1929: „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque

Es gibt Bücher, bei denen habe ich das Gefühl, dass ich sie schonlängst gelesen haben sollte. Entweder weil alle sie gelesen haben wie „Das Lied von Eis und Feuer“ oder weil ich etwas studiert habe, das nahelegt ich hätte das Buch gelesen („Hamlet“!) oder auch, weil ich das Gefühl habe, als gebildete Frau müsse ich wissen, was in dem Buch genau drinsteht. So war es bei „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Und mein Projekt war nun die perfekte Gelegenheit, meine Bildungslücke zu schließen.

img_0137Erich Maria Remarque war 1916 gerade 18 Jahre alt und in der Ausbildung im Lehrerseminar als er eingezogen wurde. 1917 wurde er an die Westfront verlegt. In „Im Westen nichts Neues“ stellt Remarque nun den Schüler Paul Bäumer in den Mittelpunkt, der sich, von seinem Lehrer angestachelt, mit der ganzen Klasse freiwillig zum Krieg meldete und nun seine Erlebnisse an der Westfront schildert.
Ich bin ja kein Fan von Kriegsberichten. Am wenigsten interessiert mich, wo welche Frontlinie wann lag und wie sich die Gesamtsituation veränderte. Worum es hier geht, hat mich aber berührt. Remarque zeichnet ein genaues Bild der Soldaten, die während des Ersten Weltkrieges in den Gräben hockte und hebt die ganz junge, die „verlorene Generation“ besonders hervor. Der Begriff tauchte ja auch schon im Zusammenhang mit „Fiesta“ von Hemingway auf. Hätte ich den Remarque vorher gelesen, hätte ich vielleicht noch besser verstanden, worum es da eigentlich geht. Paul Bäumers Generation wurde aus den Kinderschuhen direkt an die Front geschickt und so vorschnell zu Erwachsenen gemacht.

Ach Mutter!  Für dich bin ich ein Kind, warum kann ich dann nicht den Kopf ein deinen Schoß legen und weinen? Warum muss ich immer der Stärkere  und der Gefaßtere sein, ich möchte doch auch einmal weinen und getröstet werden, ich bin doch wirklich nicht viel mehr als ein Kind, im Schrank hängen noch meine kurzen Knabenhosen, – es ist doch erst so wenig Zeit her, warum ist es denn vorbeit? (Seite 173 der wunderbaren Ausgabe aus der Bibliothek des 20. Jahrhunderts)

Die jungen Soldaten haben aber nicht nur ihre Kindheit verloren, sondern auch Ihre Zukunft. Paul sagt auf S. 87 „Der Krieg hat uns für alles verdorben“. Tatsächlich beneidet er die älteren Kameraden, die zu Hause einen Beruf haben und eine Famile zu der sie nach dem Krieg zurückkehren können, während auf die jüngeren Soldaten nach dem Krieg einfach nichts warte. Ein Absturz und Orientierungslosigkeit wären vorprogrammiert. In die Schule zurück und sich dort triezen lassen, ginge nach jahrelangem mannhaftem Soldatsein nicht mehr. Einen Beruf hätten sie aber auch nicht, das Töten sei quasi ihr Beruf. Das der Krieg in den Soldaten ein solches Gefühl von Perspektivlosigkeit ausgelöst haben mochte, war mir gar nicht bewusst.

Beim Lesen des Buches ergab sich für mich nur ein Problem. Meine Hauptlesezeit liegt seit jeher abends in der letzten Stunde vor dem Einschlafen. Aber wenn etwas keine angenehem Gute-Nacht-Lektüre ist, dann sind es Kriegserlebnisse von jungen Schülern.  Grundsätzlich bin ich schwer beeindruckt von „Im Westen nichts Neues“ um möchte das Buch jedem empfehlen, der etwas über den Ersten Weltkrieg erfahrem möchte. Zum Schluss halte ich es  außerdem mit Tucholsky, der folgendermaßen urteilte: „Das Buch ist  kein großes Kunstwerk, aber ein gutes Buch!“

1928: Arthur Schnitzlers „Therese. Chronik eines Frauenlebens“

Während sich die Lesewelt auf der Buchmesse tummelt, bin ich keine 10 Kilometer entfernt mit meinem Infekt in meiner Wohnung gefangen. An Messebesuch ist nicht zu denken. Mein Geist ist nach einem ausführlichen Mittagsschläfchen jetzt aber wieder fit, also mache ich statt Lesefest jetzt meine eigene kleine Blog-Party und schreibe, längst fällig, über „Therese“. Dazu gibt es, ganz österreichisch The Best of Mozart bei youtube.

Eigentlich war Arthur Schnitzler für 1928 nur eine Notlösung. Andre Breton stand ewig auf meiner Liste und ich hatte, obwohl ich 1927 schon ausgelesen hatte, immernoch kein Exemplar von „Nadja“ besorgt. Ich hatte Angst, es könnte wieder kompliziert werden. Mit Schnitzler habe ich vor vielen Jahren aber schon einmal gute Erfahrungen gemacht. „Leutnant Gustl“ hat mich regelrecht vom Hocker gehauen und das Stück „Reigen“ kann ich auch jedem empfehlen, der sich für die Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende interessiert. „Therese“ ist zwar über 20 Jahre jünger und stammt also von einem wesentlich älteren Schnitzler, ist aber nicht weniger lesenswert.

ThereseIm Mittelpunkt des Romans steht, wie der Titel es erahnen lässt, Therese. Sie wächst als Offizierstochter in Salzburg auf (deswegen auch der Mozart). In ihrer Rolle als brave Tochter langweilt sie sich zu Tode. Es ist von Anfang an klar, dass sie mehr vom Leben will, als einen braven Ehemann. Sie will Herzklopfen, Liebe und Leidenschaft und sie empfindet das gute Kleinbürgertum als heuchlerisch. Erst recht, als Ihre Mutter von Therese verlangt, sich zur Mätresse eines Grafen zu machen, um für das Auskommen der Familie zu sorgen, während der Vater seine Tage in einer Irrenanstalt zubringt. Dazu kann sich Therese aber nicht herablassen. Sie beginnt indes eine Liebschaft mit dem Unteroffizier Max, der sie zwar in Wallungen bringt, ihr aber auch untreu ist. Nachdem es aus ist, schafft Therese den Abschied von der Mutter und geht nach Wien, um sich dort als Kindermädchen zu verdingen. Sie wechselt häufig die Anstellungen. Nie ist sie richtig zufrieden und ohne Zeugnisse kann sie auch keine richtig gute Stellung finden.

Die Stunden des ruhigen, allmählichen Erwachens, wie sie ihr noch vor kurzer Zeit in der Heimat vergönnt gewesen waren, kamen ihr in wehmütiger Erinnerung, zum erstenmal faßte sie mit Schrecken die Tiefe ihres Abstiegs und die Geschwindigkeit mit der er sich vollzog. (Seite 58)

Am Rande des gesellschaftlichen Abgrundes balanciert Therese fortan ihr ganzes Leben. Sie bekommt ein uneheliches Kind, denn auf leidenschaftliche Vergnügungen kann und will sie als Frau nicht verzichten. Aber eine glückliche Ehe einzugehen oder mit ihrem Sohn in Frieden zu leben, dieses Glück bleibt ihr verwehrt. Schließlich ist sie auch neidisch auf ihre Herrschaften, von denen sie abhängig ist.

… immer wieder erbitterte es Therese, daß Frau Direktor sich bei jeder Gelegenheit nach Herzenslust schonen und ins Bett legen konnte, während man auf sie, die am Ende doch auch eine Frau war, nie und nimmer Rücksicht nahm und niemals Rücksicht genommen hatte. (Seite 180)

Die Ungerechtigkeiten, die Therese im Laufe ihres Lebens wiederfahren, schockieren mich enorm. Es ist unglaublich, wie unmöglich es für ein Mädchen aus der Unterschicht war, im Laufe eines Lebens in trockene Tücher zu kommen, geschweige denn auch noch auf persönliche Erfüllung im Leben zu hoffen. Schnitzler zeigt hier eine Situation, die von der bürgerlichen Gesellschaft wahrscheinlich lieber nicht wahrgenommen worden ist. Auch heute denkt man ja oft, dass sich in den 20er Jahren schon einiges an Frauenselbstbestimmung getan hat, aber die Frauenbewegung war wohl lange lange Zeit eine Oberschichtenvergnügung!

1927: Am Ende ist es immer die Liebe – Thornton Wilders „Die Brücke von San Luis Rey“

Vor einigen Jahren habe ich, während ich krank auf dem Sofa lag, einen Trailer vom Film „Die Brücke von San Luis Rey“ gesehen. Ich liebe Historiendramen und die Besetzung vielversprechend: Robert DeNiro, Kathy Bates, Gabriel Byrne und Harvey Keitel. Meine Mutter schwärmte dann von dem Buch von Thornton Wilder, das ich dann natürlich lesen wollte, bevor ich mir den Film anschaue. So kam es, dass ich den Film bis jetzt noch nicht gesehen habe und das Buch auf meiner Leseliste landete.
Der Inhalt ist schnell erzählt: An einem Tag in Peru im 18. Jahrhundert reißt eine Hängebrücke und fünf Menschen stürzen mit ihr in die Tiefe. Halb Peru ist schockiert und bewegt. Der Franziskanermönch Bruder Juniper möchte nun anhand einer genauen Untersuchung des Lebens dieser fünf Personen die Göttliche Vorherbestimmung nachweisen:

Wenn es überhaupt einen Plan im Weltall gab, wenn dem menschlichen Dasein irgendein Sinn innewohnte, mußte er sich, wenn auch noch so geheimnisvoll verborgen, sicherlich in diesen fünf so jäh abgeschnittenen Lebensläufen entdecken lassen. (S. 11 in der Ausgabe von Volk und Welt Berlin 1976, übersetzt von Herberth E. Herlitschka)

Im Schnelldurchlauf (das Buch hat nur 143 Seiten) springen wir durch die Leben der Marquesa de Montemayor, die für ihre Liebe von ihrer Tochter verachtet wird, von ihrer Gesellschafterin Pepita, einem Waisenkind aus dem Kloster, das wegen ihrer Liebe zur Äbtissin im freudlosen Leben mit der Marquesa ausharrt. Wir sehen Emanuel, der nach dem Tod seines Zwillingsbruders Manuel selbst todtraurig ist und schließlich den „bejahrerten Harlekin“ Onkel Pio, der sein Leben hingegeben hat für seine Liebe zur Schauspielerin Perichole, und deren Sohn, der kränklich ist und kein langes Leben zu erwarten hat. Während des Lebens frage ich mich natürlich die ganze Zeit, warum ausgerechnet diese fünf in die Schlucht stürzen müssen: ist es guter Lebenswandel, der belohnt oder bestraft wird? Was haben die Figuren gemeinsam? Natürlich findet sich die ein oder andere Gemeinsamkeit, gemeinsame Bekannte, aber der kleinste gemeinsame Nenner scheint am Ende die Liebe zu bleiben.

Die Lektüre dieses dünnen Büchleins war jedenfalls seine Zeit wert. Es war zwar nicht so umwerfend wie erwartet, aber kurzweilig und bewegend.
Nachdem ich nun drei Amerikaner gelesen habe, nach Dreiser, Hemingway und Wilder geht es als nächstes zurück nach Europa, nach Österreich, zu Arthur Schnitzler und „Therese. Chronik eines Frauenlebens“.

Fremdgelesen: das 20. Jahrhundert ist nicht genug

Nachdem ich nun 23 Bücher von 1901 bis 1923 gelesen habe, muss ich eine gewisse Ermüdung feststellen. Immer öfter möchte ich Impulsen, einfach das nächstbeste aktuelle Buch zu verschlingen nachgeben. Und immer öfter möchte ich dann auch darüber schreiben. Oder auch mal über eine Reise oder einen Film, eine Platte. Und genau das mache ich jetzt auch auf meinem kultur.blog. Bildschirmfoto 2015-03-10 um 18.27.05

Akutell blogge ich über ein Fahrradwochenende am Elberadweg und über „Besserland“ von Alexandra Friedmann, die am Donnerstag auch in Leipzig liest. Als nächstes freue ich mich schon auf die Leipziger Buchmesse und auf „Alle Nähe fern“ von André Herzberg. Ach ja, „Auf der Suche nach Indien“ von E. M. Forster (1924) habe ich natürlich nicht vergessen.

1923: Vorsätzliche Langeweile

$_72Mit dem Rauchen aufhören: das haben schon viele Leute gewollt. Von keinem Vorsatz aber ist je so umfangreich zu lesen gewesen, wie von Zeno Cosinis. Es ist abartig, aber wohl nicht fern der Realität. Hunderte Male fasst Cosini den Entschluss, es sein zu lassen. Das tut er aber dennoch nicht. Von der ellenlangen Geschichte, wieso nicht, kommt er zu der 130 Seiten umfassenden Erläuterung, wie er dazu kam, seine Frau zu heiraten. Auch nicht zu unterschlagen sind 183 Seitem Geschichte einer Geschäftsbeziehung.

Der Rahmen der Geschichte ist folgender: ein Seelendoktor gibt Cosini die Aufgabe, seine Geschichte aufzuschreiben, um während seiner Abwesenheit die Psychoanalyse fortzusetzen. So richtig sieht Cosini darin keinen Sinn, aber das hält nicht nicht davon ab, sämtliche Seelenzustände, die er in fünf Lebensjahrzehnten durchgemacht hat, auf das Ausführlichste zu entfalten. Cosini kann seinen Dilemmata am Ende doch immer etwas Positives abgewissen und geht mit einem Schmunzeln nach Hause. Für mich als Leserin hat das ganze jedoch nur begrenzt Unterhaltungswert. Ja, ich habe auch mal versucht mir das Rauchen abzugewöhnen. In der Entwöhnungsphase wäre es sicher auch mir zuzutrauen gewesen, meinen Anstandswauwau betrunken zu machen, nur um mich davonzuschleichen und wieder zu quarzen. Auch ich bin nicht davor gefeit, meine Mitmenschen in Zeiten komplexer Beziehungszustände über sämtliche Details zu informieren, nur um dann festzustellen, dass der erhoffte Ratschlag ausbleibt. An Berührungspunkten mit der Geschichte mangelt es mir nicht. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich schrecklich zu langweilen. Auf jeder einzelnen Seite. Und deswegen gebe ich es auch auf. Ich lege den Klopper weg. Ich kann es nicht mehr ertragen, meine Abende damit zuzubringen.

1024px-Hafen_Triest_1893Was kann ich nun der verlesenen Zeit Positives abgewinnen? Ich habe gelernt, dass die Stadt Triest (an der italienisch-slowakischen Grenze) bis 1918 zu Österreich gehört hat. Im Jahr 1905 arbeitete dort James Joyce als Englischlehrer, Italo Svevo war sein Schüler. Eigentlich hatte Svevo sein literatisches Schaffen schon aufgegeben, aber Joyce ermutigte ihn nochmal so richtig. VIelleicht hat er ihm auch den Hang zum Allumfassenden mitgegeben. Vielleicht hätte er das lieber lassen sollen. Svevo gilt jedenfalls heute als führender italienischer Romanautor. Auch das hätte er Joyce dann mal gar nicht so schlecht nachgemacht.

1921: Verlorene Liebesmüh

Huxley

Wer kennt eigentlich nicht Schöne neue Welt von Aldous Huxley? Und ist das nicht einer der Schriftsteller, von denen man nur diesen einen Buchtitel im Kopf hat und sonst nichts? Irgendwo in meinem Hinterstübchen war mir klar, dass er auch andere Bücher geschrieben haben musste. Da ich in diesem Jahrhundert einen Faible für Erstlinge entwickle, wollte ich nun auch Huxleys ersten Roman versuchen: Eine Gesellschaft auf dem Lande von 1921.

Er ist ein reist im Zug dritter Klasse aufs Land und hat schriftstellerische Ambitionen. Sie ist hauptberuftlich Mitglied der High Society. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie kriegt? Genau. Gar nicht groß. Er heißt Denis Stone und fährt aus London auf den Landsitz der Wimbushs. Er ist einer, der es ganz genau nimmt mit den Worten. Es heißt:

Er war verliebt in die Schönheit der Worte. (Seite 8, dtv 1981)

Er trifft auf dem Landgut in Crome ein, nicht zum ersten Mal, er ist Gast der Familie. Gast in dem großen Haus mit Galerie, Damenzimmer, Bibliothek, Speisezimmer. Was sein geschultes Auge sofort sieht:

Inmitten dessen, was zehn Generationen hier angehäuft hatten, waren die Spuren der Lebenden gering.“ (Seite 10)

Im Haus hält sich eine bunte Gesellschaft auf: Henry Wimbush, der irgendwie reich und einflussreich ist. Er erfreut seine Gäste mit Details aus der jahrhundertelangen Geschichte des Hauses. Dazu kommt Priscilla, seine Frau, die gern das Geld ihres Gatten verspielt. Zu Besuch sind Jenny Mullion, eine 30jährige, die schwerhörig zu sein scheint, und daneben Mary Bracegirdle, eine überzeugte Vertreterin der Geburtenkontrolle. Sie entspinnt sich in Fantasien, die schon andeuten, womit Huxley gute zehn Jahre später in Schöne neue Welt berühmt wird:

In gewaltigen staatlichen Brutkästen werden endlose Reihen von Flaschen mit einer Lösung keimenden Lebens die Welt mit der erforderlichen Bevölkerung versorgen. Das Familiensystem wird verschwinden. Die an ihrer Basis unterminierte Gesellschaft wird sich neue Grundlagen suchen müssen, und Eros, in einer wunderbaren, aller Verantwortung ledigen Freiheit, wird wie ein Schmetterling durch eine sonnenbeschienene Welt von einer Blume zur andern flattern. (Seite 37)

Außerdem sind da der Pfarrer Mr. Bodiham, der Maler Gombauld, der Journalist Mr. Barbecue-Smith und einige andere Leute. Im Zentrum von Denis‘ Aufmerksamkeit steht aber Anne Wimbush. Sie ist die Nichte des Hausherrn, Kunstkennerin und nimmt großen Anteil an Gombaulds Malerei. Für Denis hat sie höchstens freundschaftliche Gefühle übrig. Als sie eines lauen Abends tatsächlich allein draußen im Garten sind, küsst Denis sie, aber sie wendet sich ab und bemitleidet ihn auch noch. Schließlich lässt sich Denis mit einem an sich selbst geschickten Telegramm nach London zurückrufen, um nur nicht auch noch sein Gesicht zu verlieren.

Leider zieht Story nicht. Der Leser hat zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung, dass Denis‘ Liebessehnen sich erfüllt. Punkten kann das Buch durch lauter wahre Sätze, wie diese, die Mr. Scogan, ein Schulkamerad von Henry Wimbush, von sich gibt:

In diesem Augenblick […] passieren in allen Ecken und Enden der Welt die grauenvollsten Dinge, Da werden Menschen erschlagen, werden ihre Leiber zerfetzt, zerrissen, zerstückelt […]. Schreie der Qual und der Angst dringen mit einer Geschwindigkeit von 330 Metern in der Sekunde vibrierend durch die Luft. Nach einer Reise von drei Sekunden sind sie vollkommen unhörbar geworden. Das ist die erschütternde Wahrheit, – aber genießen wir deshalb unser Leben nur um etwas weniger? Gewiß nicht.“ (Seite 121)

Garsington_Manor_By_Henry_TauntIn Huxleys Leben gab es übrigends wirklich diese wohlhabende befreundete Familie und das Herrenhaus Garsington, das Huxley in seinem Roman verwendete und Crome. Als der Roman veröffentlich wurde, fühlte sich die feine Gesellschaft ein wenig auf dem Schlips getreten. Immerhin lernte Huxley in Garsington seine zukünftige Frau kennen. Happy End also, wenigstens in echt.

 

1920: Die Blume des Lebens

FotoUnd es gibt sie doch: die einzig wahre, allumfassende Liebe auf den ersten Blick. Es ist nur blöd, wenn Sie ausgerechnet dann auftaucht, wenn man schon anderweitig verwickelt ist. Das Setting dieses Mal: die feine New Yorker Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – New York City – das klingt für uns wenig gereiste Kleinstadteuropäer mindestens nach ‚Meeting Pot‘, vielleicht sogar ein bisschen nach ‚Rumble in the Bronx‚. Wir finden uns aber in Opern, auf Bällen, bei feinen Landpartien. Die Männer tragen weiße Glacéhandschuhe und die Damen ihre großen Toiletten. Die Kulisse erinnert an „Krieg und Frieden“ von Tolstoi. Die feine Gesellschaft ist dieselbe, egal ob Petersburg, Paris oder eben New York. Und dort finden wir uns in einer Zeit, bevor die Freiheitsstatue gebaut wurde und als die Gegend um den Central Park noch als Wildnis galt.NYbirdseye

In „Zeit der Unschuld“ befindet sich die feine New Yorker Gesellschaft gerade in der Oper, als Newland Archer einen Blick auf die schöne Gräfin Olenska wirft. Es ist die Cousine seiner fast Verlobten May. Gräfin Olenska wirft mit Skandalen nur so um sich. Dieses Mal ist sie ihrem Mann davongelaufen. Das kommt natürlich gar nicht so gut an. Um von der Skandalgeschichte abzulenken geben Newland und May ihre Verlobung vorschnell bekannt. Es wird aber relativ schnell klar, dass sich Newland eine leidenschaftliche, kameradschaftliche Beziehung in der Ehe wünscht und dass May aber, aufgrund ihrer Erziehung, dazu niemals in der Lage wäre. Mit der Gräfin Olenska wäre das schon anders, die ist Newland nicht nur intellektuell ebenbürtig, sondern ist insgesamt eher unkonventionell (und daher extrem aufregend). Newland heiratet aber trotzdem May. Fieberhaft hoffte ich während der Lektüre, Newland Archer und die Gräfin Olenska mögen sich doch bitte über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen.  Es war zum Haareraufen, zum Fingernägelabkauen, zum Ausderhautfahren! Und das, obwohl ich schon wusste, wie die Geschichte ausgeht. Ich habe vor Jahren die meisterhafte Verfilmung von Martin Scorsese gesehen. Archer aber fährt einfach nicht aus der Haut. Und genau das ist der springende Punkt.

Die Gesellschaft weiß, dass Archer der Olenska zugetan ist, auch seine Frau weiß es. Doch niemand sagt etwas. Das wäre ja unfein. Archer, der sich ausmalt, wie sein Leben außerhalb der erlesenen Kreise aussehen könnte, beschleicht das Gefühl, wie ein gebändigtes Raubtier vorgeführt zu werden. Für die Gesellschaft ist der Fall klar. Da spielt es keine Rolle, dass Archer und Olenska ihren Neigungen nie nachgeben, um ja nur die Gesellschaft nicht zu erschüttern. Gräfin Olenska, die ja ihren Mann verlassen hat, ist ohnehin eine gefallene Frau, bei der man ehrenhafte Absichten gar nicht erst vermutet.

Für Archer bleibt immer die Frage, ob es sinnvoll ist, die eigenen Bedürfnisse aus Rücksicht auf andere zurückzustellen. In seinem Fall tritt ja sogar der außergewöhnliche Fall ein, dass ihm dieser edle Zug von seiner Frau nachhaltig gedankt wird.

Etwas, das wußte er, hatte er nicht gefunden: die Blume des Lebens (Seite 460, Serie Piper)

1918: Wind am linken Seine-Ufer

Tarr

Paris – Sündenpfluhl, Zuflucht für Künstler, Schriftsteller und Tunichtgute aller Facon. Dort treffen wir Tarr, einem Engländer, der mit einem anderen Engländer in einem Kaffee sitzt. Es ist so, wie man sich das vorstellt. Er lebt in den Tag hinein, sucht ein neues Atelier, überlegt, wie er sich halbwegs elegant aus dem Verlöbnis mit einer Deutschen herauswinden kann. Er legt die Attitüde eines Waldschrats an den Tag. Gesellschaftliche Anpassung ist nichts für ihn. Seine Gedankengänge sind häufig langweilig, zu verkopft oder beides. Aber immerhin, für ein Buch von 1918 reden die beiden Engländer in dem Café erstaunlich frei über Sex.

Später treffen wir noch Otto Kreisler, die tragische Gestalt des Romans. Er ist ebenfalls Künstler, ein Deutscher, der mal in Rom, mal in Paris lebt und auf ständig abgebrannt, auf den Geldbrief von seinem Vater wartet. Pikanterweise ist Kreislers Schwiegermutter seine ehemalige Verlobte. Und nun dreht ihm auch noch sein Freund Vokt den Geldhahn zu. Hinzukommen noch Tarrs Verlobte Bertha Lunken und das heiße Eisen Anastasya Vasek, wobei beide Männer bei beiden Damen verkehren. Die Haltung der Männer den Frauen gegenüber ist schon mächtig gewaltig:

Otto Kreisler hatte nämlich große Zuversicht, und das war sein Glaube an die Wirkungsmacht der Frauen. Man ging zu ihnen gewöhnlich nur dann aus freien Stücken, wenn man in Nöten war – so jedenfalls war das bei ihm -, und da waren sie dann immer für einen da: geräumige Ablagestelle für Sorgen und Gebrechen, weltweites Pfandhaus, wo man nicht nur seinen Frack und sonstige Kleidung, sondern sich selbst zeitweilig gegen das Gold des menschlichen Herzens und jedes andere zufällig herumliegende Gold eintauschen konnte.“ (Seite 133f. der Suhrkamp-Ausgabe von 1990, deutsche Erstausgabe)

Workshop c.1914-5 by Wyndham Lewis 1882-1957Kennen Sie die Vortizisten? Diese zum Kubismus und Futurismus parallele Strömung? Nein? Ich auch nicht. Wyndham Lewis, der Autor von Tarr, jedenfalls war einer der Vortizisten, einer Künstlergruppe, die sich in England zusammenscharte, um irgendwie ihre eigene Version der Moderne abzubilden, die sich von dem, was die Franzosen machten irgendwie grundsätzlich unterschied. Vortizismus kommt von lat. vortex (Strudel, Wirbel). Es geht also um alles Kraftvolle, um männliche Härte als Wert. Das alles spielte sich so ab 1913 ab und viele der Künstler waren schon kurze Zeit später stark beschäftigt, Kriegseindrücke zu verarbeiten. Die Strömung überlebte den ersten Weltkrieg nicht. In diesen Jahren schrieb Lewis seinen Roman, der als einer der wichtigsten Texte der englischen Moderne gilt, und ich habe ganz dringend das Gefühl, dass dieser Vortizismus der Grund dafür ist, dass sich das Buch so sperrig liest. Wir treffen hier eine Person, da eine Person, dann mal zwei zusammen, dann wieder eine, die nie wieder auftaucht. Figuren, die nie wieder auftauchen und die keine offensichtliche Bereicherung für die Geschichte darstellen, finde ich sowieso verschwendet. Da hätte man gut 100 Seiten kürzen können. Die Geschichte entwickelt sich nicht so richtig. Ok, ja, Tarr schafft es, sich irgendwie rauszuwurschteln und kriegt auch das Sahnebaiser als Partnerin, während Kreisler umkommt, aber es ist wirklich nicht spannend oder überraschend oder wenigstens mal ein bisschen schön. Während ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass das eigentlich die gleichen Empfindungen sind, die ich letztens beim Betrachten der Kunstwerke in der Londoner Tate Modern hatte. Vielleicht liegen mir abstrakte Ausdrucksformen nicht. Schließlich will ich sehen, worum es geht und es ist auch nett, wenn es ein bisschen schön ist.

1917: Irgendwie ökomäßig

20140622-140052-50452706.jpg„Wieso liest du denn ein Buch von Knut Hamsun? Ist das nicht so ein Nazi?“ fragt mein Vater, als ich ihm vom Fortschritt meines Projekts erzähle. Und ich frage mich, was da dran ist. Immerhin hat man Hamsun 1920 für „Segen der Erde“ mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Er galt vielen als der bedeutendste lebende Schriftsteller der Welt. James Joyce nannte ihn „Old King Knut“.

Hamsuns Lebensgeschichte liest sich selbst schon wie ein guter Roman und ich mag sie erst gar nicht weglegen, um „Segen der Erde“ anzufangen. Schriftsteller haben ja oft die unglaublichsten Hintergründe, aber Hamsun trifft mich besonders. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und zieht als 9jähriger zu  seinem Parkinson-kranken Onkel. Er hat extreme Sehnsucht nach zu Hause und wird von seinem Onkel schlecht behandelt. Es folgen zahlreiche Fluchtversuche. Er schießt den Vogel ab, als er sich mit der Axt in den  Fuß hackt, damit er für den Onkel als Pflegekraft unbrauchbar wird. Wie schlecht kann es einem Menschen gehen?

Es folgen viele weitere arme Jahre, Jahre in Amerika, Jahre der Krankheit, dann sein Durchbruch mit „Hunger„. Davon konnte er sich aber leider noch Knut_hamsun_1871gar nichts kaufen. Er heiratet, baut sich ein Haus, säuft. Dann Zusammenbruch, Scheidung. Wieder Heirat und so weiter. Unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges schreibt er „Segen der Erde“. Nach dem Krieg wird er zum Fan der Deutschen und als die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg Norwegen besetzt, schreibt er pro-deutsche Artikel für die Zeitung und ruft die Norweger dazu auf, die Deutschen nicht zu bekämpfen. Nach  Kriegsende wird er wegen „Schadens gegenüber dem norwegischen Staat“ verurteilt.

In seinem Nobelpreiswerk geht es aber nicht um derlei Dinge, sondern um Isak, einen einfachen Mann, der sich in der Einöde Norwegens ein Stück Land sucht, eine Hütte baut und Inger als Frau findet. Sie leisten verdammt harte Arbeit und machen nicht viel Gewese drum, aber sie verlieben sich echt ineinander. Der gestandene Bauer gerät fast außer sich vor Angst, seine Frau könnte einfach nicht wiederkommen, als sie einmal in ihr Heimatdorf geht, um ein paar Sachen zu holen.

So eine Frau wie Inger gab es nicht mehr, oh, sie war ein tolles Mädchen, und sie wollte alles was er von ihr wollte, uns sie war zufrieden damit. (Seite 24, Ausgabe  von Rütten & Loening, Berlin 1979)

Ich bin betört von der Sprache: fast meditativ, repetetiv. Das harte Leben im Ödland beschreibt Hamsun in einer so feinen, nuancenreichen Sprache. Jede einzelne Seite ist ein Vergnügen. Übersetzt wurde von Julius Sandmeier und Sophie Angermann. Ich kann gut verstehen, warum ihn viele so großartig fanden.

Themen von „Segen der Erde“ sind Diskriminierung gegenüber Andersgestaltigen und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für Frauen verantwortliche Entscheidungen für ihre Leben zu treffen. Inger hat eine Hasenscharte, also eine Lippen-Gaumenspalte, und wird schon ihr ganzes Leben lang gehänselt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Isak ist anders. Er nimmt zwar Notiz davon, aber es spielt für ihn keine Rolle. Zwei Mal bringt Inger in Isaks Abwesenheit und ohne Ihre häuslichen Pflichten auch nur für eine Stunde zu vernachlässigen, ein Kind zur Welt. Beim dritten Mal erschrickt sie heftig und ihre größten Ängste bestätigen sich, denn auch ihre Tochter hat eine Nasen-Gaumenspalte. Nun wird auch offenbar, warum sie Isak, jedes Mal, wenn die Wehen kamen, unter Vorwänden ins Dorf hinunter schickte.

In zehn Minuten war das Kind geboren und umgebracht. (Seite 54)

Hier stockt mir der Atem und ich muss weinen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie hart das Leben in der Einöde früher gewesen sein muss, dazu noch unter solchen Bedingungen. Später wird Inger ein Prozess gemacht und sie verbringt acht Jahre in Trondheim im Gefängnis, wo sie operiert wird und einiges an Bildung erfährt. Als sie zurückkommt ist sie die Gebildetete, Weitgereiste und hat in vielerlei Hinsicht von der Geschichte profitiert.

Später gibt es im Dorf noch eine zweite Geschichte einer Kindsmörderin. Barbro war als Magd auf den Hof von Axel gekommen und hatte sich mit ihm eingelassen. Obwohl er sie beständig heiraten wollte. Barbro hat aber immer das Gefühl, dass im Leben noch mehr für sie rausspringen könnte. Auch nachdem sie ihr Kind getötet hat und enttarnt worden ist, geht sie ganz unbekümmert damit um. Sie weiß aus der Stadt, dass die Strafen, die Kindsmörderinnen erwarten, nicht mehr so unmenschlich sind, wie es früher war. Auch Barbro steht schließlich vor Gericht. Eine Amtsfrau aus dem Dorf hält ein mitreißendes Plädoyer über die Gesellschaft, die erst unverheiratete Mütter anklagt und sie so dazu treibt, ihre Kinder zu töten und sie hinterher noch dafür anklagt. Sie fragt auch, warum die Männer dabei straffrei ausgehen.

Männergesetze können einer Frau nicht verbieten zu denken. (Seite 321)

Im Buch wird mehr als deutlich, wie sehr ein Mann auf einem Hof eine Magd braucht. Weil er nämlich alleine nicht weit kommt mit seinem Gewirtschafte (und weil er sonst echt alleine ist). Er braucht die Magd so sehr, dass er sie oft auch zur Frau nimmt (auch wenn die Kirche das erst später erfährt). Die Frauen müssen natürlich auch schauen, wo sie bleiben. Sie bekommen zwar einiges an Wohlstand geboten, aber extrem harte Arbeit wird von ihnen gefordert. Die Entscheidungen, die Hamsuns Frauen hier über ihre Geburten treffen, sind oft sehr selbstbewusst und voller Kalkül. Sie wissen auch, dass so ein Hof ein fragiles betriebswirtschaftliches Unterfangen ist und dass extrem gute Planung und Voraussicht vonnöten ist.

Das Hauptthema bleibt offenbar, dass die einfache Landarbeit edel, ehrlich und gut ist, während Arbeit und Streben aus Profitgier, wie sie in Gestalt zahlreicher Personen im Roman auftauchen, falsch ist und nicht belohnt wird. Das könnte als nazimäßig durchgehen. Vom Gefühl her ist dieses Lob des einfachen Lebens und der einfachen Werte vor allem irgendwie ökomäßig.

 

Fremdgelesen: Man müsste mal (Neulich in der Bibliothek)

Seitdem ich mein Projekt Ein Jahrhundert lesen verfolge, kaufe ich mir keine Bücher mehr. Es ist erstaunlich, aber wirklich!!! Also natürlich meine ich nicht gar keine Bücher, sondern nur keine Bücher, die nicht für mein Leseprojekt bestimmt sind. Was ich außerdem brauche, hole ich mir aus der örtlichen Stadtbibliothek. Um mich auf 1917 und Knut Hamsun vorzubereiten, ging ich ganz zielstrebig zur Abteilung Literaturwissenschaft, und wurde auch prompt fündig. Ich lese gern Autorenbiografien, bis zur Entstehungszeit meines aktuell zu lesenden Buches. Normalerweise muss ich dabei mit einer der trockenen rororo Monographien Vorlieb nehmen. Die sind zwar ungemein handlich, aber meistens nicht besonders gut lesbar.

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Dieses Mal überraschte mich meine Bücherei mit einem wunderbaren „Leben in Bildern“ vom Deutschen Kunstverlag. Wolfgang Schneider gibt einen kurzen Überblick über das Leben von Knut Hamsun, der zudem großzügig bebildert ist. Glücklich über meinen Fund war ich schon fast wieder draußen, da war mir, als hörte ich von oben aus dem zweiten Stock noch Bücher rufen. Dazu muss man wissen, dass für mich Besuche in der Bibliothek das sind, was für andere Frauen vielleicht Shoppingtouren. Die Bibliothek ist mein Konsumtempel und ich nutze ihn regelmäßig bis zum Exzess, seit ich 1992 meine Lesekarte in der Bertolt-Brecht-Bibliothek in Berlin-Mitte (unten drin im Kino International) bekam. Woche um Woche schleppte ich seither rucksäckevoll Bücher uns sonstige Medien nach Hause und heute kann ich voller Stolz behaupten einen Großteil der 14,9 Millionen Euro Sanierungskosten der Leipziger Stadtbibliotheken durch meine Mahngebühren getragen zu haben.

Gut, dachte ich, ich gehe nur mal schnell kucken, ob es oben vielleicht gerade zufällig „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe oder „Der letzte Mohikaner“  von James Fenimore Cooper gibt. Was soll ich sagen, es gab beide Bücher. Seit ich letztens eine wunderbare Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gelesen habe (Cowboys, Gott und Coca Cola von Sylvia Englert), standen beide Bücher auf der Liste „Müsste man mal…“. Zufällig stehen gegenüber von den Belletristik-Regalen der Buchstaben S, T und so weiter die englischsprachigen Bücher. Mal wieder was auf Englisch lesen steht auch ganz oben auf der „Müsste man mal…“-Liste. Also wenigstens mal kurz kucken… „The Woman who Went to Bed for A Year“ von Sue Townsend ist spontan in meinen Korb gesprungen. Und dann auf dem Weg nach draußen habe ich nur noch ganz kurz meinen Blick zum Ständer mit den Preisgekrönten schweifen lassen. Noch Mal konnte ich Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wirklich nicht in der Bibliothek zurücklassen.DSCF4188

Schließlich kam ich also wieder mit einem beachtlichen Stapel Lesestoff zu Hause an und statt, wie geplant, über Knut Hamsun, fiel ich wie ausgehungert über Sue Townsend her. Sue Townsend, die am 10.04.2014 gestorben ist, war übrigens seit 2001 blind. Was sie nicht daran hinderte, weiterhin zahlreiche witzige Bücher zu schreiben. „The Woman who Went to Bed for A Year“ (deutsch: Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb bei Haffmans & Tolkemitt) war nun ihr letztes. Und es war großartig. Eva Beaver, Frau um die 50, geht an dem Tag, an dem ihre Zwillinge zum Studium das elterliche Haus verlassen, ins Bett und bleibt dort. Sie denkt über ihr Leben nach und verweigert sich Dingen wie dem Einkauf, dem Kochen und den Weihnachtsvorbereitungen. Zuerst denken alle, sie ist verrückt geworden, doch spätestens als auf dem Chapatti einer indischen Hausfrau ein Abbild von Eva erscheint, wird sie zu einer Berühmtheit in der Nachbarschaft und im Web 2.0. Außerdem verliebt sich Eva neu (das ist auch gut so, schließlich offenbart sich, dass ihr Mann sie seit 8 Jahren betrügt). Aber einfach die Tatsache, dass die Dame im Bett geht und konsequent drin bleibt, weil sie über ihr Leben nachdenkt, ist die Lektüre wert. Müssten wir nicht alle mal ein bisschen in Ruhe über unser Leben nachdenken und sehen, ob es uns noch passt? Townsends Buch ist nicht nur total einleuchtend, sondern auch herrlich abstrus, zum Totlachen.

Nun habe ich immer noch einen Riesenstapel auf dem Nachtisch. Alles in der Kategorie „Müsste man mal…“