1911: Edgar Wallace in Afrika

Wallace1911

Ich wollte ja schon immer mal was von Edgar Wallace lesen. Obwohl ich kein besonders eifriger Krimi-Leser oder -Kucker bin, haben die endlosen Reihen seiner Bücher und Verfilmungen mein Interesse geweckt. Mir war nicht klar, dass man bei Edgar Wallace auch was ganz anderes findet, etwas völlig Unerwartetes. Der Autor wurde 1875 in ärmlichen Verhältnissen geboren und arbeitete sich in den Burenkriegen zum Kriegsberichterstatter hoch. Danach arbeitete er als Journalist und Sonderberichterstatter. 1905 veröffentlichte Wallace im Eigenverlag seinen ersten Krimimalroman „Die vier Gerechten“. Der Clou war der, dass er jedem, Leser, der die Lösung erraten hatte, 500 Pfund schenken wollte. Offenbar war die Geschichte nicht soo schwer zu durchschauen, denn eine Menge Leute hatten es raus und Wallace stand finanziell am Abgrund. Bekannt wurde er aber vor allem durch seine journalistischen Arbeiten und eine Reihe Afrikaromane. Deren erster ist Sanders vom Strom. Na prima! Und ich hatte einen Krimi erwartet.

Weit gefehlt. Was ich bekam, war eine Art Abenteuer-Roman. Wir begleiten Sanders, einen Regierungsbeamten in Afrika bei seinen Versuchen, Frieden unter den Völkern in seinem Bezirk zu halten. Dabei geht er auch schon mal ganz schön brachiale Wege:

gewiß war Sanders zu jener Zeit schnell mit dem Aufhängen. Er regierte ein Volk, dreihundert englische Meilen jenseits des Randes der Zivilisation.“ (Seite 6)

Sanders fährt mit seinem kleinen Dampfer „Zaire“ immer den „Strom“ auf und ab. Für einen Weißen lässt er sich ganz schön stark auf die Stämme ein. Er kann sich ansatzweise in ihre Denke hineinversetzen. Er arbeitet mit seiner englischen Logik, benutzt aber auch die „Werkzeuge“ der Völker, damit diese wiederum ihn für voll nehmen. Natürlich erkennt Sanders Limbili, den großen König von Ytingi als den größten König aller Zeiten an. Das ist es, was das Gleichgewicht in der Region von ihm verlangt. Er achtet die Geheimnisse der Völker. Sanders äußert sich auch gegen die britische Regierung, die ihm bei Konflikten nie Unterstützung zukommen lässt, aber nach Berichten über Goldfunde sofort eine Armee ins Land schickt.

Die Erzähllinie hat mich hier und da irritiert. Im Schnelldurchlauf werden die Ereignisse abgespult, die alle für sich vielleicht noch eine tiefere Bedeutung haben. Es bleibt aber nicht genügend Raum um diese zu ergründen. Wir sehen also Sanders, wie er erst ein Problem bei diesem Stamm löst, ein paar Seiten später jenen Verbrecher dort aufhängen lässt und noch ein paar Seiten später selbst nur knapp einem Attentat entgeht. Buff, buff, buff. Vergeblich wartete ich darauf, dass bei Sanders etwas ins Rollen kommt. Das Buch lebt stattdessen von den wirklich kurzweiligen Erzählungen über das Leben von sehr vereinzelten Weißen im schwarzen Dschungel. Es ist wunderbar gezeichnet, obwohl viele Bemerkungen heute sicherlich nicht mehr das Etikett „politisch korrekt“ bekämen.

Was mich ein bisschen frustriert hat, war die Unmöglichkeit, die Geschichten auf der Weltkarte zu orten. Aus dem ersten Satz wusste ich, dass das Buch in Afrika spielt:

Der Bezirksamtmann Sanders war in so leichten Etappen zu seiner Stellung in Zentral-Afrika emporgeklommen, daß er sich nicht mehr gut vorstellen konnte, wann eigentlich seine Bekanntschaft mit dem Hinterland begonnen hatte. (Seite 5 der Lizenzausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft Berlin und Darmstadt von 1957)

Zentral-Westafrika ist nicht eben ein genau definiertes Fleckchen Erde. Im Buch selbst schmeißt Wallace mit Orts- und Stammesnamen wie Isisi, Ochori, N’Gombi, Akasava um sich. Obwohl ich mich für einigermaßen talentiert in Suchmaschinenbedienung halte, ist es mir nicht gelungen auch nur einen davon irgendwo zu finden. Wer weiß, vielleicht hat sich Wallace auch viel ausgedacht. Nur einen Ort konnte ich zweifelsfrei identifizieren: Monrovia.  Aber die Geschichten scheinen sich nicht nur dort abzuspielen. Außerdem verstehe ich  nicht, was ein britischer Bezirksamtsmann in Liberia machen sollte. Sogar eine Koordinate bekommt der Leser:

Irgendwo um 12° nördlicher Breite und 0° Länge befindet sich ein Land, dessen hervorstechendste Eigentümlichkeit es ist, dass es englisch, französisch oder deutsch ist, je nach der Karte von Afrika, nach der man es betrachtet.

Dort ist Burkina Faso, was ganz früher als französische Kolonie Obervolta hieß. Also auch hier macht ein britischer Regierungsbeamter wenig Sinn. Ihr seht, mit Afrika kenne ich mich gar nicht aus. Auch meine Kenntnisse über den Wettlauf um Afrika aus Schule und Studium helfen mir nicht wirklich weiter. Also liebe Afrikanisten und sonstige Kenner. Klärt mich bitte auf!

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3 Kommentare zu „1911: Edgar Wallace in Afrika

  1. Ich lese gerade „The people of the River“ aus der Sanders-Serie. Kann obige Beobachtungen voll bestätigen. Ich schätze, dass Wallace auf Grund seiner Afrikaerfahrungen die Orte und Personen erfunden hat.

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