinismus, ist aber wahrscheinlich ein gutes Bild des Zeitgeistes. Es gibt einen deutsch-spanischen Abenteuerfilm von 1971, der auf Teilen des Buches basiert und einen Film von 1935.

10. Jürgen (James B. Cabell): Obwohl dieses Buch angeblich ein Klassiker des komischen Fantasyromans ist, kann ich einfach gar nichts daran finden. Und ich finde es gar nicht so schlecht, dass es offenbar auch nicht verfilmt worden ist. Wäre auch zu abstrus.

In dieser Dekade sind einige Punkte in verschiedenen Erdteilen hinzugekommen auf meiner literarischen Landkarte. Auffällig sind nach wie vor Häufungen in Paris, London und nun auch in New York. Ich hatte schon seit Jahren so eine Ahnung, dass sich meine Lektüre immer wieder an den gleichen Plätzen abspielt. Aber das 20. Jahrhundert ist noch lang. Ich habe noch genug Zeit, um entlegenere Orte auf meiner Karte hinzuzufügen.

1911: Edgar Wallace in Afrika

Wallace1911

Ich wollte ja schon immer mal was von Edgar Wallace lesen. Obwohl ich kein besonders eifriger Krimi-Leser oder -Kucker bin, haben die endlosen Reihen seiner Bücher und Verfilmungen mein Interesse geweckt. Mir war nicht klar, dass man bei Edgar Wallace auch was ganz anderes findet, etwas völlig Unerwartetes. Der Autor wurde 1875 in ärmlichen Verhältnissen geboren und arbeitete sich in den Burenkriegen zum Kriegsberichterstatter hoch. Danach arbeitete er als Journalist und Sonderberichterstatter. 1905 veröffentlichte Wallace im Eigenverlag seinen ersten Krimimalroman „Die vier Gerechten“. Der Clou war der, dass er jedem, Leser, der die Lösung erraten hatte, 500 Pfund schenken wollte. Offenbar war die Geschichte nicht soo schwer zu durchschauen, denn eine Menge Leute hatten es raus und Wallace stand finanziell am Abgrund. Bekannt wurde er aber vor allem durch seine journalistischen Arbeiten und eine Reihe Afrikaromane. Deren erster ist Sanders vom Strom. Na prima! Und ich hatte einen Krimi erwartet.

Weit gefehlt. Was ich bekam, war eine Art Abenteuer-Roman. Wir begleiten Sanders, einen Regierungsbeamten in Afrika bei seinen Versuchen, Frieden unter den Völkern in seinem Bezirk zu halten. Dabei geht er auch schon mal ganz schön brachiale Wege:

gewiß war Sanders zu jener Zeit schnell mit dem Aufhängen. Er regierte ein Volk, dreihundert englische Meilen jenseits des Randes der Zivilisation.“ (Seite 6)

Sanders fährt mit seinem kleinen Dampfer „Zaire“ immer den „Strom“ auf und ab. Für einen Weißen lässt er sich ganz schön stark auf die Stämme ein. Er kann sich ansatzweise in ihre Denke hineinversetzen. Er arbeitet mit seiner englischen Logik, benutzt aber auch die „Werkzeuge“ der Völker, damit diese wiederum ihn für voll nehmen. Natürlich erkennt Sanders Limbili, den großen König von Ytingi als den größten König aller Zeiten an. Das ist es, was das Gleichgewicht in der Region von ihm verlangt. Er achtet die Geheimnisse der Völker. Sanders äußert sich auch gegen die britische Regierung, die ihm bei Konflikten nie Unterstützung zukommen lässt, aber nach Berichten über Goldfunde sofort eine Armee ins Land schickt.

Die Erzähllinie hat mich hier und da irritiert. Im Schnelldurchlauf werden die Ereignisse abgespult, die alle für sich vielleicht noch eine tiefere Bedeutung haben. Es bleibt aber nicht genügend Raum um diese zu ergründen. Wir sehen also Sanders, wie er erst ein Problem bei diesem Stamm löst, ein paar Seiten später jenen Verbrecher dort aufhängen lässt und noch ein paar Seiten später selbst nur knapp einem Attentat entgeht. Buff, buff, buff. Vergeblich wartete ich darauf, dass bei Sanders etwas ins Rollen kommt. Das Buch lebt stattdessen von den wirklich kurzweiligen Erzählungen über das Leben von sehr vereinzelten Weißen im schwarzen Dschungel. Es ist wunderbar gezeichnet, obwohl viele Bemerkungen heute sicherlich nicht mehr das Etikett „politisch korrekt“ bekämen.

Was mich ein bisschen frustriert hat, war die Unmöglichkeit, die Geschichten auf der Weltkarte zu orten. Aus dem ersten Satz wusste ich, dass das Buch in Afrika spielt:

Der Bezirksamtmann Sanders war in so leichten Etappen zu seiner Stellung in Zentral-Afrika emporgeklommen, daß er sich nicht mehr gut vorstellen konnte, wann eigentlich seine Bekanntschaft mit dem Hinterland begonnen hatte. (Seite 5 der Lizenzausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft Berlin und Darmstadt von 1957)

Zentral-Westafrika ist nicht eben ein genau definiertes Fleckchen Erde. Im Buch selbst schmeißt Wallace mit Orts- und Stammesnamen wie Isisi, Ochori, N’Gombi, Akasava um sich. Obwohl ich mich für einigermaßen talentiert in Suchmaschinenbedienung halte, ist es mir nicht gelungen auch nur einen davon irgendwo zu finden. Wer weiß, vielleicht hat sich Wallace auch viel ausgedacht. Nur einen Ort konnte ich zweifelsfrei identifizieren: Monrovia.  Aber die Geschichten scheinen sich nicht nur dort abzuspielen. Außerdem verstehe ich  nicht, was ein britischer Bezirksamtsmann in Liberia machen sollte. Sogar eine Koordinate bekommt der Leser:

Irgendwo um 12° nördlicher Breite und 0° Länge befindet sich ein Land, dessen hervorstechendste Eigentümlichkeit es ist, dass es englisch, französisch oder deutsch ist, je nach der Karte von Afrika, nach der man es betrachtet.

Dort ist Burkina Faso, was ganz früher als französische Kolonie Obervolta hieß. Also auch hier macht ein britischer Regierungsbeamter wenig Sinn. Ihr seht, mit Afrika kenne ich mich gar nicht aus. Auch meine Kenntnisse über den Wettlauf um Afrika aus Schule und Studium helfen mir nicht wirklich weiter. Also liebe Afrikanisten und sonstige Kenner. Klärt mich bitte auf!

Spinnerei auf der Weltkarte (Atempause)

Das dritte Buch ist durch. Das Rätsel der Sandbank ist ausgesprochen kurzweilige Lektüre. Je mehr mir ein Buch gefällt, desto weniger habe ich offenbar darüber zu sagen. Die Geschichte ist einfach und charmant, ganz wie Davies in der Geschichte. Nicht worüber man noch nachdenken würde, wenn der Buchdeckel zu ist. Vielleicht ist es auch das, vielleicht zu einfach. Und es gibt, außer der Warnung vor einer möglichen Invasion Englands durch die deutsche Armee, keinen Hintersinn wie in Buddenbrooks. Vielleicht ist es aber auch nicht fair Erskine Childers, der nur diesen einen Roman geschrieben hat und ansonsten eigentlich Politiker war, an Thomas Mann zu messen.

Als nächstes habe ich Hermann Hesse auf dem Programm. Mit Hesse geht es mir wie es mit Thomas Mann auch war. Alle sagen, der ist irgendwie toll, aber es ist noch nicht zu mir durchgedrungen. Ich habe mich herzhaft gelangweilt mit zwei Bänden Kurzgeschichten, war aber auch ganz angetan von Siddhartha. Nun also Peter Camenzind. Wieder ein Romanerstling von einem Großen. Mal sehen, wer dieser Peter ist.

In der Zwischenzeit habe ich ein bisschen rumgesponnen und mir überlegt, wie es wohl aussähe, die Schauplätze aller Bücher meines Projekts auf einer Karte darzustellen. Das Ergebnis könnt ihr euch schon mal anschauen, auch wenn das Jahrhundert gerade erst begonnen hat.

1902: Die Landkarte der Taube

Millie ist krank. Es wird – ganz typisch – gar nicht erst direkt gesagt und lange Passagen lassen es mich immer wieder vergessen. Schon in der Schweiz geht es ihr irgendwie nicht gut und deswegen möchte Millie auch so gern nach London. Dort angekommen, geht sie aber erst nach Wochen zum Arzt. Der ist wohl ganz toll und rät ihr, ihr Leben so richtig auszukosten. Woraus man dann wohl schließen darf, dass sie es nicht mehr lange machen wird. Ihre Begleiterin Susan Sheperd weiht Millie nicht ein. Bei ihrem ersten Arztbesuch lässt sie sich von Kate begleiten, der sie aber wiederum nichts über das Ergebnis der Untersuchungen erzählt. Der Leser erfährt davon auch nichts. Das macht mich noch ganz verrückt. Haufenweise Sachen werden in dem Buch einfach nicht erzählt. Vieles wird angedeutet, indirekt erzählt oder wir erfahren viel später hintenrum etwas. Das nützt dem Leser, der versucht dem Plot zu folgen aber herzlich wenig!

Da ist ja auch noch die verwickelt verzwickte Klatsch-und-Tratsch-Geschichte mit Millie, Kate und dem jungen Mann. Die Saison in London neigt sich dem Ende und immer noch hat sich für Millie keine Gelegenheit ergeben ihrer Freundin Kate anzuvertrauen, dass sie mit Merton Densher bekannt ist. Tante Maud versucht nun wiederum Millie einzuspannen, um herauszufinden, ob Densher mittlerweile aus den Vereinigten Staaten zurück ist. Die Tante will natürlich nicht, dass er ihr irgendwie bei ihren Verheiratungsplänen für Kate dazwischenfunkt. Die Situation ist für Kate und Millie langsam ziemlich spannend sein, da ja von nun an im immer die Frage im Raum steht, warum nicht eher von Densher gesprochen worden ist. Die Spannung für den Leser hält sich nach wie vor in Grenzen. Leider. Nach 200 Seiten ist der Scheitelpunkt der Schwarte noch nicht erreicht.

Im Rahmen meiner umfangreichen Überlegungen, ob ich dem Buch nicht doch noch etwas abgewinnen könnte, habe ich aber eine schöne Entdeckung gemacht: Peter Biggins Maps of the Classics-Blog. In dort gibt es einen ganzen Haufen Landkarten zu Klassikern von der Illias bis zu Kafka. Und eben auch zu Die Flügel der Taube.  Super Sache, solche Karten sollte es zu allen Büchern geben.