1916: Freiheit oder Liebe?

DSCF4185Bengalen, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die britische  Kolonialregierung spaltet das Land in zwei Hälften, um es besser regierbar zu machen. Dadurch ausgelöst wird die Swadeshi-Bewegung, die den Boykott britischer und die Nutzung einheimischer Produkte propagiert. Mittendrin im politischen Aufruhr finden sich Nikhil, ein Maharadscha, Bimala, seine Frau und Sandip, ein Swadeshi-Wortführer. Ihre Geschichte wird in der Form ihrer ineinander verwobenen Tagebücher erzählt.

Bimala erzählt von ihrer Ergebenheit in ihre Ehe. Sie hat in eine gute Familie geheiratet. Ihr Mann hat eine westliche Ausbildung genossen und möchte sie aus der Abgeschiedenheit ihres Frauengemaches hinaus in die Welt führen. Ich bin überrascht: Nikhils Gedanken passen für mich nicht nach 1916, schon gar nicht nach Indien – Er ist der Meinung, dass Bimala ihn nur liebt, weil sie niemanden sonst kennt und weil die Traditionen sie in ihre Ehe fügen. Er möchte nun, dass sie die Möglichkeiten des Lebens kennenlernt und sich dann bewusst für ihn entscheidet. Also stellt er sie seinem Bekannten Sandip vor. Bimala und er entbrennen in heißer Lieben füreinander. Haarscharf schrammen die beiden über Hunderte von Seiten an der Grenzübertretung und völligen Entehrung vorbei. Die Luft knistert vor Spannung und zerstörerischer Kraft ihrer Begierde. Sandip schreibt:

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen, ich möchte mich vom Kopf bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz damit anfüllen. (Seite 47 meiner schönen Ausgaben von Verlag Volk und Welt Berlin 1961, die eine wunderbar lesbare Übersetzung Helene Meyer-Franck aus dem Jahr 1920 enthält)

Sandip und Bimala pflegen ungehörige Vertrautheiten miteinander, aber Nikhil schreitet nicht ein. Seine Leidensfähigkeit nagt an mir während des Lesens. Ich möchte immer rufen „Sag doch was!“. Er aber möchte, dass Bimala sich als freie Frau für ihn entscheidet. Das ist ganz schön weise.

Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist sie es nicht, und kein Zürnen und Streiten kann etwas daran ändern. (Seite 76)

Obwohl „Das Heim und die Welt“ Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, ist die zeitliche Dimension für mich so gar nicht spürbar. Indien ist auch ohne zeitlichen Unterschied für mich unglaublich weit weg. So weit, dass mir auch 100 Jahre gar nicht weiter auffallen. Mein ganzes Wissen habe ich aus halbgaren Kenntnissen über Buddhismus, aus dem Gandhi-Film mit Ben Kingsley und Überblicksvorlesungen über britischen Imperialismus. Bis in die Moderne bin ich niemals vorgedrungen (außer vielleicht vor ein paar Jahren durch Slumdog Millionaire).

Am Ende stiehlt Bimala ihrem Mann eine ganze Stange Geld, um Sandip und seiner Revolutionsbewegung zu gefallen, aber dann passiert etwas

Von dem Augenblick an, als ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. (Seite 213)

Am Ende erkennt Nikhil, dass er Bimala hätte lassen sollen ,wie sie war. Mit seinem Drang, sie zu erleuchten, hat er ihre Liebe riskiert.

Weil ich für gute kitschfreie Liebesgeschichten immer zu haben bin, hat Tagore bei mir ins Schwarze getroffen. Aber nicht nur deshalb ist der Literaturnobelpreisträger von 1913 eine Lesereise wert. Er war selbst Sohn eines wohlhabenden Brahmanen und wurde zum Jurastudium nach England geschickt. Darauf hatte er aber gar keine Lust und so studierte er heimlich englische Literatur. Später zurück in seiner bengalischen Heimat schrieb er Gedichte, Dramen und Romane, die er auch selbst meisterhaft ins Englische übertrug. Tagore war es, von dem Gandhi den Beinamen ‚Mahatma‘ (große Seele) bekam. Zwei seiner Lieder sind heute die Nationalhymnen von Indien und Bangladesh. Er ist der Urheber lauter Weisheiten wie dieser hier:

Gott gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und festzuhalten, müssen wir selbst haben. (Seite 11)

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