1918: Wind am linken Seine-Ufer

Tarr

Paris – Sündenpfluhl, Zuflucht für Künstler, Schriftsteller und Tunichtgute aller Facon. Dort treffen wir Tarr, einem Engländer, der mit einem anderen Engländer in einem Kaffee sitzt. Es ist so, wie man sich das vorstellt. Er lebt in den Tag hinein, sucht ein neues Atelier, überlegt, wie er sich halbwegs elegant aus dem Verlöbnis mit einer Deutschen herauswinden kann. Er legt die Attitüde eines Waldschrats an den Tag. Gesellschaftliche Anpassung ist nichts für ihn. Seine Gedankengänge sind häufig langweilig, zu verkopft oder beides. Aber immerhin, für ein Buch von 1918 reden die beiden Engländer in dem Café erstaunlich frei über Sex.

Später treffen wir noch Otto Kreisler, die tragische Gestalt des Romans. Er ist ebenfalls Künstler, ein Deutscher, der mal in Rom, mal in Paris lebt und auf ständig abgebrannt, auf den Geldbrief von seinem Vater wartet. Pikanterweise ist Kreislers Schwiegermutter seine ehemalige Verlobte. Und nun dreht ihm auch noch sein Freund Vokt den Geldhahn zu. Hinzukommen noch Tarrs Verlobte Bertha Lunken und das heiße Eisen Anastasya Vasek, wobei beide Männer bei beiden Damen verkehren. Die Haltung der Männer den Frauen gegenüber ist schon mächtig gewaltig:

Otto Kreisler hatte nämlich große Zuversicht, und das war sein Glaube an die Wirkungsmacht der Frauen. Man ging zu ihnen gewöhnlich nur dann aus freien Stücken, wenn man in Nöten war – so jedenfalls war das bei ihm -, und da waren sie dann immer für einen da: geräumige Ablagestelle für Sorgen und Gebrechen, weltweites Pfandhaus, wo man nicht nur seinen Frack und sonstige Kleidung, sondern sich selbst zeitweilig gegen das Gold des menschlichen Herzens und jedes andere zufällig herumliegende Gold eintauschen konnte.“ (Seite 133f. der Suhrkamp-Ausgabe von 1990, deutsche Erstausgabe)

Workshop c.1914-5 by Wyndham Lewis 1882-1957Kennen Sie die Vortizisten? Diese zum Kubismus und Futurismus parallele Strömung? Nein? Ich auch nicht. Wyndham Lewis, der Autor von Tarr, jedenfalls war einer der Vortizisten, einer Künstlergruppe, die sich in England zusammenscharte, um irgendwie ihre eigene Version der Moderne abzubilden, die sich von dem, was die Franzosen machten irgendwie grundsätzlich unterschied. Vortizismus kommt von lat. vortex (Strudel, Wirbel). Es geht also um alles Kraftvolle, um männliche Härte als Wert. Das alles spielte sich so ab 1913 ab und viele der Künstler waren schon kurze Zeit später stark beschäftigt, Kriegseindrücke zu verarbeiten. Die Strömung überlebte den ersten Weltkrieg nicht. In diesen Jahren schrieb Lewis seinen Roman, der als einer der wichtigsten Texte der englischen Moderne gilt, und ich habe ganz dringend das Gefühl, dass dieser Vortizismus der Grund dafür ist, dass sich das Buch so sperrig liest. Wir treffen hier eine Person, da eine Person, dann mal zwei zusammen, dann wieder eine, die nie wieder auftaucht. Figuren, die nie wieder auftauchen und die keine offensichtliche Bereicherung für die Geschichte darstellen, finde ich sowieso verschwendet. Da hätte man gut 100 Seiten kürzen können. Die Geschichte entwickelt sich nicht so richtig. Ok, ja, Tarr schafft es, sich irgendwie rauszuwurschteln und kriegt auch das Sahnebaiser als Partnerin, während Kreisler umkommt, aber es ist wirklich nicht spannend oder überraschend oder wenigstens mal ein bisschen schön. Während ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass das eigentlich die gleichen Empfindungen sind, die ich letztens beim Betrachten der Kunstwerke in der Londoner Tate Modern hatte. Vielleicht liegen mir abstrakte Ausdrucksformen nicht. Schließlich will ich sehen, worum es geht und es ist auch nett, wenn es ein bisschen schön ist.

1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

ConstanceMal wieder ein Schinken! 690 Seiten waren zu lesen und diese erstmal zu bekommen, war gar nicht so leicht. Arnold Bennett gehört nicht eben zu den viel gelesen Autoren und ich hatte niemals zuvor von ihm gehört (auch nicht währen meines Anglistikstudiums! Dabei ist hier unklar, ob das am Studium lag oder an  mir). Dabei ist Bennett gar nicht unbekannt, als Romanautor, Essayist und Kritiker. Er hat zwischen 70 und 80 Bücher geschrieben, von denen Constance und Sophia als sein Meisterwerk gilt. Es gibt eine deutsche Ausgabe von 1931 und eine DDR-Ausgabe von 1971, in der ich gelesen habe.

Constance und Sophia sind Schwestern, die in dem erfundenen District Five Towns in der Grafschafts Staffordshire aufwachsen. Der Roman erzählt ihre Leben von Anfang bis Ende. Das spannende ist, dass Constance das Ideal der Kaufmannstochter lebt, während Sophia durchbrennt und in Paris landet. Constance heiratet den einen Mann, der das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters übernimmt. Sie war schon vorher immer das gute Kind gewesen. Mit Mr. Povey lebt sie dann eine eintönige Kleinstadtehe. Nur langsam öffnen sich die Eheleute den Neuerungen ihres Zeitalters. So zum Beispiel fängt Samuel Povey an zu rauchen:

Sie hintergingen sich beide. Mr. Povey verbarg seine heimliche Sünde, und Constance verbrat ihr Wissen darum. Falsch und listig. Aber so ist die Ehe nun einmal.“ (Seite 179)

Sie bekommen einen Sohn. Und nun können wir Constance beobachten, wie sie gefangen ist in den vorherrschenden Erziehungsmethoden. Das Verhalten kleiner Kinder wurde damals oft noch nach den gesellschaftlichen Maßstäben der Erwachsenenwelt gemessen. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang ist eine Szene, in der der 4. Geburtstag Cyrils gefeiert wird. Er beobachtet, wie sein Lieblingskuchen die Runde macht und sich ein Mädchen das letzte Stück nimmt. Der „Gastgeber“ springt auf und reißt dem „Gast“ den Kuchen aus der Hand und aus dem Mund. Als er satt ist freut er sich sehr über seine Stärke. Die feine Gesellschaft aber ist entsetzt. Constance liebt ihren Sohn sehr:

Als er ihr dann den Gutenachtkuß gab, hätte sie sich am liebsten an ihn geklammert, weil sein Kuß so warm und zärtlich war. Aber es gelang ihr nicht, die starke Zurückhaltung abzuwerfen, die sie ursprünglich gelernt und ihr ganzes Leben hindurch beibehalten hatte. Es tat ihr selbst weh, daß sie es nicht konnte.“ (Seite 306)

Als Sophia zusammen mit der ein Jahr älteren Constance die Schule verlassen soll, macht sie richtig Rabatz. Sie möchte schließlich Lehrerin werden und nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen im Laden versauern. Es war aber eine Zeit als Kinderwünsche wenig galten:

Keine Argumente von Seiten ihrer Mutter! Sie hatte sie nicht einmal angehört. Ein kurzes hochmütiges: „Davon will ich nichts hören!“ war alles gewesen. Und so sollte der größte Wunsch ihres Lebens, den sie Jahr um Jahr heimlich im Herzen genährt hatte, vernichtet und mit einem knappen Wort hingeopfert werden!“ (Seite 64)

Später verknallt sich Sophia in Mr. Scales, einen Handelsvertreter aus Manchester (oh, die weite Welt!) und haut mit ihm nach London ab. Sie heiraten und leben dann in Paris. Auch hier bekommen wir einige Einblicke in die Natur ihrer Ehe:

Schon ihr Stolz zwang sie dazu, das Recht auf Geralds, das Unrecht auf ihr eigenes Konto zu schreiben, denn sie war noch viel zu hochmütig, um zuzugeben, daß sie einen bezaubernden, aber verantwortungslosen Hohlkopf geheiratet hatte.“ (Seite 376)

Als Gerald Scales ein nicht unbeträchtliches Erbe von 12.000 Pfund verschleudert hat, lässt er Sophia schließlich sitzen. Sie eröffnet eine Pension und lebt viele Jahre ziemlich erfolgreich in der großen Stadt. Am Ende kehrt sie zurück zu ihrer Schwester und in den Kleinstadtmief.

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von über 60 Jahren, also von circa 1840 bis 1905. Das ist schon fast Buddenbrook-like, aber wirklich nur fast. Alles was geschieht, fühlt sich vegleichsweise bedeutungslos an. Wahrscheinlich auch, weil in der Kleinstadt Bursley alle Geschehnisse, die die weite Welt schon längst verändert haben, erst spät eintreten. Eisenbahnbau, die Veränderung des Geschäftswesens durch große Einzelhandelsunternehmen und mehr finden wir dort zwar, aber alles erst, wenn es woanders schon alte Hüte sind. Trotzdem weigert sich die Bevölkerung von Bursley absolut mit solchem neumodischen Kram mitzumachen.

Schön ist, dass beide Leben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Keiner stellt sich hin und zeigt mit dem Finger auf die Rückwärtsgewandten oder auf die, die gar zu forsch vorwärts drängen. Alles ist möglich und auch Constance und Sophia haben sich am Ende der Geschichte noch genauso lieb wie am Anfang, als sie noch als Mädchen eine Dachkammer teilten.

Als Frau mit thüringischem Hintergrund mag ich Schinken auch ein sehr. Kochschinken, Nussschinken, Schinkenspeck… Scheibe für Scheibe, Seite für Seite. Es ist auch schön, wenn der Schinken groß ist!