1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

ConstanceMal wieder ein Schinken! 690 Seiten waren zu lesen und diese erstmal zu bekommen, war gar nicht so leicht. Arnold Bennett gehört nicht eben zu den viel gelesen Autoren und ich hatte niemals zuvor von ihm gehört (auch nicht währen meines Anglistikstudiums! Dabei ist hier unklar, ob das am Studium lag oder an  mir). Dabei ist Bennett gar nicht unbekannt, als Romanautor, Essayist und Kritiker. Er hat zwischen 70 und 80 Bücher geschrieben, von denen Constance und Sophia als sein Meisterwerk gilt. Es gibt eine deutsche Ausgabe von 1931 und eine DDR-Ausgabe von 1971, in der ich gelesen habe.

Constance und Sophia sind Schwestern, die in dem erfundenen District Five Towns in der Grafschafts Staffordshire aufwachsen. Der Roman erzählt ihre Leben von Anfang bis Ende. Das spannende ist, dass Constance das Ideal der Kaufmannstochter lebt, während Sophia durchbrennt und in Paris landet. Constance heiratet den einen Mann, der das Bekleidungsgeschäft ihres Vaters übernimmt. Sie war schon vorher immer das gute Kind gewesen. Mit Mr. Povey lebt sie dann eine eintönige Kleinstadtehe. Nur langsam öffnen sich die Eheleute den Neuerungen ihres Zeitalters. So zum Beispiel fängt Samuel Povey an zu rauchen:

Sie hintergingen sich beide. Mr. Povey verbarg seine heimliche Sünde, und Constance verbrat ihr Wissen darum. Falsch und listig. Aber so ist die Ehe nun einmal.“ (Seite 179)

Sie bekommen einen Sohn. Und nun können wir Constance beobachten, wie sie gefangen ist in den vorherrschenden Erziehungsmethoden. Das Verhalten kleiner Kinder wurde damals oft noch nach den gesellschaftlichen Maßstäben der Erwachsenenwelt gemessen. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang ist eine Szene, in der der 4. Geburtstag Cyrils gefeiert wird. Er beobachtet, wie sein Lieblingskuchen die Runde macht und sich ein Mädchen das letzte Stück nimmt. Der „Gastgeber“ springt auf und reißt dem „Gast“ den Kuchen aus der Hand und aus dem Mund. Als er satt ist freut er sich sehr über seine Stärke. Die feine Gesellschaft aber ist entsetzt. Constance liebt ihren Sohn sehr:

Als er ihr dann den Gutenachtkuß gab, hätte sie sich am liebsten an ihn geklammert, weil sein Kuß so warm und zärtlich war. Aber es gelang ihr nicht, die starke Zurückhaltung abzuwerfen, die sie ursprünglich gelernt und ihr ganzes Leben hindurch beibehalten hatte. Es tat ihr selbst weh, daß sie es nicht konnte.“ (Seite 306)

Als Sophia zusammen mit der ein Jahr älteren Constance die Schule verlassen soll, macht sie richtig Rabatz. Sie möchte schließlich Lehrerin werden und nicht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester zusammen im Laden versauern. Es war aber eine Zeit als Kinderwünsche wenig galten:

Keine Argumente von Seiten ihrer Mutter! Sie hatte sie nicht einmal angehört. Ein kurzes hochmütiges: „Davon will ich nichts hören!“ war alles gewesen. Und so sollte der größte Wunsch ihres Lebens, den sie Jahr um Jahr heimlich im Herzen genährt hatte, vernichtet und mit einem knappen Wort hingeopfert werden!“ (Seite 64)

Später verknallt sich Sophia in Mr. Scales, einen Handelsvertreter aus Manchester (oh, die weite Welt!) und haut mit ihm nach London ab. Sie heiraten und leben dann in Paris. Auch hier bekommen wir einige Einblicke in die Natur ihrer Ehe:

Schon ihr Stolz zwang sie dazu, das Recht auf Geralds, das Unrecht auf ihr eigenes Konto zu schreiben, denn sie war noch viel zu hochmütig, um zuzugeben, daß sie einen bezaubernden, aber verantwortungslosen Hohlkopf geheiratet hatte.“ (Seite 376)

Als Gerald Scales ein nicht unbeträchtliches Erbe von 12.000 Pfund verschleudert hat, lässt er Sophia schließlich sitzen. Sie eröffnet eine Pension und lebt viele Jahre ziemlich erfolgreich in der großen Stadt. Am Ende kehrt sie zurück zu ihrer Schwester und in den Kleinstadtmief.

Der Roman erzählt über einen Zeitraum von über 60 Jahren, also von circa 1840 bis 1905. Das ist schon fast Buddenbrook-like, aber wirklich nur fast. Alles was geschieht, fühlt sich vegleichsweise bedeutungslos an. Wahrscheinlich auch, weil in der Kleinstadt Bursley alle Geschehnisse, die die weite Welt schon längst verändert haben, erst spät eintreten. Eisenbahnbau, die Veränderung des Geschäftswesens durch große Einzelhandelsunternehmen und mehr finden wir dort zwar, aber alles erst, wenn es woanders schon alte Hüte sind. Trotzdem weigert sich die Bevölkerung von Bursley absolut mit solchem neumodischen Kram mitzumachen.

Schön ist, dass beide Leben gleichberechtigt nebeneinander stehen. Keiner stellt sich hin und zeigt mit dem Finger auf die Rückwärtsgewandten oder auf die, die gar zu forsch vorwärts drängen. Alles ist möglich und auch Constance und Sophia haben sich am Ende der Geschichte noch genauso lieb wie am Anfang, als sie noch als Mädchen eine Dachkammer teilten.

Als Frau mit thüringischem Hintergrund mag ich Schinken auch ein sehr. Kochschinken, Nussschinken, Schinkenspeck… Scheibe für Scheibe, Seite für Seite. Es ist auch schön, wenn der Schinken groß ist!

Advertisements

Ein Kommentar zu „1908: Zwei Leben – Bursley vs. Paris

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s