1929: „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque

Es gibt Bücher, bei denen habe ich das Gefühl, dass ich sie schonlängst gelesen haben sollte. Entweder weil alle sie gelesen haben wie „Das Lied von Eis und Feuer“ oder weil ich etwas studiert habe, das nahelegt ich hätte das Buch gelesen („Hamlet“!) oder auch, weil ich das Gefühl habe, als gebildete Frau müsse ich wissen, was in dem Buch genau drinsteht. So war es bei „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Und mein Projekt war nun die perfekte Gelegenheit, meine Bildungslücke zu schließen.

img_0137Erich Maria Remarque war 1916 gerade 18 Jahre alt und in der Ausbildung im Lehrerseminar als er eingezogen wurde. 1917 wurde er an die Westfront verlegt. In „Im Westen nichts Neues“ stellt Remarque nun den Schüler Paul Bäumer in den Mittelpunkt, der sich, von seinem Lehrer angestachelt, mit der ganzen Klasse freiwillig zum Krieg meldete und nun seine Erlebnisse an der Westfront schildert.
Ich bin ja kein Fan von Kriegsberichten. Am wenigsten interessiert mich, wo welche Frontlinie wann lag und wie sich die Gesamtsituation veränderte. Worum es hier geht, hat mich aber berührt. Remarque zeichnet ein genaues Bild der Soldaten, die während des Ersten Weltkrieges in den Gräben hockte und hebt die ganz junge, die „verlorene Generation“ besonders hervor. Der Begriff tauchte ja auch schon im Zusammenhang mit „Fiesta“ von Hemingway auf. Hätte ich den Remarque vorher gelesen, hätte ich vielleicht noch besser verstanden, worum es da eigentlich geht. Paul Bäumers Generation wurde aus den Kinderschuhen direkt an die Front geschickt und so vorschnell zu Erwachsenen gemacht.

Ach Mutter!  Für dich bin ich ein Kind, warum kann ich dann nicht den Kopf ein deinen Schoß legen und weinen? Warum muss ich immer der Stärkere  und der Gefaßtere sein, ich möchte doch auch einmal weinen und getröstet werden, ich bin doch wirklich nicht viel mehr als ein Kind, im Schrank hängen noch meine kurzen Knabenhosen, – es ist doch erst so wenig Zeit her, warum ist es denn vorbeit? (Seite 173 der wunderbaren Ausgabe aus der Bibliothek des 20. Jahrhunderts)

Die jungen Soldaten haben aber nicht nur ihre Kindheit verloren, sondern auch Ihre Zukunft. Paul sagt auf S. 87 „Der Krieg hat uns für alles verdorben“. Tatsächlich beneidet er die älteren Kameraden, die zu Hause einen Beruf haben und eine Famile zu der sie nach dem Krieg zurückkehren können, während auf die jüngeren Soldaten nach dem Krieg einfach nichts warte. Ein Absturz und Orientierungslosigkeit wären vorprogrammiert. In die Schule zurück und sich dort triezen lassen, ginge nach jahrelangem mannhaftem Soldatsein nicht mehr. Einen Beruf hätten sie aber auch nicht, das Töten sei quasi ihr Beruf. Das der Krieg in den Soldaten ein solches Gefühl von Perspektivlosigkeit ausgelöst haben mochte, war mir gar nicht bewusst.

Beim Lesen des Buches ergab sich für mich nur ein Problem. Meine Hauptlesezeit liegt seit jeher abends in der letzten Stunde vor dem Einschlafen. Aber wenn etwas keine angenehem Gute-Nacht-Lektüre ist, dann sind es Kriegserlebnisse von jungen Schülern.  Grundsätzlich bin ich schwer beeindruckt von „Im Westen nichts Neues“ um möchte das Buch jedem empfehlen, der etwas über den Ersten Weltkrieg erfahrem möchte. Zum Schluss halte ich es  außerdem mit Tucholsky, der folgendermaßen urteilte: „Das Buch ist  kein großes Kunstwerk, aber ein gutes Buch!“

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4 Kommentare zu „1929: „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque

  1. Eine schöne Besprechung, die das Wesen des Buches sicherlich auf den Punkt bringt. Das ist eines der wenigen Bücher, die ich zweimal las. Einmal in der Schule – damals schon begeistert und auch eine Träne am Ende vergossen – und dann nochmal ein Jahr später in der Lehre, als mir bei einem Streifzug durch die Buchhandlung das Büchlein wieder in die Hände fiel.
    Besonders erstaunlich fand ich, daß Paul Bäumer als Hauptperson oft aber, was die Sympathie der Leser anging, von Katczinsky überflügelt wurde. Ich glaube, sein Tod hat nicht nur die literarischen Figuren sondern auch den Leser sehr betroffen gemacht.

    Liebe Grüße an Dich und ich bin gespannt auf das nächste Jahr!

    Shaakai

  2. Sehr schöne Rezension. Ich habe das Buch letztes Jahr gelesen und musste zwischendurch etwas anderes lesen, weil es mich so mitgenommen hat, auch durch diesen schnörkellosen und doch so ergreifenden Schreibstil. Ein ganz anderes (von der Atmosphäre her) und dennoch meiner Meinung nach ebenso hervorragendes Buch Remarques ist übrigens „Drei Kameraden“.

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