1928: Arthur Schnitzlers „Therese. Chronik eines Frauenlebens“

Während sich die Lesewelt auf der Buchmesse tummelt, bin ich keine 10 Kilometer entfernt mit meinem Infekt in meiner Wohnung gefangen. An Messebesuch ist nicht zu denken. Mein Geist ist nach einem ausführlichen Mittagsschläfchen jetzt aber wieder fit, also mache ich statt Lesefest jetzt meine eigene kleine Blog-Party und schreibe, längst fällig, über „Therese“. Dazu gibt es, ganz österreichisch The Best of Mozart bei youtube.

Eigentlich war Arthur Schnitzler für 1928 nur eine Notlösung. Andre Breton stand ewig auf meiner Liste und ich hatte, obwohl ich 1927 schon ausgelesen hatte, immernoch kein Exemplar von „Nadja“ besorgt. Ich hatte Angst, es könnte wieder kompliziert werden. Mit Schnitzler habe ich vor vielen Jahren aber schon einmal gute Erfahrungen gemacht. „Leutnant Gustl“ hat mich regelrecht vom Hocker gehauen und das Stück „Reigen“ kann ich auch jedem empfehlen, der sich für die Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende interessiert. „Therese“ ist zwar über 20 Jahre jünger und stammt also von einem wesentlich älteren Schnitzler, ist aber nicht weniger lesenswert.

ThereseIm Mittelpunkt des Romans steht, wie der Titel es erahnen lässt, Therese. Sie wächst als Offizierstochter in Salzburg auf (deswegen auch der Mozart). In ihrer Rolle als brave Tochter langweilt sie sich zu Tode. Es ist von Anfang an klar, dass sie mehr vom Leben will, als einen braven Ehemann. Sie will Herzklopfen, Liebe und Leidenschaft und sie empfindet das gute Kleinbürgertum als heuchlerisch. Erst recht, als Ihre Mutter von Therese verlangt, sich zur Mätresse eines Grafen zu machen, um für das Auskommen der Familie zu sorgen, während der Vater seine Tage in einer Irrenanstalt zubringt. Dazu kann sich Therese aber nicht herablassen. Sie beginnt indes eine Liebschaft mit dem Unteroffizier Max, der sie zwar in Wallungen bringt, ihr aber auch untreu ist. Nachdem es aus ist, schafft Therese den Abschied von der Mutter und geht nach Wien, um sich dort als Kindermädchen zu verdingen. Sie wechselt häufig die Anstellungen. Nie ist sie richtig zufrieden und ohne Zeugnisse kann sie auch keine richtig gute Stellung finden.

Die Stunden des ruhigen, allmählichen Erwachens, wie sie ihr noch vor kurzer Zeit in der Heimat vergönnt gewesen waren, kamen ihr in wehmütiger Erinnerung, zum erstenmal faßte sie mit Schrecken die Tiefe ihres Abstiegs und die Geschwindigkeit mit der er sich vollzog. (Seite 58)

Am Rande des gesellschaftlichen Abgrundes balanciert Therese fortan ihr ganzes Leben. Sie bekommt ein uneheliches Kind, denn auf leidenschaftliche Vergnügungen kann und will sie als Frau nicht verzichten. Aber eine glückliche Ehe einzugehen oder mit ihrem Sohn in Frieden zu leben, dieses Glück bleibt ihr verwehrt. Schließlich ist sie auch neidisch auf ihre Herrschaften, von denen sie abhängig ist.

… immer wieder erbitterte es Therese, daß Frau Direktor sich bei jeder Gelegenheit nach Herzenslust schonen und ins Bett legen konnte, während man auf sie, die am Ende doch auch eine Frau war, nie und nimmer Rücksicht nahm und niemals Rücksicht genommen hatte. (Seite 180)

Die Ungerechtigkeiten, die Therese im Laufe ihres Lebens wiederfahren, schockieren mich enorm. Es ist unglaublich, wie unmöglich es für ein Mädchen aus der Unterschicht war, im Laufe eines Lebens in trockene Tücher zu kommen, geschweige denn auch noch auf persönliche Erfüllung im Leben zu hoffen. Schnitzler zeigt hier eine Situation, die von der bürgerlichen Gesellschaft wahrscheinlich lieber nicht wahrgenommen worden ist. Auch heute denkt man ja oft, dass sich in den 20er Jahren schon einiges an Frauenselbstbestimmung getan hat, aber die Frauenbewegung war wohl lange lange Zeit eine Oberschichtenvergnügung!

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1918: Wind am linken Seine-Ufer

Tarr

Paris – Sündenpfluhl, Zuflucht für Künstler, Schriftsteller und Tunichtgute aller Facon. Dort treffen wir Tarr, einem Engländer, der mit einem anderen Engländer in einem Kaffee sitzt. Es ist so, wie man sich das vorstellt. Er lebt in den Tag hinein, sucht ein neues Atelier, überlegt, wie er sich halbwegs elegant aus dem Verlöbnis mit einer Deutschen herauswinden kann. Er legt die Attitüde eines Waldschrats an den Tag. Gesellschaftliche Anpassung ist nichts für ihn. Seine Gedankengänge sind häufig langweilig, zu verkopft oder beides. Aber immerhin, für ein Buch von 1918 reden die beiden Engländer in dem Café erstaunlich frei über Sex.

Später treffen wir noch Otto Kreisler, die tragische Gestalt des Romans. Er ist ebenfalls Künstler, ein Deutscher, der mal in Rom, mal in Paris lebt und auf ständig abgebrannt, auf den Geldbrief von seinem Vater wartet. Pikanterweise ist Kreislers Schwiegermutter seine ehemalige Verlobte. Und nun dreht ihm auch noch sein Freund Vokt den Geldhahn zu. Hinzukommen noch Tarrs Verlobte Bertha Lunken und das heiße Eisen Anastasya Vasek, wobei beide Männer bei beiden Damen verkehren. Die Haltung der Männer den Frauen gegenüber ist schon mächtig gewaltig:

Otto Kreisler hatte nämlich große Zuversicht, und das war sein Glaube an die Wirkungsmacht der Frauen. Man ging zu ihnen gewöhnlich nur dann aus freien Stücken, wenn man in Nöten war – so jedenfalls war das bei ihm -, und da waren sie dann immer für einen da: geräumige Ablagestelle für Sorgen und Gebrechen, weltweites Pfandhaus, wo man nicht nur seinen Frack und sonstige Kleidung, sondern sich selbst zeitweilig gegen das Gold des menschlichen Herzens und jedes andere zufällig herumliegende Gold eintauschen konnte.“ (Seite 133f. der Suhrkamp-Ausgabe von 1990, deutsche Erstausgabe)

Workshop c.1914-5 by Wyndham Lewis 1882-1957Kennen Sie die Vortizisten? Diese zum Kubismus und Futurismus parallele Strömung? Nein? Ich auch nicht. Wyndham Lewis, der Autor von Tarr, jedenfalls war einer der Vortizisten, einer Künstlergruppe, die sich in England zusammenscharte, um irgendwie ihre eigene Version der Moderne abzubilden, die sich von dem, was die Franzosen machten irgendwie grundsätzlich unterschied. Vortizismus kommt von lat. vortex (Strudel, Wirbel). Es geht also um alles Kraftvolle, um männliche Härte als Wert. Das alles spielte sich so ab 1913 ab und viele der Künstler waren schon kurze Zeit später stark beschäftigt, Kriegseindrücke zu verarbeiten. Die Strömung überlebte den ersten Weltkrieg nicht. In diesen Jahren schrieb Lewis seinen Roman, der als einer der wichtigsten Texte der englischen Moderne gilt, und ich habe ganz dringend das Gefühl, dass dieser Vortizismus der Grund dafür ist, dass sich das Buch so sperrig liest. Wir treffen hier eine Person, da eine Person, dann mal zwei zusammen, dann wieder eine, die nie wieder auftaucht. Figuren, die nie wieder auftauchen und die keine offensichtliche Bereicherung für die Geschichte darstellen, finde ich sowieso verschwendet. Da hätte man gut 100 Seiten kürzen können. Die Geschichte entwickelt sich nicht so richtig. Ok, ja, Tarr schafft es, sich irgendwie rauszuwurschteln und kriegt auch das Sahnebaiser als Partnerin, während Kreisler umkommt, aber es ist wirklich nicht spannend oder überraschend oder wenigstens mal ein bisschen schön. Während ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass das eigentlich die gleichen Empfindungen sind, die ich letztens beim Betrachten der Kunstwerke in der Londoner Tate Modern hatte. Vielleicht liegen mir abstrakte Ausdrucksformen nicht. Schließlich will ich sehen, worum es geht und es ist auch nett, wenn es ein bisschen schön ist.