1905 – Es kommt noch schlimmer mit dem Professor

Ich bin begeistert.

UnratDer Professor ist ja wirklich in einer Zwickmühle, da drei seiner Schüler Informationen über ihn haben, die sie nicht haben sollten. Sie, und die ganze Schülerschaft, tanzen ihm nun auf der Nase herum. Und nichts hilft mehr, auch nicht seine Zauberwaffe, das „Kabuff“:

Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres. Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen, lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen…“ (Seite 150)

Was für einen Spaß müssen die Gymnasiasten in dieser Zeit gehabt haben! Für den Lehrer ist dieser absolute Kontrollverlust eine Tragödie. Seine Position als Tyrann ist nun absolut verloren und seine Entlassung nur noch eine Frage der Zeit. Unrat will nun aber so viele wie möglich mit in den Abgrund reißen und verpfeift seine drei hauptsächlichen Widersacher wegen Zerstörung eines Hünengrabes. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, in der auch die Künstlerin Fröhlich als Zeugin geladen wird und allerlei „Nebendinge“ offenbart. Unrat wird lächerlich Gemacht. Ihm wird klar: „Die Künstlerin Fröhlich gehörte jedem. “ (Seite 164) Nichtsdestotrotz ist er der Fröhlich verfallen.

Als der Professor nun von vollends der Gesellschaft ausgestoßen ist, beginnt für das Paar eine wunderbare Zeit. Endlich können Sie sich zusammen in der Öffentlichkeit zeigen, ausgehen. Sie heiraten, amüsieren sich, leben über ihre Verhältnisse und verprassen all sein Geld. Nun beginnt das zweite Leben der Unrats. Ihr Haus wird zum Zentrum der illustren Gesellschaft. Die Stadt ist irritiert und angezogen zugleich:

In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langeweile der Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ als in ein rohes und langweiliges Laster, umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer getrunken wurde  wo man mit weiblichen Wesen, die nicht ganz Dirnen und auch keine Damen waren; wo die Hausfrau, eine verheiratete Frau, die Frau des Professors Unrat, prickelnd sang, unpassend tanzte, und, wenn man es richtig anstellte, sogar für Dummheiten zu haben sein sollte – diese erstaunliche Villa vorm Tor umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die um Feenpaläste fließt.“

Hier wird nun Abend für Abend gesoffen und gespielt. Unrat genießt es, daran teilzuhaben wie nach und nach seine ehemals unbelehrbaren Schüler zahlungsunfähig werden und nimmt so Rache an allen, die ihn früher verspotteten. Nur einen erwischt er nicht: Lohmann, seinen Oberfeind. Am Ende wird Unrat verhaftet, weil er diesen dreist bestehlen versucht.

So endet die Karriere des Professors im Gefängnis. Spannend ist, wie viel freier er sich bewegt, nachdem er die Zwänge der Gesellschaft los ist. Er ist fast glücklich. Schade ist, dass sie ihn nicht wirklich liebt. Er bleibt ein armes Würstchen.

Gelesen habe ich in einer wunderbaren in Leinen gebundenen Ausgabe vom S. Fischer Verlag (2004), die das Deckblatt der Erstausgabe auf dem Buchdeckel trägt. Ein echtes Lesevergnügen!

1905 – Alles Unrat!

UnratNachdem ich Hesse  1904 ausgelesen hatte, war ich ganz eingestellt auf Freiheit, Wildnis und die große Weite. Es stellte sich nur kurzfristig heraus, dass Jack Londons Wolfsblut erst 1906 erschienen ist. Also musste ich kurzfristig umdisponieren. Zwangsläufig folgte ein gelangweiltes Durchstöbern der Schwarten in meinem Regal. Und tatsächlich fand ich eine Oberschwarte, von der ich eigentlich geglaubt hatte, dass ich sie nicht lesen würde. Aufgehoben hatte ich sie aus Erinnerungsgründen und wegen des schönen Einbands.

Nun also doch erst noch Professor Unrat von Heinrich Mann. Ich weiß noch, dass ich im Studium einen unwahrscheinlich charismatischen Kommilitonen hatte, der Zwischen den Rassen las und davon schwärmte. Da versuchte ich mich auch daran, aber schnell stellte sich heraus, dass ich das Buch nicht ansatzweise so interessant fand wie seinen Leser.  Den zweiten Versuch startete ich noch etwas später mit Der Untertan. Auch wieder daneben. Die Lektüre entpuppte sich als anstrengend und knorrig. Es gab mindestens Tausend Gründe das Buch nicht zu Ende zu lesen.

Ich schlage also den Buchdeckel auf und fange an zu lesen. Da ist nun dieser Gymnasiallehrer Raat, der seine Schüler als Widersacher betrachtet und seine Tage damit verbringt, sie zu „fassen“. Er wird seines Namens wegen seit Jahrzehnten als Professor Unrat gehänselt und gemobbt.  Der Gag ist ja auch total naheliegend und er ist ein gefundenes Fressen. Heutzutage wäre für Ihn eine Namensänderung aufgrund unzumutbarer Härte denkbar.  Unrat ist gefangen in seiner Welt, schließlich hat er sein ganzes Leben in Schulen zugebracht und ist nicht wirklich in der Lage, das Verhalten seiner Schüler mit einer erwachsenen Distanz zu beurteilen. Was für ein unglücklicher Mann das ist. Und dermaßen unsympathisch. Das ist auf jeden Fall etwas, das er mit Diederich Heßling aus Der Untertan gemein hat.

Professor Unrat ist geradezu besessen davon, seine Schüler „dranzukriegen“. Da kommt es ihm gelegen, dass er in dem Aufsatzheft des Schülers Lohmann eine schlüpferige Huldigung an die Barfußtänzerin Rosa Fröhlich entdeckt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, um seinen Schüler zu „fassen“, dabei tut sich bei ihm so einiges.

Die Rosa gefällt ihm. Natürlich will er das nicht wahrhaben, schließlich lebt er in einer Gesellschaft Selbstbeherrschung und Anstand alles gelten und Sexualität und Körperlichkeit tabuisiert sind. Der arme Mann. Da sitzt er nun bei der Künstlerin in der Garderobe und ist völlig handlungsunfähig:

Auf einen der mit abenteuerlichen Kleidungsstücken bedeckten Stühle stützte die Künstlerin Fröhlich ihren Fuß, indes sie nähte. Unrat sah es nicht selbst, so viel unternahm er nicht; er erfuhr es nur durch den Spiegel, dem sie zugekehrt stand.  (Seite 61)

Für ihn ist es natürlich auch schwer wegzustecken, dass das Fräulein auch von seinen Schülern umgarnt wird. In der Schule entspannt sich zunächst so etwas wie ein Wettlauf, wer wen zuerst verpfeift. Die Schüler zittern mäßig vor dem Anpfiff, den sie bekommen, wenn der Lehrer sie beim Direx anschwärzt. Unrat befürchtet, die Revolution könnte ausbrechen und man könnte ihn wiederum verpfeifen. Schließlich gibt es ja auch Zeugen für seine Anwesenheit in der Spelunke mit zwielichtigem Ambiente.

Nach nunmehr 100 Seiten ist das Buch richtig lesbar. Es ist spannend, denn der Skandal ist vorprogrammiert. Es wäre aber schön zu sehen, dass der Professor in der Gegenwart der Künstlerin etwas von seiner Steifheit verliert und das Leben etwas mehr genießen kann. 

1901: Buddenbrooks erledigt

Die Buddenbrooks am Sternenhimmel: 5 von 7 Sternen

Am Ende sind alle männlichen Familienmitglieder tot, nur Christian, der vegetiert in einer „Anstalt“ vor sich hin. Die Familie ist nun also „verfallen“, dabei sind noch so viele weibliche Familienmitglieder übrig. Tony Permaneder, ihre Tochter Erika und deren Tochter Elisabeth. Sie zählen aber wohl nicht richtig, denn schließlich ist keine Mitgift da, um sie wieder in gute Verhältnisse zu verheiraten ( und keiner mehr, der sie verheiraten könnte). Dann ist da noch Gerda Buddenbrook, geborene Arnoldsen, die nach dem Tod ihres Mannes und ihres Sohnes in ihre Heimat Amsterdam zurückkehrt. Die zählt auch nicht, weil sie ja nur angeheiratet war. Außerdem ist da noch Kusine Klothilde, die ins Kloster aufgenommen wurde, aber auch nicht zählt, weil sie ja nur aus einer armen Nebenlinie stammt. Zum Schluss leben auch noch die drei Schwestern Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook, die auch unverheiratet sind.  Eigentlich sind also nur die Männer heruntergekommen und die Frauen müssen in der Konsequenz dran glauben und blicken hilflos dem tristen Schicksal entgegen. Sehr 19. Jahrhundert eben.

Ich würde die Buddenbrooks jederzeit wieder zum ersten Mal lesen. Nochmal lesen würde ich das Buch aber nicht. Es hat mich eingesaugt in seine Geschichte. Die detaillierten Beschreibungen sind der Hammer, aber es ist ein bisschen, wie bei der Geschichte vom süßen Brei. Oft wird die Sprache einfach immer mehr und mehr, obwohl schon längst alle genug haben und zum nächsten Gang wechseln wollen. Mir gefällt, dass man als Leser so nah am Inneren der Figuren dran ist. An Tony Buddenbrooks Glückssuche und an ihrem Hochhalten der Familiengeschichte, an Thomas Buddenbrooks Verzweiflung und an Hannos Angst in der Schule ein nicht gelerntes Gedicht abgefragt zu werden und deswegen sitzen zu bleiben. Sie sind mir nun doch alle ans Herz gewachsen. Sie sind alle so menschlich.

Die Welt der Buddenbrooks

Wer noch mehr wissen möchte, über die Entstehungsgeschichte, über Thomas Mann, über Lübeck und über die Buddenbrooks-Filme, der lese Die Welt der Buddenbrooks von Hans Wisskirchen. Man bekommt ein schönes Drumherum, jenseits von literaturwissenschaftlicher Schwere und beschränkten Lektüreschüsseln. Außerdem sind tolle Bilder drin: zum Beispiel vom Landschaftszimmer im Buddenbrookhaus, von Lübeck in verschiedenen Jahrhunderten und von Familie Mann. Besonders toll fand ich die Illustrationen, die in den letzten Hundert Jahren gezeichnet wurden.