1926: ‚Fiesta‘ in Pamplona mit Hemingway

Fiesta steht schon lange auf meinem Wunschzettel. Ich habe schon vor zehn Jahren einen Versuch gestartet, damals aber mit einem DDR-Taschenbuch, das ich nach 30 Seiten mit dem Fazit „Hemingway geht echt gar nicht!“ in die Ecke pfefferte. Naja, in der Zwischenzeit habe ich dann doch noch mal einen probiert. Der Garten Eden war gar nicht so übel. Also auch noch ein neuer Versuch mit Fiesta.

Fiesta ist 2014 bei rohwohlt in einer vom Deutschen Übersetzerfond geförderten Neuübersetzung erschienen. Die Leseprobe liest sich sehr gut an. Ich habe allerdings eine alte Ausgabe von 1963 aus der Büchergilde Gutenberg gelesen. 41Z1wwKnQgL._AA160_A propos Übersetzung: Ich habe mich immer gefragt, warum das Buch im Original The Sun Also Rises heißt und auf Deutsch Fiesta. Lange war mir erst gar nicht klar, dass es sich um das gleiche Buch handelt. In der Zwischenzeit habe ich herausgefunden, dass Fiesta der Arbeitstitel war. Leuchtet mir auch absolut ein, schließlich erstreckt sich die Handlung des Großteils des Romans Geschehnisse während einer Fiesta in Pamplona.  und sich der finale amerikanische Titel auf eines der vorangestellten Zitate bezieht. In meiner Ausgabe steht da:

Die Erde bleibet aber ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder dasebst aufgehe …

Das klingt für mich etwas nach dem Kreis des ewigen Lebens, was ich irgendwie nicht so richtig mit dem Inhalt des Romans in Verbindung bringen kann. Der setzt nämlich im Paris der 20er Jahre ein: Erzähler Jake und andere Amerikaner und Engländer leben ein Leben voller Partys, Alkohol und Zigaretten, in dem alte Umgangsformen nicht mehr so eine große Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht Lady Ashley, genannt Brett, die sich von der traditionellen Frauenrolle emanzipiert. Hemingway beschreibt sie folgendermaßen:

Sie hatte Wölbungen wie eine Rennjacht, und es entging einem nichts unter dem wollenen Jersey. (S. 29)

HemingwayLoeb
Hemingway (ganz links) mit Gesellschaft 1925 in Pamplona, im Hintergrund: Lady Duff Twysden, das Vorbild von Lady Ashley

Natürlich sind alle in sie verliebt, inklusive Jake. Sie folgt ihren Neigungen, mal mit diesem, mal mit jenem Mann. Eine illustre Gesellschaft aus einigen Herren und Brett macht sich auf nach Pamplona zur dortigen Fiesta. Sieben Tage lang sitzen sie in Cafés, trinken massenhaft Wein und Schnaps, besuchen Stierkämpfe. Großes Thema zwischen ihnen bleiben Bretts Amouren. Robert Cohn, mit dem sie sich zuletzt in San Sebastian ein paar nette Tage gemacht hatte, kann nicht mehr von ihr lassen und wird so aufdringlich, dass er für alle Beteiligten zum Spaßverderber wird. Bemerkenswert ist, dass als der Hauptgrund für Cohns Fehlverhalten immer wieder genannt wird, dass er Jude ist!
Abgesehen davon gibt es reichlich Stierkampfszenen. Jake ist ein Stierkampfaficionado, also leidenschaftlich interessiert. Naja, mich hat das nicht so mitgerissen. Für mich fällt Stierkampf in die Kategorie ‚unerklärliches lebensmüdes Verhalten‘, auch noch mit Tierverletzung (ich bin Vegetarierin). Beispielsweise wird, während die Stiere durch die Straßen zur Arena laufen, ein Mann von einem Stier in die Luft geworfen und lebensgefährlich verletzt.

Vor den Stiere liefen so viele Leute her, daß die Masse sich staute und nur langsam durch das Tor in den Toril gelangen konnte, und als die Stiere alle zusammen schwer galoppierend, die Flanken mit Kot bespritzt, mit geschwungenen Hörnern vorbeikamen, schoß einer vor, faßte einen Mann aus der laufenden Menge im Rücken und hob ihn in die Luft. Beide Arme des Mannes hingen seitwärts herunter, sein Kopf fiel nach hinten, als das Horn sich in ihn bohrte und der Stier ihn hochhob und dann fallen ließ. (S. 232f. in der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1993, übersetzt von Annemarie Horschitz -Horst)

Auf der Seite der Fiesta San Fermin kann man sich ein Video des Stierlaufs von 2015 anschauen und schnell wird klar: solche Vorfälle waren keine Seltenheit.

Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit. Die Lektüre hat sich gelohnt. Die Eindrücke aus Paris sind genau das, was ich mir von ‚Hemingway live aus Paris‘ vorgestellt hatte und die Geschichte in Pamplona hat mich so angesprochen, dass ich am liebsten auch gleich hinfahren möchte (wenn auch nicht zum Stierkampf).

 

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4 Kommentare zu „1926: ‚Fiesta‘ in Pamplona mit Hemingway

  1. Ich habe Hemingway auch erst spät angefangen zu lesen. Er ist einer der Lieblingsschriftsteller meiner Mutter. Ich habe schon in meiner Jugend in seine Bücher geschaut, konnte aber mit seinen Männerthemen nichts anfangen. Dann las ich „Paris, ein Fest fürs Leben“ und mir fiel auf, wie gut er erzählen konnte. „Der Garten Eden“ gefiel mir auch, als ich danach Kurzgeschichten von ihm las, meldete sich aber meine alte Hemingway-Abneigung wieder. Die Stierkämpfe in „Fiesta“ schrecken mich dann eher auch davon ab, das Buch zu lesen. Wenn es aber auch Szenen in Paris gibt, klingt es nun wieder ganz interessant. Vielen Dank jedenfalls für die schöne Besprechung, vielleicht lese ich das Buch doch eines Tages.

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