1912: Schiffbruch mit Hauptmann

AtlantisEs ist ein bisschen wie auf der Titanic. Ein Schiff mit lauter illustren Leuten fährt in Windeseile von Europa nach New York. An Bord ist der Bakteriologe Friedrich von Kammacher, der in einer Midlife-Crisis steckt und einer nicht mal 16-jährigen Artistin hinterherreist, in die er krankhaft verliebt ist. Er hat seine bürgerliche Existenz satt und ist spontan von Paris nach Southamton gefahren um das Schiff, auf dem die Tänzerin Ingigerd einem Engagement in der neuen Welt entgegenfährt, noch zu erwischen.

Der deutsche Post- und Schnelldampfer „Roland“ verließ Bremen am 23. Januar 1892. (Seite 5 der Ullstein Taschenbuch-Ausgabe von 1995)

Das Wetter ist schaurig und immer wieder tauchen Warnungen vor umhertreibenden Wracks auf. Es kommt wie es kommen muss. Am Ende ist Wasser genug für alle da, die Zwischendeckler werden eingesperrt und die Kapelle spielt bis zum eisigen Ende. Friedrich, Ingigerd und eine kleine Gruppe weiterer Passagiere können gerettet werden. Zwischendurch spaced Friedrich total ab und träumt von Noctilucae oder Nachtlichtchen

die das im Inneren der Erde verborgene Licht in Magazine aufsammeln, auf besonders präparierte Ackerflächen aussäen, es ernten, wenn es mit hundertfältiger Frucht gewachsen ist, und es in goldenen Garben oder Barren für die allerfinstersten Zeiten aufbewahren. (Seite 125)

Das ist nicht Gerhart Hauptmann, der Naturalist. Der von Die Weber und Vor Sonnenaufgang. Allerdings hat Hauptmann in Atlantis viel von sich selbst hineingegeben. Er selbst war einst einer Schauspielerin über den Atlantik gefolgt, auch die S.S. Elbe sank,  auch Hauptmann versuchte sich wie sein Protagonist an der Bildhauerei. Biografische Bezüge hin oder her, das Buch ist spannend! Zuerst, weil das Wetter immer schlechter wird. Ich hatte fast Mitleid mit den Passagieren und ihrer ausgelassenen Freude über jeden Sonnenstrahl zwischen den Wolken. Aber auch nach dem Untergang des Dampfers kommen noch die Hälfte des Buches.  Wir begleiten von Kammacher auf seiner Sinnsuche. Zuerst hat er ja die minderjährige Ingigerd an der Backe, die nun verwaist ist und um die er sich kümmern muss. Als sich jedoch herausstellt, dass mit ihr wirklich wirklich kein tugendhaftes Leben möglich ist, zieht er sich zurück aufs Land in eine einsame Hütte am See. Am Ende verliert er den Verstand und wird wieder geboren wie der Phönix aus seiner Asche. Der zweite Teil ist nicht minder interessant. Der Mann sucht verzweifelt nach seinem Weg, geht dabei allerlei Umwege, kommt aber schließlich zum Ziel. Schon allein deswegen ist das Buch lesenswert. Wegen des guten  Endes.

Wasser, Seefahrt, Abenteuer – 9 Lesetipps für den heißen Sommer

von Marion KörnerDie Sommer erreicht seinen Zenit. Freunde und Nachbarn sind im Urlaub, waren schon im Urlaub oder fahren gleich in den Urlaub. Für alle, die wie ich in Gedanken verreisen oder den Sommer noch etwas verlängern wollen, gibt es hier 9 lesenswerte Romane und Geschichten rund um Schiffe, Boote und das Meer.

1. Überfahrt. Eine Liebesgeschichte von Anna Seghers:

„Mit einer Abfahrt ist nichts zu vergleichen. Keine Ankunft, kein Wiedersehen. Man läßt den Erdteil endgültig hinter sich zurück. Und was man dort auch erlebt hat an Leiden und Freuden, wenn die Schiffsbrücke hochgezogen wird, dann liegen vor einem drei reine Wochen Meer.“

Die „Norwid“ schippert von Bahia nach Europa. Der Arzt Ernst Triebel erzählt von Maria Luise, seiner Jugendliebe. Es wird die Erzählung seines Lebens.

2. Homo Faber von Max Frisch

Wie man eine Woche auf einem solchen Schiff verbringt, konnte ich mit nicht vorstellen, ich ging hin und her, Hände in den Hosentaschen, einmal geschoben vom Wind, dann mühsam, so daß man sich nach vorn lehnen musste mit flatternden Hosen, ich wunderte mich, woher die anderen Passagiere ihre Sessel hatten.

Der Ingenieur Walter Faber trifft auf einer Schiffspassage von Manhattan nach Europa die junge Sabeth, die ihn stark an seine Jugendliebe Hannah erinnert. Sie machen sich gemeinsam auf zu Sabeths Mutter nach Griechenland. Eine Reise, die verhängnisvoll enden soll.

3. Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel

Der halbwüchsige Inder Pi Patel ist einziger menschlicher Überlebender eines Schiffsunglücks. Mit ihm im Rettungsboot sitzen ein Zebra, ein Orang Utan, eine Hyäne und, wie könnte es anders sein, ein Tiger. Nach 227 Tagen auf See landet das Boot in Mexiko und Pi kann die Geschichte einer außergewöhnlichen Seefahrt erzählen. Unbedingt lesenswert. Letztes Jahr ist das Buch mindestens ebenso sehenswert von Ang Lee verfilmt und mit vier Oscars ausgezeichnet worden.

4. Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway

Ist das Buch schlechthin von Hemingway. Der kubanische Fischer Santiago ringt mit einem riesigen Fisch, dem Fang seines Lebens. Es ist der große Kampf des Menschen mit der Natur.

5. Moby Dick von Herman Melville 

Wenn schon von gigantischen Fischen die Rede ist, darf Moby Dick natürlich nicht unterschlagen werden. Melville erzählt auf über 1000 Seiten die Geschichte der Jagd auf den legendären weißen Wal. Im Mittelpunkt steht der von Hass zerfressene Kapitän Ahab, der Wal selbst bleibt hauptsächlich Phantom. Da sich die Lektüre etwas hinzieht, sei sie hier nur für Schnellleser oder Leute mit langen Ferien empfohlen. Alle anderen kommen vielleicht hier auf ihre Kosten.

6. Schachnovelle von Stefan Zweig

Die Rahmenhandlung von Stefan Zweigs bakanntestem Werk spielt auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires.  An Bord ist auch der Schachweltmeister Mirko Czentovic, der Schachpartien gegen alle Anwesenden spielt. Das erregt die Aufmerksamkeit von Dr. B. Dieser war von den Nationalsozialisten inhaftiert und isoliert worden. Um in der Einsamkeit nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen, begann Dr. B in Gedanken Schachpartien gegen sich selbst und brachte es zu erstaunlicher Meisterschaft.

7. Robinson Crusoe von Daniel Defoe

Die Geschichte von Robinson Crusoe und Freitag ist so bekannt, dass man meinen könnte, jeder hätte das Buch, das als der erste englische Roman gilt, gelesen. Das ist aber (nach einer aktuellem, nicht repräsentativen Umfrage)  keineswegs der Fall. Trotzdem ist der Klassiker jede Seite seiner Lektüre wert.  Im Originaltitel erfahren wir gleich alles, was wir wissen müssen: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself. („Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“). Wem das jetzt zu angestaubt ist, dem sei das Buch Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe (engl. Originaltitel Foe) des südafrikanischen Schriftstellers J. M. Coetzee ans Herz gelegt. Coetzee erzählt die Geschichte neu. Zu Robinson und Freitag gesellt sich eine Frau, die nun die Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählen möchte.

8. Reise um die Erde in 80 Tagen von Jules Verne

Der Roman von 1873 ist ein Klassiker der Reiseromane. Wie bekannt sein dürfte, wettet Phileas Fogg in London mit den Mitgliedern des Reform Clubs darum, dass es ihm gelingen werde, in 80 Tagen um die Welt zu reisen. Da das Flugzeug als Transportmittel noch nicht in Frage kam, legten Fogg und sein Diener Passepartout weite Teile der Reise mit dem Schiff zurück. Immer verfolgt vom übereifrigen Detektiv Fix, der in Fogg den Räuber eines Vermögens aus der Bank of England zu erkennen glaubt.

9. Das Rätsel der Sandbank von Erskine Childers

Der leidenschaftliche Segler „Davies“ und der britische Diplomat „Caruthers“ segeln, vorgeblich auf Entenjagd, durch friesische Wattenmeer. Dabei entdecken sie Invasionspläne des deutschen Militärs. Der Roman hinterließ in seiner Zeit (also vor dem ersten Weltkrieg) einen nachhaltigen Eindruck. Die Invasionspläne waren so glaubhaft geschildert, dass die Engländer in der Folge tatsächlich ihre Seeabwehr verstärkten. Erskine Childers errang mit diesem Buch seinen Ruf als Vater des modernen Spionageromans. Das Rätsel der Sandbank wurde 1903 veröffentlicht und ist das aktuelle Buch meiner Lesereihe.